Kapitel 44: Bei August Bebel

Freitag, 30. November 2012
„Wir marschierten an der Hafenkante zum Rödingsmarkt“: 44 An der Straße Herrlichkeit 1894 S.27 © Museum für Hamburgische Geschichte

Kurz darauf kam Johnny und sagte: „Komm mit.“ Er hatte sich die Kluft eines Hamburger Schauermanns besorgt.

  „Sofort!“ sagte ich gehorsam und schluckte rasch runter. „Wo geht’s denn jetzt wieder hin?“

  „Nell will unbedingt, dass ich zu diesem Sozialritter gehe und mir was vertellen lasse“, erklärte er missmutig.

  „Aha. Und ich soll dich hinbringen?“

  „Zum Rödingsmarkt finde ich schon selber“, sagte mein Onkel sarkastisch. „Du kommst zur Tarnung mit, aber wenn wir erst mal drin sind, hältst du man schön den Schnabel, kapisko?“

  „Ay ay sir.“

  „Ja, ja, du Leichtmatrose, nun mach aber!“

  Ich sprang auf mein Zimmer und kam in meinem zweitbesten Kleid zurück.

  „Doch nicht so!“ brummte er, als er mich sah. „Wir führen keine Toiletten spazieren, wir gehen zu den Werktätigen, und wenn wir zu den Werktätigen gehen, dann wir sind selber welche!“

  Ich kehrte um und trat brav in meinem drittbesten auf, ich hatte ja nur drei, es war eins vom vergangenen Jahr, ein dunkelgraues Wollkleid, das mir kaum noch passte.

  „Wo is’n das Kinderkleid her, von deiner Konfirmation?“ fragte Onkel Johnny.

  „Nee, das von der Konfirmation passt mir schon lange nicht mehr“, antwortete ich.

  „Das hier auch nicht“, murrte er. „Na, egal. Hol aber nicht so tief Luft!“

  Irgendwie freute es mich, dass meine fraulichen Reize wenigstens zur Kenntnis genommen wurden, wenn sie schon nicht wirken durften.

  „Pass mal auf“, sagte er, das war auch so eine typische Einleitung von ihm. „Pass mal auf, wenn wir da hingehen, hängst du dich bei mir ein, als braves Töchterchen, klar? Wenn du aber so einen Portugiesen siehst, mit einer roten Wollmütze, dann…“

  „Dann ist das der Bootsmann Nunez von der ‚Heiligen Jungfrau von Sagres’“, sagte ich.

  „Ach so, das weißt du auch schon. Ja, dann sagst du jedenfalls nicht scheun’ Tach Herr Bootsmann, oder boa tarde, sondern du gehst du in Deckung, verstanden? Der Kerl will mir nämlich ans Fell, und da brauch’ ich’n bisschen Bewegungsfreiheit, da kannst mir nich’ wie’n Sack am Arm hängen. Duck dich einfach und bleib weg, dann passiert nix.“

  Er wirkte etwas schwatzhaft, wie immer, wenn er sich nicht ganz als Herr der Lage fühlte, was aber nicht am diesem gefährlichen Kerl von einem Bootsmann, sondern an dem nichtsahnenden August Bebel lag, denn Politiker waren meinem Onkel unheimlich.

  „Verstanden“, sagte ich. „Und wenn ich’n Kuli sehe?“

  Er guckte mich an. „Was für’n Kuli denn!“

  „Sind die Gelben nicht auch hinter dir her?“

  Er zuckte die Achseln. „Kann ich nicht sagen. Nee, eher nicht. Die wollen ja erst ihr Opium wiederkriegen. Und wir müssen’s erst zurückklauen. Kann natürlich sein, dass die Schlitzaugen was ungeduldig werden. Aber dann fragen sie meistens erst mal nach und gehen nicht gleich auf einen los.“

  „Da drüben steht schon mal einer“, sagte ich und zeigte über den Binnenhafen.

  „Nun mach mal nich so’n Gedöns“, murrte er. „Von denen gibt’s hier Hunderte, da musst du nicht bei jedem Alarm schlagen. Was ist eigentlich mit deinem Freund, dem Schränker?“

  „Die Marie hat noch nichts.“

  „Besonders pfiffig scheint der Kerl ja wohl nicht zu sein.“

  „Kann ja nachher noch mal hingehen.“

  „Ja, tu das.“

  Wir marschierten an der Hafenkante zum Rödingsmarkt, ich bei meinem Onkel eingehängt wie ein braves Arbeiterkind beim wackeren Arbeitsmann.

   Da Bismarcks so schön blank formuliertes „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, vulgo „Sozialistengesetz“, damals alle sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Organisationen, Druckschriften und Geldsammlungen verbot, befand sich die Zentrale der Sozialistischen
Arbeiterpartei Deutschlands in der Privatwohnung eines Funktionärs. Sie lag im zweiten Stock hinter der bürgerlichen Sandsteinstirn eines dieser Mischtypen von Kontor- und Etagenwohnhaus. Vor dem Eingang lungerten kräftige Kerle mit Schlägermützen herum.

  „Da ist es wohl“, sagte Onkel Johnny. „Auch der Arbeiteradel hat seine Wachparade.“

  Einer der Männer hielt uns an: „Zu wem wollt ihr denn?“

  „Zu Herrn Bebel“, sagte Onkel Johnny.

  „Da möchten aber viele hin“, sagte der Arbeiter, ein semmelblonder, hochgewachsener Eisenbieger mit den Schmiedehammerfäusten seines nützlichen Standes.

  „Und wir nun eben auch“, sagte mein Onkel. „Wir sind vom Brook.“

  „Na und, ist das vielleicht was Besonderes?“

  Die anderen umringten uns, die Knochen so grob wie die Manieren. Mein Onkel beachtete sie aber gar nicht, er guckte nur unseren Eisenbieger an und sagte schlicht: „Ich komme im Auftrag von Herrn Notar Lendt.“

  „Was!“ riefen die Arbeiter zornig. „Das Lumpenpack!“

  Der Eisenbieger war klüger als seine Kameraden. „Dann kommt man gleich mit“, sagte er, führte uns durch das Tor und die Treppen hinauf. An der Tür klebte ein Schild: SAPD.

  August Bebel saß an seinem Schreibtisch und las betroffen den Bericht mit der Schlagzeile „Verbrecherkrieg auf dem Brook“. Die „Hamburger Freie Presse“ war Deutschlands fortschrittlichste Zeitung, aus ihrer Druckerschwärze leuchteten rote Fahnen: „Die Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Verbrecherbanden schaden der sozialistischen Sache, denn jeder Tote und Verletzte liefert den Staatsorganen ein Argument mehr für den reaktionären Standpunkt, dass nur ein striktes Polizeiregime in den Elendsvierteln Ruhe und Ordnung gewährleisten könne. Das aber bedeutet neue Repressionen gegen die politischen Kräfte, die für die verarmten und entrechteten Massen eintreten, vor allem die Sozialistische Arbeiter-Partei Deutschlands.“

  Der Vorsitzende legte die Zeitung auf den kleinen, wackeligen Tisch. Wer schürte die Unruhen - die Konservativen, oder das Großkapital? Welche Möglichkeiten gab es, die Macht des Verbrechens zu überwinden und die verängstigen, verzweifelten Menschen zu freien, selbstbewussten Wählern zu machen? Die nicht für diesen zwielichtigen Notar mit den kapitalistischen Hintermännern, sondern für den Kandidaten der SAPD stimmten? Und wie ließen sich die zweifellos enormen Energien im Elendsviertel auf dem Brook für eine bessere Sache, für Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand nutzen?“

  Sein Sekretär klopfte an. „Ein Besucher, Herr Vorsitzender.“

  Bebel blickte fragend auf.

  „Vom Brook. Es sei wichtig.“

  „Kennen Sie ihn?“

  „Nein. Er sagt, er kommt von Notar Lendt.“

  Jahre später hat Bebel mir einmal erzählt, diese Zufälligkeit habe ihn für den Moment nachdenklich gemacht: „Ich las den Artikel, der mich zutiefst beunruhigte, und auf der Stelle erschien jemand, der mir etwas dazu sagen zu können schien.“

  Wir durften also eintreten.

  Der große Mann trug wieder seinen schwarzen Gehrock; die berühmte goldene Taschenuhr steckte in einer schwarzen Weste. In dem schäbigen Büro wirkte er genauso bezwingend wie am fahnengeschmückten Rednerpult. Jetzt sah ich ihn zum ersten Mal aus der Nähe. Haar und Vollbart war noch dunkelbraun. Er hatte dunkelgraue Augen, eine große, kräftige Nase, volle Lippen und ein ziemlich blasses Gesicht. Sein Blick verriet ein Wissen um die Menschen, wie es Päpsten oder Kardinälen eignet. Auf der Stirn dieses Tatmenschen wolkte auch ein bisschen von der Melancholie des Einsamen.

  „Sie kommen von Herrn Notar Lendt?“ fragte er.

  „Ich heiße Kurt Feddersen“, log mein Onkel, „das ist meine Tochter Klara.“

  „Bitte nehmen Sie Platz.“

  Onkel Johnny setzte sich und streckte die Beine aus. Ich saß kerzengerade neben ihm.

  Bebel betrachtete uns. Über meinen Onkel dachte er ungefähr so wie Jesus von Nathanael: Da kommt ein echter Hamburger, ein Mann ohne Falschheit. Freies, offenes Gesicht. Augen, die viel von der Welt gesehen hatten. Ein fester Mund, der ehrlich reden, furchtlos lachen, aber auch entschlossen schweigen kann. Vom Wetter gegerbte Haut. Hände vom Zupacken gehärtet. Nein, das war kein Ganove.

  Mir gab der berühmte Arbeiterführer damals rücksichtsvollerweise nur einen Seitenblick. Nette Deern, dachte er, passt auch nicht so recht zu diesem Halunken von einem Notar. Schade um solche Leute. Ich wiederum sah in den klugen, wachen Augen Willenskraft, Lebenserfahrung und die Entschlossenheit, unerschütterlich für hohe Ideale einzustehen.

  „Sie kommen von Herrn Notar Lendt?“ wiederholte Bebel, der keine Zeit zu verlieren hatte.

  Mein Onkel lächelte ihn recht freundlich an. „Ich bin da vielleicht missverstanden worden“, sagte er nun. „Ich komme nicht von ihm, sondern aus seinem Wahlkreis. Und ich habe auch nicht die Absicht, ihn zu wählen. Keiner von uns hat diese Absicht.“

  „Das ist sehr vernünftig“, sagte Bebel und hob die Zeitung. „Haben Sie das gelesen?“

  „Wozu?“

  „Wozu? Da schlagen sich Arbeiter gegenseitig die Köpfe ein!“

  „Das sind keine Arbeiter. Das sind Ganoven.“

  „Das sagen Sie so blank?“

  „Sie können’s mir glauben.“

  „Waren Sie dabei?“

  „Nein, aber ich kenne mich aus auf dem Brook.“

  Bebel überlegte kurz:  „Was also kann ich für Sie tun?“

  „Sie können mir eine Frage beantworten.“

  „Und welche?“

  „Ich war lange fort, und Politik ist auch nicht meine Stärke. Am Sonntag war ich deshalb in Sagebiels Fährhaus“.

  „Dann kennen Sie ja unsere Ansichten schon. Und unsere Absichten auch.“

  „Eins wurde mir nicht klar: Wie halten Sie es mit den Ausländern?“

  „Sagte ich das wirklich nicht? Mag sein, auf diesem Gebiet haben wir ja keine Probleme.“

  „Ich fürchte doch.“

  „Wieso?“ wunderte sich Bebel. „Unsere Ideen sind international. Wir haben Gesinnungsgenossen in England, Russland und vielen anderen Ländern, sogar in Amerika. Nur gemeinsam können die Arbeiter siegen. Deshalb endet das Kommunistische Manifest mit dem Ruf: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Er stockte, dann schaute er wieder auf die Zeitung. „Ach so, Sie meinen, weil die Schlägerei überwiegend in der Holländischen Reihe stattfand?“

  „Sie fand nicht nur dort statt, es ging auch gegen die Holländer“, erklärte mein Onkel ihm. „Gegen die Mijnheers, um genau zu sein.“

  „Tatsächlich?“ Bebel vertiefte sich noch einmal in den Bericht. „Das geht aus diesem Artikel gar nicht so genau hervor.“

  „Wundert mich nicht“, sagte Onkel Johnny.

  Bebel musterte ihn mit wachsender Aufmerksamkeit. „Wer oder was sind denn die Mijnheers?“

  „Eine Gaunerbande. Schmuggler. Mädchenhändler.“

  Bebel machte ein bedenkliches Gesicht. „Soll das bedeuten, dass dort deutsche Arbeiter in ihrem Zorn Polizei gespielt haben?“

  „Nein, keine Arbeiter“, sagte mein Onkel. „Ich sagte doch schon, es war eine Sache unter Ganoven. Die anderen waren deutsche Schurken. Räuber, Erpresser und so. Schläger. Sie nennen sich Brookboys.“

  Der Arbeiterführer schüttelte betroffen den Kopf.

  „Das schlimmste ist, dass die Sache längst noch nicht zu Ende ist“, sagte Onkel Johnny. „Im Gegenteil, jetzt geht’s dort erst richtig los. Übernächsten Sonntag. Die deutschen Banden wollen ihre ausländischen Berufsgenossen aus der Stadt jagen. Und wissen Sie, wer sie anführt?“

  „Die Deutschen? Nein, keine Ahnung.“

  „Unser werter Herr Notar.“

  Bebel starrte ihn an. „Herr Lendt? Jack Lendt? Können Sie das beweisen?“

  „Das brauche ich nicht zu beweisen, das weiß auf dem Brook jedes Kind. Sie sollten sich dort mal umhören. Und umsehen.“

  „Was genau meinen Sie?“

  „Elendsviertel. Ich war zwanzig Jahre im Ausland. Seither ist es noch viel schlimmer geworden. Die Leute sind fertig. Erledigt. Sie wehren sich gar nicht mehr. Überall Verbrechen, Ausbeutung, die Polizei korrupt, und jetzt noch dieser Krieg zwischen Leuten, die über Leichen gehen.“

  „Mein Freund, das sind ja schlimme Neuigkeiten“, sagte Bebel. „Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, natürlich haben wir nicht das Geringste gegen Ausländer. Uns wäre es im Gegenteil lieber, wenn es überhaupt keine Kriege mehr gäbe. Wenn alle Grenzen fielen, und am besten auch das Wort Ausländer für immer aus der deutschen Sprache verschwände. Für uns sind alle Menschen Brüder. Wir akzeptieren keinerlei Unterschiede von Rasse, Klasse oder Geschlecht. Wir fordern Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wie die Französische Revolution, außerdem Frieden, Gerechtigkeit und wirkliche Demokratie.“ Er schüttelte den Kopf. „Es wäre schrecklich, wenn dieser anachronistische Ausländerhass ausgerechnet in einer so liberalen, weltoffenen Stadt wie Hamburg explodierte! Wie ließe sich diese neue Prügelei denn verhindern?“

  „Ich rede nicht von einer weiteren Schlägerei“, sagte mein Onkel energisch. „Ich rede von einer Schlacht. Einer richtigen Schlacht auf dem Brook, mit Knüppeln, und mit Messern, nicht bloß mit Fäusten. Jack kann mehr als tausend Leute zusammenbringen, und die Ausländer werden nicht viel weniger sein. Es wird Tote geben.“

  „Jack, sagen Sie? Sie kennen ihn persönlich?“

  „Lassen wir das jetzt. Sie müssen was unternehmen!“

  „Ja, das ist wahr. Ich werde die Polizei alarmieren-“

  „Glauben Sie wirklich, dass die was tun?“ fragte mein Onkel. „Sie wissen doch, dass auf dem Brook ein Freihafen gebaut wird.“

  „Der Freihafen wird kommen, das glaube ich auch, aber wo, das ist noch nicht entschieden.“

  „Umso schlimmer.“

  „Sie meinen, der Senat würde einem solchen Verbrechen die Hand leihen? Lieber Herr, das ist doch wohl ganz ausgeschlossen!“

  „Wenn auf dem Brook Krieg ist, macht das es dem Senat nur leichter, die Leute fortzujagen und ihre Bruchbuden abzureißen.“

  Bebel war immer nachdenklicher geworden. „Aber wo bleibt dann der Notar Lendt?“ fragte er. „Er würde sich ja um sein eigenes Reich bringen.“

  „Er steckt mit diesem Konsul Averdar zusammen“, sagte mein Onkel.

  Der Arbeiterführer verzog das Gesicht. „Wenn dieser Kerl seine Finger im Spiel hat, muss man freilich mit allem rechnen.“

  „Ich nehme an, die beiden haben sich auf dem Brook Grundstücke besorgt“, sagte Onkel Johnny. „Und zwar im ganz großen Stil.“

  „Tatsächlich? Aber wo sind die Beweise?“

  „Das kann man ja im Katasteramt nachschauen.“

  „Ganz so einfach ist das nicht, Herr Feddersen. Wenn die Kerle schlau sind, haben sie Strohmänner zwischengeschaltet, da kommt man nicht so leicht dahinter. Außerdem ist es ja nicht illegal, Grundstücke auf dem Brook zu besitzen. Wenn Konsul Averdar mit von der Partie ist, gehe ich sogar davon aus, dass alles in schönster Ordnung ist. Rechtlich gesehen.“

  Mein Onkel schnaubte durch die Nase. „Rechtlich!“

  „Ja, ich weiß, unsere Gesetze schützen die Schurken besser als die Opfer. Aber um das zu ändern, müssen wir gewählt werden, und nicht nur in den Reichstag, sondern in den Senat. Sie wissen sicherlich, mit welchen unlauteren Methoden die Ratsherren dieser schönen Stadt der Mehrheit das Stimmrecht verweigern?“

  „Nein, so genau weiß ich das nicht“, sagte mein Onkel, „aber darauf kommt’s ja auch gar nicht an, sie tun’s jedenfalls, und das genügt.“

  „Und was erwarten Sie jetzt von mir, Herr Feddersen?“

  „Ja, das kann ich auch nicht so ganz genau sagen. Ich weiß nur: Wenn Sie nichts dagegen machen können - andere werden’s erst recht nicht tun. Der Senat nicht, und die Polizei auch nicht.“

  „Der Erste Polizeiherr ist eine absolut integre Persönlichkeit, das kann ich Ihnen versichern.“

  „Ja, das sagt Hauptpastor Mars auch.“

  „Sie waren bei ihm? Über Religion rede ich nicht gern, man weiß nie, wem man auf den Schlips tritt.“

  „Mir nicht, ich hab’ keinen.“

  „Und warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?“

  „Da hab’ ich so meine Gründe.“

  „Verstehe.“

  „Es wäre zwecklos, sehen Sie das doch endlich ein!“ sagte Onkel Johnny. „Der Erste Polizeiherr ist vielleicht ein anständiger Mann, aber der Senat wird ihm vorschreiben, was zu tun ist, nämlich nichts. Oder besser: erst mal nichts, und dann das Schlachtfeld räumen, mit allen Unschuldigen, damit Platz für Speicher und Kontore wird.“

  „Wahrscheinlich haben Sie damit sogar recht“, sagte Bebel bedrückt. „Das ist eine böse Sache.“

  „Dann denken Sie mal drüber nach.“

  „Natürlich. Es muss uns etwas einfallen.“

  „Bei Sagebiel sah’s aus, als kommandierten Sie eine ganze Armee.“

  „Wir sind nicht mehr so wenige wie damals, als wir anfingen“, sagte Bebel, „und ja – es sind handfeste Männer unter unseren Mitglieder, die sich ihrer Haut wehren würden. Aber ich kann doch diese braven Leute nicht gegen Verbrecher schicken, gegen Mörder mit Knüppeln und Messern!“

  „Mit bloßen Händen sollten sie nicht kommen“, sagte Onkel Johnny.

  „Und dann gibt es doch auch noch die Armee“, sagte Bebel mit leichtem Zögern.

  „Die Armee? Wir haben immer noch eine Armee?“ wunderte sich Onkel Johnny.

  „Nicht Hamburg, aber Preußen.“

  „Glauben Sie, dass Sie die auf den Brook kriegen können?“

  „Lieber Freund“, sagte Bebel, „ich bin wahrscheinlich der letzte, der das könnte. Und ich möchte es auch nicht. Ich fürchte sogar, dass die Preußen lieber auf meine Arbeiter schießen würden als auf Ihre Ganoven. Aber in diesem Fall...“

  „Sie glauben wirklich, dass Deutsche auf Deutsche schießen würden?“

  Bebel lachte bitter. „Glauben ist Religionssache. Sie waren wohl wirklich lange weg, Herr Feddersen. Unsere Krieger hier sind zuerst Preußen. Unsere Arbeiter halten von diesen Kommissköpfen nicht besonders viel. Ich auch nicht. Andersrum ist es genauso. Wissen Sie denn nicht von den Repressionen, denen wir ausgesetzt sind, nur weil wir uns für die Rechte der Arbeiter einsetzen? Die Polizei wartet nur darauf, uns etwas anhängen zu können. Wir müssen sehr vorsichtig sein.“

  „Aber tun wollen Sie trotzdem etwas, oder?“

  „Ja, natürlich, verlassen Sie sich drauf! Es wird uns schon etwas einfallen. Wie kann ich Sie erreichen?“

  „Hab’ noch keine Adresse“, sagte Onkel Johnny. „Ich komm’ lieber wieder vorbei.“

  Bebel nickte. Vielen Dank, dass Sie mich aufgesucht haben. Ich werde Anweisung geben, Sie wieder vorzulassen.“

  Wir standen auf, verabschiedeten uns und zogen ab.

  „Was hältst du von ihm?“ fragte mich Onkel Johnny, als wir die großen Ohren des Eisenbiegers weit genug hinter uns gelassen hatten.

  „Nell hatte recht“, sagte ich. „Wenn jetzt überhaupt noch jemand was machen kann, dann die Arbeiter.“

  „Hoffentlich tut er wirklich was“, sagte mein Onkel, und wir marschierten wieder in Richtung Heimat. Am der Weißen Möwe bog ich ab, nur mal ganz kurz, aber Onkel Johnny wartete trotzdem nicht auf mich, sondern stiefelte mit Riesenschritten zum „Tritonia“. Nell war aber nicht da, sie hatte eine Verabredung, von der ich später zu erzählen habe.

  Als wir schon um die Ecke waren, kam der Eisenbieger - er hieß übrigens Hein Holler und war, wie sich später herausstellte, ein fixer  Kerl – zu Bebel und sagte: „Der Mann, der da bei Ihnen war…“

  „Feddersen? Was ist mit ihm?“

  „Der heißt nicht Feddersen, der heißt Mott, Johannes Mott, und wird gesucht. Wegen Mordes an einem Constabler. Ich hab’s gerade erst gehört, ein paar Jungs aus’m Hafen haben ihn erkannt.

  „Was?“ rief Bebel entsetzt. „Er hat einen Constabler umgebracht?“

  „Das habe ich nicht gesagt, Herr Bebel. Er wird wegen Polizistenmordes gesucht, aber die Leute sagen, dass er es gar nicht gewesen ist. Dass man ihm nur was anhängen wollte, weil er den Verbrechern ein Dorn im Auge war.“ Er erzählte, was er von der Geschichte wusste.

  „Dann habe ich mich vielleicht doch nicht in ihm geirrt“, murmelte Bebel, ohne aber wirklich beruhigt zu sein. „Wenn die Polizei von dem Besuch erfährt, wird sie bestimmt versuchen, uns etwas anzuhängen.“

  „Was sollen wir also tun?“

  „Lassen Sie ihn auf keinen Fall wieder vor“, sagte Bebel. „Sagen Sie ihm aber, dass ich ihn woanders treffen werde. Er soll nur sagen, wann und wo. Ich werde kommen.“

  „Ist das nicht zu gefährlich?“ fragte der Eisenbieger zweifelnd.

  „Wir können den Brook nicht im Stich lassen“, antwortete Bebel. „Dort leben fünfundzwanzigtausend Menschen. Was soll aus ihnen denn werden? Rufen Sie sofort die Bezirksleiter zusammen. Wir werden diesen Leuten helfen. Wir müssen!“

  Inzwischen verriet mir Marie, dass ihr Eddie es endlich geschafft hat, ihr eine Kawure zuzukaßpern. „Er sitzt jetzt im Untersuchungsgefängnis am Holstenwall“, sagte sie. „Glaubst du, dein Onkel schafft es wirklich, ihn rauszuholen?“

„Klar“, sagte ich im Brustton der Überzeugung, obwohl ich selber so meine Zweifel hatte, was jeder verstehen musste, der den aberwitzigen Plan kannte.


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