Bald hinken sie, bald laufen sie

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Das Wort zum Freitag Der Gottessohn kommt auf einer Reise seiner Eltern in einem Stall zur Welt und flieht gleich nach seiner Geburt mit seinen Eltern vor Herodes nach Ägypten. Bibelforscher vergleichen ihn mit Abel: Beide sind Boten des Guten, beide sind unschuldige Opfer des Bösen im Menschen, beide werden brutal ermordet. Der erste Hirte und der gute Hirte beginnen und beenden eine lange Tradition des Umherziehens: Abraham ist Nomade, Jakob hütet die Schafe seines Schwiegervaters, David wird von den Herden gerufen, um König zu werden. Als erste hören die Hirten von Bethlehem das Evangelium, und Jesus wirkt als Wanderprediger für den neuen Bund. Das Christentum ist eine Religion für Menschen auf dem Weg. Auch der Glaube rostet, wenn er rastet. Der uralte Gegensatz zwischen umherziehenden Nomaden und sesshaften Bauern war nie größer als in Zeit und Land der Bibel. Nach der Sklaverei in Ägypten bewahrt das Blut an den Türen die Reinheit der Religion, doch die Kraft des Nomadentums kehrt erst nach 40 Jahren in der Wüste wieder.

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In Johann Heinrich Jung-Stillings "Henrich Stillings Jugend, Jünglings-Jahre und Wanderschaft" sagt der alte Pastor Moritz: "Alles, was ihr tut, das überlegt vorher wohl, ob es auch andern nützlich sein könnte. Findet ihr, daß es nur euch dienlich ist, so denkt, das ist ein Werk ohne Belohnung. Nur wo wir den Nächsten dienen, da belohnt uns Gott. Ich habe arm und unbemerkt in der Welt dahingewandelt, und wann ich tot bin, dann wird man meiner bald vergessen; ich aber werde Barmherzigkeit finden vor dem Thron Christi und selig sein." - Großvater Stilling: "Erziehen müssen freilich die Eltern ihre Kinder; allein Zwang hilft nichts mehr, wenn der Mensch sein männliches Alter erreicht hat; er glaubt alsdenn alles so gut zu verstehen als seine Eltern." Der fromme Niklas: „Jesus Christus hat uns eine Lehre hinterlassen, die der Natur der menschlichen Seele so angemessen ist, daß sie, wann sie befolgt wird, notwendig vollkommen glücklich machen muß. Wenn wir alle Lehren aller Weltweisen durchgehen, so finden wir eine Menge Regeln, die so zusammenhangen, wie sie sich ihre Lehrgebäude geformt hatten. Bald hinken sie, bald laufen sie, und dann stehen sie still; nur die Lehre Christi, aus den tiefsten Geheimnissen der menschlichen Natur herausgezogen, fehlet nie und beweiset dem, der es recht einsieht, vollkommen, daß ihr Verfasser den Menschen selber müsse gemacht haben, indem er ihn bis auf den ersten Grundtrieb kannte. Der Mensch hat einen unendlichen Hunger nach Vergnügen, nach Vergnügen, die imstande sind, ihn zu sättigen, die immer was Neues ausliefern, die eine unaufhörliche Quelle neuer Vergnügungen sind. In der ganzen Schöpfung finden wir keine von solcher Art.“

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Diogenes Laertius über Eukleides aus Megara: "Er lehrte, das Gute sei Eins, mit vielen Namen benannt: bald nannte er es Einsicht, bald Gott, anderswo wiederum Vernunft uns so weiter. Dem Guten Entgegengesetztes aber ließ er nicht gelten."

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Bruckners Te Deum in C-Dur erschüttert als gewaltige Explosion religiöser Kraft die Seele, wirkt dabei heilsam wie eine reuige Träne oder ein tröstender Traum. Alles Leben sehnt sich nach Vollendung in seinem Schöpfer.

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Morgen, am 28. Dezember, feiert die katholische Kirche das Fest der „Unschuldigen Kinder“ von Bethlehem. Sie stehen auf der dunklen Seite von Weihnachten, im Schatten der Freude. Noch ehe sie sprechen können, geben sie als Erstlingsmärtyrer der Christenheit ihr Leben für den neugeborenen Messias. Als der Tyrann Herodes von den Sterndeutern erfährt, Israel sei ein neuer König geboren, fürchtet er für seinen Thron und lässt in Bethlehem alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren ermorden. Es werden wohl zwanzig gewesen sein. Die Tradition macht daraus Tausende. Das Fest der unschuldigen Kinder ist schon um das Jahr 400 bezeugt. Das Mittelalter schmückt es immer weiter aus: Erst ziehen Subdiakone, Schüler und Ministranten mit einem Kinderbischof durch die Straßen, später examinieren sie Erwachsene und teilen ihnen Lohn und Strafen zu. Zuletzt entwickelt sich daraus das wichtigste der mittelalterlichen Narrenfeste: Der Brauch wird zum Missbrauch, Kinder und Jugendliche schlagen Frauen und Männer mit Ruten und fordern Lösegeld. Verbote der Obrigkeit können das wilde Treiben kaum dämpfen. In Klöstern sitzen die Novizen auf den besten Plätzen in Chor und Speisesaal, der jüngste ist für einen Tag Abt. Die Tragödie der Unschuldigen Kinder darf auch in keinem Weihnachtsspiel fehlen. In der katholischen Kirche erlangt das Fest der Unschuldigen Kinder in den letzten Jahren eine neue Bedeutung als Tag der Mahnung zum Schutz des ungeborenen Lebens und Bußtag für die vielen Abtreibungen.

Patronat: Kinder, Waisenhäuser.

Liturgie: Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1962-65 wurden neue liturgische Texte erarbeitet. Zudem wird der Tag seither mit Kindersegnungen begangen.

Gedenktag: 28. Dezember

Wetterregeln: „Sitzen die unschuldigen Kindlein in der Kälte, vergeht Väterchen Frost nicht in Bälde.“ – „Habens die unschuldigen Kindlein kalt, so weicht der Frost noch nicht so bald.“ – „Schneit's am unschuldigen Kindel, fährt der Januar in die Schindel.

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Jochen Klepper: „Manchmal denkt man, Gott müßte einem in all den Widerständen des Lebens ein sichtbares Zeichen geben, das einem hilft. Aber dies ist eben sein Zeichen: daß er einen durchhalten und es wagen und dulden läßt.“


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