„Wir langweilen uns zu Tode“

Freitag, 28. Dezember 2012

Hesse, „Wanderung“: „Der Wanderer ist in vielen Hinsichten ein primitiver Mensch, so wie der Nomade primitiver ist als der Bauer. Die Überwindung der Sesshaftigkeit aber und die Verachtung der Grenzen macht Leute meines Schlages trotzdem zu Wegweisern in die Zukunft.“ – „Ich wollte zwar ein Dichter sein, aber daneben doch auch ein Bürger. Ich wollte ein Künstler und Phantasiemensch sein, dabei aber auch Tugend haben und Heimat genießen. Lange hat es gedauert, bis ich wusste, dass man nicht beides sein und haben kann, dass ich Nomade bin und nicht Bauer, Sucher und nicht Bewahrer.“ - „Der Weg der Erlösung führt nicht nach links und nicht nach rechts, er führt ins eigene Herz, und dort allein ist Gott, und dort allein ist Friede.“ – „Und wie sehr habe ich in meiner Jugend die Theologie verachtet und verspottet! Sie ist, wie ich heute weiß, eine Gelehrsamkeit voll Anmut und Zauber, sie hat es nicht mit Lumpereien zu tun wie Metern und Zentnern, auch nicht mit schnöder Weltgeschichte, worin beständig geschossen, Hoch gerufen und verraten wird, sondern sie befasst sich zart und fein mit innigen, lieben, seligen Dingen, mit Gnade und Erlösung, mit Engeln und Sakramenten.“ – „Heimat ist nicht da oder dort. Heimat ist in dir drinnen, oder nirgends. Wandersehnsucht reißt mir am Herzen, wenn ich Bäume höre, die abends im Wind rauschen. Hört man still und lange zu, so zeigt auch die Wandersehnsucht ihren Kern und Sinn. Sie ist nicht Fortlaufen wollen vor dem Leide, wie es schien. Sie ist Sehnsucht nach Heimat, nach Gedächtnis der Mutter, nach neuen Gleichnissen des Lebens. Sie führt nach Hause, jeder Schritt ist Geburt, jeder Schritt ist Tod, jedes Grab ist Mutter.“ – „Du kannst nicht ein Vagabund und Künstler, und daneben auch noch ein Bürger und wohlanständiger Gesunder sein. Du willst den Rausch haben, so habe auch den Katzenjammer!“ – „Herrgott, was für ein armer Aff und Spiegelfechter ist der Mensch – zumal der Künstler – zumal der Dichter – zumal ich!“ – „Der Gott, an den wir glauben müssen, ist in uns innen. Wer zu sich selber nein sagt, kann zu Gott nicht ja sagen.“ – „Auf den Bildern guter Maler betet jeder Baum und jeder Berg.“ – „Aber die Dornenkrone war nicht umsonst. Der Heimgekehrte ist ein anderer als der stets Daheimgebliebene. Er liebt inniger, und er ist freier von Gerechtigkeit und Wahn.“ - „Diese Wehmut ist nichts als die sanfte Musik der Vergänglichkeit, ohne welche das Schöne uns nicht rührt. Sie ist ohne Schmerz.“

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Der Zufall ist eine Seifenblase, in der sich elementare Mächte für Sekunden auf faszinierende Weise vereinen.

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Haydns „Oxford“-Sinfonie“ schildert Englands grüne Auen in ihrer ehrwürdigen Frische: mythischer Kampfplatz ritterlicher Helden, fröhlicher Tanzplatz junger Schicksalsgöttinnen. Dahinter verschleiert sich bläulich die Wehmut des einsamen Herzens, heraufgenebelt aus der Erinnerung an lange vergangene Zeiten – so fern, so schön.

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Aus Beckett, „Warten auf Godot“:

Estragon: „Einer von den Schächern wurde erlöst. Das ist ein guter Prozentsatz.“

Pozzo: „Je mehr Leute ich treffe, um so glücklicher bin ich. Durch die unscheinbarste Kreatur kann man sich fortbilden, reicher werden, sein Glück besser genießen lernen.“

Wladimir: „Es ist wahr, daß wir mit verschränkten Armen beim Abwägen der Für und Wider unserer Gattung auch alle Ehre machen. Der Tiger eilt den Seinen ohne die mindeste Überlegung zu Hilfe, Oder aber er rettet sich im dichtesten Dschungel.“

Estragon: „Wir werden alle verrückt geboren. Einige bleiben es.“

Wladimir: „Wir langweilen uns. Nein, widersprich mir nicht, wir langweilen uns zu Tode, das ist unbestreitbar.“

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Eichendorff:

  „Bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,

  Da ruh auch ich, und über mir

  Rauchet die schöne Waldeinsamkeit,

  Und keiner mehr kennt mich auch hier.“


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