Kapitel 43: Eine turbulente Beerdigung

Mittwoch, 28. November 2012
„Hinter einer bröckelnden Backsteinmauer“: Blick von den Brandstwieten in die Alte Gröningerstraße 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Den „Arm Lüds Karkhoff“ gab es nur noch, weil ihn die Zeit vergessen hatte. Einst hatten dort auch die Menschen vom Kehrwieder die letzte Ruhe gefunden. Jetzt war der winzige Gottesacker der Allerärmsten vom Sande, von der Kibbeltwiete oder vom Kleinen Fleet der mit Abstand erbärmlichste aller Hamburger Friedhöfe. Hinter einer bröckelnden Backsteinmauer drängten sich die wackeligen, verrosteten Kreuze wie bettelnde Invaliden vor der Klosterküche. Zwischen den so hochgetürmten wie heruntergekommenen Bruchbuden, diesen sechs- und siebenstöckigen Menschenställen aus faulen Balken, mürbem Lehm und ungehörten Tränen, bekam der modrige Seelenstapelplatz kaum Luft. Ein paar Disteln und zähe Kräuter kleideten ihn in jammervolles Flickengrün.

  Hauptpastor Hoger Mars fühlte sich noch aus anderen Gründen unbehaglich: Die Trauergemeinde des verblichenen Freddy Mott wirkte auf ihn kaum weniger bedrohlich als die bedrückende Umgebung. Dieser stämmige Pirat mit dem goldenen Walfänger-Ohrring, der schwarze Krauskopf mit den Affenarmen und dem Silberblick, der rauschebärtige blonde Riese mit den Dampfhammerfäusten, der Geierschnabel mit dem Nachtschatten-Teint und auch der hochgewachsene Matrose mit dem Husarenschnauzer sahen nicht besonders vertrauenerweckend aus. Immerhin standen sie wacker wie die Schweizer Garde, wenn der Papst die Messe liest. So recht seriös aber erschienen lediglich der junge Mann in Frack und Zylinder, den in seiner bescheidenen Art eine angeborene Vertrautheit mit vornehmem Hanseatentum umwehte, und an seinem Arm die vornehm behütete und verschleierte Dame, ersichtlich eine von Welt. Die Witwe unter dem schwarzen Tuch war wie alle Witwen beim Begräbnis nicht Person, sondern Gestalt.

  Der wackere Gottesmann guckte sich lange nach allen Seiten um, konnte Onkel Johnny indes nirgendwo erspähen. Wir wussten aber, dass er hier irgendwo war, und ich glaubte auch zu wissen, wo: Im kleinen Kirchturm von St.Annen. Und so war es dann auch, wie sich später herausstellte.

  Trotz der ungewöhnlichen Umstände begleitete Mars den Erdenabschied des armen Sünders, der mein Papa zweifellos war, mit dem gleichen Ernst, der dem Begräbnis des angesehensten Kirchensteuerbürgers ziemte: „Herr, gib ihm die Erfüllung seiner Sehnsucht und vollende sein Leben in dir … Nimm ihn auf in die Gemeinschaft der Heiligen und gib ihm das Glück, dich zu schauen und zu loben … Mit ihm und unseren anderen Toten führe auch uns zu neuem und ewigem Leben.“

  Ja, dachte ich traurig – ein neues Leben, das war es, was der Mensch nötiger brauchte als alles andere, wenn er dieses Jammertal endlich hinter sich lassen durfte. Ein neues Leben, in dem sich alles wieder gutmachen ließ. In dem man sein durfte, wie man war, ohne dass die böse Welt einen mit ihren Gewalttaten, Zwängen, Versuchungen und sonstigen Gemeinheiten aus dem Takt brachte. Ein neues Leben, das nicht mehr prüfte, sondern belohnte, vor allem die Armen belohnte, und sie nicht nur belohnte, sondern auch entlohnte, für ihr trauriges Schicksal und ihre vergeblichen Mühsal, und zwar alle: die Armen am Gelde, die Armen im Kopfe, die Armen am Herzen und die Armen der Sünde.

  Vor dem Segen sah der Pastor, und bemerkten auch wir anderen, plötzlich Köpfe hinter der brusthohen Backsteinmauer. Sie tauchten auf wie Seehunde aus der Flut.

  Ein Kreischen ließ uns herumfahren. Es war die verrostete Gittertür. Vorhin hatten wir auf ihr Quietschen kaum geachtet, jetzt gellte es uns wie Dämonengeschrei in den Ohren.

  Wacko trat ein. Er schwankte, rülpste laut und fistelte: „Na, ihr Heiligtuer, was betet ihr denn da so schön? Habt ihr eurem Pfaffen denn auch brav die Stiefel geleckt?“

  Der Totengräber und die vier Sargträger ließen Schaufel und Seile fallen, rannten über die Gräber davon, kletterten über die Mauer und waren verschwunden.

  Hinter dem ehemaligen Preisboxer kamen Ben der Bremser und gute dreißig Brookboys, alle ebenfalls stark angetrallt, denn sie hatten mal wieder die Nacht durchgezecht. Grölend und fluchend torkelten sie über die Gräber auf uns zu.

  Wir taten natürlich erst mal so, als würden wie sie gar nicht bemerken, so schwer das auch fiel, besonders unserem Bäcker, den ich schon nach seinem Hammer tasten sah. Der Pastor setzte zum Schlusssegen an, wich nun aber etwas von den üblichen Formulierungen ab. Die buschigen Brauen tief herabgezogen, das Eulengesicht voller Strenge und den Vogelkörper auf den viel zu dünnen Beinchen vorgebeugt wie zum Sprung, lederte er gleich los und sagte mit weithin hallender Stimme so ungefähr: „Herr, wir bitten dich: segne diese deine Gemeinde. Du rettest die Würdigen und strafst die Unwürdigen. Sieh herab auf diese! Ihre Hände sind mit Blut befleckt, ihre Finger mit Unrecht beschmutzt! Ihre Taten sind Taten des Unheils, Gewalt ist in ihren Händen. Schnell sind sie dabei, unschuldiges Blut zu vergießen!“ Das war Jesaja, und nicht zu knapp. Mir wurde mulmig, und ich dachte, warum sagt er jetzt nicht einfach „Amen!“ und lässt uns hier schleunigst verschwinden? Wäre Jack dagewesen, oder wenigstens Wandrahm-Willy, hätte man sich doch wenigstens darauf verlassen können, dass die ungeladenen Trauergäste die auf dem Brook üblichen Regeln einhalten würden, aber außer Wacko Brett und Ben den Bremser kannte ich keinen dieser Kerle, und auf diese beiden wollte ich mich nun nicht gerade verlassen müssen.

  Der Kerub wechselte inzwischen bereits zu Ezechiel, der sich besonders gut für Strafpredigten an die Adresse des störrischen Wasservolks kälterer Gegenden eignet und bei Hamburgs harten Buß- und Sühnepredigern entsprechend beliebt war: „So spricht der Herr: Ich will gegen dich vorgehen, Gog!“ polterte unser Mars so kriegerisch wie der römische.  „Ich lasse dich aus dem äußersten Norden heranziehen. Dann schlage ich dir den Bogen aus deiner rechten Hand. Raubvögeln aller Art und wilden Tieren werfe ich dich zum Fraß vor. Gegen Magog und die sorglosen Küstenbewohner sende ich Feuer...“

  Die meisten Brookboys hatten wohl seit ihrer Kindheit keine Kirche mehr von innen gesehen, nun aber merkten sie doch auf, und auf den brutalen Gesichtern wich das blöde Grinsen einem ziemlich deutlichen Unwillen. Mir war nicht ganz klar, ob der gute Hauptpastor mit seiner Suada Zeit gewinnen wollte, bis vielleicht ein Constabler vorbeikäme, was allerdings sinnlos gewesen wäre, da dieser Constabler nach Lage der Dinge niemand als der korrupte Möller sein konnte. Oder ob ihn der gerechte Zorn übermannt hatte, was mir plausibler schien, denn der Kerub schwang das Flammenschwert seiner Zunge rasch immer lauter, und sein Galimathias übertönte mühelos die Arbeitsgeräusche des Hafens, das Kreischen der Kräne, Rasseln der Ketten und Poltern der Fässer, das Wiehern der Zugpferde, die Rufe der Schauerleute und die Kommandos der Ewerführer im Brooktorhafen gleich neben dem kleinen Gottesacker. „Segne, Herr, die trauernden Hinterbliebenen, und lass unseren Toten dich in deiner Herrlichkeit schauen“, donnerte er. „Dieses Geschmeiß aber, das sich unberufen hinzudrängt, das geißle mit deinem Zorn! Ihre Gedanken sind Gedanken des Unheils, Scherben und Verderben sind auf ihren Straßen!“

  Die Brookboys stießen einander an und fingen an zu murren: „Was quatscht der Pfaffe da!“ – „Stopft der Schwarzdohl’ den frechen Snobel!“ –  „Der verdammte Bibelkomiker soll dat Muul halten!“ – „Hol dien Kiff, du Snackforth!“ Wacko Brett stapfte auf den Hauptpastor zu und starrte aus der Höhe seiner knapp zwei Meter drohend auf ihn nieder, doch der Kerub kannte keine Furcht und donnerte immer weiter, und als ihm die biblische Munition ausging, half er sich mit Wortgranaten Marke Eigenbau weiter, die noch explosiver aus dem frommen Mund fuhren: „Der Gott der Rache möge das Mordgesindel zerschmettern! Wer Blut vergießt, soll in der Hölle braten! Wehe dem Lumpenpack, das dir trotzt, o Herr! Dein Engel zertrete die Nattern und Ottern! Gewürm und Gezücht!“

  Das machte nun allerdings die Adressaten dieses vulkanischen Zorns keineswegs umgänglicher: „Was fällt dem ollen Betbruder ein?“ – „Holl dien Snuut, du Kanzelaff!“ - „Dem müssen wir man wohl die Fress marmorieren!“ Die Strolche drängten sich näher heran, schon wurde geschubst und gestoßen, und das ließ sich natürlich keiner von unseren Männern gefallen. „Rrrrrrruhe!“ krächzte der imaginäre Coco, Michel Butenschön aber holte aus, und schon bekam einer dieser Lästlinge eine Moppe auf die Kiemen gedachtelt, aber so, dass er mit dem Kopf voran in die welken Kränze auf dem Nachbargrab purzelte. Daraufhin stürzte sich nun Wacko Brett auf den Bäcker, aber Michel duckte sich unter der Faust und umklammerte den Angreifer mit seinen mächtigen Armen, so dass der ehemalige Preisboxer nicht noch einmal zuschlagen konnte.

  Ich würde ja nun gern sagen, dass bei der Beerdigung meines Vaters ebensolche ehrenvolle Spiele stattgefunden hätten wie bei der Leichenfeier des Achill, und tatsächlich rangen die beiden Riesen auf dem Brook wohl nicht weniger wütend und heftig miteinander als Ajax und Diomedes vor Troja. Wacko Brett war viel jünger und wohl auch noch etwas größer und stärker als Michel, aber der Bäcker kannte die richtigen Griffe, so dass keiner den anderen unterkriegen konnte. Die anderen Kämpfe allerdings entsprachen dem hehren Heldenstreit Homers in keinster Weise, die angedudelten Brookboys keilten wild drauflos, und die Unseren hatten gegen die Übermacht ihre liebe Not. Der Gecko streckte Ben den Bremser noch mit einem wohlgezielten Kinnhaken nieder, ging aber gleich darauf unter drei Angreifern zu Boden. Harpunen-Harry, Volten-Walter und Kowalski teilten mächtig aus, wurden aber ebenfalls niedergerungen, und mit ihnen auch unser tapferer Augustus, der mit seiner englischen Boxtechnik einige wackere Schläge anbrachte, bevor ihn die Meute ergriff. Zum Schluss packten sechs oder sieben Strolche auch Michel, hoben ihn hoch und schleppten ihn mit den anderen aus dem Friedhof. Wir Frauen eilten mit dem Pastor hinterher.

  „Haltet ein!“ schrie der Kerub. „Gottloses Gesindel! Dafür sollt ihr in der Hölle schmoren!“

  Das stachelte die Kerle natürlich nur weiter an. „Schickt die alten Paddies baden!“ grölte Wacko Brett, und seine Leute schleuderten die unseren im hohen Bogen ins Becken des Sandtorhafens, den Bäcker zuletzt. Prustend tauchte die Besiegten wieder auf und schwammen zur Kaimauer, konnten aber nicht herausklettern, denn die Brookboys stießen sie immer wieder mit Piekhaken zurück.

  „Teufelspack!“ schalt sie der Pastor. „Haderlumpen! Reuelose Schächer! Schmähliches Gesindel und Gesocks!“

  „Du auch!“ lachte Wacko Brett, packte den schimpfenden Kerub und warf ihn ebenfalls ins Wasser.

  „Ihr feigen Hunde!“ brüllte der Bäcker in höchstem Zorn und versuchte vergeblich, einem die Stange zu entreißen, konnte aber seine Kräfte nicht richtig einsetzen, er hatte ja keinen Stand.

  „Bist ganz schön langsam geworden, Alter“, höhnte Wacko. „Hast wohl Sand in den Taschen.“

  „Wenn es man nicht schon Friedhofserde ist, du Kröpel!“ brüllte ein Witzbold, und ein zweiter:  „Der ist ja man bannig abgefallen! Der ischa man so old, der hat sich seinen Angelschein wohl noch bei Petrus persönlich abgeholt!“ Die anderen lachten sich halb tot.

  Plötzlich verstummten sie und glotzten zu uns her. Dann ließen sie die Stangen sinken und traten stumm von der Kaimauer zurück. Ich roch Tabak, drehte mich um und sah Jack aus dem Gottesacker kommen. Mit einem Blick übersah er die Lage.

  „Holt sie raus!“ befahl er. „Aber fix!“

  Die Brookboys wurden schlagartig nüchtern, hielten unseren Männern ihre Stangen hin und zogen sie aus dem Wasser, den Pastor zuerst, Michel zuletzt. Kaum kam der Bäcker schnaufend und prustend über die Kante geklettert, brachten die unfreiwilligen Helfer rasch ein paar Meter zwischen sich und ihn.

  Jack hatte die Beerdigung durch sein Fernrohr im Turm beobachtet und war zum Glück gleich losgelaufen, als er Wacko mit seiner besoffenen Bande am Friedhof auftauchen sah.

  „Ich bitte um Verzeihung für diese Malesche, Herr Hauptpastor“, sagte Jack zu Hoger Mars. „Das Verhalten meiner Leute ist unentschuldbar. Ich werde sie mit aller Strenge zur Rechenschaft ziehen.“

  „Das machen wir schon selber, Jack!“ sagte Michel grimmig und schaute sich im Kreis um, als wolle er sich die ersten Delinquenten schon gleich an Ort und Stelle ausgucken.

  Jack gab ihm aber keine Antwort, sondern schaute an ihm vorbei. Ich folgte seinem Blick und entdeckte Onkel Johnny, der halb verborgen in einem der Lagerschuppen stand; sein Gesicht lag im Schatten. Und plötzlich fühlte ich, was für eine ungeheure Bedrohung von dieser Gestalt ausging, die meinen Augen plötzlich so fremd und meinem Herzen so fern erschien, als warte dort ein Gott der Vorzeit auf die Stunde seiner blutigen Wiederkehr, oder ein Tiger auf die Sekunde, aus seinem Versteck auf eine Viehherde loszustürzen. Auch die anderen schienen so etwas zu spüren. Der Eindruck einer bevorstehenden Explosion von Gewalt hing wie eine Gewitterwolke über uns.

  „Da bin ich ja wohl gerade noch rechtzeitig gekommen“, sagte Jack

  „Wie?“ staunte Wacko und drehte sich ebenfalls um. „Ach so. Der berühmte Messerwerfer.“

  „Das brauchst du gar nicht lustig zu finden, du Döselack“, sagte Jack zu ihm. „Du wärst nämlich der erste gewesen, der mit so ’m Sheffieldnagel gurgeln geht.“

  Meine Mutter und die liebe Lida hielten einander vor Schrecken fest umklammert, und auch mir war etwas blümerant, denn wenn Jack nicht aufgekreuzt wäre, hätte Onkel Johnny ganz bestimmt eingegriffen, so gut kannte ich ihn inzwischen, dann wäre Blut geflossen, und wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre.

  „Wir kamen nur ganz zufällig vorbei, Chef“, maulte Ben der Bremser und rieb sich den schmerzenden Unterkiefer, „da fing der Pfaffe plötzlich an zu bramsen, und dann hat mir dieser Finkwarder Nigger gleich aufs Maul gehauen, da haben wir die Dreckskerle kurz mal durchgeklopft!“

  „Darüber reden wir später“, sagte Jack streng. „Schlaft erst mal euren Molum aus, ihr Suffköppe. Haut ab!“

  Als sich seine Leute getrollt hatten, sagte er zu den unseren, die triefend auf dem Kai standen: „Lasst euch in nächster Zeit lieber nicht auf dem Brook sehen, wenn ihr nicht wollt, dass euch was passiert. Sie hätten euch ersäufen können wie die Katzen.“

  „Brukst di man gor kien dicken Kopp to moken“, schnaubte der Gecko. „Dat neegste Mol kumm’ wi nich alleen!“

  „So, so“ sagte Jack gelassen. „Hab’ schon gehört, dass ihr bei Johnnys Ausländern mitmachen wollt, ihr Papierdeutschen.“

  „Jetzt ist es nicht mehr Johnnys Sache allein, jetzt ist es auch unsere Sache“, sagte der Bäcker finster.

  „Allreit“, fügte Harry hinzu. „Von dir lassen wir uns noch lange nicht die Hosen anmessen!“

  „Schade“ sagte Jack. „Hätte euch gern bei uns dabei gehabt. Ihr seid doch Deutsche, oder?“

  „Schnack nich so gelb, du Dummschnut!“ sagte der Gecko erbost, „so düütsch wie diene fiesen Kerls sünd wi alltohoop!“ 

  „Schon recht, Kuddl“, sagte Jack. „Meine Jungs sehen bloß’n büschen düütscher aus als du, was?“

  „Verfluchte Peronje!“ schimpfte Kowalski. „Vermaletrackter Kerl!“

  „Ach ja, ihr seid ja inzwischen international“, sagte Jack. Damit ließ er sie stehen und wandte sich uns Frauen zu.

  „Tut mir Leid, Emma, dass das passiert ist. Ich wusste nichts davon. Ich wünschte, ich wäre früher gekommen.“

  Meine Mutter sah ihn durch ihren Schleier kaum an, sie hielt sich an mir fest und weinte.

   „Euer Familiengrab steht unter meinem Schutz“, fügte Jack hinzu. „Wir führen keinen Krieg gegen die Toten, wir haben mit den Lebenden genug zu tun.“ Das war so seine Art von Humor, aber niemand lachte.

  „Ich bitte auch Sie um Entschuldigung“, sagte Jack dann zu Lida Saati. „„Mein Name ist Jack Lendt. Ich bin hier Notar. Diese Gegend ist nicht für Damen wie Sie, aber wenn Sie dich wieder einmal herkommen möchten, lassen Sie es mich bitte wissen. Niemand wird es wagen, Ihnen oder Ihren Freunden zu nahe zu treten.“

  „Das ist Lida Saati“, sagte ich in einem kindlichen Bestreben, der Form Genüge zu tun.

  „Ich weiß“, sagte Jack, sah aber immer nur Lida an. „Und ich darf sagen, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Kunst.“

  „Ich danke Ihnen. Noch mehr wäre ich Ihnen verbunden, wenn Sie dafür sorgen könnten, dass diese Strolche uns nicht mehr belästigen.“

  „Selbstverständlich, Madam“, erwiderte Jack. Erst dann wandte er sich auch mir zu: „Man sieht sich ziemlich oft in letzter Zeit“, sagte er.

  „Kann schon sein“, antwortete ich vorsichtig.

  „Pass man nur schön auf deine Mama auf.“

  „Mach ich.“

  „Dein Mann wird es mal nicht leicht mit dir haben.“

  Da ich darauf nicht gleich was zu antworten wusste, geruhte ich diese letzte Bemerkung nicht zur Kenntnis zu nehmen. Jack nickte mir noch einmal scharfäugig zu, drehte sich um und ging davon, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle.

  Als Jack hinter dem Friedhof war, erleichterten sich die fünf außer Augustus auf eine Weise, die den Pastor alsbald veranlasste, sich die Ohren zuzuhalten. Ich dachte, Michel und die anderen würden gleich nach Hause wollen, um sich trockene Sachen anzuziehen, aber nein, sie marschierten wie ein Mann zum Friedhof zurück, den Hauptpastor an der Spitze. Wir natürlich hinterher. Am Grab nahmen wir wieder Aufstellung. Auch der Totengräber und die vier Sargträger waren plötzlich wieder da.

  Der Kerub reckte seinen Eulenkörper und betete laut: „Oh Herr, deine Sonne scheint auf die Gerechten und die Ungerechten. Stärke unseren Glauben! Du hast uns geboten, auch unsere Feinde zu lieben. Und so beten wir denn zu dir: Gib, dass wir unsere Feinde lieben, auch wenn sie ein solches Lumpengesindel, ein solcher Abschaum sind. Ja, Herr, lehre uns, diese Schufte zu lieben, diese faulen Sündenäpfel, Scheusale, Schurken und Spitzbuben! Gib uns die Kraft, ihnen zu verzeihen, diesen Schweinehunden und Kanaillen, während du sie der gerechten Strafe zuführst! Hilf uns, ihnen zu vergeben wie auch jedem anderen Bösewicht und Hundsfott, mit dessen Bosheit du unsere Nächstenliebe noch fürderhin zu erproben gedenkst. Lass sie uns lieben, auch wenn sie ein noch so ekliges Gewürm und Geschmeiß sind, und sündiges Madengewimmel! Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Halleluja.“

  „Amen!“ tönte es kurz und knapp aus verkniffenen Mündern; es klang wie ein Kriegsruf.

  Die Totengräber begannen zu schaufeln,

  Wir warteten, bis das Grab geschlossen war. Dann kehrten wir ins Hotel zurück. 

  Als wir anderen nach der ereignisreichen Beerdigung wieder ins „Tritonia“ kamen, wartete Onkel Johnny schon auf uns, nun wieder Onkel und nicht mehr unheimlicher Urzeitgott. Nell saß bei ihm.

  „Jetzt siehst du, wie das wird, wenn diese Halunken hier erst mal frei schalten können“, sagte mein Onkel zu ihr. „Nicht einmal eine Beerdigung respektieren sie. Höchste Zeit, dass endlich was passiert.“

  „Aber was hättest du tun wollen, allein gegen so viele?“ fragte Nell. Sie war ganz bleich, die Sache hatte auch ihr einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Sie nahm gleich meine Mutter in den Arm, und Lida, die auch ziemlich erschüttert war, in den anderen. „Was willst du gegen Jack und seine Bande ausrichten, mit so wenig Leuten?“ fragte sie dann noch einmal. „Sie warten doch nur darauf! Ihr habt doch gar keine Chance!“

  „Es muss uns eben was einfallen“, sagte mein Onkel.

  „Jetzt ist es nicht mehr deine Entscheidung allein, Johnny“, stieß der nasse Bäcker hervor, der sich noch immer nicht beruhigen konnte, er war ja auch besonders gekränkt: der große Eisenbahnräuber, eine Legende der Unterwelt, von einem Haufen Besoffener eingetunkt wie ein Schuljunge. „Jetzt ist es auch unsere Sache. Wir werden kommen, wenn es so weit ist, ob du dann da bist oder nicht. Das wird mit Blut abgewaschen.“

  Mein Onkel nickte.

  „Mit Blut, verfluchte Peronje!“ sagte auch der nasse Kowalski. „Mich wirft keiner ins Wasser und sagt, ich bade zu wenig!“

  „Un mi blafft keenen als’n verdammicht’n Nigger!“ rief der womöglich noch nassere Gecko.

  Harpunen-Harry und Volten-Walter äußerten sich ähnlich, nur Augustus schien nicht sonderlich in seiner Ehre gekränkt, er war sowieso ein ziemlich ruhiger Vertreter und betrachtet die Sache eher als Unfall, wie er mir später gestand, ungefähr wie wenn ein  Forschungsreisender, wenn er im Busch in irgendeinem Kral von einer Kuh auf die Zehen getreten kriegt, die Sache besser nicht persönlich nimmt, sondern der Exotik oder Folklore aufs Konto schreibt. Er verabschiedete sich auch gleich, denn er hatte noch einer anderen Pflicht Genüge zu tun, und zwar in seiner neuen Eigenschaft als Mitglied einer soeben gegründeten Hochstaplerbande. Er entpuppte sich als Naturtalent. Er eilte erst in den „Palazzo“, um sich zu restaurieren, und begab sich dann in seinem besten Schniepel, wie wir damals sagten, sowie  im Landauer aus dem eigenen Fuhrpark zum Jungfernstieg in den „Hamburger Hof“. Dort ließ er den Direktor kommen und eröffnete dem äußerst Erfreuten, dass noch am gleichen Tag die Großfürstin Roxana von Nowgorod mit ihrer Equipage anzulangen gedenke. Er, Augustus Averdar, preise sich glücklich, die Ehre zu besitzen, für standesgemäße Einquartierung zu sorgen. Die Großfürstin sei zwar nicht gewohnt, außerhalb von Palästen Obdach zu nehmen, aber aufgrund ihrer modernen Einstellung durchaus bereit, ein entsprechendes Unterfangen in einer artigen Herberge zu wagen, zumal sie wisse, dass es im republikanischen Hamburg an fürstlichen Residenzen durchaus mangele. Er, Augustus Averdar, habe Ihrer Kaiserlichen Hoheit den „Hamburger Hof“ empfohlen, der sich nicht nur aufgrund seiner vorzüglichen Lage mit dem angenehmen Blick auf das Alsterbassin, sondern ebenso wegen seines hoffentlich doch wohl recht exklusiven Publikums und des gewiss in höfischen Sitten erprobten Personals auch für ungewöhnlich hochgestellte Gäste eigne. Er, Augustus Averdar, müsse allerdings auf unbedingter Diskretion bestehen, so gut auch das Bestreben eines von finanziellen Erträgen abhängigen Etablissements zu verstehen sei, mit gekrönten Häuptern zu renommieren. Die Großfürstin reise inkognito und wünsche keinesfalls erkannt oder gar angesprochen zu werden. Zudem verbitte er, Augustus Averdar, sich jedwede etwaige Absicht, seinen Onkel, den Konsul und Großkaufmann Jacob Christopher Averdar, zu unterrichten, denn die Großfürstin unterhalte bereits seit längerem eine Korrespondenz mit dem Onkel und wünsche denselben nunmehr mit einigen Vorschlägen, geschäftliche Aktivitäten in Osteuropa betreffend, zu überraschen. Er, Augustus Averdar, gedenke den Onkel persönlich zu ihr zu führen. Das genügte.

  Der Direktor hieß Hartmann und war ein kleiner, ehrgeiziger Bursche, der zwar vorsichtshalber bei einigen vertrauten Gewährsleuten Erkundigungen einzog, aber vollständig zufrieden war, als ihm versichert wurde, der junge Herr in Frack und Zylinder sei nicht etwa nur ein Neffe, sondern der alleinige Erbe des nordischen Nabobs aus dem „Palazzo“.

  Nachdem der Viaschmahandel so geschickt wie glücklich inszeniert war, ratterte unser Augustus sofort zum „Palazzo“ zurück, schlüpfte in seinen weißen Leinenanzug, setzte den Strohhut auf, galoppierte mit den Siebenmeilenstiefeln des Verliebten zum Blankeneser Anleger und setzte mit der Fähre über den Strom zur Kate der alten Ridderkerk, wo ich ihn am nächsten Tag mit seiner Agnes antraf, dichtebei wie Turteltauben auf der Stange. Sie war aber auch wirklich entzückend, vor allem seit sie die blonden Zöpfchen nach polnischer Art um das Köpfchen gebunden trug.

  Während der wackere Jüngling noch im „Hamburger Hof“ seine Vorstellung gab, hörte sich Onkel Johnny die Wutreden der tief in ihrer Ehre gekränkten Freunde an.

  „Und was meinst du nun dazu?“ wollte Michel schließlich wissen. „Bist du dabei oder was!“

  „Ich bin dabei“ sagte mein Onkel.

  „Johnny!“ rief Nell. „Das hat doch keinen Sinn!“

  „Du hältst dich da raus, Nell“, grollte der pitschnasse Walfänger. „Wenn du nicht für uns sein kannst, dann sei wenigstens nicht gegen uns.“

  „Lass das, Harry“, sagte Johnny. „Aus solchen Worten guckt der Esel raus. Beruhigt euch erst mal. In der ersten Wut fasst man besser keine festen Beschlüsse. Euch wird Genüge getan, und zwar vollständig. Das verspreche ich. Jedem von euch. Dafür stehe ich ein. Habt ihr verstanden? Sie werden dafür bezahlen. Jeder einzelne. Aber wie wir das machen, das entscheiden wir nicht heute. Jedenfalls nicht mit mir. Ich verstehe, wie euch zumute ist. Ich hab’ auch ’ne saumäßige Wut im Bauch. Aber hier geht es nicht nur um unsere Gefühle. Wir dürfen uns jetzt nicht in etwas hineintreiben lassen, was uns die Sache nur schwerer macht. Rache ist süß, will aber kühl genossen sein. Sorgen wir dafür, dass sie uns auch gelingt!“

  „Welch weise Worte, und noch nicht mal grau das Haupt“, sagte der pudelnasse Volten-Walter, der als Berufszocker seine Nerven noch am besten im Griff hatte. „Nun denn, Gefährten, s-pielen wir die Karten, die uns der Zufall mit blinder Hand zuteilt, wenigstens in klüglichster Folge, auf dass uns die Götter des Glücks und des Schicksal gewogen seien. Ich mögte nämlich, dass wir diese Penner erst so richtig fertigmachen, bevor wir sie totschlagen.“

  Da fing es an, bedenklich zu werden, denn mir wurde klar, dass jetzt viel zu viel Hass in der Sache steckte. Und wenn der Hass die Wogen rollt, segelt das Verhängnis schnell.

  Die anderen zogen ab, und als ich sah, dass Nell dringend mit meinem Onkel zu reden wünschte, und zwar nach Möglichkeit allein, trollte auch ich mich und ließ mir in der Küche was Schönes brutzeln.

 

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