Kapitel 49: Die Prinzessin des Todes

Mittwoch, 19. Dezember 2012
„Dort in der Nähe Götterstaub aufzubewahren“: An den Butenkajen 1885

Die Steppe war seit Urzeiten ein Quell von Kraft und Leben, Macht und Tod. Aus ihren Weiten sausten Reiterheere wie Stürme aus dem Schlauch des alten Äolus. Vom Tienschan zur Taiga, vom Gelben Fluss zum Schwarzen Sand - immer wieder schwang sich irgendwo ein neuer Attila oder Dschingis Khan in den Sattel und konservierte seinen blutigen Ruhm im Rauch verbrannter Städte. Die Gesetze waren grausam, die Kriege endlos. Nur ein einziges Mal in fünftausend Jahren herrschte für kurze Zeit Frieden, und das war, als die Yüan Yüan nach Westen zogen.

  Dieses kleine Völkchen genoss besonderen Respekt, denn seine Schamanen pflegten Gefangene in blutige Kamelhäute einzuwickeln, die in der Sonne steinhart wurden und die Unglücklichen zerquetschten. Vielleicht war das sogar dem Steppenteufel zu  grausam, jedenfalls wurden die Frauen unfruchtbar, und weil keine jungen Krieger mehr nachwuchsen, mussten die Alten der Überzahl der Feinde weichen wie Skorpione dem Ameisenzug. Ihr Racheruf hallte so furchterregend von den Hängen des Großen Chingan wider, dass selbst die kriegerischsten Völker, als sie hörten, wer da den Weg durch ihr Land nahm, eiligst die Jurten abbauten und ihre Herden in die Wälder trieben. Drei Jahre lang schwiegen in der Steppe die Waffen, bis die Yüan Yüan in den Wäldern des Urals verschwanden. Erst dann begann wieder das übliche Blutvergießen. 

  Von diesem versunkenen, doch nie vergessenen Volk stammte über einen Abgrund von mehr als zwölfhundert Jahren oder fünfzig Generationen als eine der letzten von reinstem Fürstenblut die Prinzessin des Todes ab, die Onkel Johnny aus Shanghai gefolgt war, und sie trug nach den gefürchteten Vorfahren auch den Namen: Yüan Yüan. Sie war eine der hochgeehrten Zehn Richterinnen, die im Dienst des Großen Drachen, des Oberherrn der Triaden, Verräter aufspürten und zu Tode folterten. Die einen sagten, sie seien in der Obhut böser alter Männer aufgewachsen, da sie nicht der Gefahr haben ausgesetzt werden dürfen, mit der Milch der Mutter auch die der frommen Denkungsart aufzunehmen, wie man bei uns sagt – in China sind die Begriffe etwas andere. Manche meinten, dass die Prinzessin des Todes ihren Opfern etwas ganz Abscheuliches ins Ohr flüsterte, woraus wohl die Legende entstand, sie könnte durch Worte töten. Andere sagten, sie bewege sich schneller als das Auge, weshalb Unkundige zuweilen glaubten, sie sähen ihre Verfolgerin aus zwei verschiedenen Richtungen auf sich zueilen. Angeblich besaß Yüan Yüan auch hypnotische Kräfte. Den Chinesen galt sie als unbesiegbar; keiner, dem sie sich auf die Spur setzte, sei je entronnen.

  Wie viele Europäer hatte Onkel Johnny geglaubt, mit dem Staub Asiens auch seine geheimnisvollen, rätselhaften, übersinnlichen Mächte abschütteln zu können. Jetzt lag der Drachendolch nadelspitz auf seiner Pupille, und er hörte eine Stimme sagen: „Du hast einen weiten Weg genommen, dem Tod zu entkommen, o Mann Johnny.“

  „Nicht weit genug“, sagte Onkel Johnny. Schon bevor er das vollendete Mandarin hörte und den Skorpion sah, war ihm klar, mit wem er es zu tun hatte. Beim geringsten Zug schnitten Fesseln schmerzhaft in seine Hand- und Fußgelenke. 

  „Hast du nie gesehen, wie Eisendraht den wilden Tiger zähmt?“ sagte die Prinzessin mit spöttischem Lächeln. „All seine Kraft, sein scharfer Zahn, seine tödlichen Krallen sind ohne Nutzen.“ Dann wurde sie wieder ernst und fügte hinzu: „Wehrlos ist die gefährliche Bestie dem Jäger ausgeliefert, der sich an ihren Qualen ergötzt. Wie lange willst du leiden, o Mann Johnny – einen Tag? Zwei Tage? Drei? Ich bin zornig auf dich, du ungetreuer Sklave! Um dich zu strafen, unternahm ich eine lange Reise in diese schlechte Stadt voll altem Fett und frischem Dung. Überall dieses Listenersinnen und Ränkeschmieden, nichts als Bosheit und Feigheit, Schwäche, Unehre und Niedrigkeit! Diese deine Stadt ist krank, o Mann Johnny, so krank wie du selbst. Sie mästet sich an Verrat und verlacht die Götter. Aus ihren Häusern heulen Hyänen. Jedes Wort ihrer hochmütigen Hundeschnauzen erweist ihre Dummheit und Barbarei. Du weißt es, du selbst bist einer von ihnen. Was hast du getan? Du hast dich als unserer Huld unwürdig erwiesen. Dein Winseln wird deine Leiden nicht mildern. Nur wenn deine Reue Blut opfert, darfst du auf einen gnädigen Tod in nur ein oder zwei Nächten hoffen.“

  „Reut den Tiger der Mord an dem Büffel?“ erwiderte Onkel Johnny. „Rede nicht so viel, öffne lieber gleich die Adern meines Herzens! An den Gelben Quellen sehen wir uns wieder. Dort werde ich deine Grausamkeit preisen! Der Schmerz ist leichter zu ertragen als das Jucken.“

  Als er das gesagt hatte, erschien das wunderschöne Antlitz der Prinzessin in seinem Gesichtskreis. Ihre Miene spiegelte Erstaunen. „Du sprichst mit mir wie mit deinesgleichen, o Mann Johnny? Weißt du nicht, dass sogar einige der geringeren Götter vor Yüan Yüans Zorn erbeben? Um wie viel leichter wird es sein, deinen Menschenstolz zu brechen! Hüte dich, mein Herz ernstlich zu erzürnen, denn meine Hand vermag Qualen zu erzeugen, wie sie noch kein Sterblicher erdachte!“

  Die engelsgleiche Schönheit der Zehn Richterinnen ist nicht Beigabe, sondern Bedingung. Sie entspricht jener alten Beschreibung, nach der die Augen der vollkommenen Frau den feuchten Schimmer der Herbstwelle tragen, die Brauen bogenförmig gewölbt, die Lippen rot, die Zähne weiß, die Ohren länglich und die Nase spitz, die Wangen rund, das Kinn wohlgeformt, die Haare schwarz wie Pechkohle sind und bis zum Boden reichen. Die Haut muss gut durchblutet sein, die idealen Hüften sind drei Zoll schmaler als die Schultern, die Finger gleichen zarten Bambusstöckchen, die Sohlen sind glatt und die Zehen klein, auch darf die Schöne weder Hämorrhoiden noch Narben, ein Muttermal oder wunde Stellen haben, wenn ich mich der entsprechenden Anleitungen richtig erinnere. Hohe kosmetische Ansprüche, die Chinesen, natürlich nur an die Frauen, nicht etwa auch an die Männer! Außerdem soll die Stimme dem Wind gleichen, der durch einen Bambushain weht. Bei der Prinzessin des Todes war es ein ziemlich eisiger Wind.

  „Wer du bist, bezeugt der Skorpion“, antwortete mein Onkel und sah der Prinzessin fest in die hypnotischen Augen. „Ebenso verkündet er, was du tun wirst. Was also faselst du noch? Auf, räche dich! Mein Blut begehrt, deine Klinge zu netzen. Prahle nicht, sondern handle!“

  Die Prinzessin lachte wieder, aber diesmal nicht aus überraschtem Erstaunen, sondern in kühler Verachtung. „Du wirst nicht enttäuscht sein, o Mann Johnny“, erwiderte sie. „Ein kleines Unrecht lässt sich in einem Becher Wein ertränken, ein großes Unrecht in einem Eimer Blut. Aber weißt du nicht, dass es zwei Arten gibt, ein Stück Bratenfleisch zu zerteilen? Man kann es mit einem Beil durchhacken, aber besser ist es, in die vorhandenen Zwischenräume einzudringen und die Gelenke auszulösen. Sieh diesen Dolch! Ein gewöhnlicher Koch wechselt sein Messer einmal im Monat, weil er hackt. Ein guter Koch wechselt sein Messer einmal im Jahr, weil er schneidet. Ich aber benutze diesen Dolch schon drei Jahre, ohne dass er einen Schleifstein berührt hätte, denn ich kenne den Bauplan des menschlichen Leibes und folge den Fährten seiner Natur. Du wirst lange leben, während du meine Klinge in deinem Körper fühlst, und du wirst entdecken, dass ich die Bahnen deiner Nerven besser kenne als du die Straßen deiner Stadt. Jede deiner sechsunddreißigtausend Poren wird im Schmerzensfeuer glühen. Die höchsten Götter können nicht grausamer sein als ich.“

  „O doch, denn sie reden nicht lange mit dem Opfer ihres Hasses, sondern wiegen es in Sicherheit und töten es aus dem Hinterhalt, wenn es bereits an Rettung glaubt. Du dagegen bist weich und nachlässig. Oder willst du mich etwa erst richten, wenn ich dir für dein Handeln Vergebung gewährt habe? Bittest du um meine Zustimmung zu deinem Tun? Nun denn, es sei dir vergönnt. Ich verzeihe dir. Nun aber stoß zu!“ 

  „Du erflehst von mir, was Herz und Hass begehren. Doch habe Geduld, o Mann Johnny! Du ungebildeter Barbar kannst es nicht wissen, so lass mich es dich lehren: Es verstößt gegen die Gebote der Götter, eine wohlschmeckende Mahlzeit hastig hinunterzuschlingen, eine prächtige Landschaft in unnötiger Eile zu durchhetzen, tiefe Gefühle nur oberflächlich auszudrücken und einen Verbrecher durch ein Essstäbchen ins Auge rasch zu töten, ohne ihn vorher sehr lange und laut schreien zu lassen. Du bist stark, o Mann Johnny. Du kannst und wirst viele Qualen ertragen, ehe du stirbst. Das erfreut mich, denn wer foltert nicht lieber einen Tiger als ein Lamm? Der Tuschstein des gelehrtesten Doktors für äußere und innere Körperschäden besitzt nicht ein Zehntel des Wissens über den menschlichen Körper, das sich mein Messer bei seinen Studien erwarb. Dein Blut wird mir flüssige Jade sein, es wird mich ergötzen wie der litschirote Wein von Wutsu. Wir werden ein Mahl feiern, du und ich, o Mann Johnny; ich als Gast, und du als Speise. Wisse deshalb nunmehr, dass wir nicht allein sind. Dieser Sklave soll uns aufwarten, während wir, du und ich, uns gemeinsam an deinen Schmerzen erquicken, du, um deinen Mut, und ich, um meine Kunst zu erproben. Er wird uns den Chrysanthemenfisch zubereiten, und du wirst ihn zugleich mit goldenen Körnern verzehren. Ich werde sehen, wie sie in deinem Munde verschwinden, und ich werde sehen, wie sie wieder erscheinen, wenn mein Messer die Wand deines Magen öffnet.“ 

  Der Sklave war natürlich niemand anders als unser Herr Wang, der mit seinen Tiegeln und Töpfen neben dem Folterbett stand und vor Angst und Schrecken schon wieder halb ohnmächtig war. Mein Onkel konnte den unglücklichen Koch nicht sehen, da ihn der Dolch hinderte, den Kopf zu drehen.

  „Du besitzt die Stimme der Nachtigall, aber du schwatzt wie der Sperling“, sagte Onkel Johnny. „Deine Zunge bewegt sich so unablässig wie der Rosshaar-Fliegenwedel des untersten Sklaven. Wer möchte nicht lieber von einer Tigerin zerrissen als von einer Henne zu Tode gegackert werden? Beginne dein Werk, bevor die Götter dich wegen deines Zögerns zürnen! Sie mögen dir verzeihen, dass du so faul und unschlüssig bist wie eine satte Ziege.“

   Sie lächelte ihm tief in die Augen. „Soll ich ein Huhn mit dem Ochsenschlachtbeil töten? Manchmal ist der Tod leichter als eine Flaumfeder, dein Tod aber wird dir so schwer sein wie der Taischan-Berg!“

  Später erzählte mir Herr Wang, er habe nicht erkennen können, ob dieser seltsame Mann Johnny so kühn sprach, weil er die Folter abkürzen wollte, oder ob er durch seine Dreistigkeit sogar die Rettung erhoffte: Wusste diese seltsame Langnase etwa, dass ein Mann vor einer Prinzessin des Todes so wenig Angst zeigen darf wie der Wanderer vor dem Bären des Nordens, dessen Jagdtrieb er oft erst reizt, wenn er in Panik flieht? Oder war es die Unerschrockenheit, wie Wang sie von seinen Urzeithelden kannte, welche dem grausen Yama ins Knochengesicht lachten, wenn er erschien, sie zu den Gelben Quellen zu führen? Eines nur habe er, Wang, wenn auch wie üblich vor Feigheit schwitzend, sofort erkannt: Nur wer das Nicht-Sein zum Kopf, das Leben zum Rückgrat und den Tod zum Schwanz machen konnte, der allein konnte so reden und handeln wie der Mann Johnny, denn er hatte erkannt, dass Tod und Leben, Sein und Nicht-Sein zum gleichen Leibe gehören.

  Soweit der Koch. Ich glaube eher, dass Onkel Johnny ganz einfach zu stolz war, Schwäche oder gar Angst zu zeigen, oder gar um sein Leben zu betteln. Lieber wollte er sich in Stücke schneiden lassen. Jedenfalls blieb er die geziemende Antwort auch diesmal nicht schuldig. „Dein Geplapper fügt mir mehr Schmerzen zu, als deine Skorpionhand es jemals vermöchte“, sagte er. „Mir ist wie einem Tiger, den die Flöhe beißen. Los, dein Messer in mein Fleisch, ich will meine Nerven spüren! Versprichst du am Ende, was du nicht halten kannst? Vielleicht bist du gar keine Prinzessin des Todes, sondern nur die Dienstmagd eines Metzgers, dazu angestellt, die Schlachtkammer auszuspülen? Der Gott des Sterbens möge dir verzeihen, dass du so unentschlossen handelst.“

  Der Dolch entfernte sich ein Stückchen vom Auge, und Onkel Johnny spürte, wie sich die Prinzessin auf ihn schwang. Als sie rittlings auf seinen Bauch saß, sagte sie: „Möge dein Magen die Wärme meines Leibes fühlen, bevor er die Kühle meines Messers erfährt. Alle Kunst ist Kontrast zwischen Leben und Tod, Himmel und Hölle, Lust und Qual. Himmelskörper sind bekanntlich rund und Wolken niemals viereckig, Flüsse gewunden, aber Kanäle nicht, das Vogelbein ist wie eine Sprungfeder angelegt, und ein guter Kalligraph macht niemals eine gerade Linie, sondern versucht, eine gekrümmte Pfote oder eine gebogene Weinranke anzudeuten. Auch meine Linie der unnennbaren Schmerzen verläuft niemals gerade, sondern weist viele Krümmungen auf, sie steigt in Spiralen empor und sinkt sanft zum Anfang zurück, um sich von neuem zu erheben. Lerne, dass nur der reine Geist von allem das Höchste erreicht, keineswegs aber der Spott oder die Dummheit.“

  „Nur zu!“ sagte mein Onkel. „Wenn ich schweige, klagt niemand mehr deine Furchtsamkeit an, du Tochter von Tagelöhnern! Zwar magst du kundig sein, Häute zu durchschneiden und Adern zu zerteilen, doch nur so, wie ein Bauernmädchen das Kleinvieh abtut, das zu schlachten ihr Herr zu stolz ist. Auf nun, lass mich deine Henkerskünste erfahren! Und du, Koch, wo immer du bist, reiche dieser Unfähigen eine kräftigende Erfrischung, denn es ist heiß, und sie hat eine Arbeit zu tun, die ihr womöglich mehr Anstrengung abverlangt, als sie zu leisten imstande ist. Und gib auch selbst Acht, dass deine Hand bei der Zubereitung des Chrysanthemenfisches genügend zittert, denn das Urteil des Großen Drachen gilt erst dann als in der richtigen Weise vollstreckt, wenn das Grauen den Geist der Gewährsleute in der Tiefe erschüttert.“

  Die Prinzessin lachte wieder und sagte: „Der Goldfisch hofft, nicht gefressen zu werden, weil er bitter schmeckt. Du aber machst mir dein Fleisch nur immer süßer. Selbst das giftige Stachelschwein wird genießbar, wenn man ihm vor der Zubereitung die Augen ausquetscht und die Blutklümpchen mit einer silbernen Nadel aus dem Fett pickt, eine Kunst, auf die ich mich sehr wohl verstehe. Wisse, dass ich selbst die Toten foltern könnte!“

  Er spürte, wie sie sich auf ihm bewegte. „Stoß endlich zu“, sagte er. „Dein Gott wäre ich, wenn ich nur wollte. Glaubst du, ich esse Hirschbambus und Rispenhirse, nur um lange zu leben? Töte mich und lebe weiter! Ich warte auf dich an den gelben Quellen, nach denen ich mich von Herzen sehne.“ 

  Sie schloss die Schenkel um seinen Leib und sagte verächtlich: „Weißes wird leicht besudelt durch Schwarzes, und Wohlriechendes wird schnell vernichtet durch etwas, das übel riecht, aber nicht umgekehrt. Glaubst du wirklich, dass du mich, Yüan Yüan, zu einer Unbesonnenheit verleiten könnest? Oder gar zu einer groben Verfehlung, wie es eine wäre, würde ich doch aus einer Laune heraus ungefoltert zu den Toten entlassen? Oder denkst du etwa, du könntest mir noch auf andere Weise zunutze sein, indem du mir sagt, wo unser Eigentum sich nun befindet? Hoffe nichts! Wir wissen es längst. Der Hühnerdieb gibt sich als Ehrenmann aus, wenn er einmal drei Tage nicht gestohlen hat. Wenn ich dir nunmehr sage, dass du mutig und tapfer bist, o Mann Johnny, dann nur, damit du weißt, dass ich dich der höchsten und längsten Folterqualen für würdig erachten will. Sammle dich nun, damit wir beginnen.“

  „Deine Vermutung bezeugt deine Dummheit“, erwiderte mein Onkel verächtlich. „Du solltest lieber Kinder gebären, statt mit Männern zu streiten. Dein Dolch kann mich töten, dich aber nicht erheben. Stattdessen wird sich deine Seele bis in Ewigkeit vor der meinen in Bewunderung und Scham verneigen. Verhilf mir nun zu der Reise, du Kind! Lass mich mein Blut von deinem Messer lecken, damit ich schmecke, was du niemals kosten kannst, da du kein Mann bist.“

  Da begann Prinzessin des Todes am ganzen Leib zu zittern, und der arme Herr Wang wusste nicht, ob vor Leidenschaft oder vor Zorn. „Niemals wagte jemand so zu mir zu sprechen“, sagte sie. „Dabei genügte der Flügelschlag eines Schmetterlings, um deinen Augapfel unter meiner Klinge platzen zu lassen wie ein verfaultes Ei unter dem Huf eines Wasserbüffels!“

  Als Onkel Johnny sah, dass sich der Dolch wieder auf sein Auge herabsenkte, sagte er so ruhig wie möglich: „Deine Hand mag über mein Leben gebieten, mein Stolz aber gebietet über deine Schwachheit, du Weib! Und jetzt erhebe dich! Dein Rang gestattet nicht, dass du auf mir sitzest, sondern, dass du unter mir liegest, um zu mir emporzublicken, ob ich dich zu beachten geruhe oder dein Bild in die Vergessenheit meines Herzens versenke! Ermanne dich, damit der Himmel nicht allzu laut darüber klagen muss, dass Rache von Weiberhand kommt. Wie mein Mut größer ist als der deine, ist auch mein Leib stärker als dein Messer, und mein Tod mächtiger als dein Leben, denn ich bin ein Mann, du aber bist nur ein Weib. Du passt besser ins Brautbett als in die Blutkammer! Dein Herz beugt sich vor dem meinen, denn es weiß, dass es immer nur ein Weiberherz sein wird. Auch an den Gelben Quellen wirst du unter mir stehen. Ja, du wirst auf dem Bauche vor mir kriechen, ewig niedriger als ich.“

  „Dein Maul kläfft Tollwut!“ blitzte sie ihn an, und Herr Wang stellte später fest: „Er hatte ihren schwachen Punkt gefunden und es auf diese Weise fast erreicht, dass sie ihn sehr schnell und gründlich ums Leben brachte, wenn er schon nicht hoffen konnte, ihr entkommen zu können.“ Es kam jedoch anders, denn die Tür öffnete sich, und Mister Tai-Tai trat ein.

  „Erlaubt mir Unwürdigem, euch um eine Unterredung zu bitten“, sagte der Meister der fünf Tugenden mit tiefer Verneigung. „Es wird kaum so lange Zeit dauern, wie zwischen zwei Flügelschlägen des Mandschurenkranichs verstreicht, wenn er sich im Aufwind zum höchsten Sommerhimmel erhebt.“

  „Du störst mich in der Gerechtigkeit!“ antwortete die Prinzessin des Todes unwillig, ließ den Dolch aber zur Seite sinken, und mein Onkel spürte, wie sie sich von ihm erhob.

  „Beeile dich“, sagte er spöttisch. „Ein Männerherz wartet ungern auf ein weichliches und launenhaftes Weib.“

  Zur Strafe versetzte sie ihm wie unabsichtlich einen kleinen, tückischen Tritt in die Rippen; dann schritt sie hinter Mister Tai-Tai hinaus. Onkel Johnny hob den Kopf und sah sich um. Zwischen den blauen Teppichen mit den goldenen Drachen und den antike Möbel und Rot- und Schwarzlacktönen stand Herr Wang und starrte ihn an.

  „Kannst du mich verstehen?“ fragte mein Onkel.

  Herr Wang schlug zittern die Augen nieder und schwieg.

  „Sprich, Sklave!“ sagte Onkel Johnny lauter. „Wie heißt du?“

  „Wang“, antwortete der Koch voller Angst, der unheimliche Mann könne irgendwie doch die Fesseln zerreißen und sich auf ihn stürzen.  

  „Höre, Wang“, sagte mein Onkel. „Komm mit deinem Messer her und sieh zu, dass die die verflixten Drähte aufkriegst! Ich gebe dir mehr Gold, als diese Mördern dir je zugedacht haben, wenn du von ihnen überhaupt etwas bekommst, denn wahrscheinlich werden sie dich schon morgen als lästigen Zeugen mit steinerner Halskrause in die Elbe versenken!“

  „Vergebt mir, Großmächtiger, aber es geht nicht“, flüsterte der furchtsame Herr Wang mit niedergeschlagenen Augen.

  „Komm her, du Feigling!“ herrschte Onkel Johnny ihn an. „Gehorche, und beeile dich! Wenn du mich befreist, töte ich jene und überlasse dir die Pagode. Du wirst du reich sein, Opium rauchen, so viel du willst, jede Nacht Liebe genießen und dir den herrlichen Chrysanthemenfisch von jemand anders zubereiten lassen.“

  „Es kann nicht geschehen, o Mann mit dem Herzen des Tigers“, sagte Herr Wang und bemühte sich verzweifelt, Johnnys Blick weiter auszuweichen.

  „Keine Angst, ich bin stärker als diese aufgeblasene Prinzessin“, sagte mein Onkel. „Mache mir nur die Drähte ab, dann beweise ich’s dir! Siehst du nicht die Messer an meinem Gürtel? Ich werde dieses dumme, hochfahrende Weib in Stücke schneiden.“

  „Ich weiß, wer Ihr seid, o Mann Johnny“, sagte Herr Wang so ehrerbietig wie ängstlich. „Aber ich weiß auch, wer die Prinzessin ist. Wenn ich tue, was Ihr verlangt, wird sie nicht nur mich töten, sondern meine Frau, meine Kinder und alle Verwandten bis ins siebente Glied!“

  „Wie kann sie töten, wenn ich sie getötet habe?“

  „Ihr könnt sie nicht töten“, widersprach Herr Wang. „Niemand kann das, da sie doch unsterblich ist!“

  „Unsinn, sie ist auch nur ein Mensch als Fleisch und Blut! Ein Weib nur, siehst du das denn nicht?“

  „Ja, Herr“, ächzte Herr Wang, den Blick für furchtsam auf den Teppich unter seinen Füßen gerichtet, als könne dort jeden Moment eine Falltür aufklappen. „Aber Ihr wisst doch wie ich, dass der Große Drache über vier Zauberer gebietet, die Tote wieder zum Leben erwecken können.“

  „Das sind doch bloß Märchen“, sagte mein Onkel ungeduldig. „Los jetzt! Sonst sage ich der Prinzessin, du hättest mir angeboten, mich zu befreien! Aus freien Stücken hättest du dich aufgedrängt, mein Gold zu nehmen!“

  „O nein!“ ächzte Herr Wang verzweifelt. „Vorher stürze ich mich in mein Messer.“

  „Das kannst du immer noch tun, wenn du mich erst befreit hast.“

  Herr Wang hob den Kopf, schaute aber nicht Onkel Johnny an, sondern blickte über ihn hinweg. Ungläubiges Erstaunen malte sich auf sein Quarkkuchengesicht.

  Mein Onkel drehte den Kopf in die andere Richtung. Über ihm stand Mario Nunez.

  „Was suchst du denn hier?“ staunte Onkel Johnny. 

  „Dich!“ sagte der Bootsmann der „Heiligen Jungfrau von Sagres“. „Jetzt hat sich’s ausgequiekt, du hinterhältige Ketzerratte!“

  „Dann beeil dich mal“, sagte mein Onkel, der nun ja wirklich nichts mehr zu verlieren hatte. „Da ist nämlich schon jemand anders scharf drauf, noch dazu mit älteren Rechten.“

  Der Portugiese lachte. „Und wer soll das sein?“

  „Yüan Yüan, die Prinzessin des Todes.“

  Nunez spie auf den kostbaren Teppich. „Humbug!“ sagte er.

  „Dass du dich da mal nicht irrst“, sagte mein Onkel. „Sie ist hier, und sie versteht keinen Spaß.“

  „Hab’ sie schon gesehen“, sagte der Portugiese. „Die hat dich ja sauber verschnürt. Glaubst du, ich hab’ vor den Schlitzaugen Angst? Außerdem ist sie nur ein Weib. Wenn sie mir in die Quere kommt, mach ich sie kalt. Aber erst bist du dran. Bete, wenn du kannst!“

  „Braucht’s nicht. Stoß zu!“ 

  Im schwarzen Bart des Bootsmanns blitzten Zähne. „Willst die Sache wohl abkürzen, was? Mein Messer ist dir wohl lieber das das der Prinzessin! Mir egal. Hauptsache, du bist tot. Jetzt stirb, du Hund. Ich freu mich schon auf deine toten Augen. Für die ‚Heilige Jungfrau von Sagres’, die du verbrannt hast!“

  Er beugte sich über meinen Onkel, sah ihm ins Gesicht und hob den Dolch. Mein Onkel sah, wie das gehässige Grinsen plötzlich einem Ausdruck des Unglaubens wich. Dann quoll Blut aus dem Mund des Portugiesen, und er sank zu Seite.

  Hinter ihm tauchte das engelgleiche Antlitz der Prinzessin auf. Prüfend blickte sie auf meinen Onkel herab.

  „Bist du verletzt?“ fragte sie besorgt.

  „Nein. Du kamst zur rechten Zeit.“

  Sie musterte Onkel Johnny noch einmal, dann fragte sie. „Wer war dieser Mann?“

  „Du weißt es.“

  „Ich weiß es, aber ich frage dich.“

  „Er heißt Mario Nunez und ist Bootsmann auf der Bark, mit der ich kam.“

  Yüan Yüan drehte sich um. Hinter ihr lag Mister Tai-Tai wieder einmal bäuchlings auf dem Boden.

  „Erhebt euch!“

  „Tötet mich!“ jammerte der Greis. „Es ist meine Schuld! Ich habe versagt! Nur meine Unaufmerksamkeit ist es zuzuschreiben, dass dieser stinkende Schakal zum Riss der Tigerin schleichen konnte! Bestraft mich dafür, ich flehe euch an! Gestattet, dass ich mich entleibe!“

  „Damit wartet noch. Hat der Mann Johnny die Wahrheit gesprochen?“ 

  „Er hat es, hochwürdigste Prinzessin. Es handelt sich um die blutgierige Christenhyäne, die ich euch unter dem Fenster zeigte. Und nun erweist mit die Gnade, das Urteil mit eigener Hand zu vollstrecken!“

  „Ihr seid alle gleich“, sprach die Prinzessin mit sanftem Tadel. „Immer wollt ihr mich einer Pflicht berauben, die ich nicht mit euch teilen kann.“

  „Ich flehe euch an!“ ächzte der alte Kahlkopf.

  „Schweigt!“ befahl die Prinzessin, und Mister Tai-Tai verstummte.

  „Sklave!“ sagte Yüan Yüan, und Herr Wang stürzte wie vom Blitz getroffen zu Boden.

  „Was ist hier geschehen?“ fragte die Prinzessin. „Und wage nicht, mich zu belügen, noch mir etwas zu verschweigen, so deine Zunge nicht den Ratten des Kellers zum Schmaus dienen soll!“

  „O nein, Hochwürdigste“, stammelte der Koch. „Ich beschäftigte mich gerade damit, denn Stamm der Chrysantheme zu schneiden, damit er in der richtigen Stärke und Länge gerate und eure geheiligten Augen nicht etwa durch den Anblick des Misslungenseins beleidige…“

  „Kürzer!“ herrschte ihn die Prinzessin an.

  „Da erschien dieser Mann, um zu töten. Aus Rache für ein brennendes Schiff.“

  „Und was sagte der Mann Johnny dazu?“

  „Er ermunterte ihn.“

  Die Prinzessin nickte. „Erhebt euch“, befahl sie. „Beide!“

  Herr und Koch erhoben sich, wie um die Wette zitternd.

  Die Prinzessin ging zu dem Portugiesen, zog ihm den Dolch zwischen den Schulterblättern hervor und wischte die blutige Klinge am Hemd des Toten ab. Dann beugte sie sich zu Onkel Johnny nieder.

  „Du wolltest mir mit der Hilfe dieses Mannes entfliehen, o Mann Johnny“, sagte sie spöttisch. „Du wolltest mir an einen Ort entfliehen, an den ich dir nicht folgen wollen kann. Aber das wird dir niemals gelingen.“

  „Nur der Schwache zögert“, antwortete mein Onkel, „wer aber zögert, stirbt. Dieser Mann hat gezögert. Du auch. Er ist jetzt tot.“

  Die Prinzessin sah ihm ins Gesicht. „Ich werde niemals sterben“, sagte sie. Dann löste sie mit schnellen, geschickten Bewegungen ihres Dolches die Drähte.

  „Steh auf, o Mann Johnny.“

  Mein Onkel stand auf und rieb sich die schmerzenden Handgelenke. „Ich danke dir“, sagte er dann. „Im Liegen zu sterben schickt sich nur für Weibervolk.“

  „Du wirst heute nicht sterben, also magst du nun wohl auch die listige Natter deiner Zunge wenigstens für ein Weilchen in der Mundhöhle schlummern lassen, denn ihr Gift leckt wie Säure in meinen Ohren. Höre: Ein zweiter Schatz ist geraubt, um vieles größer als der, den du uns stahlst. Die Diebe sind jene gelbhaarigen Banditen von Hafen, die sich die Brookboys nennen. Sie haben jenen fernen Teil des Hafens zerstört, in dem die amerikanischen Hundesöhne ihr stinkendes Steinöl lagern. Wir sahen die Flammen und ahnten Verrat. Denn ein Unstern bewog den ehrwürdigen Meister der fünf Tugenden, dort in der Nähe Götterstaub aufzubewahren. Und wirklich meldet nun ein Bote, der Schatz sei gestohlen. Der ehrwürdige Meister der fünf Tugenden behauptet, der Häuptling dieser Räuberbande heiße Jack, und ihr wäret Füchse aus gleicher Höhle.“

  Mein Onkel drehte sich zu Mister Tai-Tai um. Der alte Chinese starrte ihn mit einem Ausdruck an, der jenseits aller Furcht und Hoffnung lag. 

  Onkel Johnny wandte sich wieder der Prinzessin zu. „Jack war mein Freund“, sagte er. „Jetzt ist er so mein Freund, wie du meine Geliebte bist.“

  Die Prinzessin lächelte. „Deine Phantasie trägt dich weit, o Mann Johnny, und sehr hoch. Gib Acht, dass du dir nicht im Geiste den Hals brichst, bevor ich ihn dir im Fleische abschneiden kann! Freunde, Feinde, was heißt das schon bei euresgleichen? Die Laus sagt, dass die Bettwanze stinkt, und der Kochtopf nennt den Kessel schwarz. Nun aber sollst du mir gestehen, was du von der Sache weißt.“

  „Nur das, was du mir eben berichtet hast.“

  „Du wusstest nicht, dass sie uns den Götterstaub rauben wollten?“

  „Morphin?“ fragte mein Onkel. „Ist es das? Dieses Teufelszeug? Ihr habt es hier?“

  „Du urteilst streng, Opiumdieb“, sagte die Prinzessin überrascht.

  „In der Fremde dachte ich anders“, antwortete Onkel Johnny. „In der Heimat habe meine Meinung geändert.“

  „Sie ist mir so wichtig wie das Heulen des Hundes in dörflicher Nacht“, sagte die Prinzessin des Todes. „Auch wäre es mir ein Leichtes, diesen Räuberhäuptling zu töten, und vor der Vielzahl seiner Banditen bangt der Gerechtigkeit nicht, denn wenn der Baum stürzt, fliehen die Affen. Doch das Leichte ist nicht immer das Schöne, und meine Sinne sehnen sich stets nach dem Besonderen. Der edle Schwertkampf der Helden vor der kostbaren Kulisse der Oper hebt das Herz höher als die plumpen Schläge der Lastträger im Gestank der schmutzigen Hafenkaschemme. Lass mich den Göttern ein Bühnenwerk bereiten! Wenn zwei Tiger kämpfen, bleibt einer auf dem Platz. Gewiss sind die Götter gespannt, zu sehen, wer der Stärkere ist. Du warst der Freund dieses Banditen, bist nun sein Feind, da er dir Heimat, Ehre und Weib nahm. Räche dich, o Mann Johnny! Du führst ebenfalls gefährliche Männer an, wenn ihre Zahl auch gering ist. Töte den Mann Jack! Bringst du uns dann den Götterstaub, werde ich selbst für dich beim Großen Drachen Gnade erwirken. Ich werde dich vor sein erlauchtes Angesicht führen. Er wird sich damit begnügen, dich nur zu blenden und irgendeinem Bauern auf einem einsamen Gehöft zu überlassen, damit du dort Räder an Brunnen und Mühle drehst. Deinem Weib wird gestattet sein, dir dorthin zu folgen. Dann wirst du wissen, dass sie dich wirklich liebt.“

  „Ich werde den Götterstaub bergen“, antwortete mein Onkel. „Aber nicht, weil du glaubst, mir drohen oder gar befehlen zu können, sondern weil du mir heute das Leben gerettet hast. Allerdings war es deine Schuld, dass dieser Kerl überhaupt an mich herankam. Hätten mich die Drähte nicht gehindert, hätte ich deiner Hilfe nicht bedurft.“

  „Ich habe dein Leben keineswegs gerettet, sondern lediglich versprochen, es dem Großen Drachen zu Füßen zu legen“, versetzte Yüan Yüan. „Deinen Gehorsam aber soll deine Geliebte als Geisel sichern.“

  „Teufel!“ sagte Onkel Johnny erschrocken. „Lass sie in Ruhe, sie ist unschuldig wie der Lotos!“

  Die Prinzessin des Todes lächelte. „Ich wusste, dass es mir gelingen würde, hinter die Maske deines Mutes zu blicken“, sagte sie. „Für dich fürchtest du nichts, aber alles für sie. Deine Verstellung war unterhaltsam, und die Redensart, dass der Wandschirm aus Bambusrohr die Reize der Kurtisane erhöht, enthält sehr viel Wahres. Wisse aber, dass zwar ein großer Dichter immer ein Freund des Weines ist, doch niemand zum Poeten gedeiht, indem er gewaltig trinkt. Genau verhält es sich mit der Kühnheit und der Frechheit. Gehorche, dann geschieht ihr nichts.“

  „Du Schlange!“ fuhr mein Onkel sie an, und die beiden Chinesen zitterten noch stärker als zuvor. „Wo ist sie? Was hast du ihr angetan? Lass sie gehen!“

  „Ein Weib schiltst du mich, und bist selbst schwach!“ Yüan Yüan warf den Kopf in den Nacken und lachte. Dann fuhr sie fort: „Ich kann die Gedanken in deinem Kopf hören. Sie huschen durcheinander wie die Worte der Mägde, wenn man ihrem Geflüster in einem dunklen Nebenzimmer lauscht. Ich wusste, dass du geliebt wirst. Mein Körper erkannte es. Eine Frau kann es fühlen, wenn ein Mann von einer anderen begehrt wird.“

  „Lass sie gehen! Sofort!“ rief Onkel Johnny wild.

  Die Prinzessin lachte wieder. „Du denkst, dass ich sie holen musste? Dass ich sie hier für meine Rache aufbewahre? Narr! Sie ist mein, wann immer ich will, und wo immer sie ist. Bist nicht auch du mein, und warst es, seit dich der Große Drache mir anvertraute? Half es dir, vor mir bis in diesen Pfuhl stinkender Langnasen zu fliehen? Sie ist gezeichnet, doch weiß sie es nicht, denn sie schlief, und das Mal auf ihrer Schulter ist so winzig, dass sie es nicht einmal bemerken wird. Du aber wirst mein Siegel erkennen, wenn du bei ihr liegst, und wissen, dass ich sie mir jederzeit holen kann.“

  „Du irrst. Ich liege nicht bei ihr.“

  „Nicht? So wirst du es bald tun. Zeige ihr auch dein Mal, denn du bist ebenfalls gezeichnet, als mein Eigentum, an dem sich bei Todesstrafe kein anderer vergreifen darf. Ich gebe dir drei Tage, meinen Befehl auszuführen. Dann seid ihr beide auf dem Wege entweder zum Großen Drachen oder zu den Gelben Quellen.“ 

  „Wenn Nelly etwas geschieht, gehst du uns voran“, sagte Onkel Johnny und legte die Hände auf die Messer in seinem Gürtel.

  „O wie gern fräße der Ochsenfrosch die Speise des Schwans“, erwiderte Yüan Yüan. „Ich empfinde keinen Zorn auf deine Geliebte, o Mann Johnny, und deshalb wird ihr auch nur das widerfahren, was du selbst verschuldest. Vor allem darfst du mich niemals reizen! Auch den Drachen kann man reiten, doch hat er ein Büschel aufgeplusterter Schuppen an der Unterseite des Halses, und wer diese Schuppen gegen den Strich streichelt, den frisst er.“

  Sie sah an meinem Onkel vorbei und fuhr fort: „Da du die rechte Anordnungen trafst, Meister der fünf Tugenden, und dein Versäumnis nur darin besteht, dass die zu ihrer Befolgung Unfähige auswähltest, gewähre ich dir einen raschen Tod.“

  „Den Göttern sei Dank“, seufzte Mister Tai-Tai, „und deine Gnade sei gepriesen, o großmächtige Prinzessin, deren Bild auf ewig in seiner Seele fortleben soll.“

  Yüan Yüan nickte lächelnd und hob die rechte Hand langsam an ihre kunstvoll gesteckte Frisur. Im nächsten Augenblick schnellte die Hand wie eine Kobra vor, eine Haarnadel sauste an Onkel Johnny vorbei und fuhr dicht neben dem Kopf des alten Chinesen in die Tapete.

  „Ehrwürdigste!“ sagte Mister Tai-Tai und verneigte sich bis zum Boden.

  „Noch flüsterte ich nicht in Euer Ohr“, sagte die Prinzessin. „Und die Nadel ist allzuviel Gnade, wo ein Vergehen die tödliche Peitsche verdient. Dein Sterben ist beschlossen, doch nutze den Aufschub für eine gnädigere Todesart.“

  „Ich danke Euch“, hauchte der Meister der fünf Tugenden, „Ich werde jede Sekunde, die Ihr mir noch vergönnen wollt, nach der Milde Eurer friedenbringenden Hände streben.“

 

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt