"Der hat sich offenbar im Datum geirrt"

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Ist die Apokalypse am 21. Dezember nur die besonders fantasievolle Ausgestaltung des individuellen Angstpotenzials? Bis heute zählen Forscher rund 150 ernst genommene Weltuntergangsprophezeiungen. Übermorgen ist es auch mit Nummer 151 vorbei.

Der Weltuntergang steht kurz bevor, die Wissenden sammeln sich seit Monaten in den französischen Pyrenäen. Pilger in Weiß prozessieren mit Amuletten und Wundersteinen zwischen Laubhütten, Tipis und Jurten. Weltretter beten, Sekten singen, Hippies tanzen nackt am Hausberg des 196-Seelen-Dörfchens Bugarach. Ufo-Gläubige pressen die Ohren an die steilen Felswände des 1230 Meter hohen Kalksteinturms, um die darin vermutete Reparaturwerkstatt für das Raumschiff der Außerirdischen akustisch zu orten. Ferngläser suchen den Planeten Nibiru, der angeblich auf die Erde zurast.

Seit Monaten herrscht am Pic de Bugarach bange Erwartung: Die Fremden warten auf den Jüngsten Tag, den Einheimischen aber graute eher vor einer ständig wachsenden Zahl von Spinnern. Denn wie kein anderes Thema verknüpft die Kunde vom Ende der Welt wissenschaftliche Erkenntnis und religiöse Erwartung mit Exzessen ungehemmter Phantasie und gefährlichen Phänomenen der Massenpsychologie.

Die Wissenschaft verweist den Untergang des Universums in eine Ferne, die niemandem Angst machen kann: In etwa 7,5 Milliarden Jahren stürzt die Erde in die Sonne. Die Religionen sagen nur die Umstände, nicht aber die Zeit präzise voraus: Feuerkugeln fallen vom Himmel, Stürme verwüsten die Erde, Fluten überschwemmen das Land – doch ob Bibel oder Buddha, Talmud oder Koran, das Datum des Letzten Tages bleibt Gottes Geheimnis.

Glaube, Aberglaube, Hollywood: Stets zeugt der Untergang apokalyptische Schreckensbilder. Die Anzeichen sind so vielfältig wie umstritten: Propheten legen heilige Schriften aus, Astrologen deuten seltene Zusammentreffen von Planeten, Esoteriker berufen sich auf Ufos, Geistererscheinungen oder Stimmen aus dem Jenseits.

Für die Katastrophenpilger von Bugarach ist das Weltende auf den Tag genau im Maya-Kalender verzeichnet: Die Zeitrechnung der mittelamerikanischen Völkergruppe, die von 900 v.Chr. bis 900 n.Chr. in Mexiko und den nach Süden angrenzenden Nachbarländern eine Hochkultur mit einer Reihe von Stadtstaaten schuf, ist bis heute nicht völlig enträtselt. Jetzt steht sie im Mittelpunkt einer faszinierenden Spekulation: Kannten die Erbauer von Pyramiden, Straßen und ausgedehnten Bewässerungsanlagen etwa das Datum des Weltuntergangs? Steht er uns nach ihren Berechnungen wirklich am 21. Dezember 2012 bevor, haben wir alle nur noch einen einzigen Tag zu leben?

Befürworter und Gegner der trüben These streiten sich so heftig wie stets bei solchen Prophezeiungen. Sicher ist nur: Die Berechnungen sind so kompliziert, dass sie nur der Gelehrte versteht. Dem Gläubigen genügt ohnehin die feste Überzeugung, dass die Weisen der alten Kulturen allemal mehr von wahren Wesen der Welt verstünden als die moderne, schon so oft des Irrtums überführte Wissenschaft. Dabei kannten die Maya nicht etwa nur einen, sondern gleich drei verschiedene Zeitrechnungen:

Der Tzolkin-Kalender erfüllte rituelle Zwecke. Jeder Tag trägt eine Zahl von 1 bis 13 sowie den Namen einer der 20 Maya-Gottheiten, und nach diesen 260 Tagen fängt alles wieder von vorne an.

Der Haab-Kalender regelt praktische Fragen nach Aussaat und Ernte, orientiert sich nach dem Umlauf der Erde um die Sonne und zählt deshalb wie unser Kalender 365 Tage, doch gibt es 18 Monate mit je 20 Tagen und dazu einen mit fünf Unglückstagen. 

Die „Lange Zählung“ für Chroniken und Himmelsbeobachtungen schließlich enthielt nur die Jahre, jedoch nicht wie unser Kalander im Dezimalsystem, das mit den Zahlen von 1 bis 10 rechnet, sondern in einem viel komplizierteren Zwanzigersystem.

Ergebnis der umständlichen Rechnerei: Das älteste bisher entdeckte Maya-Monument vom 5. Dezember 36 v.Chr. trägt zum Beispiel das Datum „7 Baktun 16 Katun 3 Tun 2 Uinal 13 Kin“. Deshalb fragt sich jetzt nicht nur Jean-Pierre Delord, Bürgermeister des geplagten Pyrenäen-Dörfchens, wie die Weltuntergangs-Theoretiker nach diesem System auf den 21. Dezember und dann auch noch auf das abgelegene Bugarach kommen konnten.

Die erste Frage ist schnell beantwortet: Die „Lange Zählung“ beginnt 3113 v.Chr. und soll 5125 Jahre dauern, dann sei Schluss. Die Maya-Mathematik führt zum aktuellen Jahr: 5125 minus 3113 = 2012.

Die Antwort auf die zweite Frage kommt aus dem Internet: Die Behauptung, Bugarach bleibe verschont, weil dort das Chakra des Erdherzens zu spüren sei, sauste in Sekundenschnelle um die ganze Welt. Die Quelle ist unbekannt. Die Ermittlungen einer Pariser Untersuchungskommission stoßen ins Leere. Klar ist bisher nur, so Vorsitzender Georges Frenech, „dass eine große Zahl an Sekten, Gurus und Bewegungen damit Profit macht."

Damit ist einer der drei Beweggründe genannt, die der Karlsruher Psychotherapeut Rolf Heinzmann hinter den Weltuntergangsprophezeiungen ortet: Das erste Motiv entspringt dem Wunsch, zu warnen, das zweite dem Bestreben, andere Menschen zu manipulieren und sich dadurch Geld und Geltung zu verschaffen. Der dritte Beweggrund schließlich stammt aus den Tiefen der Psyche: „Wir alle sind mehr oder weniger starken und häufigen Angstzuständen unterworfen, häufig ganz ohne aktuelle Begründung“, weiß Heinzmann. „Da unser Ich aber leidenschaftlich gern Kausalketten produziert, wird für jede unbegründete Angst ein Grund gesucht. Katastrophenwarnungen eignen sich hervorragend dafür.“

Ist die Apokalypse also nur die besonders fantasievolle Ausgestaltung des individuellen Angstpotenzials? „Es spricht vieles dafür, dass es Weltuntergangsvorstellungen gibt, so lange der Homo sapiens auf Erden lebt“, sagt Heinzmann. „Möglicherweise sind sie schon im Erbgut des Menschen codiert und bieten einen evolutionären Vorteil. Sie wären dann Teil eines im menschlichen Bauplan angelegten Frühwarn- und Alarmsystems, das den Vorteil hat, dass tatsächlich viele mögliche Gefahren durch Gegenmaßnahmen abgewendet werden können.“

Forscher zählen bis heute rund 150 ernst genommene Weltuntergangsprophezeiungen. Die erste stammt nach christlichem Glauben vom Schöpfer selbst. Denn nach dem Evangelisten Matthäus sagt Jesus seinen Jüngern über die Katastrophenjahre mit Erdbeben, Krieg und Pest bis zum Jüngsten Tag: „Wahrlich, dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dass dieses alles geschehen.“ Viele seiner Anhänger schließen daraus fälschlicherweise, dass sie das baldige Weltende noch persönlich erleben würden.

Später deutet fromme Furcht viele andere Bibelstellen als Untergangszeichen. Um das Jahr 250 ruft der Priester Montanus alle, die das Ende überleben wollen, in zwei Dörfer in Phrygien (heute Türkei), denn dort werde das himmlische Jerusalem vom Himmel kommen. Um 500 rechnet der hl. Hippolytus aus, dass die Erde 5500 Jahre zuvor erschaffen worden sei und 6000 Jahre alt werde.

Viele Ängste erklären sich aus dem Weltbild der Zeit: Bis zur Aufklärung im 18. Jahrhundert gilt der Christenheit die Bibel als einzige Autorität auch in allen wissenschaftlichen Fragen. In immer neuen Auslegungen, in abenteuerlichen Thesen und oft geradezu aberwitzigen Spitzfindigkeiten suchen Theologen Antworten auch auf die Fragen der Zukunft von Menschheit und Erde.

999 sagt Papst Silvester II. das Ende für den 31. Dezember um Mitternacht voraus, und halb Europa gerät in Panik: Kaiser Otto III., mächtigster Herrscher der Welt, will Mönch werden, Räuberbanden plündern das Land, und im Wahn bringen Frauen die eigenen Kinder um, weil sie ihnen die Schrecken der Apokalypse ersparen wollen. Die erste Jahrtausendwende ist Gläubigen ominös, weil der Apostel Johannes in seiner Apokalypse schreibt, der Satan sei für 1000 Jahre gefesselt. Als das neue Jahr ohne Katastrophe anbricht, erklärt der Papst, seine Gebete hätten die Welt noch einmal gerettet.

Silvester hat die 1000 Jahre von der Geburt Christi an gezählt, der Mönch Rudolf Glaber beginnt mit dem Tod des Erlösers und legt den Tag ins Jahr 1033. Der Astronom Johannes von Toledo nennt das Jahr 1186, denn dann stünden alle Planeten im Zeichen der Waage. Der Abt Joachim von Fiore setzt auf das Jahr 1260, weil die Erde dann ihre siebte und letzte Phase durchlaufen habe. Martin Luther kündigt den Weltuntergang erst für 1532, dann für 1538 und schließlich für 1541 an.

Auch andere Berühmtheiten legen sich fest: der Bußprediger Savonarola warnt vor dem Jahr 1500, der Weltentdecker Kolumbus sieht das Ende für 1666 voraus, nach der apokalyptischen Zahl 1000 und der magischen 666 für den Satan.

Nach der Aufklärung kommen Untergangsprophezeiungen fast nur noch aus Sekten, zuweilen aus verblüffendem Zahlenspiel. 1843 berechnen Esoteriker das Weltende nach dem Bibel-Buch Daniel im Subtraktionsverfahren. Der Prophet spricht stark verklausuliert von „2300 Abenden und Morgen“. Das bedeute, so die Auslegung einiger Theologen, 2300 Jahre bis zur Apokalypse. Bis zum Tode Christi 34 n.Chr. seien davon bereits 490 Jahre vergangen. Die Rechnung laute also 2300–490+34=1844 Jahre. Sogar das Datum scheint klar: der 21. März, weil auch die Welt im Frühling angefangen habe. 

Der Tag geht katastrophenlos vorüber, doch der nächste folgt sogleich: Der US-Baptistenprediger William Miller hat den Jüngsten Tag schon 1833, angeregt durch einen großen Meteoritenschauer, aus Wörtern und Zahlen der Bibel auf den 22. März 1848 festgelegt. Eine Million Anhänger verschenken Hab und Gut. Am 23. März gibt der Prophet bekannt, er habe nicht den Untergang der Welt, sondern nur den Beginn ihrer „Reinigung durch Christus“ gemeint.

Andere Untergangsängste haben nicht nur finanzielle, sondern weitaus schlimmere Folgen. Im Mai 1910 etwa versetzt der Halleysche Komet die Welt in solche Aufregung, dass Hunderte Anhänger esoterischer Zirkel sich das Leben nehmen. 1993 gehen 85 Mitglieder der Davidaner-Sekte in Waco (Texas) in Erwartung des Weltendes freiwillig in den Feuertod. 1994 fordert der pseudoreligiöse Massenwahn der französischen „Sonnentempler“ in Frankreich, Kanada und der Schweiz 54 Opfer.

Inzwischen vergeht kaum noch ein Jahr ohne eine Weltuntergangsprophezeiung. Die allermeisten sind nicht ernst zu nehmen, in manche aber stimmen auch Wissenschaftler ein. Die moderne Astrophysik kennt die Vorgänge ziemlich genau, die in etwa siebeneinhalb Milliarden Jahren zur Explosion der Sonne und damit auch zur Verdampfung des blauen Planeten in einer superheißen Glutwolke führen werden. Die Menschheit dürfte indes schon sehr viel früher am Ende sein. Im vergangenen Jahrhundert ist der drohende Atomkrieg das Szenario, das am meisten Angst verbreitet. Heute sind es die Warnungen vor der Klimakatastrophe, die den Planeten verwüsten und seine zwei- und vierbeinigen Bewohner ihrer Lebensgrundlage berauben könnte.

Immer auch droht dem Homo sapiens das Menetekel einer weltweiten Seuche, ausgelöst etwa durch gefährliche Experimente mit Mikroorganismen, oder eines Meteoriteneinschlags, wie er schon mehrfach in der Erdgeschichte nachgewiesen ist. Einer wirbelt vor 70 Millionen Jahren so viel Staub auf, dass drei Jahrhunderte lang kaum noch die Sonne scheint – es ist das Ende der Dinosaurier. Bakterien, Viren und viele Kleinstlebewesen würden allerdings selbst solche Katastrophen mühelos überstehen.

Auch die Überbevölkerung wird zum Überlebensproblem. Die Hominiden haben sich in drei Millionen Jahren von wenigen Tausend Exemplaren auf sieben Milliarden vermehrt. Nahrung und Wasser werden immer knapper, Umweltveränderungen zwingen heute schon Millionen zur Flucht. Auch das Zerstörungswerk der Erdbeben, Tornados oder Tsunamis scheint die Menschen immer öfter und immer schlimmer zu treffen. Das alles, Tag für Tag über die Medien sichtbar, weckt auch in nicht gläubigen Menschen Ängste vor einem Ende der Welt noch zu ihren Lebzeiten, ganz ohne die vielen esoterischen Spekulationen aus Planetenkonstellationen, Nostradamus-Interpretationen oder Fantasien über aggressive Aliens.

Manche, scheint es, treibt schiere Lust am Untergang an, düstere Prophezeiungen zu formulieren oder zu fürchten. Der Bibel-Prophet Jona etwa freut sich so auf die von Gott angekündigte Vernichtung der sündigen Großstadt Ninive, dass er zornig wird, als sich die Bedrohten bekehren und die Bestrafung deshalb ausbleibt. 

Bis heute rechnen Seher und Sektenführer, Zahlenmystiker und Zeichendeuter, Heilsboten, Astrologen, Panik-Propheten und Ufo-Gläubige am Weltuntergang herum. Die Maya-These ist nur eine von vielen, doch die seit langem wirksamste. In den USA boomten Rettungsreisen nach Bugarach, mit Vollpension und ohne Rückflug. Bürgermeister Jean-Pierre Delord kann auch das nicht mehr erschüttern, er flüchtet sich längst in Sarkasmus. Als sich einer der Apokalypse-Jünger nach einem anstrengenden Aufstieg mit einem Herzinfarkt niederlegte, sagte der Gemeindevorsteher: "Der hat sich offenbar im Datum geirrt."

 

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