Der Kutscher und die blinden Pferde

Sonntag, 30. Dezember 2012

Hesse, „Das Glasperlenspiel“: „Es ist ein alter Gedanke: je schärfer und unerbittlicher wir eine These formulieren, desto unwiderstehlicher ruft sie nach der Antithese.“ – „Zeitweise besonders beliebt waren die Befragungen bekannter Persönlichkeiten über Tagesfragen, … bei welchen man zum Beispiel namhafte Chemiker oder Klaviervirtuosen sich über Politik, beliebte Schauspieler, Tänzer, Turner, Flieger oder auch Dichter sich über Nutzen und Nachteile des Junggesellentums, über die mutmaßlichen Ursachen von Finanzkrisen und so weiter äußern ließ. Es kam dabei einzig darauf an, einen bekannten Namen mit einem aktuellen Thema zusammenzubringen.“ – „Soeben nämlich hatte man entdeckt, dass es mit der Jugend und der schöpferischen Periode unserer Kultur vorüber, dass das Alter und die Abenddämmerung angebrochen sei, und aus dieser plötzlich von allen gefühlten und von vielen schroff formulierten Einsicht erklärte man sich so viele beängstigende Zeichen der Zeit: die öde Mechanisierung des Lebens, das tiefe Sinken der Moral, die Glaubenslosigkeit der Völker, die Unechtheit der Kunst. Es war, wie in jenem wunderbaren chinesischen Märchen, die ‚Musik des Untergangs’ erklungen.“ - „Wir halten zum Beispiel heute wenig oder nichts von der Theologie und der kirchlichen Kultur des achtzehnten Jahrhunderts oder von der Philosophie der Aufklärungszeit, aber wir sehen in den Kantaten, Passionen und Vorspielen Bachs die letzte Sublimierung der christlichen Kultur.“ – „Ist die Musik nicht heiter, so murrt das Volk, und das Leben wird geschädigt.“ – „Gleich dem Tanz und gleich jeder Kunstübung nämlich ist die Musik in vorgeschichtlicher Zeit ein Zaubermittel gewesen, eines der alten und legitimen Mittel der Magie.“ – „Wenn das Denken nicht mehr rein und wach und die Verehrung des Geistes nicht mehr gültig ist, dann gehen bald auch die Schiffe und die Automobile nicht mehr richtig, dann wackelt für den Rechenschieber des Ingenieurs wie für die Mathematik der Bank und Börse alle Gültigkeit und Autorität, dann kommt das Chaos. Es dauerte immerhin lange genug, bis die Erkenntnis sich Bahn brach, dass auch die Außenseite der Zivilisation, auch die Technik, die Industrie, der Handel und so weiter der gemeinsamen Grundlage einer geistigen Moral und Redlichkeit bedürfen.“

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Alles Gute kommt von oben, aber man muss die Antenne ausfahren.

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Brahms, Klavierquartett g-moll op.25 in der Bearbeitung Arnold Schönbergs für Orchester. Besonders das Rondo zingarese mischt Tempo und Tragik, Munterkeit und Melancholie. Brahms komponierte das Stück im Frühjahr 1854 kurz nach dem Selbstmordversuch seines Freundes Robert Schumann.

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Aus „Der Mönch als Liebesbote“ in den „Schwankerzählungen des deutschen Mittelalters“: „O Frauenlist, wie vielfältig und wunderbar ist deine Gewalt über den Mann, der deiner Tücke erliegt! Du machst sehende Augen blind, du verdunkelst Vernunft, Verstand und Hirn. Wer kann deine Listen je ausstudieren? Du kannst Leid in herzliche Freude verwandeln, aber auch anfängliche Freude in Leid. Deiner List erfolgreich Widerstand zu leisten, hilft weder Verstand noch Kunst. Du hast Starke besiegt, Weise in Fesseln geschlagen, du gibst die Armen nicht frei, klammerst dich an die Reichen, zähmst die wilde Jugend und leerst alten Narren die Beutel. Selbst Taube, Krüppel, Blinde und Stumme entgehen dir nicht. Die schon von Hause aus Narren sind, machst du so lüstern, dass die sie an dein Affenseil spannen kannst. Wie klug, wie erfahren einer ist, wie reich, wie mächtig, wie arm, wie bedürftig, wie gelehrt, wie einfach, aus allen machst du Taube und Stumme ohne Verstand, Toren, Narren, Affen, Esel und Schweine. Nur ein Mittel hilft dagegen: aller Ursache dazu aus dem Wege zu gehen.“

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Nestroy: „Wenn der Kutscher klar sieht, dann wird auch mit blinden Pferden das Ziel erreicht.“

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