Kapitel 50: Der „Prinz zu Oranien“

Sonntag, 23. Dezember 2012
„Im Marinefummel zum Alten Jonas“: Im Binnenhafen an den Butenkajen

Auch ich hatte den apokalyptischen Feuerschein dieser Nacht gesehen, in der Onkel Johnny von seinen gefährlichsten Feinden das Leben gerettet wurde, von Jack, der nichts ahnte, und von Yüan Yüan, und auch ich schlief wenig, oder besser: gar nicht, und daran war ganz allein mein Danny schuld. Denn so oft, viel und lange ich auch mit ihm tanzte, ich wurde kein bisschen müde, obwohl mal wieder ein höchst ereignisreicher Tag hinter mir lag.

  Hamburgs Sommer sind kurz, aber wenn die Nächte doch mal lange hell und warm sind, wenn die Luft so weich wie Watte und der Wind so sanft wie Seide wird, wenn jeder Gedanke Liebe seufzt und jedes Lächeln nach Küssen duftet, dann gibt es ganz bestimmt keine schönere Stadt auf der Welt. Und manchmal erlebt Hamburg schon im Mai eine verzauberte Zeit, da kommt die Sonne von Sizilien angesegelt, und der Mond von Sorrent. Dann prickelt die Luft ins Blut, nicht bloß als Sauerstoff, sondern als Aroma des Lebens, eine betörende, elektrisierende Energie, als sei im Kopf Ebbe und im Herzen Flut. Die Reichen machen ihren Dienstmädchen Avancen, die Bürger Seitensprünge, und die Arbeiter machen ihren Frauen die Bäuche dick. Das junge Leben, vom März enteist und vom April noch nicht trocken, sinkt im Mai zur Natur ins Bett und nimmt Vorschuss auf den Sommer. Wer im Herbst kein Haus hat, baut sich keines mehr, sagt der Dichter – wer im Mai keins hat, pfeift drauf und schläft im Freien.

  Pünktlich um fünf Uhr kam ich in meinem Marinefummel zum Alten Jonas. Der Himmel hatte Gottes blaues Lieblingskleid angezogen. Danny stand in der typischen Mischung aus Spannung und Stolz vor seiner Whippet und lutschte an einer Virginia. Ich schlich mich von hinten, stibitzte ihm die Zigarre und schwupp – schwamm das Ding in der Elbe.

  „He!“ rief Danny. „Die sind teuer!“

  „Ascheimer küsst man nicht“, sagte ich.

  „Ach so. Ja – hm.“ Es war klar, dass er auf der Stelle den Beweis dafür wünschte, aber: Pustekuchen!

  „Prinz von Oranien?“ suchte er sich zu vergewissern.

  „Erst Oma von Finkenwerder“, sagte ich und hockte mich gleich als Käpt’n an die Pinne, so dass ihm nichts übrigblieb, als den Matrosen zu machen. Ich kommandierte ihn tüchtig herum und hatte dabei einen Heidenspaß, warum soll ich es nicht zugeben, ich war ja selber eine Marionette neuer, unbekannter Gefühle. Mein Danny ließ in seiner Verliebtheit auch allerhand mit sich anstellen, denn ich segelte lustig kreuz und quer, und mein Vorschotmann musste ganz schön springen.

  Vor der alten Kate saßen Augustus mit der kleinen Agnes im Garten wie zwei Turteltauben, das heißt, er turtelte und sie ließ sich beturteln, war wohl ein bisschen schüchtern. Mutter Kowalski saß mit Mama und der alten Ridderkerk um eine Kaffeekanne. Sie staunten nicht schlecht, als ich meine Eroberung vorstellte.

  „Wie seid ihr denn hergekommen?“ fragte meine Mutter.

  „Mit unserer Jacht, Frau Mott“, antwortete mein Danny, was ihm einen beachtlichen Sympathievorschuss eintrug. Mütter, zumal in Hamburg, wissen es zu schätzen, wenn ihre Töchter von jungen Herren mit einer Jacht nach Hause gebracht werden.

  Wir setzten uns und ließen uns Kaffee einschenken.

  „Gut siehst du aus, mein Kind“, sagte meine Mutter.

  „Serr gutt“, bestätigte Frau Kowalski.

  Die alte Ridderkerk dampfte genüsslich ihren Knaster. Papa Kowalski jätete Unkraut hinter den Brombeersträuchern. Butterblume, Stiefmütterchen und Steinbrech blühten in voller Pracht, der Schlehdorn schmückte das Land mit einem feinen Brautschleier, auch das gelbe Jakobskreuzkraut zeigte sich schon, und „die Gräben saßen voller Hechte“, wie bei Klaus Mewes.

  Wir plauderten über das Wetter. Meine Mutter hielt die ganze Zeit meine Hand. 

  Später erkundigte sich Augustus so eingehend nach der Jacht, dass Danny sie ihm unbedingt zeigen wollte. Die beiden verschwanden, Frau Kowalski und meine Mutter hatten noch was zu tun, nahmen auch die kleine Agnes mit, und plötzlich saß ich mit der alten Ridderkerk allein – eine günstige Gelegenheit, sie nach etwas zu fragen, was mir schon lange im Kopf herumging: „Wie war das eigentlich damals, mit meinem Vater, Onkel Johnny und Jack?“

  „Wat mienst du, mien Deern?“

  „Ich meine, wie hat das denn alles angefangen, mit den dreien?“

  Die alte Ridderkerk ließ sich nicht lange bitten, denn nichts erquickt das Alter mehr als die Aufmerksamkeit der Jugend. Sie schmökte ein paar Wölkchen in den Himmel und fing an. Ihr Finkwarder Platt war noch breiter als das des Gecko, also gebe ich die Geschichte mal lieber auf Hochdeutsch wieder. Sie ging ungefähr so: „Es waren aber nicht drei, sondern vier, weil, mein Enkel Klaas war auch dabei, der später zur See fuhr. Lange her!  Es gab noch keinen Kaiser und kein Deutsches Reich, und auch noch keinen großen Seehafen in Hamburg, sondern nur die Elbe und die alten, flachen Fleete. Ich wohnte damals noch in so ’nem alten Fischerhäuschen am Kehrwieder, bis die kleinen Buden alle abgerissen wurden, damit die Spekulanten ihre scheußlichen Mietshäuser bauen konnten. Dein Opa wohnte nebenan. Hieß auch Johannes. Jacks Leute zogen aus Bremerhaven zu. Der Vater war Seemann. Die beiden Väter heuerten immer auf demselben Schiff an. Meistens Salpeterfahrt um die Hoorn, die brachte am meisten ein. Sie fuhren aber auch La Plata, Straights von Malakka, Sundasee und Perlfluss. In irgendeinem Sturm vor Sumatra versprachen sie einander, wenn nur einer überlebe, solle er für die Kinder des anderen sorgen. Aber dann blieben beide auf See, mit der „Absalom“, im schlimmsten Taifun des bösen Jahres achtzehnhundertsechsundfünfzig, hundert Meilen vor Surabaya, am elften April.“

  An dieser Stelle bekreuzigte sie sich, wie es damals noch viele alte Leute taten, wenn die Rede auf Gevatter Hein kam.

  „Wenn’s bei dir man so weit ist, Deern, nimm bloß kein’ Fischer oder Seemann“, fügte sie hinzu. „Hier auf Finkwarder steht kein Haus, aus dem die See nicht mindestens einen geholt hat. Und auch drüben in Blankenese, und drunten in Jork, überall an der Küste sind die Friedhöfe voll und die Gräber leer. Die Steine stehen da, aber die Toten sind draußen geblieben.“

  Ich musste an meinen Vater denken und sagte bitter: „Dazu braucht man nicht in die große weite Welt, draufgehen kann man in Hamburg ganz genauso.“

  „Das stimmt“, sagte die alte Ridderkerk und stopfte sich den Knastertopf neu. „Aber es ist doch was anderes, siehst du, wenn ein Mann viele Monate weg ist, und seine Frau freut sich auf das Wiedersehen, und liegt nachts wach, und träumt und hofft und bangt, und malt sich alles aus, das Schöne wie das Schreckliche – und dann kommt der Brief von der Reederei. Bei deinem Großpapa war das auch so. Deiner Großmama brach es das Herz. Dein Papa war noch ganz klein, fast wäre er ins Waisenhaus gekommen, wie Johnny und auch Jack, aber wir Nachbarn haben uns gleich zusammengetan und gekümmert. Ja, es waren vier. Vier Brüder. Aber als sie größer wurden, ging’s doch nicht gut, und daran war Jack schuld, er konnte einfach nicht zurückstecken.“

  „Warum denn zurückstecken?“

  „Ja, siehst du, es war so: Johnny und Jack waren einander sehr ähnlich. Das hat’s ihnen schwer gemacht, Brüder zu sein. Nicht so wie Kain und Abel, mit Gut und Böse allein ist so was ja auch nicht erklärt. Wer ist immer so gut wie Jesus, wer nur böse wie Judas? Johnny hatte mehr Herz, Jack war verbissener, das war der Unterschied. Sie führten die Jungens aus der Nachbarschaft an, ruderten nachts zu den Seeschiffen an den Duckdalben und klauten, was sie in die Finger kriegten, und dann weg, bevor die Wache was merkte…“

  Sie erzählte ein paar solche Stückchen, damit ich den rechten Eindruck bekam, und den bekam ich auch: „Zwei Knaben wilder Art“, wie Schiller von Don Carlos und dem Marquis von Posa sagen lässt, nur nicht ganz so edel, der Kehrwieder war ja auch nicht der Escorial.

  „Jack hat deinem Onkel sogar mal das Leben gerettet“, erzählte die alte Ridderkerk weiter, „sie hatten sich so‘n ollen Türken ausgesucht, fast schon ein Wrack, ich weiß gar nicht, wie der es überhaupt noch mal nach Hamburg geschaffte hatte, er leckte wie ein Sieb, und als sie gerade den Laderaum durchnahmen, brach plötzlich Wasser ein, und Johnny steckte mit dem Stiefel zwischen zwei schweren Kisten fest. Jack war schon oben, kehrte aber um, obwohl kaum noch was zu machen war, im Gegenteil, er musste fürchten, selbst nicht mehr rauszukommen, er hat es aber geschafft, ist mit dem Messer getaucht und hat den Stiefel entzweigesäbelt, und hat Johnny hinter sich hergezogen, der schon halb ersoffen war. Solche Freunde waren das! Aber eines Tages waren Jack ihm gar nicht mehr grün; ich glaube, das war nur wegen der Sache mit dem Namen.“

  „Wieso?“

  „Hat dir dein Vater das nie erzählt? Ja, der arme Freddy war wohl die letzten Jahre nicht mehr so richtig bei … Jedenfalls, dein Onkel heißt Johannes, nicht wahr, und siehst du – Jack auch.“

  „Wie, Jack auch!“

  „Heißt auch Johannes. Mit Taufnamen. Ja, da staunst du. Johannes Mott und Johannes Lendt. Und als die Väter auf See geblieben waren, und kurz darauf die Mütter an ihrem Kummer gestorben waren, und wir Nachbarn uns um die Jungs kümmerten, haben wir ihnen Spitznamen gegeben, um sie besser zu unterscheiden. Dein Onkel wurde Johnny, und der andere Johannes hieß dann Jack.“

  „Und das gefiel ihm nicht?“

  „Es sind ja beides Abkürzungen von Johannes, und der eine Name ist nicht schlechter als der andere, aber Jack war trotzdem irgendwie enttäuscht. Weißt du, Johnny ist die englische Abkürzung, aber Jack kommt ursprünglich aus dem Holländischen, oder Flämischen, und das hat Jack irgendwann spitz gekriegt, und seitdem war’s aus, er konnte uns Holländer nie so recht leiden, deshalb gibt’s jetzt ja auch die Kämpfe auf dem Brook. Freunde sind sie trotzdem geblieben, erst mal jedenfalls, Johnny konnte ja nichts dafür, aber sie waren Rivalen, es konnte ja nur einer der Anführer sein. So lange mein Klaas noch dabei war und immer schön schlichtete, ging alles gut. Aber leider hat er das Quecksilberblut von seinem Vater geerbt, und eines Tages war er auf und davon. Ein paar Monate später kam ein Brief aus Batavia. Das war das letzte Lebenszeichen von ihm. Warte, ich zeige es dir.“

  Sie ging an den Schrank und kramte umständlich wie alle alten Leute, bis sie den Brief gefunden hatte. Die zerfledderten Ecken zeigten, dass sie ihn wohl jeden Tag las und jeden Tag wieder sorgfältig versteckte. „Das ist jetzt über zwanzig Jahre her.“

  Ich nahm das zerknitterte Papier vorsichtig in die Hand. Die Tinte war so verblasst, dass ich nichts entziffern konnte. „Ich kann’s nicht lesen.“

  Oma Ridderkerk schloß die Augen. „Liebe Großmutter, wie geht es dir, mir geht es sehr gut“, rezitierte sie. „Ich bin jetzt in Niederländisch Indien, und es gefällt mir sehr gut...“ So ging es eine Weile. Zum Schluss hieß es: „Vielleicht komme ich bald einmal wieder. Ich hoffe, dir geht es auch gut. Dein lieber Enkel Klaas.“

  Sie erzählte noch etwas: Es gab in unserer Familie eine alte Legende. Angeblich stammten wir von einem der ersten Deichbauer ab, die mit dem Helden Beowulf den wilden Grendel besiegten und deshalb von dem Ungeheuer verflucht wurden. Das sollte zur Zeit Kaiser Karls des Großen geschehen sein, und tatsächlich waren seit jener Zeit immer wieder Vorfahren von mir auf See geblieben, zuletzt auch mein Großvater. Der Fluch sollte erst aufgehoben sein, wenn der Grendel wieder zum Leben erwachte und von einem Nachfahren seiner Feinde gerettet würde. Sollte er aber noch einmal getötet werden, müsse Hamburg untergehen.

  „Hast du von dem Verrückten gehört, den sie den Grendel nennen?“ fragte ich, obwohl ich mit diesen ollen Spökerstorys nie viel am Hut hatte. Bei uns auf dem Brook gab es sie damals zu Dutzenden, zum Beispiel sollten am Holländischen Brook Gespenster in den Kellern umgehen, weil die Häuser auf den Leichenhügeln eines alten Friedhofs standen. Oder dass eine Frau, die bei einem Krämer in der Altstadt jeden Tag Wacholderbeeren kaufte, von neugierigen Straßenjungen dabei beobachtet worden sei, wie sie mit ihrem Einkauf in der Elbe davonschwamm, oder dass auf dem Süllberg nachts Riesen mit Keulen und Nebelkappen herumliefen und dergleichen mehr.

  Die alte Ridderkerk starte mich an. Dann bekreuzigte sie sich. „He is wedder do?“

  „Nein“, sagte ich, „im Siel hat sich so’n Verrückter rumgetrieben, den haben die Leute dann gleich den Grendel genannt.“ Ich erzählte ihr die Geschichte.

  „Er ist es“, sagte sie feierlich auf Hochdeutsch und bekreuzigte sich wieder.

  „Aber nein“, sagte ich beruhigend, „das ist doch nur ein armer Irrer, völlig harmlos. Außerdem hat Onkel Johnny ihn ja gerettet.“

  „He hett ihn ut de Kasematten hollt“, erwiderte die alte Ridderkerk düster. „Aber ob ton Leven oder zum Dootblieven, dat mutt sich noch utwiesen.“

  Bevor ich noch mehr sagten konnte, kamen Danny und Augustus zurück, und mein Angebeteter staunte sehr, als er sah, was sich im Inneren der kleinen Kate verbarg. Ich ließ ihn auch gern staunen, es war ja bei uns nicht wie bei armen Leuten!

  Ich sagte meiner Mutter, dass Danny mich nun wieder zum Brook bringen würde, und sie winkte uns lange nach, aber hinter Maakenwerder bogen wir in den Köhlbrand ab, und hinein ins Vergnügen! Im „Prinz zu Oranien“ riefen Fiedel und Quetschkommode die Ausflügler schon seit Mittag zum Walzer, der Mai guckte aus jedem Zweig, die Fröhlichkeit aus jedem Glas, und der feierlich gestimmte Hamburger Kleinbürger widmete sich herzhaft dem modischen Dreivierteltakt. „Wohrschu för de Mannslüd“ stand über der Tür. Halb verhungerte Schneider umtanzten hoffnungsvoll feiste Köchinnen, und wendige Friseure wiegten linkische Kindermädchen in weltgewandten Armen. Unter den Weinranken der Laubengänge näherten sich grimmbärtige Schuster sanftäugigen Blumenbinderinnen mit weisen Bemerkungen über die Segnungen des Drahtes. Zwischen den übermannshohen Buchsbaumhecken des kleinen Labyrinths flüchteten schüchterne Näherinnen vor den gespitzten Schnurrbärten ungeduldiger Soldaten, aber nur nicht so schnelle! Auf den Bänken der großen Festwiese schmachteten die wetterfesten Bauernmädchen des Nordens nach den zartfingrigen Umarmungen südländischer Zigarrendreher. Es war wie in Büchners „Leonce und Lena“, das damals in unseren Theatern feste gespielt wurde: „Der große Pan schläft, und die ehernen Gestalten träumen im Schatten über den tiefrauschenden Wellen von dem alten Zaubrer Virgil, von Tarantella und Tamburin und tiefen tollen Nächten voll Masken, Fackeln und Gitarren. Ein Lazzaroni! Valerio, ein Lazzaroni! Wir gehen nach Italien.“

  Im gleichen Stück sagt Valerio auch: „Es ist eine schöne Sache um die Natur, sie wäre aber doch noch schöner, wenn es keine Schnaken gäbe.“ Uns war das egal. Am Nebentisch saß schon die neue Zeit, und zwar in Gestalt schneidiger Marineoffiziere mit abgeschorenen Schädeln und auch schon mit den später so genannten „Wilhelmspitzen“ unter der Nase. Sie sangen noch den Achtundvierzigpolka „Komme doch, komme doch, Prinz von Preußen“, erzählten ihre alten Witze tot, bramabarsierten pausenlos über Linienschiffe, Kreuzer und Torpedoboote, vor allem aber über „Seegeltung“, jedes zweite Wort war „famos“, „tadellos“ oder „kolossal“. Sie waren auch kolossal, nämlich kolossal blasiert. Wenn sie die Gläser mit dem „Kartoffelsprit“ hievten, um „den Korpus von innen zu balsamieren“, riefen sie immer „N.d.P!“ Das war damals auch so ein Schnack, bedeutete einfach ‚Na denn Prost’.“

  Ihre Dulcineas hießen Emmy oder Hannchen, stammten aus besten Familien, priesen kennerisch den „ergötzlichen“ Weserstör auf ihren Tellern, waren ganz „fidel“ und fanden alles abwechselnd „wonnig“, „berückend“, „apart“ oder „rasend amüsant“. Ich hätte ihnen gern mal Flirtkonkurrenz gemacht und einen der Verehrer per Glotzverhältnis ausgespannt, nur mal so zum Spaß, aber solche Plänkeleien konnte ich meinem Danny natürlich nicht antun, und so blieb ich brav. Dass diese uniformierten Flunkermeister trotzdem Stielaugen machten, dafür konnte ich ja nichts.

  Die Sonne schien noch immer heiß, das Blut floß immer feuriger, und je mehr starkes Festbier einen Gaumen kühlte, desto heftiger erhitzte es das dazugehörige Herz. Die meisten Gäste huldigten nicht Bacchus, sondern Gambrinus, dem gerstenhaarigen Gott der Deutschen. Überall um uns herum Gegurre und Geflirte und schmachtende Blicke. Ich konnte etwas Zerstreuung gut vertragen, es war einiges zusammengekommen in den vergangenen Tagen. Und Danny war ja so süß! Es tat mir richtig leid, dass ich ihm so die Hucke voll lügen musste, von wegen Modegeschäft am Gänsemarkt und so weiter. Zum Glück gab er es bald auf, mich auszufragen, und zwar gleich nachdem ich ihm klargemacht hatte, dass mich das in die Puppen ödete. Er war ein bisschen mucksig, aber als ich ihn auf sein Lieblingsthema brachte, legte er los, Handel, Wirtschaftsentwicklung, Preise, obwohl die uns ja eigentlich gar nicht interessieren mussten, nachdem er ja als reicher Sohn nicht zahlen musste und ich sowieso alles klaute.

  „Die Kaffeebohnen werden jetzt kandiert, dann bleibt das Aroma länger frisch“, sagte er, wie er es im Physikunterricht auf dem Johanneum gehört hatte. „Das Verfahren hat der große Justus von Liebig entwickelt.“

  „Im Herbst kommt wieder was Neues aus Paris: ein Reifengestell an der Hüfte“, sagte ich, wie ich es in den Modemagazinen gesehen hatte. „Man nennt es ‚Cul de Paris’. Ich würde so was im Leben nicht anziehen!“

  „Ich würde es auch nie von dir verlangen!“ versprach mein Danny eifrig.

  „Das wäre auch noch schöner!“ lachte ich.

  „Meine Frau müsste wirklich nicht jeden Mode-Schnickschnack mitmachen“, meinte er großzügig.

  „Und mein Mann müsste nicht jeden Mode-Schnickschnack bezahlen“, gab ich zurück.

  An den anderen Tischen feierten Leineweber und Putzfrauen, Bürstenbinder und Hökerinnen, Holzhauer, Grobschmiede, Zinngießer, Lumpensammler und Gipsfigurenhändler ihre jeweiligen Sommer-, Lampen- und Bratfischfeste. Sparclubs mit Namen wie „Neihbüdels“ und „Pennschieters“ verjubelten ihre Jahreserträge. Ochsen und Schweine drehten sich am Spieß. Bärenführer kamen mit Affen und Kamelen. Überall brannten Pfeifen und Herzen, kamen Billardkugeln und gute Vorsätze ins Rollen. Der Frohsinn spielte Skat, der Familiensinn Hoppe-Hoppe-Reiter, der Leichtsinn Blinde Kuh und die Kapelle immer wieder den Schlager der Saison:

  „Es kann ja nicht immer so bleiben,

  hier unter dem wechselnden Mond!“

  Die Erdbeerbowle öffnete unsere Herzen und Lippen, bald ging’s um Bücher, Musik und Zukunftsträume. So ungebildet ich war, hatte ich doch wie jedes Dienstmädchen „Nana“ gelesen und geweint. Danny hatte Nietzsches „Morgenröte – Gedanken über moralische Vorurteile“ gelesen und gebebt. Ich hörte gern Brahms’ Ungarische Tänze, die an diesem Abend ebenfalls heftigst gespielt wurden, genauso wie sein schönes Lied „Unter Blüten des Mai’s spielt’ ich mit ihrer Hand“. Danny bevorzugte natürlich Beethoven. Der wurde aber nicht gespielt, stattdessen grölten ein paar Angeschickerte in einer Ecke:

  „Dat Schicksal hett’n groote Kurr,

  Darin we bannig zappeln.

  Drum mok et wie die Fischlein nur,

  Tu schwimmen und nich sabbeln!“

Natürlich sprachen auch wir über die Zukunft, und zwar in den bunten Bildern unserer naiven Erwartungen. Ich wünschte mir ein Häuschen mit Garten und zehn Kinder, er bestand auf einer Stadtvilla mit elegantem Interieur, englischer Dienerschaft und edler Equipage, war es ja wohl auch nicht anders gewohnt. Kein Problem, bekanntlich macht Zuneigung Gemeinsamkeiten zu Riesen und Differenzen zu Zwergen. Die Seelen sangen und die Herzen hüpften. Nach dem dritten Glas durfte Danny mir einen Seuten auf die Wange geben, nach dem fünften einen auf den Mundwinkel.

  Draußen zwischen den Buden stand ein alter Mann mit einer Drehorgel und spielte zum Gaudium der Beglimpsten das wehmütige Lied aus dem „Woyzeck“:

  „Auf der Welt ist kein Bestand,

  Wir müssen alle sterben,

  Das ist uns wohlbekannt.“

  Hurra, riefen die Zuschauer und bewarfen den Alten mit den Pflaumen von ihrem „Aal un Backobst“.

  Wir tanzten wie der Lump am Stecken, Polka, Schottischen, Schnellwalzer, Hornpipe, Green Sleeves, sogar den neuen Walzer „Mondnacht auf der Alster“, es war kein Kuhschwoof wie auf dem Dorf, schon lange hatte ich mich nicht mehr so gut amüsiert – eigentlich noch nie! Es ging mir so wie Jean Paul seine Idoine im „Titan“ sagen lässt, den heute leider auch keiner mehr liest: „Ein beschäftigtes Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäß mit Wasser; man halt' es still, so fließt es über.“ Und als nun die Stunde kam, da nicht nur mein Herz, sondern die ganze Welt stillstand - ich frage euch: Wer will über ein Mädchen richten, das zum ersten Mal die Tiefe der Liebe ertastet, zum ersten Mal mit allen Sinnen fühlt, wozu Gott Mann und Frau schuf? Im Knick sang die Goldammer ihr wehmütiges Nevernevernevermore, die Mitternacht sah uns auf der Elbe, der Mond leuchtete uns zu verwunschenen Inseln, im Norden zwinkerte uns Hans Dünk, der Däumling, vom Mittelstern der Deichsel zu, und die Morgensonne fand uns wie Adam und Eva im Paradies.  Die Elbe ebbte, es klang wie ein ferner Wasserfall. Wind und Wellen wiegten unsere Herzen in eins, und wir wussten, dass uns nur der Tod trennen konnte. Auf den nassen Wiesen schrien die Kiebitze ihr Kiwitt, ein paar Wasserhühner piepten in den Binsen, und eine Kette wilder Enten landete hinter dem Stack.

  Als wir uns aus der letzten Umarmung lösten, hörten wir Glocken, und mir fiel das fromme Gedicht ein, das wir in der Schule lernen mussten:

   "Ihr Herren von Bishorst am Elbestrand,

  Ein Kirchlein zu bauen schenkt uns etwas Land!" -

  "Die Warften hier sind unser eigener Stuhl,

  doch lassen wir gern euch den sumpfigen Pfuhl!"

  "Dort unten? Dort droht uns des Wassers Not!"

  "Umspülen euch Fluten, so ruft euren Gott!"

  Die Elbe aber schwieg.

  Und stieg..."

  Es läuteten aber nicht die versunkenen Glocken von Bishorst, sondern die von St. Gabriel in Haseldorf, dem alten Raubritternest.

  Danny  wollte mich unbedingt seinen Eltern vorstellen, und je mehr ich mich sträubte, desto hitziger bestand er auf seiner Idee, was mir nicht wenig schmeichelte. Ich stimmte aber nur unter allerlei Bedingungen zu. Ins Hotel ging ich allein und ließ ihn schön warten, fast zwei Stunden lang, während ich mich aufpolierte und mein Sonntags-, das bedeutet: mein Kaviarkleid anzog. Es war schon nach drei, als ich wieder zur Jacht getippelt kam, aber Danny war gar nicht böse, sondern sogar sehr froh, er hatte nämlich schon gefürchtet, ich würde ihn versetzen. Er hatte die Zeit genutzt, seinen Freunden klarzumachen, dass er die Nacht mit ihnen auf dem Boot verbracht habe. Wohlgemut schipperte er, denn nun durfte er mal wieder, durch den Niederhafen ins Alsterfleet, wir passierten die neue Schleuse, segelten durch die Binnenalster und unter der Lombardsbrücke hindurch in die Außenalster und legten an der Uhlenhorst an, wo die reichen Leute wohnen.

 

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt