„Das furchtbare Umsonst der Walstatt“

Dienstag, 25. Dezember 2012

Spengler, „Frühzeit der Weltgeschichte“: „Ein Mensch der großen Tat, wie Napoleon, der in Augenblicken einer schweren Entscheidung schwankt und Zweifel hat, erlebt den Punkt, wo das Denken von Ursache und Wirkung sich als wesenlos erweist und das Schicksal sich enthüllt. Dann hilft kein Denken mehr, nur der Instinkt, der Glaube an den Stern.“ - „Der Geist spielt in der Geschichte keine Rolle, nur die Triebe.“ - „Der reife Mensch sieht, wie zufällig, überflüssig seine Art in der Welt ist.“ - „Wenn der Dolch des Brutus Cäsar nicht niedergestoßen hätte, wäre die Geschichte anders geworden. Wenn Newton nie gelebt hätte, hätte sich nichts geändert.“ - „Was an Größe in der Geschichte liegt, sind die mächtigen Leidenschaften von Rassen, von Völkern, Familien und Ständen, von einzelnen. Was sie kosten, Ströme von Blut, den Brand von Städten, Trümmer, ist nicht zu teuer. Und erst, wenn die öde Vernunft aus den Städten überquillt, wie eine schmutzige Flut, mit Menschlichkeit, Friede oder dem Streben, den Pöbelmenschen mit dem Glück der meisten: Bequemlichkeit, Vergnügen, Brot und Bier zu erfüllen, legt sich eine unermessliche Langeweile über die Welt, so dass die Menschen von Leidenschaft in andre Erdteile fliehen, Verbrecher werden, Selbstmord begehen – oder diese Welt in Trümmer schlagen.“ - „Die ursprünglichste Form menschengeschichtlichen Denkens ist in Atlantis und Kasch die religiös-kalendarische Fixierung; groß gedacht hat erst die Heldenkultur: Der Ursprung echten Geschichtsdenkens ist der Ruhm.“ - „Weltgeschichte ist eine große Sage vom Glück und Ende des ikarischen Menschen.“ - „Was Kultur überhaupt und hohe Kultur unterscheidet, ist die Menschengröße, die Höhe und Tiefe von Seele, die am Wollen und am Leiden wächst bis zur Sonnenhöhe der Weltgeschichte im Anbruch des Heldentums. Die großen Kulturen sind ihre Schlachten: die Siege bis zum Abendrot und dann der Blick in das furchtbare Umsonst der Walstatt.“

*

Die Bibel lässt sich so wenig historische Genauigkeit abfordern wie die Oper. Die eine entspringt und dient dem Glauben, die andere dem Gefühl. Beide wurzeln nebeneinander im Zwischenreich an den Grenzen von Himmel und Erde. Und beide sind ungleich älter als der Verstand, der sie fortwährend belehren möchte. Darin liegt eine besondere Ungezogenheit des modernen technisch-wissenschaftlichen Zeitalters, das sich alles zutraut, aber stets mehr Probleme als Lösungen schafft.

*

Britten, "Four Sea Interludes": Im 1.Satz "Dawn" ein Morgen, der schwer auf der Seele lastet und keinen Mut macht, aber doch Kräfte weckt, und seien es Kräfte zum Sterben. Die Meeres-Zwischenspiele aus "Peter Grimes" erinnern an den unerbittlich allerletzten Tag. wir müssen stets bereit sein, ihn zu ertragen. Ein Heldengeschlecht rüstet zur letzten Schlacht. Den wahrhaft Tapferen überwinden weder Niederlage noch Sieg.

*

In seiner Weihnachtspredigt erzählt ein Hamburger Pfarrer von einer Begegnung mit einer Frau, die schon als sehr junges Mädchen viele Jahre lang die kranke Mutter pflegen musste. Das erzeugte in ihr mit der Zeit einen so großen Widerwillen, dass fast Hass daraus wurde und sie immer wieder dachte: „Warum nur hat mir der liebe Gott eine solche Mutter gegeben?“ Als Erwachsene mied sie es, die Mutter zu besuchen, und hielt sich höchstens einmal im Monat für wenige Stunden bei ihr auf. Dann die Nachricht: Die Mutter hat einen Tumor und nur noch drei bis vier Wochen zu leben. Da nimmt die Tochter ihren Jahresurlaub und zieht bei der Mutter ein. Bei der Beerdigung sagt sie zu dem Pfarrer: „Wie bin ich Gott dafür dankbar, dass er mir eine solche Mutter geschenkt hat!“   

*

Hebbel, Tagebücher, Hamburg 1836: „Furchtbar wäre es, wenn das Elixier der Unsterblichkeit noch einmal in künftigen Zeiten erfunden würde. Das wäre zugleich ein Beweis dafür, daß die Toten nie aufstehen können, sie, die Armen, ewig tot!!!!“

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt