Die Schande und die Ehre

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Keller, „Der grüne Heinrich“: "So sah ich den Kreislauf des Blutes gleich in Gestalt eines prächtigen Purpurstromes, an welchem wie ein bleiches Schemen das weißgraue Nervenwesen saß, eine gespenstische Gestalt, die in den Mantel ihrer Gewebe gehüllt, begierig trank und schlürfte und die Kraft gewann, sich proteusartig in alle Sinne zu verwandeln. Oder ich sah die Millionen sphärischer Körper, welche ebenso ungezählt und dem bloßen Auge unsichtbar, wie die Heerscharen der Himmelskörper, das Blut bilden, durch tausend Kanäle dahinstürmen und auf ihren Fluten unaufhörlich die Blitze des Nervenlebens einherfahren in Zeiträumen, die im Auge der Weltordnung ebenso lange oder so kurz sind, wie diejenigen, welche die Sterne zu ihrer Wanderschaft und Geschickserfüllung bedürfen. Auch die Wiederholung der ungeheuren Vielzahl und Zusammengesetztheit der ganzen kosmischen Natur in jedem einzelnen hinfälligen Schädelrunde dehnte sich mir zu der ungeheuerlichen Vorstellung aus, als ob ein monadenkleines Forscherlein tief im Gehirne sitzen und ebenso leicht sein Fernrohr durch freie Räume richten könne, wie der Astronom das seine durch den Weltäther."

Aus einem Nachwort zu dem Roman: "Vor der Jugend der Kunstwerke ergrauen die Interpreten und welken die Argumente."

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Das Kainszeichen unserer Zeit ist eine zunehmende Verrohung. Sie zeigte sich zuerst in der Grausamkeit des politischen und militärischen Handelns, dann in der Verflachung von Kunst und Sprache, schließlich in der Verringerung der moralischen und sittlichen Ansprüche an das private Leben. Der Untergang der alten Eliten trug dazu bei.

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Schostakowitsch, Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll (1.Klavierkonzert): Der ausgelassene Tanz von Kindern, wobei das Klavier die Mädchen, die Trompete die Jungen zeigt. Die Kreise drehen sich, die Füße bewegen sich im beständigen Wechsel rasanter und romantischer Klänge. Nach der Uraufführung 1933 im damaligen Leningrad beanstandeten Kritiker "westliche Dekadenz" - sie verkannten, absichtlich oder nicht, die Ironie, die mit gewollten Plattheiten eine Karikatur des großen Konzerts darstellen wollte. Spott und Diktatur…

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In einem Hamburger Vorort steht hinter Bäumen versteckt ein Neorenaissancebau mit ungewöhnlicher Geschichte, errichtet 1883 von einem Schlachtermeister mit sprechendem Namen: Georg Michael Heinrich Beisser (1856-1926) brachte es dank neuer Pökelverfahren und besonders schmackhafter Konservenwürstchen für Passagierschiffe zu Wohlstand. Auch eine Straße ist nach ihm benannt. 1874 erwarb er einen Bauernhof und stellte 1883 darauf eine Villa samt Park. Heute bezeugen Schilder dort Architekten, Makler, eine Hausverwaltung, ein Planungsbüro und einen freilaufenden Hund. Für den wäre dann wohl wieder eine Wurst das Passende.

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Diogenes Laertius über den Philosophen Stilpon aus Megara (ca. 360-280 v.Chr): "Er war verheiratet, pflegte aber auch Umgang mit der Hetäre Nikarete. Auch hatte er eine auf schlechte Wege geratene Tochter. Da sie sehr ausschweifend lebte, sagte einer zu Stilpon, sie mache ihm Schande. Er aber erwiderte: 'Die Schande, die sie mir macht, ist nicht größer als die Ehre, die ich ihr mache.'"

 

 

 

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