Die Tüte des Todes

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Eine Hamburger Ausstellung warnt jetzt vor der zunehmenden Verschmutzung in den Ozeanen durch Plastikmüll, doch die Plastiktüte ist auch ein Sammel- und sogar Kunstobjekt.  

Das Projekt „Endstation Meer?“ im Hamburger „Museum für und Gewerbe“ zeigt Exponate unser Gegenwartskultur in einem neuen, ganz anderen, lebensgefährlichen Zusammenhang: Kisten, Flaschen, Tüten und viele andere Alltagsprodukt meist aus Plastik, treiben als tödliche Teppiche über die Ozeane. Die größte Müllinsel im Pazifik ist bereits so groß wie Mitteleuropa. Niemand weiß, wie viele Seevögel und Meerestiere schon umkamen, weil sie eines der zahllosen Teilchen verschluckten.  

„Wir führen vor, was die Kunsthistoriker in Tausenden von Jahren von uns finden werden“, sagt Museumsdirektorin Sabine Schulze über das Strandgut von Sylt, Fehmarn und Hawaii. Und das ist eine ganze Menge: Jedes Jahr kippen Menschen rund 6,4 Millionen Tonnen Abfälle in die Meere des blauen Planeten.

Der auffälligste Gegenstand ist die Plastiktüte – und die wurde selbst schon elf Jahre zuvor zum Ausstellungsobjekt: 2000 besonders interessante Exemplare waren im Jahr 2000 im Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Museum zu sehen – damals noch als Kunstgegenstände. Titel: "Tüten - 2000 Tragetaschen aus der Sammlung Mittendorf".

Der Wegwerfartikel als Dauerleihgabe: Gerd Mittendorf, 69, sammelt die beständigen Behälter schon seit einem Vierteljahrhundert, hat inzwischen fast 100.000 Exemplare zusammen. "Das ist doch mal was anderes, als immer nur Briefmarken oder Münzen zu sammeln", sagt der Werbefachmann und Fotograf aus Radevormwald. Für sein Hobby guckt in alle Papierkörbe, spricht er auf der Straße fremde Frauen an, studiert er sogar Todesanzeigen und telefoniert mit Hinterbliebenen, ob womöglich eine Haushaltauflösung winkt.

Jetzt aber droht dem Sammelobjekt womöglich die Stigmatisierung: In ihrem 60. Lebensjahr, nach einer Karriere von der praktischen Tragetasche zum Prestigeprodukt, Kunstgegenstand, Kultursymbol und Kultobjekt, findet sich die komfortable Kunststofffolie von Naturschützern auf die Feindliste gesetzt. Die phänomenal niedrigen Herstellungskosten und die phantastische Langlebigkeit, von einer technikfreundlicheren Zeit als Vorzüge gepriesen, erweisen sich heute als ökologische Horrorfaktoren.

Weltweit erklären Regierungen, die Tüte komme ihnen nicht mehr in die Tüte. Spanien wollte ihre Zahl schon bis 2010 halbieren und biologisch nicht abbaubare Tragehilfen danach sogar ganz abschaffen. China verbot zuerst einmal die ultradünnen Folien, weil sie besonders häufig reißen und weggeworfen werden, und rechnete seinen Bürgern vor, die Produktion der Kunstbeutel koste das Land jährlich fünf Millionen Tonnen vom knappen Rohöl. Auch Kenia, Tansania, Uganda und Ruanda zogen allzu leichte Tüten aus dem Verkehr. Als erste US-Stadt verbannte San Francisco die bequemen Behälter aus den Geschäften und droht müllitanten Plastikaktivisten Strafgelder bis 500 Dollar an. New York zwang Kaufleute, Sammelbehälter zu Recyclingzwecken aufzustellen. In England wollten mit London 80 weitere Kommunen die Kunststoffflut durch Verbote eindämmen. Australiens Umweltminister Peter Garrett kündigte schon vor fünf Jahren den Abwehrkampf an.  

Der Feldzug der Folienfeinde gilt einem Gegner, der den Globus wie ein Fremdorganismus befällt: Über einsame Strände und menschenleere Wüsten, durch dichte Urwälder und über die Weiten der Ozeane rollt eine Lawine aus nahezu unzerstörbarem Dauermüll. „Unsere Meere haben sich in eine Plastiksuppe verwandelt“, sagt Kuratorin Angeli Sachs. Der Koch ist die moderne Wegwerfgesellschaft, und die Tüte segelt an der Spitze. Sie schwimmt nach Alaska und in die Antarktis, fliegt durch Gobi und Sahara, erklimmt Alpengipfel und überquert Pässe im Himalaya. Kein Bergsteiger und kein Taucher, weder Extremsportler noch Eremit können sicher sein, dass der nächste Windstoß ihnen nicht einen bedruckten Beutel in Gesicht bläst.

Weit schlimmer sind die Folgen für die Natur: „Unser Zivilisationsmüll landet in Tiermägen“, sagt „Greenpeace“-Meeresbiologe Theo Maack. Über kurz oder lang gelangten die Tütenteile und ihre Gifte somit in die Nahrungskette, „und am Ende dieser Kette steht der Mensch.“

Der Tadel trifft ein Tragesystem mit Tradition. Verformbare Transportbehälter aus Papier machen 1390 schon der Hausfrau des Hochmittelalters das Leben leichter. 1550 nimmt Erasmus Alberus den Begriff „Dott“ in sein Wörterbuch auf, und eine Streitschrift merkt an, wenn die Bibel sonst zu gar nichts diene, sei sie doch dazu gut, „dass man aus den Blättern, auf die sie geschrieben ist, Tütchen mache und Pfeffer oder andere Würze darein tue“. 1853 fertigt ein Automat in Allendorf die erste Fabrikspitztüte. 1901 ermöglicht die Klotzbodendeutelmaschine den ersten eckigen Papiersack.

Bald aber wendet sich moderner Erfindergeist auch dem Material zu, erste Ergebnisse sind 1910 die Klarsichtfolie aus Gelatine und das Zellglas „Cellophan“. Seit 1946 sammelt die Industrie Erfahrungen mit vollsynthetischen Kunststoffen wie dem Polyäthylen (PE), und schon 1953 kommt die Plastiktüte ans erfreute Publikum. Ende der 50er Jahre erhält sie einen Griff, in den Sechzigern läuft sie ihrer Papierschwester den Rang ab, und 1971 hat sie die Zweidrittelmehrheit der Marktanteile erreicht.

Der Aufstieg folgt den Gesetzen des Gottes Konsum, eine Studie aus den siebziger Jahren belegt, dass Kunden pro Tasche 21 Prozent mehr Lebensmittel kaufen. Die Weiterentwicklung mit verstärkter Tragevorrichtung, in Fachkreisen Grifflochtasche genannt, steigert den Umsatz größere Gegenstände um ebenfalls 21 Prozent, die Packzeit sinkt um 23 Prozent, der Taschenverbrauch um 17 Prozent.

Die Plastiktüte gewinnt und schenkt Prestige wie vor ihr die Zigarette und nach ihr die Atomenergie, deren schicksalhaften Ansehenswandel sie teilt. Als bedruckte Folien den Markenstolz der Deutschen wecken, gedeiht der schlichten Gebrauchsgegenstand zum Kultur-Beutel, Kunst und Wissenschaft nähern sich der Folie mit ästhetischem Sinn und forschendem Verstand.

Bereits 1970 entwirft der Münchner Kunstprofessor Günter Fruhtrunk eine bis heute unveränderte blau-weiße Plastiktüte für Aldi-Nord. Im Juni 1972 macht Joseph Beuys auf der 5. documenta in Kassel mit seinem Projekts „Soziale Plastik“ eine handsignierte Plastiktüte berühmt. 1980 stellt das „Haus der Industriereform in Essen die bunten Behälter in den Mittelpunkt der Gebrauchskultur-Ausstellung „An der Tüte sollt Ihr sie erkennen“, und die erste „Gießener Plastiktütenausstellung“ feiert die Folie im Frühjahr 1999 als „Wundertüte“.

Der Kölner Kulturpsychologe Dr. Björn Stüwe ergründet für eine Studie der Universität in zwanzig Tiefeninterviews „Gedanken, Emotionen und Vorstellungen, die wir mit der Tüte verbinden“. Seine „tiefepsychologische Analyse zum Wesen von Tüten und Tragetaschen“ als „Ikone der Alltagskultur“ gebe „Aufschluss über verschiedene Umgangsformen mit der Wirklichkeit“. Resultat: Das Forschungsobjekt „scheint gekennzeichnet durch die Abwesenheit von Qualität – etwas, was man täglich benutzt, das beliebig einsetzbar ist und dem doch keine verbindliche Identität zugesprochen wird.“

Doch, so der Wissenschaftler, „darüber hinaus findet die Tüte Einsatz in anderen Zusammenhängen, zu denen wir mehr emotionale Bindungen herstellen: Als Schutz des Fahrradsattels oder des Hundes vor Regen, zum Schlittenfahren, zum Verstauen von Wäsche, Sportschuhen oder Liebesbriefen, zum Sortieren von Knöpfen und Schrauben über die Verwendung als Sexspielzeug und Bankräuberausrüstung bis hin zur künstlerischen Weiterverarbeitung.“

Damit, so Stüwe, könne die Tüte zum Ausdrucksmittel werden und Botschaften über den Nutzer transportieren, denn „sie verrät eine Menge, z.B. wo jemand einkaufen war – und verbergen gleichzeitig den Inhalt.“ Quintessenz: „Diese Ambivalenz in der Funktion der Tüte wird in der Studie auch auf die Emotionen der Nutzer übertragen. So ist die Tüte einerseits etwas Verführerisches, Sündiges und Sakrales und zugleich etwas Notwendiges und gelegentlich auch Unnötiges. Die Türen können ihrem Verwender einen Charakterspiegel vorhalten, der die eigene Stellung zur Wirklichkeit wie z.B. Beziehungen, Lebenseinstellungen, ökologische Verantwortung, Gruppenzugehörigkeit usw. zum Ausdruck bringen kann.“

Solche Kritik droht Tütenträgern nicht erst seit der Hamburger Meermüll-Ausstellung. Schon in der Ölkrise 1973 startete die junge Öko-Bewegung den ersten Angriff, „Jute statt Plastik“ hieß die Parole. In den achtziger Jahren formte sich der Widerstand gegen das unwillkommene Wohlstandssymbol vor allem in der DDR: Staatsbürger mit Westkontakten wurden aufgefordert, die kapitalistischen Prestigesäcke umzudrehen, damit die dekadenten Werbebotschaften nicht lesbar seien. In den neunziger Jahren weckten wachsende Müllberge ein schärferes Umweltbewusstsein, das sich bald auch gegen die Tüte wandte, Fortschrittliche kehrten zurück zum Papier.

„Die Leute schmeißen viel zu viel weg“, klagt der Passauer Stadtarchivar Richard Schaffer im Einklang mit den Umweltschützern - indes aus ganz anderen Gründen: Seine „Kommunale Medienzentrale“ hütet das größte Plastiktütenarchiv der Welt, jede Woche finden Hunderte Sammelstücke aus allen Erdteilen den weiten Weg in die Dreiflüssestadt.

„Die Plastiktüte ist oft das einzige, was von einem Laden bleibt“, weiß der Archivar. „Wenn jemand nach 20 Jahren nach Passau zurückkehrt, kann er bei uns wieder finden, wie die Geschäftswelt zu seiner Zeit aussah.“ Solche Erinnerungen aber, meinen immer mehr Menschen, können keinesfalls etwa das Leben von jährlich 100.000 Seevögeln, Schildkröten und Meeressäugern wert sein, die allein an den Küsten Australiens durch treibende Plastiktüten umkommen. Das wird auch Sammler Mittendorf einsehen: Seine Leidenschaft hat zwar den angenehmen Effekt, dass ein gewisser Teil der Plastiktüten auf seinem Dachboden und nicht in der Natur landet, aber auf aktuellen Nachschub mit immer neuen, immer moderneren Motiven darf er vielleicht nicht mehr lange hoffen.

 

 

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