Ihr kennt weder den Tag noch die Stunde

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Die Berichterstattung zum angeblich aus dem Maya-Kalender ersichtlichen Weltuntergang ist vor allem ein Medienspektakel ohne Folgen. Vor gut 1000 Jahren entfalteten apokalyptische Visionen viel fatalere Wirkungen.

Die Rückschau auf die erste Jahrtausendwende in der christlichen  ist ein Blick in die Anfänge der modernen Zivilisation mit ihrer Wundergläubigkeit. Das größte Wunder besteht für viele darin, dass sie am Neujahrstag noch am Leben sind. Denn viele Christen haben felsenfest damit gerechnet, dass in der Silvesternacht die Welt untergeht.

Die fantasievolle Auslegung des Maya-Kalenders mit dem Weltende am 21. Dezember 2012 ist ein esoterisches Phänomen und ein Medienspektakel. Vor einem Jahrtausend aber entfalteten apokalyptische Vision ganz andere, ungleich fatalere Wirkungen. Denn damals kommt die düstere Prophezeiung nicht von New-Age-Propheten und ihren abergläubischen Anhängern, sondern von der höchsten geistlichen und wissenschaftlichen Autorität der Zeit.

Im Jahr 999 hat Papst Silvester II. das Ende der Welt für den 31. Dezember um Mitternacht vorausgesagt. Der Nachfolger Petri berechnet die Dauer der Schöpfung auf genau ein Jahrtausend ab Christi Geburt: Im letzten Buch der Bibel, der „Offenbarung“, schreibt der Apostel und Evangelist Johannes, der Satan sei nun für 1000 Jahre gefesselt - danach aber komme die Apokalypse.

In der Vorstellung der Menschen von damals kommt sie mit allen Schrecken, die in der Bibel vorgezeichnet sind und die sich der Aberglaube des finsteren Mittelalters nun in allen Farben ausmalt.

In der gesamten Christenheit bricht Panik aus. Kaiser Otto III., mächtigster Herrscher der Welt, will Mönch werden. Räuberbanden plündern das Land. Überall kommt es zu verzweifelten Reaktionen. Hysterische Mütter schlagen sogar ihre Kinder tot, um ihnen das Grauen des Weltuntergangs zu ersparen.

Die Massenpsychose erklärt sich aus der Zerrissenheit der Zeit und Gesellschaft jener Jahre. Das Ende des ersten Jahrtausend ist eine Epoche kühner Unternehmungen und bitterer Not. Seefahrer in winzigen Booten bringen aus unbekannten Meeren phantastische Schätze heim. An Land aber hungern sich verzweifelte Bauern von Ernte zu Ernte. Kaufleute fahren auf rumpelnden Karren durch Europas Urwälder. Sie handeln mit Sklaven; haben sie Pech, werden sie selber welche. Frauen dürfen gebären und sterben; alles andere bestimmt der Mann.

Das bloße Dasein ist grausam genug. Das gesamte zehnte Jahrhundert hindurch hat Deutschland in Angst und Schrecken gelebt. An den Küsten, aber auch an den Ufern der großen Ströme zittern die Menschen vor dem Terror der Wikinger. Die Nordmannen brandschatzen Hamburg, Köln und viele andere Städte, bringen die Männer um, vergewaltigen die Frauen und verschleppen die Kinder. Die kühnsten lenken ihre Knorrs unter den furchterregenden Drachenköpfen bis nach Kiew, Konstantinopel und Kanada.

In den Wäldern wiederum können plötzlich wie aus dem Nichts die räuberischen Steppenreiter von der Donau auftauchen. Die Ungarn streifen bis nach Bremen, plündern Kirchen und Klöster, stecen Dörfer in Brand, zogen hinter ihren struppigen Pferden Menschenketten her, zusammengebunden wie Vieh.

Auch in Friedenszeiten geht Gewalt über Gesetz. Der bewaffnete Adel zwingt die Bauern ins Joch. Grafen und Barone ziehen wie moderne Mafiosi durch die Dörfer, pressen den Wehrlosen Schutzgelder ab, schänden ihre Frauen und Töchter.

Der Familienvater ist in Haus und Hof Herr über Leben und Tod. Fremde gelten als Feinde. Bei Wien packt der Pöbel einen jungen Reisenden und hängt ihn als Spion kurzerhand an den nächsten Baum. Der Unglückliche heißt Koloman und ist der Sohn eines irischen Königs. Sein Tod als Pilger auf dem Weg nach Palästina machte ihn zum Märtyrer; in besser gesitteter Zeit wird er heiliggesprochen und Landespatron Österreichs.

Der Alltag birgt Sonderbares. Eselsmilch gilt als Medizin, Obst ist Kleinkindern, Senioren und Rekonvaleszenten verboten. Ein Gericht aus Aal und Käse steht im Verdacht, Heiserkeit zu erzeugen; als probates Gegenmittel gilt ein Liter Wein. Brotrinde muss meiden, wer nicht an Depressionen leiden will.

Unterernährung ist der Normalzustand. Zweihundert Jahre zuvor, als Karl der Große das christliche Abendland gründet, hat der Durchschnitt täglich 6000 Kalorien konsumiert. Jetzt sind es nur noch 2000, viel zu wenig für harte Arbeit auf kargem Feld und kalte Nächte in kaum beheizten Katen. Hungernde wühlen in Wäldern nach Wurzeln, rupfen Brennesseln oder Gras. Selbst gute Zeiten kennen nur Möhren, Zwiebeln und Lauch. Delikatessen wie Spinat, Broccoli oder Rosenkohl keimen erst 200 Jahre später in Europas Gemüsegärten. Den Braten der Vornehmen schenken Schaf und Schwein. Rindfleisch und Huhn sind absolute Luxusgüter.

Besteck ist unbekannt, der Gast bringt sein Messer mit, die Finger dienten als „fünfzinkige Gabel“. Weil es den teuren Zucker nur in Apotheken gibt, sorgte Honig für die Süße. Auch in der Liebe: Junge Frauen bestreichen den nackten Körper mit dem klebrigen Aphrodisiakum, wälzten sich in Weizenmehl, pickten die Körner von der Haut, zerstampfen sie in einem Mörser und kneteten den Teig vor dem Backen zwischen den Brüsten – wer den Laib vom Leib koste, glauben sie, werde vom Zauber zum Kosen gezwungen.

Die Kirche gestattete fleischliche Liebe ausschließlich Eheleuten zu Fortpflanzungszwecken, nachts und auf natürliche Weise. Als Sünde gelten Sex bei Tag, während der Menstruation oder Schwangerschaft sowie an Sonn- und Feiertagen. Der Durchschnittsdeutsche liegt seiner Gemahlin einmal pro Woche bei. Mönche verfassen Verzeichnisse des Verbotenen. Im Jahr 1012 schildert Burchard von Worms in seinem „Decretum“ 194 Perversionen auf, von der Sodomie bis zum Sex mit Nonnen.

Dem Klerus fehlt es nicht an praktischer Kenntnis, denn noch ist fast die gesamte Geistlichkeit verheiratet. Im Jahr 964 will Englands Bischof Ethelwold das Zölibat durchsetzen und stellt seine Pfarrer vor die Wahl, entweder ihre Frauen oder ihre Jobs zu behalten. Bis auf einen optieren alle für die Freuden der Ehe.

Die Mode gebietet helle, kräftige Töne. Selbst die Sackkleider der Bauern leuchten in lebhaftem Rot, Blau oder Grün. Frauen weben Stoffe aus Schafwolle oder Flachsleinen und färben sie mit Säften heimischer Pflanzen. Männer und Frauen tragen den gleichen Schnitt. Mit dem Gürtel halten an Stelle der erst später erfundenen Knöpfe allerlei Klammern und Spangen die Kleidung zusammen.

Der Weg ins Nachbardorf ist gefährlich, denn überall in den Wäldern leben Bären, Wölfe und riesige Stiere. Der Hund ist schon damals der beste Freund des Menschen. Die Hauskatze hingegen muss stets auf der Hut sein, denn ihr Fell ist als Decke begehrt; auch entstehen aus ihrer Haut besonders haltbare Einbände und Dokumente. Fast jedermann bereichert seinen Speiseplan mit Hirsch, Reh und Hase. Als erstes Opfer rücksichtlosen Naturverbrauchs stirbt der Europäische Kranich aus.

Statt Klassen gibt es Stände: Adel, Ritter, Geistlichkeit. Sozialhilfe und Krankenpflege zählen zu den barmherzigen Aufgaben der Kirche. Hilfe findet der Einzelne sonst nur in der Familie. Schutz lässt sich der Landesherr teuer per Steuer bezahlen. Das Arbeitsrecht regeln Zünfte, ohne deren Zustimmung kein Handwerksbetrieb öffnen darf. Die Justiz straft streng und ungerecht. Auf Abtreibung, Zauberei und Homosexualität steht die Todesstrafe. Unschuld beweist der „Kesselfang“, wenn der Angeklagte einen Stein aus kochendem Wasser zieht, ohne sich zu verbrühen. Schwerer gerät die Prüfung für Frauen, die im Verdacht standen, Hexen zu sein: Sie werden gefesselt ins Wasser geworfen. Können sie trotz gebundener Hände schwimmen, sind sie Hexen und werden verbrannt. Konnten sie es nicht, sind sie unschuldig, aber ertrunken.

Nur langsam löst sich der Mensch in der Mitte Europas aus dem Dunkel seiner Unwissenheit. Erst hundert Jahre später, um 1100, ist das finstere Mittelalter zu Ende, erlebt die Welt eine Explosion neuer Technologien, Künste und militärischer Energie. Kreuzritter erobern den Orient, die Kaufleute der Hanse dringen bis ins Eismeer Sibiriens vor. Die Völker der kleinen Halbinsel am westlichen Rand des Riesenkontinents Asien legen die Grundlagen für die Weltherrschaft Europas, die bis heute andauert. Das alles aber ist nur möglich, weil es den Menschen irgendwie gelungen ist, zu überleben.

In der Welt des ersten Jahrtausendwechsels fallen apokalytische Visionen viel eher auf fruchtbaren Boden als in unserer aufgeklärten Zeit. Als das neue Jahr, das Jahr 1000, ohne Katastrophe anbricht, reiben sich viele verwundert die Augen. Dann warten die Gläubigen auf eine Erklärung aus Rom. Dort zögert Silvester II. nicht lange: Er erklärt, Gott habe die Welt noch einmal gerettet, weil er seine Gebete, das Flehen des Papstes, erhört habe. Ob er selbst daran glaubt? Heute hält sich die Kirche bei Spekulationen über das Weltende lieber an ein Wort des Erlösers aus Matthäus 25,13: "Seid wachsam, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde.“

 

 

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