„Die Experten mehren sich, die Denker bleiben aus“

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Der Experte, spottete einst der Satiriker Wolfram Weidner, ist „der Mann, der ganz genau erklären kann, warum alles ganz anders gelaufen ist, als er vorhergesagt hat.“ Der Experte im Fußballfernsehen, so wissen wir ebenfalls schon seit langem, macht sich die Sache etwas leichter: Bei ihm lässt sich vorhersagen, dass er immer nur erklärt, was längst gelaufen ist.

Als Kicker zogen sie die Bälle an und pflegten die geniale Steilvorlage. Als Kommentator ziehen sie Flachpässe vor und gehen im Mittelmaß unter, als Mitglied einer Zunft, die den Zuschauer zunehmend nervt: Der rasch wachsenden Gilde jener aktiven und ehemaligen Fußball-Profis, die sich von TV-Sendern gern und für viel Geld als Zeugen in fremder und eigener Sache anheuern lassen, aber statt Info oder Analyse immer nur Banalitäten absondern. Der renommierte Rhetorik-Professor Dr. Methusalem Maulschau von der DFB-eigenen Stiftung „Wider Vielschwätzerei und Verbalmüll“ in Kalau an der Knatter weist nach jahrelangen wissenschaftlichen Beobachtungen sechs Kategorien nach:

Die Wiederkäuer. Vertreter dieser Spezies finden nur schwer einen eigenen Gedanken und plappern deshalb ständig fremde nach. Beispiel: Reporter: „Die Mannschaft hat gut begonnen, dann aber mehrere hochkarätige Chancen ausgelassen und kurz vor Schluss das unglückliche 0:1 hinnehmen müssen. Wie haben Sie das Spiel gesehen?“ Experte: „Nun, die Mannschaft hat ganz gut begonnen, dann aber mehrere hochkarätige Chancen ausgelassen und kurz vor Schluss leider das unglückliche 0:1 kassiert.“

Die Banalpropheten. Sie verkaufen dem Publikum Binsenweisheiten als Prognosen und behalten deshalb natürlich immer Recht. Beispiele: Reporter: „Die Mannschaft geht mit einem 0:2-Rückstand in die Pause, was ist jetzt zu tun?“ Experte: „Nun, sie müssen jetzt mit noch mehr Aggressivität aus der Kabine kommen und stürmen.“ Reporter: „Zusatzfrage! Glauben Sie, dass die Mannschaft noch gewinnen kann?“ Experte: „Nur, wenn sie jetzt endlich Tore macht.“

Die Wischi-Waschi-Weisen. Sie scheuen jede klare Auskunft wie der Teufel das Weihwasser und flüchten lieber in wortreiches Wahrscheinlichkeitsgefasel. Beispiel: Reporter: „Kann unsere Mannschaft dieses schwere Spiel überhaupt noch gewinnen?“ Experte: „Wenn die Abwehr gut steht und der Sturm die Chancen auch wirklich verwertet, ist alles möglich. Ein bisschen Glück gehört natürlich auch dazu.“

Die Ego-Schnacker. Sie gehen auf keine noch so interessante Frage ein, sondern erzählen stattdessen lieber Schwänke aus der eigenen Jugend. Beispiel: Reporter: „Wie konnte er diese klare Torchance vergeben, wurde er unfair behindert oder hat er nur ganz einfach in den Rasen getreten?“ Experte: „Ist mir auch schon passiert, in der E-Jugend vom SV Schlappschuß an der Schlonz, in einem Auswärtsspiel bei den Kleckersdorfer Kickers, da stand es kurz vor Schluss 0:0, und da kam genau so eine Flanke von rechts...“

Die Scherzkekse. Diese Spezies versucht sich interessant zu machen, indem sie Reporterfragen absichtlich missversteht und vermeintlich lustige Antworten darauf gibt. Beispiel: Reporter: „Gibt es noch mehr so schnelle Stürmer bei den Polen?“ Experte: „Polen? Meinen Sie jetzt Nord- oder Südpol?“

Die Zufallshumoristen. Sie sind noch die Unterhaltsamsten der Branche, denn sie liefern, wenn auch unfreiwillig, wenigstens ab und zu einen Lacher – meist gerade dann, wenn sie sich besonders kompetent geben wollen. Klassiker: Andi Möller: „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“ Uwe Seeler: „Das Geheimnis des Fußballs ist ja der Ball.“ Günter Netzer: „Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler!“

„Die Experten mehren sich, die Denker bleiben aus“, klagte die Dichterin Ingeborg Bachmann. Die kannte allerdings Günter Netzer noch nicht. Der kommt aus der intellektuellen Tiefe des Raums, deshalb sind seine Sprüche so klar, präzise und nachvollziehbar wie einst seine Spielzüge. Da können die Jüngeren noch jede Menge lernen!


 

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