„Es gibt so viele Moralen, als es Kulturen gibt“

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Spengler, „Der Untergang des Abendlandes“: "Die frühen Künstler fühlen sich als Meister der großen Form, die späten als deren Sklaven." - "Die faustische Kultur stirbt, wie die apollinische, die ägyptische, wie jede andere an Altersschwäche, nachdem sie ihre inneren Möglichkeiten verwirklicht, nachdem sie im Lebenslauf ihrer Kultur ihre Bestimmung erfüllt hat. Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge, die Musik nach Wagner so gut wie die Malerei nach Manet, Cézanne, Leibl und Menzel." - "Was besitzen wir heute unter dem Namen 'Kunst'? Eine erlogene Musik voll von künstlichem Lärm massenhafter Instrumente, eine verlogene Malerei voll idiotischer, exotischer und Plakateffekte, eine erlogene Architektur, die auf dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle zehn Jahre einen neuen Stil 'begründet', in dessen Zeichen jeder tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Ägypten und Mexiko bestiehlt." - "Man kann von gewissen Seelenregungen, die im Worte nicht zu fassen sind, andern ein Gefühl durch einen Blick, ein paar Takte einer Melodie, eine kaum merkliche Bewegung vermitteln. Das ist die wahre Sprache von Seelen, die Fernstehenden unverständlich bleibt" Über Homer: "...bei dem vielleicht uralte Tempellehren durchschimmern, darunter die von den Seelen im Hades, die ein wohl erkennbares Abbild des Körpers sind." - "Es gibt so viele Moralen, als es Kulturen gibt." - "Die Überwindung von Widerständen ist vielleicht der typische Antrieb der abendländischen Seele." - "Selbst die Seelen der Griechen waren im Hades versammelt, ohne sich zu regen, als Schattenbilder, ohne Kraft, Wunsch und Empfindung. Die nordischen Seelen aber gesellten sich dem 'wütenden Heere' zu, das rastlos durch die Lüfte schweift." - Über Heimat: "Uns ist sie eine ungreifbare Einheit von Natur, Sprache, Klima, Sitte, Geschichte; nicht Erde, sondern 'Land', nicht punktförmige Gegenwart, sondern geschichtliche Vergangenheit und Zukunft, nicht eine Einheit von Menschen, Göttern und Häusern, sondern eine Idee, die sich mit rastloser Wanderschaft, mit tiefster Einsamkeit und mit jener urdeutschen Sehnsucht nach dem Süden verträgt, an der von den Sachsenkaisern bis auf Hölderlin und Nietzsche die Besten zugrunde gegangen sind."

*

Wer sich müde gearbeitet hat, stirbt leichter.

*

"Anna Karenina" mit der Musik Rodion Schtschedrins in der Aufzeichnung einer Bolschoi-Aufführung von 1974. Maja Plissetzkajas Tanz im Schnee auf dem Bahnhof gleich zu Beginn greift mit kalter Hand ins Herz: Der Tod ist das Ende aller irdischen Hoffnung. Danach spiegeln Szenen der Geselligkeit die Pracht des kaiserlichen St. Petersburg. Ausdrucksstark die erste Begegnung mit Wronsky, wieder in Schneegestöber; vor dem schwarzen Hintergrund wirken die Bewegungen wie Blitze. Dramaturgisch brillant das Zusammentreffen des Paares mit Karenin. Eindrucksvoll auch das Bühnenbild; Ketten kündigen das Verhängnis an. Schtschedrins Musik wechselt immer wieder zwischen sanftem Piano und zuckenden Klängen der Streichinstrumente. Wieder ein Pas de deux mit Anna und Wronsky, diesmal weniger verhalten und schon mit erwachender Leidenschaft. Alexander Godunows Sprünge atemberaubend. Karenins Auftritte untermalen drohend Bratsche und Bass. Erneut ängstigt, in Rot, die Traumgestalt, dessen Rätsel erst die letzten Seiten des Romans lösen. Die Szenen zur Marschmusik sind prachtvoll und grandios choreographiert: Lebensfreude der Oberschicht eines Weltreiches. Das Pferderennen bringt ungeheuren Schwung in die Aufführung. Es folgen hinreißende Spitzentänze. Eine Zeitlupe lässt die beginnende Zerstörung der Persönlichkeit ahnen. Besonders bewegend die Szene, in der Anna zwischen Wronsky, Karenin und der Traumgestalt hin- und hergeschleudert wird. Herzzerreißend Annas Abschied vom kleinen Sohn. Prunkvolle Bilder illustrieren die Kälte und Grausamkeit der bigotten Gesellschaft. Es beginnt die Zeit des Leidens; die Eifersuchtsszene bietet einen ersten dramatischen Höhepunkt. Im grandiosen Finale erhält rote Traumgestalt des Schicksals ihre Beute. Die Scheinwerfer der Lokomotive wie die Lichter eines Raubtiers. "Diese Straßen kenne ich nicht. Wo bin ich? Was tue ich? Warum? Herrgott, vergib mir alles." Die letzten Klänge verhallen wie die Stöße von eisernen Rädern auf Schienen und die letzten Schläge eines Herzens.

*

Hamburgs witzigster Wasserträger erklomm das Dach eines "T...Punkt"-Geschäfts der Telekom an der Spitalerstraße: Ein "Superman"-Hummel aus Plastik im blauroten Dress der Comic-Figur, jedoch historisch korrekt mit Zylinder. Goethe: "Zwischen dem Alten, zwischen dem Neuen, hier uns zu freuen schenkt uns das Glück."

*

Lessing: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht."

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt