Grantelnder Versager, beschwipster Schlaffi

Samstag, 22. Dezember 2012

Vor 150 Jahren gab Thomas Nast aus dem pfälzischen Landau, als Sechsjähriger mit den Eltern nach Amerika ausgewandert, dem Weihnachtsmann Gesicht und Gestalt. 

Es ist die erstaunlichste Karriere aller Zeiten: Ein alter Mann mit Bauch und Bart, unmodern, unmotorisiert und unmöglich angezogen, wird zum Mega-Star von Kindern in der ganzen Welt,  bekannter als Michael Jackson, beliebter als die Micky Maus und cooler als der Marlboro-Mann. Er kutschiert durch die eisigen Einöden Sibiriens, saust durch die hitzeflirrenden Wüsten Australiens und klettert in den gleichen komischen Klamotten in Singapur an Wolkenkratzern hoch: Der Weihnachtsmann ist die populärste Persönlichkeit des Planeten, doch über seinen Schöpfer weiß die Welt so viel wie über die Erfinder von Superman, Wasserstoffbombe oder Coca Cola.

Die braune Brause hat viel mit dem weltweiten Siegeszug des kinderfreundlichen Kaminrutschers zu tun, denn eine Coca-Cola-Werbekampagne des Jahres 1931 bringt ihm in den USA den großen Durchbruch. Die Geburt indes dankt der wohlbeleibte Weißbart einem Deutschen: Thomas Nast aus dem pfälzischen Landau, als Sechsjähriger mit den Eltern nach Amerika ausgewandert, gibt dem weißbärtigen Phantasieheiligen 1862 in der US-Illustrierten „Harper`s Bazaar“ Gesicht und Gestalt. 

Auch Nast machte eine weihnachtsmannähnliche Karriere: In der Schule ein Versager, verkauft er schon mit 15 Jahren Zeichnungen an eine New Yorker Wochenzeitung und steigt zum führenden politischen Karikaturisten der USA auf. Er kämpft gegen Rassismus und Korruption und gewinnt die Freundschaft Präsident Theodor Roosevelts, bevor er 1902 als Botschafter in Ekuador an Gelbfieber stirbt.

In Nasts Weihnachtsmann fließen ältere Vorstellungen ein: Der hl. Nikolaus, seit dem Mittelalter Europas großzügiger Gabenbringer, kommt in seiner holländischen Version als „Sinterklaas“ mit Kolonisten von der Nordsee über den Großen Teich – nach ihm heißt der Weihnachtsmann auf Amerikanisch „Santa Claus“. Aus der Folklore Skandinaviens wiederum stammen Schlitten, Rentiere und die fleißigen Zwerge in der weihnachtsmännischen Spielzeugfabrik.

Auf seinem Siegeszug folgt der Erbe von Nikolaus und Christkind dem planetaren Durchmarsch der amerikanischen Populärkultur nach dem Zweiten Weltkrieg: Jeans und Rock’n’Roll, Cinemascope und Fastfood erobern erst Europa und Lateinamerika, dann Fern- und Nahost, jetzt ist auch China dran. Santa Claus marschiert als Reklamefigur des mit Abstand beliebtesten Nichtalkoholdrinks stets in der ersten Reihe. Das Fernsehen verbreitet das sympathische Bild des lächelnden Großvaters mit den roten Bäckchen zwischen Rauschebart und buschigen Brauen bis in die letzten Winkel des Global village.

Zur erfolgreichen Marketingstrategie gehören zudem feste Adressen am Polarkreis, etwa in Grön-, Is- oder Lappland, und regelmäßige Auftritte in Hollywoodfilmen, die Amerikas erfolgreichste Figur laufend weiterentwickeln, am liebsten in Richtung jener braven, ganz normalen Familienväter, die am Weihnachtsabend ihren Kindern zuliebe ins rote Kostüm schlüpfen: Zuletzt war „Santa Claus“ auf der Leinwand auch schon mal als grantelnder Versager oder beschwipster Schlaffi zu sehen.    

 

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