Aus dem Leben der Rotnasen

Samstag, 22. Dezember 2012

Acht Rentiere ziehen den Weihnachtsmann auf seinem Schlitten: Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donder und Blitz. Wie leben sie wirklich? Die Wanderer der weißen Wildnis sind perfekt für das Leben im hohen Norden ausgerüstet: Die Natur gab ihnen Schneeschuhe, Tiefkühlkost und Waffen gegen die Wölfe. Bericht aus der Welt der kurzen Sommer und langen Winter.

Stundenlang gleißt die Sonne auf der schneebedeckten Tundra, dass die Augen tränen, dann fegt ein fürchterlicher Eissturm durch die unwirtliche Welt am Polarkreis, und die Sicht reicht nur noch ein paar Meter weit. Die Kälte dringt durch den dicksten Anorak, ohne das Schneemobil ging es keinen Meter mehr voran, und als die dunklen Wolken endlich weichen, scheint in der weißen Hölle alles Leben erfroren, ist nicht einmal mehr Wolfsgeheul zu hören. Doch dann ertönt plötzlich ein Schnauben, und hinter einer riesigen Schneewehe stapft ein Karibu hervor, und noch eins, und noch eins…

Das Mitzählen würde Tage dauern, denn zu der Herde, die 5000 Kilometer weit durch Alaska und Kanada trabt, gehören mehr als eine halbe Million Tiere – es ist die längste Wanderung von Vierbeinern auf der ganzen Welt. Jeden Frühling ziehen die Karibus auf der Flucht vor den Myriaden Mücken der warmen Taiga hinauf in den kühlen Norden. Und jeden Herbst kämpfen sie sich auf der Flucht vor dem Frost aus der kalten, kahlen Tundra in die schützenden, wärmenden Wälder des Südens zurück. Die Fernwanderer der weißen Wildnis sind perfekt für das Leben im hohen Norden ausgerüstet: Die Natur gab ihnen Schneeschuhe, Tiefkühlnahrung und Waffen gegen die Wölfe.

Gehhilfe: Rentiere lernen früh laufen, ein Kalb steht schon eine Stunde nach der Geburt auf eigenen Füßen und marschiert gleich munter mit. Die breiten, durch eine Spannhaut spreizbaren Hufe sind sehr breit und wirken wie Schneeschuhe. Auch die langen Nebenhufe verhindern das Einsinken, geben zudem in Schlamm und Geröll zusätzliche Trittsicherheit.

Kälteschutz: Das lange Fell aus mit Luft gefüllten Haaren wärmt besser als jeder Parka, die dichte Unterwolle wirkt wie ein Pelz. Damit können die Rener tiefere Temperaturen aushalten als jedes andere Nutztier der Welt. Die Körperwärme bleibt konstant, doch die Beine werden im Winter nur noch auf zehn Grad beheizt – das spart Energie. Rentierkälber können außerdem ihre Wärmeerzeugung etwa bei nassem Wetter rasch um das Fünffache beschleunigen – ein besonders raffinierter Survivaltrick der Natur. Dank dieser ausgeklügelten Biotechnologie bleiben die coolen Crossspezialisten selbst noch bei 50 Grad minus gesund und munter, schaffen es sogar auf die hocharktischen Inseln Spitzbergen und Ellesmere dicht unter der Packeisgrenze.

Frostkost: Rentiere sind äußerst genügsam, rupfen im Sommer alles ab, was ihnen vor die Schnauze kommt. Im Winter buddeln sie mit ihren harten Hufen Flechten, Moose oder Pilze noch aus neunzig Zentimeter tiefem Schnee. Die karge Kost wird perfekt verwertet, besonders von den Weibchen, die im Winter auch noch Babys im Bauch durch den Blizzard bringen, damit es im arktischen Frühling viele kleine Karibu-Kinder gibt. Die tollen dann durch endlose Ebenen voller bunter Blumen: in der Tundra wachsen 760 Blütenpflanzen, 330 Moos- und 250 Flechtenarten.

Abwehrmaßnahmen: Rentiere sind die einzigen Hirsche, bei denen auch die Weibchen Waffen tragen - sehr spitze, stangenförmige und weit verzweigte Geweihe, die auch noch asymmetrisch und unregelmäßig, also nur schwer auszurechnen sind. Eine Augsprosse ist wie eine Schaufel verbreitert und dient als Schutzschild. Und die harten Hufe haben schon manchen Wolfsschädel eingeschlagen. Die größten Hirsche sind 2,20 Meter lange, 140 Meter hohe und 300 Kilo schwere Kraftpakete – arktische Raubtiere wie Wolf, Luchs oder Vielfraß erwischen denn auch nur alte und kranke Exemplare.

Familiensinn: Rene sind ihre eigene Sozialversicherung, halten ganz fest zusammen und leben nach klare Regeln: Streitereien gibt es höchstens mal um die Weibchen, denn jeder Hirsch will seinen Harem zusammenhalten – ein Gebot der Evolution, nach dem nur die Stärksten Nachwuchs in die Welt setzen dürfen. Zur Kommunikation dient ein dumpfes Röhren, die Hörweite erhöht ein aufblasbarer faustgroßer Hautsack als Schallverstärker.

Vier Millionen Rentiere leben wild, drei Millionen zahm in den Tundren Eurasiens, die meisten bei den Samen im Norden Norwegens, Schwedens und Finnlands, doch auch die Hausrener dürfen praktisch das ganze Jahr über frei durch Wälder und Grasebenen schweifen. Die Hirten folgen den Hirschen, binden ihnen Glöckchen an den Hals, um sie leichter zu finden – so entstand wohl die Legende, dass Rentiere wie Rudolf Rotnase dem Weihnachtsmann den Schlitten ziehen. Die nötigen PS hätten sie gewiss! Dass die Nase allerdings wirklich so rot leuchtet wie ein Rücklicht, weil sie so viel wärmende Adern enthält, ist allerdings nur ein Weihnachtsscherz, erdacht von Wissenschaftlern aus Norwegen für eine englische Fachzeitschrift – die Rene kommen auch ohne das bestens zurecht!

Jäger im Hohen Norden

Steinzeit: Die Samen sind Nachfahren von Jägern, Sammlern und Fischern, die seit Ende der Eiszeit vor 10 000 Jahren im Norden Skandinaviens leben. Ihre Sprache gehört zur uralischen Gruppe wie das Finnische und das Ungarische.

Gegenwart: Heute gibt es noch 70 000 Samen: 40 000 in Norwegen, 20 000 in Schweden, 6500 in Finnland und 2000 in Russland.

Zukunft: Die Interessen der Samen vertritt ein 1956 gegründeter Samischer Rat, schon seit 1952 gibt es ein Samisches Radio, aber in Norwegen etwa wurde die Samische Sprache erst 1970 anerkannt. Für die Erhaltung der samischen Sprache und Kultur sorgt seit 2000 ein Samischer Nationalfonds, aber nur noch acht Prozent der Samen leben von der Rentierzucht.


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