Teddy Cool hat eine bärenstarke Mama

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Wo gibt es das noch einmal auf der Welt: Eine Mutter, die ihre Kinder tagein, tagaus auf Händen trägt, sie ununterbrochen mit ihrem Atem wärmt, dabei nie einen Bissen isst - und das viereinhalb Monate lang?
 

Draußen ist die Welt wie auf einem toten Planeten: 55 Grad unter Null, Stürme mit 300 km/h, ewige Finsternis über endlosem Eis - unvorstellbar, dass hier Leben existiert. Drei Meter unter einer riesigen Schneewehe aber geht es gemütlich zu. Denn dort liegt eine Mutter mit ihren beiden Kindern auf der Bärenhaut. Es ist mollig warm, und die Kleinen nuckeln den ganzen Tag an der natürlichen Zapfanlage ihrer bärbusigen Mama. Kaum zu glauben, als was für ein Winzling das größte und stärkste Landraubtier unserer Zeit ins Leben startet: An seinem Geburtstag im November wiegt der Eisbär nicht viel mehr als eine Maus (ca. 600 g), ist nackt, blind und hilflos wie ein Baby - allein könnten der petzige Zwerg in der arktischen Winternacht keine fünf Minuten überleben. Aber zum Glück hat Teddy Cool eine Mutter, wie es sie auf Erden kein zweites Mal gibt: Mama Bär baut die beste Kinderstube der Welt, reagiert auf jeden Tatzendruck und sorgt dafür, dass die Kleinen ihr Fett abkriegen. Die Hochzeit war im April und ziemlich turbulent. Der König der Arktis ist ein fanatischer Junggeselle - nur ein einziges Mal im Jahr ändert er seine Meinung und geht meilenweit zum großen Single-Treff. Dort baggert Daddy Cool eine Bärdame an, dass es brummt, betatzt sie zwei Wochen lang intensiv (Polar-Petze wollen 10 - 20 Mal am Tag Sex) - und macht sich am Ende eiskalt davon. Deshalb sind alle Eisbärinnen alleinerziehende Mütter.

Die Vorbereitungen beginnen, wenn der kurze arktische Sommer endet und das Meer zufriert. Denn von nun an müssen Robben ständig Wasserlöcher offenhalten, um Luft schnappen zu können - fette Beute für die Bärin, die jetzt den Appetit der Schwangeren hat und sich eine Speckschicht anfuttert. Ist die Wampe dick genug, kümmert sie sich um eine Wohnung - sie buddelt an einem Berghang einfach eine Mulde in die weiße Winterpracht, legt sich flach und wartet, bis der Himmel ein drei Meter dickes Dach draufgeschneit hat. Vorteil: So werden alle verräterischen Spuren verwischt. Im Untergrund schnitzt sich die Bärin nun mit scharfen Klauen eine drei Quadratmeter große Wohnhöhle zurecht. Vor dem fünf bis sechs Meter langen Ausgang lässt sie einen Schneeblock stehen - so kann keine Kaltluft ins Innere dringen. Wenn sie ihre zwei oder drei Junge - Einzelkinder sind selten - zur Welt gebracht hat, legt Mutter Bär die Winz-Petze auf ihre Tatzen, leckt sie sauber, säugt sie mit Dickmilch (Fettgehalt: 31 Prozent) und hält sie mit ihrem Atem warm. Dabei rührt sie sich viereinhalb Monate lang nicht vom Fleck. Im März sind die Kleinen 7 kg schwer und proben schon den Auf-Stand. Wenn sie mal müssen, wird ein Loch in die Wand gescharrt und das Geschäft hinterher mit Schnee fein säuberlich wieder zugedeckt.

Nach der langen Fastenzeit wiegt Mutter nur noch halb so viel wie zuvor und hat natürlich einen Bärenhunger. Weil die Jagdsaison jetzt bald zu Ende geht (normaler Bären-Konsum ist 1 Robbe/Tag), lässt die Bärin ihre Zwillinge zum ersten Mal allein und stellt feisten Flossenfüßern nach, bis sie wieder bei Kräften ist. Im Sommer lebt die bärige Familie dann vorwiegend vegetarisch: Beeren, Wurzeln, Kräuter, ab und zu ein paar Vogeleier - nur, wenn die Lachse zum Laichen die Ströme hinauf schwimmen, gibt es noch mal was Saftiges auf die Kralle.

Im Herbst, wenn die nächste Eis-Zeit naht, beginnt die Bären-Schule, und Mutter ist die beste Lehrerin. Erstes Fach: Robben aufs Dach steigen. Die superscheuen Schwimmkünstler sind schlau, tarnen ihre Eislöcher oft unter künstlichen Schneehügeln. Doch Mutters Supernase riecht den Speck auch dann noch einen halben Kilometer weit. Geduldig führt sie die Zwillinge an das Versteck und wartet. Wenn ein leises Tröpfeln unter dem Schnee verrät, dass die Robbe aufgetaucht ist, wuchtet die Bärin ihre zehn Zentner auf das Dach der Robbenburg, das unter dem Gewicht sofort zusammenkracht, und landet direkt auf der Beute, für die es nun natürlich kein Entkommen mehr gibt.

Das zweite Fach heißt Robben-Mikado - wer sich bewegt, hat verloren. Zu diesem Geduldsspiel gehört, dass die Bären stundenlang neben einem Wasserloch auf der Lauer liegen. Jede Robbe hält vorsichtshalber zehn bis zwölf Wasserlöcher offen, die sie aus Vorsicht immer wieder durchwechselt - sie sieht selbst durch das dickste Eis noch die kleinste Bewegung. Die geringste Tatzbalgerei zwischen den verspielten Bärenjungen, und die mistrauische Meeresbewohnerin wird dieses Wasserloch niemals wieder benutzen. Aber Mutter hat den Zwillingen Disziplin eingebleut, und als die nichtsahnende Robbe den Kopf aus dem Wasser streckt, fährt ihr ein Bündel aus fünf scharfen Sichelkrallen ins Genick. Die Bärenpranke reißt die Beute so schnell durch das enge Loch, dass schon durch den ersten Hieb toten Beutetier alle Rippen, Hüft- und Schulterknochen brechen - der Weiße Riese hat so viel Kraft, dass er sogar einen 1,5 Tonnen schweren Narwal aus dem Wasser wuchtet.

Das dritte Fach heißt "An Robben anrobben". Die Meeressäuger sind wachsam, reagieren blitzschnell, sind erstklassige Schwimmer und ausdauernde Taucher, und wenn sie erst mal im Wasser sind, paddeln sie jedem Verfolger mühelos davon. Auch Eisbären geraten gern ins Schwimmen (bis zu 300 km ohne Pause!) und können immerhin zwei Minuten lang unter Wasser bleiben, aber ihre eigentliche Stärke sind die raffinierten Tricks. Deshalb werden sie von den Eskimos anerkennend "Nanuk" ("Großer Jäger") genannt.Gut einen Kilometer entfernt sonnt sich eine Ringelrobbe auf dem Eis. 90 Zentimeter lang, 150 kg schwer, Vollfettstufe! Mit der Eleganz einer Ballerina verteilt Mutter Bär ihr Gewicht auf den rutschigen Untergrund -  sie bewegt sich oft auf dünnem Eis, bricht aber nur selten ein, weil sie fast jeden Quadratzentimeter gleichmäßig belastet. Mit ihrem weißen Fell sieht sie wie ein Schneehaufen aus, der sich allerdings Meter für Meter vorwärts schiebt. Die Lehrvorführung läuft perfekt: Der Hintern ragt steil in die Höhe, der runde Kopf bleibt schön dicht über dem Boden, und sicherheitshalber legt sich Mutter noch eine ihrer beiden Pranken auf die Nase, den die dunkle Schnauze könnte sie sonst verraten. Die Ringelrobbe ahnt trotzdem was, richtet sich immer wieder auf und beäugt nervos die Umgebung; dann erstarrt Mutter Bär jedesmal zum Eisklotz, und auch die beiden Zwillinge, die in respektvoller Entfernung aus einer Ritze im Packeis zugucken, halten automatisch still. Die Entscheidung fällt auf den letzten zehn Metern: Nach dem Motto "Let's fetz, Petz!" rast Mutter Bär im Rennpferd-Tempo (40 km/h, 100 m in 7 Sekunden) los, aber der Eisschnellauf bringt nichts. Die Robbe hat sich schon die ganze Zeit über gedacht, dass dieser komische wandelnde Schneehaufen irgendwann mal ganz lebendig werden würde, und ist blitzartig abgetaucht. Wieder was gelernt.

Den ganzen Winter über trainieren die Zottel-Zwillinge nun ihren Tatzsinn und ihre Tatzatur, bis auch sie bärfuß den Eistanz beherrschen. Im zweiten Lebensjahr, wenn sie so groß wie Schäferhunde sind, folgt das Pflichtfach "Sicherheit". Feind Nummer 1 für Teddy Cool: Wölfe - deshalb nie ohne Mutter aufs Festland gehen! Feind Nr. 2: Walrosse. Auch wenn die Dicken noch so verlockend nach Fett duften - man darf sie nie attackieren, denn mit ihren Halbmeter-Hauern können die Riesenrobben auch dem stärksten Bären den Tod ins Fell bohren. Feind Nr. 1 aber ist - Papa! Denn Bären-Väter kennen keine Verwandten, und wenn ihnen so ein Kind in die Quere kommt, kann das leicht schiefgehen. Allerdings nicht, solange Mutter in der Nähe ist. Denn dann kriegt Papa, obwohl doppelt so dick und stark, kräftig Prügel. Auf der ganzen Welt gibt es kein wilderes Wesen als eine Bärenmutter, die um ihre Kinder kämpft.

Zweieinhalb Jahre lang ist Mama Petz für ihre Teddy-Twins da. Dann kommt des Arktis-Abitur, und das ist so bärbeißig wie das Klima: Links eine Ohrfeige, rechts eine Ohrfeige und dann auf Wiedersehen! Ein paar Minuten lang stehen die Jünglinge verdutzt da, dann kapieren sie: Ab sofort müssen sie allein zurechtkommen. So ist nun mal die Bärennatur. Doch wenn Prinz Petz gut aufgepasst hat, weiß er jetzt alles, was er braucht, um in 20 bis 30 Jahren auf Daddy Cools Thron zu sitzen - als neuer King im weiten weißen Reich aus Eis, Robbenspeck und Schnee.

 

Eisbär-Poesie
Der Eisbär haust am kalten Pol –

Und ohne allen Alkohol!

Die Bärin, winters, fern dem Gatten,

Wirft Junge, winzig fast wie Ratten.

Der Bär, auf Treibeis eingeschifft,

Sticht weit ins Nordmeer mit der Drift.

Läuft hundert Meilen weit und weiß

Oft nicht wohin, im ewigen Eis.

Eugen Roth (1895-1976)                                                                                                     

 

Das weite Reich des Weißen Riesen

Eisbären sind eine sehr junge Spezies: Sie entwickelten sich erst mit den Eiszeiten vor 250 000 Jahren. Ihre nächsten Verwandten sind Braunbär und Schwarzbär. In der Arktis leben noch 50 000 Exemplare, davon ein Drittel in Kanada (vor allem an der hudson-Bay), in Sibirien, Alaska, Grönland sowie auf Franz-Joseph-Land und Spitzbergen. Eisbären werden, wwnn sie sich aufrichten, 3.30 Meter hoch, können am Tag 150 Kilometer weit laufen und halten dank einer 10 cm dicken Fettschicht viele Stunden im Eiswasser aus. Umweltschützer fürchten, dass mit den Robben und Fischen, die sie fressen, zahlreiche Umweltgifte aufnehmen. Die Jagd auf Eisbären ist in manchen Ländern streng reglementiert, in anderen ganz verboten.                                                                    

 

Was Menschen von den Eisbären lernen können
Gelassenheit: Eisbären haben immer eine Bärenruhe, werden nie hektisch.            

Gönnen: Eisbären sind nicht futterneidisch, schmatzen z.B. zu Dutzenden nebeneinander an einem gestrandeten Wal - ist ja genug für alle da! Anschließend wird sogar noch gemeinsam ein Nickerchen gemacht...

Genügsamkeit: Eisbären sind nicht besonders wählerisch, kommen im Sommer notfalls wochenlang mit Beeren und Kräutern aus.

Zusammenhalt: Wenn sich Eisbären-Mütter treffen, lassen sie ihre Kinder zusammen spielen, wechseln sich als Babysitter ab.

Heimatliebe: Eisbären wandern Tausende von Kilometern rund um den Nordpol, kehren aber zum Kinderkriegen in die Gegend zurück, in der sie einst selber zur Welt kamen.

Lockerheit: Eisbären sind selbst noch als Opas tierisch verspielt, schlagen Purzelbäume, fahren auf den Hinterkeulen Schlitten oder tanzen genußvoll den Schneewälzer!

Geduld: Eisbären machen ihren Job mit enormer Ausdauer, liegen manchmal stundenlang neben Eislöchern auf der Lauer, bis eine Robbe auftaucht.

Charme: Eisbären gehen für ein Rendezvous tausend Meilen weit, setzen dann aber nicht auf plumpe Anmache, sondern umschwänzeln die Auserwählte als elegante Eistänzer, bis sie Ja sagt.

Toleranz: Eisbären sind fast nie aggressiv, und wenn sie sich doch mal in die weiße Wolle geraten, geht es meist mit ein paar Knüffen ab.

Rücksichtnahme: Eisbären sind zwar viel größer und stärker als Eisbärinnen, würden aber nie auf die Idee kommen, bei der Hochzeit ihre körperliche Überlegenheit machomäßig auszuspielen.

 

Klettertatze          

Miacis, Urvater aller heute lebenden Raubtiere, jagte vor 40 Mio. Jahren Vögel und Insekten. Sarkastodon war fast doppelt so groß und stark wie der Eisbär, starb aber vor 15 Mio. Jahren aus.

 

Eisbär Witz

Zwei Eisbären tappen durch die Sahara. "Hier muß es aber spiegelglatt sein", sagt der eine. "Wieso?" fragt der andere. "Na, was meinst du denn, warum die hier so gestreut haben!"                           

 

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