Kapitel 51: In der Höhle des Löwen

Mittwoch, 26. Dezember 2012
„Hatte er mir schon einiges von der Prachtvilla seiner Eltern erzählt“: An der Außenalster bei der Fontenay

Unterwegs hatte er mir schon einiges von der Prachtvilla seiner Eltern erzählt, und dabei keineswegs übertrieben, wie ich zugeben musste. Nicht mein Geschmack, aber imposant. Sie lag mit ihrem Riesenturm gleich hinter der Preußischen Gesandtschaft. Ich war auf Dannys Eltern sehr gespannt und memorierte im Geiste meine Begrüßungsfloskeln.

  Wir legten Tamp, Danny half mir kavaliersmäßig auf den Steg und führte mich auf die Veranda. Auch hier alles vom Feinsten: Griechische Säulen mit korinthischen Kapitellen, Rosenspalier, Bronzekandelaber, wie so oft nicht nur in Hamburg waltete hier mehr Geld als Geschmack, alles wollte nicht nur bewundert, sondern angebetet werden, am liebsten kniefällig. Alles tipptopp, denn Personal reichlich vorhanden, Köchin, Kochfrau, erstes Mädchen, zweites Mädchen, Lohndiener, Scheuerfrau, Gärtner, Kutscher, außerdem die Morgenmänner zum Heizen, Schneeschippen, Stiefelputzen und Uhrenstellen, wie sich das für Herrschaften von Stand gehörte.

  Danny rief ein paar Mal nach seinem Daddy, setzte mich in ein Flechtmöbel wie aus Kaisers Garten und zog los, um die Seinen zu suchen. Ich schaute den Bienen zu, die sich über den Rosen tummelten. In den Blüten- mischte sich plötzlich Tabakduft, ich drehte mich um, und hinter mir stand - Jack.

  Ich sprang auf und wollte ausbimsen, einfach über den Gartenzaun auf die Straße, aber im gleichen Moment kam mein Danny zurück und sagte: „Da bist du ja, Papa. Wo ist denn Mama?“ Beides mit vornehmer französischer Betonung auf der zweiten Silbe. Dann nahm mein Liebster Haltung an wie ein preußischer Rekrut vor seinem Feldwebel, räusperte sich ein paar Mal und sagte: „Darf ich bekannt machen? Fräulein Helena Mott. Jack Lendt, mein lieber Papa.“

  Jack verteilte wilde Blicke zwischen mir und seinem Sohn. Ich konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn wütete. Ohne Zweifel hätte er mich am liebsten auf der Stelle abgemurkst. Schließlich gab er sich einen Ruck und trat auf mich zu. Näherte sich mir wie der Wolf dem Lamme. „Über die Maßen erfreut“, knurrte er und streckte die Hand aus.

  „Ganz meinerseits“, erwiderte ich und legte artig die Finger in seine schwarzbehaarte Pranke. Er blickte auf mein Händchen herab, als wolle er es fressen. Dann hob er es leicht empor und ließ formvollendet seinen Schnurrbart darauf niedersausen. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht ohnmächtig umzufallen, so heftig durchzuckte mich die Berührung.

  „Mama schneidet Rosen“, sagte Jack zu seinem Sohn. „Ich werde sie holen, und mich um gleich ein paar Erfrischungen kümmern.“ Er wollte Zeit gewinnen, um sich mit Nell zu besprechen, aber das schaffte er nicht mehr, denn in diesem Moment kam sie auch schon auf die Veranda. Sie starrte mich an, als sähe sie einen Geist.

  „Da bist du ja“, sagte Danny zu ihr. „Mama, das ist Helena. Wir waren heute segeln.“

  „Segeln“, wiederholte Nell und sank in den nächsten Korbsessel.

  „Was ist denn, Mama? Ist dir nicht gut?“ fragte Danny erschrocken.

  „Doch, doch“, sagte Nell matt. „Es ist nur die Hitze. Ich fühle mich plötzlich so schwach.“ Dabei sah sie mich durchdringend an. Sie versuchte meine Gedanken zu lesen, und ich gab ihr mit den Augen beruhigende Zeichen, so gut ich konnte.

  „Ich hole dir ein Glas Wasser“, rief mein Danny und wollte los, aber Jack hatte schon eins vom Tisch genommen und füllte es aus einer Karaffe, in der Eiswürfel klimperten.

  „Danke“, sagte Nell und trank mit kleinen Schlucken. „Aber will unser Gast sich nicht setzen?“ Sie wusste nicht, ob sie Du oder Sie sagen sollte.

  „Bitte sehr, mein Fräulein“, sagte Jack und rückte mir den Stuhl zurecht, den er mir viel lieber über den Kopf gehauen hätte.

  Ich merkte, dass es eine Katastrophe geben würde, wenn wir nicht sofort in die bewährten Gleise konventioneller Höflichkeit fanden, und sagte deshalb schnell: „Vielen Dank, Frau Lendt.“ Das fand ich schon mal schlau von mir. Jack und Nell guckten einander bedeutungsvoll an, dann schob mir Jack energisch den Stuhl in die Kniekehlen.

  „Danke, Herr Lendt“, sagte ich artig und plumpste auf die teuren Seidenkissen, die Jack ganz bestimmt nicht für meinen Allerwertesten angeschafft hatte.

  „Bitte gern“, knirschte der Boss der Brookboys.

  „Möchtest du unserem Gast nicht ein Gläschen Champagner anbieten?“ fragte Nell, allmählich wieder liebende Ehefrau und Mutter.

  „Aber mit dem allergrößten Vergnügen, Liebste“, antwortete Jack, nun ganz der liebende Gatte und Gastgeber. „Wir haben einen vorzüglichen Dom Perignon, aus dem Hause Mercier, der Ihnen sicher munden wird, mein Fräulein.“ Er klang, als würde er heimlich einen Dolch wetzen.

  Ich glaube nicht, dass er wirklich dachte, er könne mir mit Champagner imponieren, es war wohl, um vor seinem Sohn die Form zu waren, aber auf Formen verstand ich mich auch nicht ganz so schlecht, also hob ich in natürlicher Bescheidenheit die Hand und sagte auf gut Hamburgisch: „Aber nicht wegen mir.“

  Ein leichtes Zucken in Jacks Gesicht verriet mir, was er dachte: Na klar nicht wegen dir, du kleine Schlampe, dir würde ich lieber Salzsäure eingießen, es ist aber wegen Danny, und wenn du nicht mitspielst, dreh ich dir den Hals um! Aber das sagte er natürlich nicht, stattdessen lobte er noch einmal seinen Mercier: „Sie wissen nicht, was Ihnen entgeht, Fräulein Helena, ein wirklich formidables Gesöff.“ Das war so der lockere Ton jener Zeiten.

  Ich habe nie viel Alkohol getrunken, aber wenn mir mal danach zumute ist, ziere ich mich nicht lange, und jetzt konnte ich wahrhaftig einen vertragen, also sagte ich generös: „Nun, dann will ich mich nicht länger bitten lassen.“

  Jack guckte mich an wie die Gewitterwolke den letzten kleinen Sonnenstrahl, aber es gelang ihm auch jetzt, sich zu beherrschen. Er zog eine Flasche, die schon in einem Kühler stand, aus dem Eis, köpfte sie und goss uns ein.

  „Du trinkst doch auch ein Schlückchen mit uns, mein Herz?“ fragte er Nell.

  „Wie?“ Verwirrt sah sie ihn an, aus gänzlich anderen Gedanken gerissen.

  „Ein Schlückchen, mein Herz?“ ächzte Jack voller Grimm.

  „Nein danke. Oder doch, ja.“

  „Mir auch, bitte“, sagte Danny.

  „Ja, ja!“ sagte sein Vater im Ton von „Auch das noch!“, goss aber tapfer ein und schaffte es sogar noch, einen Toast auf mich auszubringen: „Auf unseren bezaubernden Gast!“

  Ich dankte mit einem huldvollen Nicken, was Jack innerlich noch mehr auf die Palme brachte, denn er schüttete das Zeug in sich hinein wie ein Verdurstender und schenkte sich sofort nach, er hoffte wohl auf eine beruhigende Wirkung.

  Danny erzählte von unserer Segelpartie, wobei aber natürlich nur die Orte, nicht die Zeiten stimmten. Jack versuchte die ganze Zeit, durch kleine schlaue Zwischenfragen unauffällig herauszukriegen, ob wir etwa schon seit dem Vortag zusammengeblieben seien und was wir in diesem Fall wohl sonst noch getrieben hätten, außer Segeln, aber Danny war bestens präpariert und erzählte von einer spannenden Nachtfahrt zum Nord-Ostseekanal auf dem Boot mit seinen beiden Busenfreunden. Jack und Nell glaubten ihm natürlich kein Wort, konnten das aber nicht offen zeigen. Ich warf ihnen sicherheitshalber noch ein paar Brocken über meine angeblichen Familienverhältnisse hin, wobei aus Schneidern Kaufleute wurden und das Modegeschäft am Gänsemarkt sich zu Dannys Erstaunen als Hauptniederlassung einer Handelsgesellschaft für Damenoberbekleidung mit internationalen Verbindungen entpuppte. Man war ja schließlich auch nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen!

  „Stoffe en gros und en detail, soso“, brummte Jack, erbost über meine schamlose Lügerei. „Ist nicht gerade mein Gebiet. Hab’ ich aber, glaub’ ich, schon mal von gehört. Die Weltfirma Mott. Importiert ihr nicht auch aus China?“

  Fast hätte ich mich verschluckt. Nell griff sofort ein. „Aber Jack!“ sagte sie mit sanftem Tadel. „Es ist Sonntag, da redet man nicht von Geschäften.“

  „Stimmt“, sagte Jack, während er mich weiter mit Blicken traktierte. „Der Tag des Herrn. Da wollen wir mal alle schön fromm sein, nicht wahr? Prosit!“ Er kippte sich wieder das komplette Glas in die Kehle und stand auf, eine neue Flasche zu holen.

  „Schön, dass ihr euch so gut versteht“, sagte mein ahnungsloser Danny erfreut.

  „Was habt ihr beide denn heute noch Schönes vor?“ erkundigte sich Nell bei ihrem Sohn. „Hast du schon deine Schularbeiten gemacht?“

  „Aber Mama“, sagte mein Danny leicht gekränkt wie alle jungen Leute, wenn sie vor anderen auf ihre Kindespflichten hingewiesen werden. „Du weißt doch, dass ich das immer als erstes tue.“

  „Hoffentlich bleibt das auch so“, konnte sich die gute Nell nun doch nicht enthalten zu sagen.

  „Keine Angst, Frau Lendt“, sagte ich. „Ich muss dann auch nach Hause, morgen ist wieder ein strammer Tag.“

  „Ja?“ sagte Jack, der mit einer neuen Buddel zurückkam. „In Ihrem Beruf müssen sich die kleinen Händchen wohl fix ranhalten, wie?“

  „Aber Jack“, tadelte Nell. „Tüchtig arbeiten muss man in jedem Beruf.“

  „Ihr Gatte hat ganz recht“, sagte ich frech. „In unserem Gewerbe ist Fingerfertigkeit durch nichts zu ersetzen.“

  Jack warf mir einen mörderischen Blick zu und rummste die Flasche ins Eis, wie er mir wohl am liebsten ein Messer in die Anatomie gerammt hätte.

  Nach einer Weile musste Danny kurz mal raus, und da ging das Gewitter los.

  „Was soll das?“ fuhr Jack mich an, nur mühsam in Zimmerlautstärke gedrosselt. „Willst du dich bei uns einschleichen? Hat dein Onkel dich geschickt? Lass meinen Jungen in Ruhe. Ich warne dich! Ich hab’ dir schon mal gesagt, dass wir uns in letzter Zeit für meinen Geschmack etwas zu häufig sehen. Das ist jetzt eindeutig einmal zu viel!“

  „Ich kann überhaupt nichts dafür!“ protestierte ich. „Ich hab’ gar nicht gewusst, dass Sie Dannys Vater sind. Wirklich! Ich schwör’s!“

  „Ha!“ sagte Jack. „Das soll dir jemand glauben!“

  „Ich glaub’s“, sagte Nell. „Du hast doch gesehen, dass sie ganz überrascht war, uns hier zu finden.“

  „Schmierentheater!“ schimpfte Jack. „Deine Lügen stinken zehn Meilen gegen den Wind!“

  „Nicht so laut!“ mahnte Nell.

  „Ja glaubst du denn, ich lasse zu, dass unser Danny auf so eine reinfällt?“ fragte Jack zornig, dämpfte aber immerhin seine Stimme. Dafür machte mich dieses „so eine“ dermaßen sauer, dass ich sagte: „Was heißt denn ‚auf so eine reinfällt’, die Frage ist doch erst mal, ob ich mich überhaupt auf Ihren Danny einlasse!“

  Das saß. „Du Teufelsbraten!“ giftete Jack. „Glaubst du, ich schicke meinen Jungen aufs beste Internat, damit er mit einer Diebin herumzieht?“

  „Lass doch“ bat Nell besorgt, „Danny kann jeden Augenblick wieder zurücksein!“

  „Immerhin bringe ich keine Leute um“, versetzte ich.

  „Ach so!“ wütete Jack. „Demnach bist du wohl was Besseres? Was Besseres als ich, und was Besseres als unsere Richter, Anwälte und Gesetzemacher gleich auch noch? Ich will dir mal was sagen: Das Gelichter, das ich kalt gemacht habe, hat wirklich nicht verdient, zu leben, das kannst du mir glauben.“

  „Um Himmels willen, Jack!“ bangte Nell. „Es ist doch nur eine Freundschaft, sie werden sich ja nicht gleich heiraten wollen.“

  „Warum nicht?“ fragte ich in meiner Wut. „Wenn ich ihn will!“

  „Haha!“ machte Jack; es klang nicht wie ein Lachen, sondern wie zwei Pistolenschüsse. „Das wird ja immer schöner. Lustig, was, Nell? Ich mit Danny bei Pastor Mars am Traualtar, dann führt der liebe Johnny die hoffentlich bis dahin immer noch nicht vorbestrafte Braut zu, und am Schluss sitzen wir alle schön bei Tische, du mit Johnny, dem alten Polizistenmörder, und ich vielleicht mit Emma, der Witwe von Opiumfreddy! Eine schöne Feier!“

  Das brachte mich erst recht in Harnisch. „Lassen Sie meinen Vater aus dem Spiel. Und mein Onkel hat keinen Polizisten umgebracht, das wissen Sie ganz genau!“

  „Sieh mal einer an. Was nutzt das aber? Sie werden ihn trotzdem aufhängen, wenn sie ihn erwischen. Ihr wisst ganz genau, wie gefährlich das jetzt alles ist, und dann macht ihr solche Sachen!“

  „Ich hab’ wirklich nicht gewusst, wer Dannys Eltern sind, ich habe ja nicht mal gewusst, dass du einen Sohn hast, Nell. Das kommt auch nur von der Heimlichtuerei!“

  „Was verstehst du denn davon, du kleine Kanaille!“ knurrte Jack.

  „Sie hat aber recht, Jack“, sagte Nell. „Still, da kommt er!“

  Da Jack und ich uns vorgebeugt hatten wie Hund und Katze, wenn sie sich aufeinander stürzen wollen, richteten wir uns rasch wieder auf und machten die unschuldigsten Gesichter.

  „Na, worüber habt ihr gerade gesprochen?“ fragte Danny, während er munter in unser erzwungenes Schweigen trat. „Bestimmt über mich!“

  „Du sagst es“, erwiderte Jack grimmig.

  Trotz seiner Arglosigkeit und penetrant guten Laune konnte es Danny nun doch nicht ganz verborgen bleiben, dass es mit unserer Stimmung nicht zum besten stand, er führte es aber auf eine gewissen Schüchternheit beim ersten Kennenlernen zurück, was von der Wahrheit ungefähr so weit entfernt war wie der Mond von der Kibbeltwiete, und sagte verbindlich: „Vielen Dank, liebe Eltern, aber jetzt muss ich Helena nach Hause bringen. Wenn ihr uns also nunmehr entschuldigen wollt.“

  „Ungern“, sagte Jack sarkastisch.

  „Aber Sie kommen doch bestimmt einmal wieder, mein Kind?“ sagte Nell im exakten Widerspruch zu dem, was sie meinte.

  „Ich denke schon“, erwiderte ich in gleicher Manier und erhob mich. „Vielen Dank für den Champagner.“

  „Dafür nicht!“ brummte Jack. Es war wirklich eine richtige Posse, und ich machte, dass ich wegkam, froh, dass Danny nichts gemerkt hatte.

  „Na, wie findest du meine Eltern?“ fragte min Seuter fröhlich, als wir zum Alten Jonas segelten.

  „Prima Leute“, antwortete ich. „Sie hängen sehr an dir.“

  „Das will ich wohl meinen“, sagte er selbstzufrieden. „Hab’s ja auch nicht anders verdient.“

  „Da hast du recht“, sagte ich ehrlich und gab ihm einen Kuss.

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt