„Nur beschränkte Frauen greifen zur List"

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Gontscharow in "Oblomow" über den russischen Salon auf dem Lande: "Unter den Anwesenden herrscht zumeist tiefes Schweigen; man sieht sich ja tagtäglich. Die geistigen Schätze, über die man verfügt, hat man gegenseitig erschöpft und kennt sie in- und auswendig, von auswärts aber treffen nur selten Neuigkeiten ein." Über die Ansichten einer Russin: "Die ganze deutsche Nation hielt sie für ein Volk von patentierten Kleinbürgern, konnte die Derbheit, Selbständigkeit und Geschäftigkeit nicht leiden, mit der die deutsche Masse allüberall ihre in Jahrtausenden erarbeiteten Bürgerrechte, wie etwa eine Kuh ihre Hörner, vorzuweisen pflegt und sie nicht rechtzeitig zu verbergen versteht." Der träge Titelheld sagt: "Nichts kann mich reizen. Die Seele kennt kein Streben, geruhsam schläft der Geist." Über die Ehe heißt es: "Neben einer stolzen, sittsamen, stillen Freundin kann der Gatte unbesorgt schlafen. Er schläft ein in der Gewißheit, daß er beim Aufwachen demselben sanften sympathischen Blick begegnen wird, und nach zwanzig, dreißig Jahren würde er seine eigenen herzlichen Blicke von demselben sanften, stilleuchtenden Strahl der Sympathie in ihrem Auge erwidert finden, und bis an die Bahre!" Außerdem: "So manches Mal hört sich ein Diplomat mit nachlässiger Miene den Ratschlag seiner Frau an, zuckt nur mit den Achseln und schreibt dann in aller Stille seinen Bericht, so wie sie es ihm angeraten hat." - "Ein Herz, welches liebt, hat seine eigene Vernunft." - "Nur mehr oder weniger beschränkte Frauen greifen zur List." - "List ist dasselbe wie kleine Münze, für die man nicht viel kaufen kann." - "In der Liebe wird das Verdienst aber blind und unbewußt erworben, und in dieser Blindheit und Unbewußtheit liegt ja auch das Glück beschlossen." Über die Traurigkeit, die sich beim Grübeln nach dem Sinn des Lebens oft einstellt: "Das ist die Strafe, die man für das Feuer des Prometheus zu zahlen hat! Es genügt nicht, daß du diese Trauer erduldest, du mußt sie auch lieben, mußt die Zweifel und diese Fragen hochhalten; sie sind ein Übermaß sondergleichen, ein Überschäumen des Lebens, und pflegen sich zumeist auf dem Gipfel des Glückes einzustellen, wo es keine groben Wünsche mehr gibt."

Aus dem Nachwort: "Gontscharow hat mit dieser Figur einen weltliterarischen Typ geschaffen. Wie Hamlet das Urbild eines schwankenden, unentschlossenen Zweiflers, Don Quichote das Urbild eines blindlings und emphathisch drauflosstürmenden Narren, Tartuffe des Urbild des raffinierten Heuchlers - so ist Oblomow das Urbild des vollkommenen Nichtstuers, des trägen Träumers, der zum Handeln unfähigen Schlafmütze." Weniger überzeugt die Behauptung am Schluss der im Leipzig der DDR edierten Ausgabe, das "Oblomowtum" sei in der Sowjetunion überwunden; In Wirklichkeit breitete es sich in Gestalt Zehntausender unfähiger und untätiger Funktionäre sogar noch immer weiter aus.

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Jeder Gedanke pflügt eine Furche in das Wissen der Zeit. Die Tiefe bedingt den Wert der Frucht.

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Samuel Barbers "Adagio for Strings" gibt den majestätischen Flug des Albatros wieder, des Nomaden der Meere, den die Legende sogar in der Luft schlafen sieht - ein Kind des Horizonts, das wie seine Kraft aus der Weite schöpft, für ein Leben, das sich ganz der Ferne hingibt und im schließlich schwebend im Unsichtbaren verliert. Das Werk entstand 1936 im Rom als Streichquartett. Die Uraufführung der Orchesterfassung leitete 1938 Arturo Toscanini, und in den sechziger Jahren bearbeitete der Komponist das Adagio noch als Chorwerk, indem er ihm den Text des Agnus Dei unterlegte.

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Die „Deutsche Knigge-Gesellschaft“ verschickt eine „Hitliste der 10 Fettnäpfchen des Jahres“. Auszüge:

1. In der Bahn Taschen und Koffer in den Gang stellen, Nebenplatz mit Aktentasche blockieren.

2. Beim Abbiegen nicht blinken.

3. Textilfehler: „Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss 2 cm aus dem Ärmel schauen, und kurze Arme mit Krawatte sind ein nogo.“

4. Missfallen an Weihnachtsgeschenken äußern.

5. Besteckfehler: „Ein Messer ist kein Bleistift. Dringend Tischsitten updaten!“

6. Betriebsfeier: „Kein Geknutsche mit dem Chef! Klappe halten, nichts ausplaudern, nicht tratschen und nicht am nächsten Tag krankfeiern!“

7. Kindererziehung: „Nicht alles auf die Lehrer abwälzen! Klare Ansagen, Mut zur Konsequenz. Die Verschreibung von Psychopharmaka hat bei Kindern auch in 2012 wieder zugenommen. Das löst keine Erziehungsfehler. Rezept für 2013: Disziplin statt Ritalin!“

8. Emanzipation: „Warum musste Mann eigentlich auch 2012 immer noch die Frauen im Restaurant beschützen, ihnen den Mantel abnehmen, und auf der Treppe hinterher gehen, damit man sie auffangen kann? Starker Mann, schwache Frau? Neandertal war gestern!“

9. Schulmeistern. „Blockwart, Stasi, Oberlehrer: das scheint typisch deutsch zu sein.“ Beispiele: „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen!“ - „Hier raucht man nicht!“

10. Gute Vorsätze. „Ich will abnehmen, nicht mehr lügen und Alkohol meiden! Nicht bis zur Silvesternacht warten. Hier und jetzt anfangen.“

Helvetius: „Gutes Benehmen setzt nur Kenntnis der Umgangsformen voraus, echte Höflichkeit dagegen ein feines, zartes und gewohntes Gefühl des Wohlwollens.“

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Storm, "Am Kamin": "Sie werden mir zugeben, daß, so wie das Bier der Feind, so der Tee der Freund des denkenden Menschen ist."

 

 

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