2.Kapitel: Im Palazzo

Mittwoch, 8. August 2012
„Viel zu schade für das faule Pack“: Szene am Kehrwieder 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Ich sah den Mond in dieser Nacht schon ein paar Stunden früher und verfluchte ihn, denn ich klebte wie eine Wanze an einer weiß verputzten Mauer, und auf der Veranda über mir stand der einzige Mann, vor dem ich wirklich Angst hatte. Und das war Jack Lendt. 

  Jetzt bin ich alt, sehr alt, bald sind es hundert Jahre. Damals war ich fünfzehn, und ohne falsche Bescheidenheit, denn wir wollen doch bei der Wahrheit bleiben, möchte ich sagen, dass man mich völlig zu Recht die „schöne Helena“ nannte. Der alte Hauptpastor Hoger Mars von Sankt Katharinen, Gott hab’ ihn schon lange selig, hatte natürlich eine andere Helena im Sinn, als er mich taufte, nämlich die Mutter Konstantins des Großen, die einst ins Heilige Land pilgerte und dort das Kreuz Christi wiederfand. Von der schönen Helena aus der Ilias hörte ich erst viel später, ich bin ja kaum zur Schule gegangen, und wenn mein lieber Mann nicht später Privatlehrer für mich engagiert hätte, wüsste ich bis heute nichts vom Trojanischen Krieg, obwohl der damals ziemlich en vogue war, wegen Schliemann, aber davon hatte ich gar nichts mitbekommen. Mein Thema war nicht der Schatz des Priamos oder was Archäologen aus der Erde buddeln, sondern was betuchte Herren in Rock und Weste mit sich herumtragen. Der einzige Homer, den ich kannte, war ein verrückter schottischer Schiffskoch, der so mit Vornamen hieß und hinter mir her war, erst mit Blümchen und Naschkram, und als er mich dafür nicht haben konnte, mit einem Messer, aber dann hat er nicht mich, sondern sich selber umgebracht, der arme Kerl. Ich bin mit vierzehn noch ein paar Mal zu seinem Grab auf dem Ohlsdorfer Friedhof gepilgert, denn immerhin war er der erste Mann, der in mich verliebt war, jedenfalls soweit ich weiß. Er war auch einer der ersten, der da draußen in der Feldmark auf den Jüngsten Tag wartete, vorher lag der Friedhof vor dem Dammtor, gleich neben dem Zoo, und die Toten wurden von Tigern und Hyänen angebrüllt.

  Ich war jung, aber schon ziemlich fix, darf ich sagen, arme Kinder werden ja schneller erwachsen. Es war eine wilde Zeit, wie immer, wenn eine Stadt groß wird. Die Männer haben gekämpft, und viele sind draufgegangen, die einen für die gute Sache, die anderen für eine schlechte, und die meisten bei uns auf dem Brook.

  Hamburg ist ein Wasserweib, heißt es, äußerlich von marmorkalter Sitte, inwendig aber leichtfertig, lügnerisch und lasterhaft - kühl wie ein Todeskuss und kindlich grausam, lockend, lüstern, mitleidlos und nimmer satt, lebenslustig und zum Sterben schön, zaubermächtig wie die Nacht, nüchtern wie der Morgen und kompromisslos wie der dunkle Engel, aber immer ein Weib. Die Mädchen von St. Pauli sind für die einen Möwen, oder schlimmer, Muränen, und für die anderen verlorene Schäfchen - für mich aber waren sie immer die eingeborenen Töchter der großen Nixe des Nordens, und leicht hätte ich  eine von ihnen werden können, aber das wollte ich so wenig wie Nell, brauchte es auch nicht, denn trotz meiner Jugend war ich schwer auf dem Kiewiev und galt bereits für den besten Diebsfinger der Stadt.

  In dieser Nacht sollte ich für Eddie den Schränker einen Bruch ausbaldowern, in einer protzigen Villa, die wegen ihrer venezianischen Marmorfassade im Volk „Palazzo“ hieß. Ja, da staunt ihr wohl. Wie üblich ließ ich mich bei einem Gartenfest als Aushilfsmamsell anheuern, was immer klappte, denn mit meinem goldblonden Haar unter der weißen Haube sah ich tatsächlich wie der vielzitierte Unschuldsengel aus. Wenn ich Flaschen und Teller durch Haus und Garten balancierte, war immer gut Gelegenheit, sich alles einzuprägen. Ich klaute dann nur, wenn ich gar nicht widerstehen konnte. Im Palazzo ließ ich ein besonders hübsches Medaillon an einem schwarzen Samtband mitgehen. Nun guckt mal nicht so kariert, ihr Lieben, ihr seid doch wahrhaftig alt genug! Außerdem bestahl ich immer nur die Reichen. Die Männer, denen ich Uhren und Geldbörsen abnahm, hatten alle entweder soeben gesündigt, aber nicht mit mir! Oder sie wollten gerade sündigen, natürlich mit mir. So haben sie für die Sünde bezahlt, ohne sie begehen zu können, und ich finde, damit handelte ich zu Gottes Wohlgefallen, denn wie heißt es so schön: Wer einen Sünder bekehrt hat von dem Irrtum seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen.

  Ich hatte meinen Beruf von der Pike auf gelernt, aber ihr müsst euch das nun nicht so vorstellen wie im Roman, mit Fingerübungen an Anziehpuppen mit Glöckchen an den Taschen. Wir sind alle früh abgesengt worden in dem großen Gauner-Alumnat, das der Brook damals war, haben einfach alle schon als kleine Mädchen gewohnheitsmäßig gemopst, am Gemüsekarren, beim Krämer oder auf dem Markt. Ich war eine Ausnahme, aber die anderen lernten das Klauen hauptsächlich bei ihren Alten. Erst holten sie ihnen die Emmchen aus der Tasche, wenn die Jacke am Haken hing, und später frech auch aus der Hosentasche, wenn der Familienvorstand hackevoll im Rosshaarsofa schnarchte.

  Das Landhaus war wie so viele an der Elbe aus den Rippen der Armen gebaut und gehörte Konsul Averdar. Ja, genau der: Jacob Christopher Averdar, da braucht ihr gar nicht die Köpfe zu schütteln. In den Geschichtsbüchern steht er als berühmter Großkaufmann, Reeder und Begründer der Guyana-Company, aber in Wirklichkeit war er vor allem ein gerissener Spekulant, ich muss es so unverblümt sagen, ein echter Manchester-Kapitalist, wie es damals hieß, ein hartherziger Lump, auf den der Spruch passte: Der kann nicht mal einen Hund streicheln. Außen Frack, innen Pack. Unser großer Friedrich Hebbel sagte mal über einen solchen Charakter, er sähe in seiner eigenen Niederträchtigkeit einen Vorzug. Auch außerhalb des Geschäftslebens zeigte der saubere Herr Konsul ein paar üble Gewohnheiten und Neigungen, um das mindeste zu sagen. Er war klein, dick und fast völlig kahl. Ich hatte es schon ein paar Mal auf seine Börse abgesehen, war aber nie richtig an ihn herangekommen, weder in der Oper noch auf der Rennbahn, denn er war flink wie ein Fuchs und misstrauisch wie ein Marder. Mit seinem weißen Bindfadenbart wirkte er wie ein gütiger Großvater, aber schon ein scharfer Blick aus den blassblauen Schweinsaugen jagte seinen Leuten panische Angst ein. Bindfadenbart hieß bei uns der Backenbart, der nur bis zu einer mit dem Bindfaden ausgerichteten Linie zwischen Lippe und unterstem Ohrpunkt getragen werden darf.

  Der Konsul war ein Modepapagei, ein Geier in Pfauenfedern, umnebelte sich auch immer mit so einem widerlich süßlichen Parfüm, obwohl Orient längst aus der Mode war, stank immer wie ein Schwarm Hafenschwalben. ich kann den Geruch bis heute nicht vertragen. Sein Marmorpalast war mit Kunstwerken vollgestopft wie ein Museumskeller, denn wie viele Reiche weihte auch Meister Averdar sein Leben ausschließlich jenen Schätzen, die sich nicht ins Jenseits mitnehmen lassen. Außerdem war er ganz fürchterlich verfressen, verdrückte schon zum Frühstück Dorsch mit doppelter Butter, eine ganze Ente und noch ein Riesenstück Käse zur Flasche Champagner – gut, Bismarck verputzte sogar eine ganze Gans ganz alleine, aber der war ja auch ein Riese.

  Averdar stand mit einem Mann auf der Terrasse, den ebenfalls jeder in Hamburg kannte: Senator Joris Caesar Hartestraat, der Chef der Konservativen Partei. Ein Bild von einem Politiker; hochgewachsen, breitschultrig und stets in edlem Tuch, nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt, mit einem blonden Löwenhaupt. Er war aber besser als ein Löwe, er war ein Dompteur, der im Rathaus ein ganzes Rudel korrupter Raubtiere unter seiner Fuchtel hielt.

  Ich war die ganze Zeit durch Marmor gepest, marmorne Eingangshalle, marmorner Empfangssaal, marmornes Speisezimmer, Marmortreppe zum Garten, gedämpftes Silberlachen zu Champagner, Schmuck unter Kristallkronleuchtern. In Hamburg steht die matte Perlenkette sogar noch über dem glitzernden Brillantcollier. Rascheln von Seide und Atlas. Hamburgs Hautevolee. Zu nackten Damenrücken passt in diesen Kreisen nur die steife Hemdbrust. Ich hatte fleißig den Stilton-Käse in seiner feuchten Serviette herumgetragen, und die Mockturtlesoup, und dann sogar, welche Ehre, den plât de ménage mit Öl und Essig, Senf und Pfeffer, damit der Hausherr die Salatsoße anmachen konnte, was vornehmerweise nicht in der Küche, sondern bei Tisch zu geschehen hatte. Es gab auch schon einen Speiselift. Und als ich es geschafft hatte, mich ins Büro zu verlaufen, konnte ich auch den gewaltigen Panzerschrank in Augenschein nehmen, natürlich ein Arnheim, aber extraschwer. Praktisch alle großen Hamburger Kaufleute hatten damals so ein Ding, die Remmingtons kamen erst später auf.

  Als ich die Trinkgelder eingesackt hatte - damals bekamen Dienstboten, die in Hamburg „bei Herrschaften“ waren, üblicherweise keinen Lohn, sondern lebten von der Laune der Gäste -, ging ich wie von ungefähr noch durch den kleinen Garten hinter dem Haus, weil ich dort ein kleines Fenster bemerkt hatte, das nicht vergittert war. Als ich unter der Terrasse vorüberschlich, hörte ich oben reden, und  als ich verstand, dass es um den Brook ging, stemmte ich natürlich sofort die Hufe ein. Der Mond stand so, dass ich die Schatten der zwei Männer sehen konnte.

  „Sehen Sie, Senator, dort drüben, dort sitzt der Brook wie ein Pfropfen in der Aorta“, sagte der Konsul. „Wie ein Geschwür, das man schnellstens herausschneiden muss. Dabei ist das ein Sahnestück. Viel zu schade für das faule Pack. Genau dort gehört der Freihafen hin! Dort müssen Speicher gebaut werden, Schuppen und Kais, Fabriken, Werften und Eisenbahnschienen, die ganze moderne Industrie, und nicht irgendwelche heruntergekommenen Mietshäuser. Hamburg kann es sich wirklich nicht länger leisten, seine besten Lagen dem Proletariat zu überlassen – ganz abgesehen davon, dass man diese Behausungen gar nicht  menschenwürdig nennen kann. Es ist ja wohl bezeichnend, was der große Robert Koch über unsere stolze Stadt gesagt hat: Er habe noch nie solche ungesunden Wohnstätten, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen, er vergesse, dass er sich in Europa befinde. Wollen wir das wirklich auf uns sitzen lassen? Es sind Rattenlöcher, oft hausen zehn oder zwölf Menschen in einem einzigen Raum ohne Fenster und Ofen. Unsägliche hygienische Verhältnisse, dazu alle Arten von Verbrechen, ein Pfuhl aus Laster, Dreck und Not!“

  „Robert Koch besichtigte die Gängeviertel in der Altstadt, nicht den Brook“, sagte der Senator etwas ärgerlich, da gerade die schlimmsten Elendsquartiere dem Konsul selber gehörten. Auch ich hatte natürlich mitbekommen, dass der Senat einen Freihafen plante, aber mir war das herzlich egal, Politik interessierte mich damals ja nicht die Bohne. Später, als ich zur Gesellschaft gehörte, die man die gute Gesellschaft nennt, obwohl sie keineswegs eine Gesellschaft der Guten darstellt, habe ich mit Hartestraat noch manches Mal über diese Zeiten gesprochen und dabei so manches erfahren, was nie in den Zeitungen stand. Hier nur so viel: Selbstverständlich pochte Hamburgs Kaufmannschaft energisch auf ihre geschäftsfördernden Zoll- und Handelsfreiheiten und wollte sich dafür sogar mit den Preußen anlegen, aber einige besonnene Senatoren meinten, wenn Berlin Rom sei und Hamburg Karthago, wäre der Ausgang unschwer vorherzusagen. Bismarck machte erst Druck und dann viele Millionen Mark locker. Der Zollanschlussvertrag lag bereits vor, Abgesandte des Senats verhandelten noch weiter und die Bürgerschaft wollte in ein paar Wochen abstimmen. Aber wo genau der Freihafen schließlich gebaut werden sollte, diese Entscheidung sollte erst später fallen. Es konnte der Brook sein, der offiziell Großer Grasbrook hieß, oder der Kleine Grasbrook am anderen Ufer der Norderelbe, auf dem schon die Holzhäfen und der Petroleumhafen lagen, oder auch eine der anderen Inseln im Strom, die Große Veddel, auf der damals noch wunderschöne Eichen und Buchen wuchsen, Steinwerder mit den großen Werften, die mit ihren Schiffsskeletten von weitem wie Walfischfriedhöfe aussahen, oder sogar Waltershof, wo zwischen den Windmühlen Milchkühe muhten.

  „Außerdem reden wir hier nicht über ein paar Proleten, sondern über fünfundzwanzigtausend Menschen, darunter sehr viele sehr nützliche Hafenarbeiter, die möglichst kurze Wege haben müssen“, sagte Senator Hartestraat. „Wo sollen die denn dann wohnen?“

  „Wir werden etwas für sie bauen müssen“, sagte der Konsul, und ich kann mir gut vorstellen, dass er sich dabei die Hände rieb.

  In diesem Augenblick hörte ich eine Kutsche von der Elbchaussee vorfahren. Wenn ich gewusst hätte, wer da kam, hätte ich mich natürlich schnellstens verdrückt, so aber lauschte ich weiter, bis Konsul Averdar plötzlich in seiner dröhnenden Jovialität sagte: „Da sind Sie ja, Jack.“ Und zu Hartestraat: „Mein sehr geschätzter Geschäftspartner Jack Lendt.“

  „Angenehm“, floskelte der Senator, mir aber fuhr der Schreck in die Glieder, denn so viel war gleich klar: Hier ging es um sehr viel Geld, und wenn es dort oben jetzt jemanden einfiel, etwas zu sagen, was kein fremdes Ohr hören sollte, dann wurde es lebensgefährlich. Jack, wie ich ihn schon von hier an nennen will, obwohl wir uns erst kurz darauf persönlich kennenlernten, war ja nicht Big Boss auf dem Brook, weil er etwa zimperlich war. Man lebte damals nicht lange, wenn man etwas wusste, was man nicht wissen sollte. Verräter, so hieß es ziemlich gruselig, pflegte Jack im Gaswerk persönlich in den Ofen zu schieben.

  Jack Lendt, König der Slums auf dem Brook! Seine Stimme war so kalt und dunkel wie der ganze Mann, ich hätte sie aus Tausenden herausgehört. Er hatte eine Kanzlei als Notar, natürlich nur zur Tarnung. Groß, schlank, schwarzhaarig, mit einem starken Schnurrbart, gepflegt, teuer gekleidet, immer wie aus dem Ei gepellt. Sein Herz war aus tausendjährigem Eis. Er fürchtete nichts, setzte immer auf sich selbst, war stark und gewandt, mit Augen grau wie Erz und manchmal schwarz wie die Winternacht auf der Polarsee. Wenn Johnny mich immer an einen Leoparden denken ließ, war Jack ein Wolf, aber nicht wie ein Wolf aus dem Zoo, oder dem Wald, sondern wie der aus der Mythologie, der Fenriswolf, der mit Göttern kämpft. Auch Jack war schön, und Frauen gefährlich, mit seinen breiten Schultern und schmalen Hüften und seiner Geschmeidigkeit, seinen eleganten Manieren, seinem dämonischen Lächeln – ein Sukkubus, wie er in den Heiligenlegenden leibt und lebt. Ich weiß sehr wohl, was die Mädchen von ihm träumten. Er war ein Engel der Finsternis, der eine andere Welt wünscht, eine Welt der Starken, der Kämpfe, und er glaubte nur an das Gesetz des Tu-was-du-willst. Wenn er trank, neigte er zu kleinen Grausamkeiten, war er nüchtern, beging er die großen, und es kam gewiss mehr als einmal vor, dass er am gleichen Tag ein Herz und einen Hals brach. Die Frauen, die ihn kannten, ich meine, wirklich kannten, die fürchteten sich alle vor ihm – aber nicht Nell, und die kannte ihn am besten, o ja.

  Ich stand also da und hoffte inständig, dass die drei oben auf der Terrasse nur Belangloses reden würden, aber dazu war Jack nun leider gerade nicht gekommen. Es ging nämlich um nicht weniger als um die Idee, dass er in die Politik gehen sollte. Ich konnte es kaum glauben. Der Anführer der schlimmsten Verbrecherbande sollte in die Bürgerschaft, in den Senat, vielleicht sogar in den Reichstag nach Berlin? Ich wusste natürlich auch schon eine ganze Weile, dass nicht nur diejenigen ins Gefängnis gehören, nach denen die Polizei sucht, und dass man auch mit Gesetzen Leute umbringen kann - aber ein Oberganove wie Jack Lendt in einem politischen Amt? Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen.

  „Ich weiß gar nicht, ob ich das will“, sagte Jack, nachdem er sich den Senator angehört hatte. „Was soll ich in der Quasselbude?“ Ein Scharren verriet mir, dass er einen Stiefel in das Filigran des vergoldeten Gußeisengeländers gesetzt hatte, und ich presste mich noch enger an die Wand. Verfluchter Mond, du stehst so stille, schoss es mir durch den Kopf, weil der gelbe Himmelskäse so rücksichtslos auf mich herunterstrahlte.

  „Das wissen wir, Jack“, sagte der Konsul. „Aber als Abgeordneter können Sie doch so oft in Ihrem Wahlkreis sein, wie Sie möchten.“

  „Als hamburgischer Notar“, fügte der Senator hinzu.

  „Es genügt völlig, wenn Sie sich alle paar Wochen mal in die Eisenbahn setzen und nach Berlin gondeln“, sagte der Konsul. Ich hörte ein Pochen, und dann einen heiseren Vogelschrei, und da fiel mir ein, dass auf der Terrasse eine große Voliere stand. Ihren einzigen Bewohner habe ich später auch aus der Nähe gesehen. Es war ein Harpyenadler, der in der Kronenregion der Amazonaswälder Affen jagt. Er sollte wohl so etwas wie einen Wappenvogel der Guyana-Company vorstellen. 

  „Und wenn wir das Wahlrecht geändert haben, können Sie mit den entsprechenden politischen Erfahrungen durchaus Justizsenator werden, Jack“, sagte Konsul Averdar. „Sie haben eine große Karriere vor sich. Aber wir müssen sie sorgfältig planen, denn Sie gehören leider keiner unserer alten hamburgischen Familien an, und die Erbgesessenen geben ihre Geburtsrechte ungern auf.“

  Fast hätte ich aufgelacht. Jack und Justizsenator! Was oben inzwischen geschah, weiß ich ebenfalls von Hartestraat; ich hörte nur das Quieken: Der Konsul griff  in einen Korb und holte eine Ratte heraus. Sie wehrte sich und wand sich, konnte ihren Mörder aber nicht beißen, denn ihre Schnauze war mit Draht umwickelt.

  „In Guyana lebt dieser prächtige Vogel von Affenfleisch“, sagte der Konsul. „Es sieht zuweilen recht grotesk aus, wenn er so einen kleinen Kletterer vom Ast gepflückt hat. Man könnte denken, er hätte ein kleines Kind erwischt. Nun, mit Affen kann ich ihn hier natürlich nicht füttern, aber diese Tierchen hier haben ja ebenfalls etwas Menschenähnliches, finden Sie nicht?“

  „Das größte Problem sind die verdammten Ausländer“, sagte Jack. „Vor allem die Polacken haben alle mögliche Flausen im Kopf. Wasserleitungen, Gas, Straßenbeleuchtung, Krankenhäuser, Schulen.“

  „Fegen Sie das Gesindel doch einfach weg“, sagte der Konsul blank.

  „Die Wollkämmerei liegt nicht auf Hamburger Gebiet“, sagte Jack. „Und die Preußen kümmert es einen Dreck, was aus den Leuten wird, Hauptsache, sie rackern wie die Mais-Eber.“

  „Die Ratten werden auch immer zahlreicher“, bemerkte der Konsul. Ich hörte das Tier immer wieder quieken und konnte mir vorstellen, wie es um sein Leben kämpfte, doch die sorgfältig manikürten Hände unter den blütenweißen Hemdsärmeln beherrschten einen überraschend harten Griff. „Aber Miete, nein, Miete wollen sie nicht zahlen, diese Kommunisten, die uns, ihre Wohltäter, am liebsten aufhängen würden...“

  Ein letztes Quieken, dann hatte der Harpyenadler seine Beute bekommen. 

  „...wenn sie könnten“, vollendete der Konsul. „Aber sie können nicht. Adler fressen Ratten, nicht umgekehrt. Übrigens wird Wilhelmsburg vielleicht bald zu Hamburg gehören, und bis dahin müssen wir das Geschmeiß endgültig los sein.“

  Ich hatte meine Haltung ein wenig gelockert, da ertönte aus dem Wald hinter dem Garten plötzlich ein lautes Knacken. Ich presste mich wieder dicht an die Wand und sah entsetzt, wie sich der dritte Schatten bewegte.

  „Ein Reh“, sagte der Konsul beruhigend. „Seit am Elbhang nicht mehr gejagt werden darf, vermehren sie sich wie die Karnickel. Früher habe ich sie von hier oben abgeknallt.“

  „Rehe?“ fragte Jack. Ich konnte an der Stimme hören, dass er sich über die Brüstung beugte. Zu ihm aufzusehen wagte ich nicht.

  „Wir zählen auf Sie, Jack“, sagte der Konsul. „Räumen Sie auf, säubern Sie den Brook von den Sozialisten, sonst spuckt Bebel uns in die Suppe!“

  „Um den werde ich mich schon kümmern“, sagte Jack. „Halten Sie mir nur Bulldog vom Hals.“

  Atemlos starrte ich auf Jacks bedrohlichen Schatten.

  „Darüber wollte ich gerade mit Ihnen reden“, sagte der Senator. „Der Erste Polizeiherr besitzt durch anonyme Mittteilung Kenntnis von einer ziemlich bedenklichen Sache. Angeblich planen irgendwelche Unruhestifter bei Ihnen auf dem Brook Gewalttätigkeiten gegen ausländische Mitbürger. Haben Sie davon gehört?“

   „Bei uns tummeln sich alle möglichen Völkerstämme, da bleiben Konflikte nicht aus“, sagte Jack.

   „Wenn es dort Unruhen gibt, werden sie von den Ausländern selbst angestiftet“, sagte der Konsul, „oder von den verflixten Kommunisten, aus Russland, Polen oder von sonst woher. Um die sollten Sie sich als erstes kümmern, Jack.“

  „Bin schon dabei“, sagte Jack.

  „Recht so“, sagte der Konsul. „Verlieren Sie keine Zeit. Und das mit Ihrer Kandidatur...“

  „Überleg’ ich mir noch.“

  „Tun Sie das“, sagte der Senator. „Sprechen Sie mit niemandem über dieses Treffen. Und was immer Sie künftig tun: Ihr Name darf nicht mit den falschen Ereignissen in Verbindung gebracht werden. Die Zeitungen machen mehr politische Karrieren kaputt als alle politischen Parteien zusammen.“

  Endlich floss Jacks Schatten wieder zurück und ich konnte Luft holen – erst recht, als ich hörte, dass er sich schon wieder verabschiedete. Als er gegangen war, sagte der Senator: „Der traut sich ja ziemlich viel zu.“

  „Was er sagt, das macht er auch“, sagte der Konsul.

  „Ich weiß trotzdem nicht, ob er der richtige Mann für uns ist“, sagte der Senator. „Womöglich treiben wir den Teufel mit dem Beelzebub aus.“

  „Jack läßt sich von keinem an die Nasenspitze fassen. In harten Zeiten braucht man eine harte Hand“

  „Aber nicht unbedingt eine, an der Blut klebt.“

  „Was kümmert es Sie denn, wenn Verbrecher andere Verbrecher umbringen?“ fragte der Konsul. „Es entlastet immerhin die Staatskasse von Gerichts- und Gefängniskosten.“

  Der Senator lachte freudlos. „Ich will ja gern glauben, dass Ihr Freund in der Lage ist, auf dem Brook die Stimmen zu holen, die wir brauchen“, sagte er dann.  „Aber sobald er mit der Polizei zu tun bekommt, ist der Fall für uns natürlich erledigt, das verstehen Sie wohl. Es gibt ja doch schon eine Akte...“

  „Eine Akte?“

  „Wussten Sie das nicht? Ihr Jack war doch angeblich mit diesem Polizistenmörder zusammen, der seitdem verschwunden ist, wie hieß er doch gleich?“

  „Keine Ahnung.“

  Nun lauschte ich natürlich noch gespannter weiter.

  „Mott“, sagte der Senator, als sei es ihm eben wieder eingefallen. „Johannes Mott. Alias Kehrwieder-Johnny.“

  „Ja, jetzt  erinnere ich mich, ganz dunkel“, sagte der Konsul. „Mit Mord hat unser Freund gewiss nichts zu tun.“

  „Es konnte ihm jedenfalls nichts nachgewiesen werden.“

  „Na, na, lieber Senator! Das lassen Sie unseren guten Jack aber nicht hören! Er ist gewiss kein Kind von Traurigkeit, das will ich gern zugeben - sonst hätte er es auf dem Brook ja auch kaum so weit bringen können, dass er uns jetzt von Nutzen wäre. Aber Mord – ich bitte Sie! Dieser Mott war ein ziemlich übles Subjekt. Ein Gauner, chronischer Unruhestifter und Messerstecher.“

  Ich traute meinen Ohren kaum.

  „Um so ungünstiger dürfte es wirken, wenn der Wählerschaft bekannt wird, dass Ihr Mann mit einem solchen Subjekt befreundet war“, sagte der Senator.

  Subjekt? Aus unserer Familie? Was sagten die da? Mir fiel ein, dass die Leute um mich herum, aus dem Milieu, früher oft so merkwürdig redeten, wenn ich klauen ging. Manche behandelten mich direkt ehrerbietig, als sei ich eine Prinzessin von uraltem Unterweltadel, andere sahen mich mitleidig an und sagten Sachen wie „Wenn dein Onkel hier wäre, müsstet ihr nicht in so einer Drecksbude hausen“. Aber was für ein Onkel das sein sollte, sagte mir keiner, auch meine Eltern nicht; die seufzten immer nur, guckten zur Decke und sagten, der sei ja schon langer vor meiner Geburt gestorben, und außerdem solle ich nicht alles glauben, was die Leute so sagten. Und als ich vierzehn war, hörten die Redereien auf, weil die Leute wohl sahen, dass ich kein Kind mehr war, und fürchteten, ich könne sie was fragen.

  Und jetzt, unter den Balkon des Palazzo, hörte ich plötzlich, und zwar immerhin von einem Senator und einem Konsul, dass es da wirklich so ein geheimnisvolles Familienmitglied gab. Einen Kerl, über den viele Leute was wussten und noch mehr Leute lieber die Klappe hielten.

  „Der Brook hat seine eigene Moral“, sagte der Konsul. „In den Slums richten sich die Menschen weder nach Gottes Geboten noch nach Ihren Gesetzen, Herr Senator, sondern dort hat ganz einfach der Stärkere Recht, wie im Urwald. Auch deshalb muss das Kroppzeug möglichst bald verschwinden. Sie können nicht auf Dauer einen Zustand der Gesetzlosigkeit tolerieren.“

  Der Senator war noch nicht zufrieden: „Und wenn dieser Kehrwieder-Kerl noch am Leben ist?“

  Das fuhr mir wie Feuer ins Blut. Gab es diesen geheimnisvollen Onkel etwa noch? Nicht nur in dunkler Vergangenheit, als düsteres Familiengeheimnis, sondern heute, leibhaftig?

  „Ausgeschlossen“, sagte der Konsul. „Der ist so tot wie Störtebeker, sogar noch toter, von Störtebeker gibt’s ja wenigstens noch ein paar Geschichten.“ 

  „Die Leiche wurde nie gefunden“, gab der Senator zu bedenken.

  „Den Kerl haben die Fische gefressen“, sagte Averdar.

  Sonst hätte er ja wohl auch irgendwann mal von sich hören lassen, dachte ich, denn wenn es tatsächlich so war, wie ich es mir jetzt zusammenreimte, waren wir seine Familie! Doch Hartestraat gab sich immer noch nicht zufrieden. „Zeugen für sein Ableben gibt es ebenfalls nicht.“

  „Ich bitte Sie!“ sagte der Konsul. „Ein Mord an einem Constabler, begangen von einem Verbrecher, der ganz sicher Komplizen hatte – die werden sich ja wohl kaum bei der Polizei melden!“

  „Vielleicht ist der Mann aber gar nicht in der Elbe ertrunken, sondern hat es auf ein Schiff geschafft und sitzt jetzt irgendwo in Amerika, wo ihn keiner kennt. Was ist, wenn er wiederkehrt? Wenn ihn das Heimweh plagt? Wenn wir ihn erwischen und er vor Gericht kommt?  Dann kocht alles hoch. Er könnte viel erzählen, um den Hals zu retten.“

  „Der kommt nicht“, sagte der Konsul überzeugt. „Wenn er wirklich entwischt wäre, würde Jack das wissen.“

  „Aber würde er es uns auch sagen?“

  „Warum nicht? Wenn er Justizsenator werden will, kann es nur hilfreich sein, wenn er zur Aufklärung eines Polizistenmords beträgt.“

  Es folgte eine kleine Pause, und dann klopfte mir das Herz wieder bis zum Hals, denn der Senator sagte: „Es gibt aber solche Gerüchte, Herr Konsul. Der Erste Polizeiherr hat mir erst vor kurzem berichtet, der Mann sei in China gesehen worden. In Schanghai.“

  „Ach?“ sagte der Konsul überrascht. „Die Leute reden viel, so ein Polizistenmord passiert ja auch nicht alle Tage. Mott ist tot, verlassen Sie sich darauf. So tot wie diese Ratte.“

  Selber Ratte! dachte ich wütend.

  Als sie endlich wieder hineingingen, schlich ich durch die englischen Rosen davon. Am liebsten hätte ich gleich alles brühwarm meinen Eltern erzählt, aber ich hatte noch nichts rechtes geangelt und so fuhr ich mit der Pferdebahn nach St.Pauli.  

  Auf dem Hamburger Berg war die Nacht noch lange nicht zu Ende. Ich musste ziemlich lange auf einen guten Griff warten, denn überall schwirrten Krimscher in Zivil herum, schließlich war es Freitagabend, bei uns die Zeit der Völkerschlacht, für unsere Opfer Waterloo. In den winkeligen Gassen um den Spielbudenplatz zogen grölende Matrosen: „Komm ich einmal an Land, / Hab’ ich meine Freiheit wieder; / Geh’ ich nicht mehr zur See, / Die See ist mir zuwider!“ Aus den Schänken klangen Schifferklaviere, vor den Freudenhäusern rückten Rotlichtdohlen ihre Reize in begierige Blicke, Kinder fischten nach Zigarrenstummeln, und an den Ecken plärrten falsche Blinde ihre erlogenen Betteltragödien in die Menge. Die Hefe des Volkes in nächtlicher Gärung. In den schmalen Seitenstraßen wurde es bereits gefährlich, in halbschattigen Hauseingängen lauerten hartgesichtigen Nachtraben auf Betrunkene, die der Blasendruck aus dem Lichtkreis der Gaslaternen trieb, und diese finsteren Kerls waren jederzeit bereit, für eine Brieftasche oder eine goldene Uhr einen Schädel einzuschlagen. „Sie stellen eine neue Menschengattung dar“, schrieb Jack London ein paar Jahre später über die Londoner Ausgabe dieser „People of the Abyss“, „Straßen und Häuser, Gassen und Höfe sind ihr Jagdgebiet, so wie einst Berg und Tal, Wald und Feld den wilden Naturvölkern als Jagdgrund dienten. Der Slum ist ihr Dschungel, in dem sie leben und rauben.“ Passte genau.

  Erst lange nach Mitternacht kam ich im „Trichter“ endlich zwischen zwei hoffnungslustigen Schummerspechten zum Zuge, die mir sauren Paul bestellten, bis ich mich mal für kleine Mädchen zurückzog und mit zwei Uhren durch den Hintereingang verschwand. 

  Nun konnte ich endlich nach Hause und blickte hinunter auf die Stadt, die schon immer die meine war und bleiben wird, auch wenn ich tot bin, denn meine Gebeine werden in Hamburgs Erde modern; blickte auf die Lichter, es schlug drei Uhr wie in dem herrlichen Kantussen-Kaleidoskop „Poggfred“, in dem Liliencron das nächtliche Hamburg so treffend „die Stadt der lieben guten frommen Beefsteakvertilger und der gefüllten Kassen“ nennt, und ich sah von der Elbhöhe die brennende Dreimastbark. Sie lief vor beiden Untermarssegeln mit gereffter Fock. Fasziniert schaute ich zu, bis die Hafenfeuerwehr die Flammen niedergespritzt hatte. Bald sollte ich erfahren, wer da den Klabautermann gespielt hatte.

  Als ich nach Hause kam, waren meine Eltern natürlich längst weggedämmert, Vadder mal wieder im Opiumrausch, meine Mutter wie immer in völliger Erschöpfung. Ich fand lange keinen Schlaf, vor allem wegen dieses obskuren Onkels, den ich mir aus irgendeinem kindischen Grund mit Tropenhelm und langem Bart zwischen lauter Kulis mit spitzen Hüten vorstellte, und ein bisschen auch, weil ich grübelte, was dieser Freihafen für uns bedeutete. Ich war eine tüchtige Haubenelster, aber die Hehler zahlten lausig, oft kaum ein Zwanzigstel des Wertes. Opium war teuer, und mehr Miete als für diese miese Bude konnten wir kaum aufbringen.

  Erst als der Morgen graute, schlief ich endlich ein. Am späten Vormittag wachte ich wie gerädert auf. Meine Mutter stand in ihrer fensterlosen Küche am Kaffee, da flog die Tür auf, und ein paar Sekunden später hatte ich ein Messer an der Kehle.


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