Silvester, der Waldbewohner

Montag, 31. Dezember 2012

Der Heilige des letzten Tages im Kalender war Priester, Bekenner, Flüchtling, Heiler, Papst, Reformer, Aufklärer, Bauherr und Wundertäter.

Das wilde Waldgebirge des steilen Mons Soracte hoch über dem Tibertal ist ein gutes Versteck für die Christen, die den Folterknechten der heidnischen Kaiser Roms entkommen sind. Doch eines Tages dringt auch dort ein Trupp Legionäre durch das dunkle Dickicht unter den leuchtenden Kalkfelsen. Sie suchen den flüchtigen Priester Silvester. Der fromme Mann ist zum Martyrium bereit. Mutig tritt er aus seiner Höhle und liefert sich den Verfolgern aus.

Ein paar Tage später ist der Kaiser getauft, das Christentum Staatsreligion und Silvester Papst - der erste, der öffentlich ein Weihnachtsfest feiern darf: Das Jahr 314 n.Chr. sieht die wundersamste Wendung in der Geschichte der jungen Kirche.

Der Kaiser heißt Konstantin, die Nachwelt nennt ihn den Großen. Nach der Legende leidet er an Lepra. Als weder Priester noch Ärzte helfen können, sucht der Verzweifelte Heilung beim Gott der von seinen Vorgängern grausam verfolgten Christen und wird nicht enttäuscht: Kaum hat Silvester den Kaiser zum Glauben bekehrt, verschwindet der Aussatz. Der mächtigste Mann der Welt ist wieder gesund - und macht sich zum Schutzherrn der neuen Religion.

Die historisch verbürgte Wirklichkeit ist weniger romantisch, aber mindestens ebenso spannend: Schon seit Neros unseligen Zeiten werden Roms Christen gekreuzigt wie Petrus, enthauptet wie Paulus, in der Arena von wilden Tieren zerrissen oder als lebende Fackeln verbrannt. Die schlimmste Hetzjagd startet Diokletian im Jahr 303: Überall im Imperium werden Christen verhaftet, eingekerkert, gefoltert und umgebracht – mal in blutigen Gewaltausbrüchen, dann wieder durch unmenschliche Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und Bergwerken.

Der Kaiser glaubt, nur der absolute Gehorsam alle Untertanen könne das an allen Grenzen bedrohte Reich retten. Die Christen weigern sich als einzige, ihn als Gott anzuerkennen. Diokletian lässt sie ausrotten. Tausende Männer, Frauen und Kinder gehen einen schrecklichen Leidensweg.

Silvester, in Rom als Sohn angesehener christlicher Eltern geboren, wird im Jahr 300 zum Priester geweiht. Sein Name bedeutet „Waldbewohner“, und nomen est omen: Die Pogrome zwingt die Christen in den Untergrund der Katakomben oder in die Wildnis weit vor der Stadt, denn die Spione des Kaisers lauern überall. Nach frommer Überlieferung versteckt Silvester einen Glaubensgenossen und muss deshalb selber fliehen. Der 52 Kilometer entfernte Mons Soracte bietet auch ihm Zuflucht.

Diokletian hat das schon fast unregierbare Reich geteilt. In Ost- und Westrom regieren jeweils ein Ober- und ein Unterkaiser, zwei Ursurpatoren sind auch noch im Spiel. Nach dem Tod des Kaisers beginnt ein gnadenloser Kampf um die Alleinherrschaft. Im Jahr 312 setzt sich der junge General Konstantin durch. Er kennt Kraft und Opfermut des christlichen Glaubens gut: Ein paar Jahre zuvor hat der besonders grausame Kaiser Maximian in Ägypten die Thebaische Legion ausgehoben und zur Vernichtung des Christentums nördlich der Alpen eingesetzt. In Agaunum aber meutern die Legionäre, denn viele von ihnen sind heimlich selber Christen. Maximian lässt 6600 Männer niederhauen. Die Opfer wehren sich nicht, denn Märtyrern winkt das Himmelreich. Der Legionskommandeur Mauritius wird später der Schutzheilige der deutschen Ritter des Mittelalters, die deutschen Kaiser ziehen mit seiner Lanze in die Schlacht, und aus Agaunum wird St. Moritz.  

Beeindruckt von diesem Opfermut macht Konstantin, kaum an der Macht, Schluss mit der Menschenjagd und schenkt den Christen Religionsfreiheit. Mehr noch: Er baut das Christentum zur neuen Staatsreligion aus. Der wichtigster Helfer wird, kaum vom Berg Soracte nach Rom zurückgekehrt, Silvester: Als neuer Papst soll er die geschundene Kirche wiederbeleben.

Vom Kaiser mit Geld und Grundstücken wohl versehen, baut der 33. Nachfolger des Apostels Petrus den ersten Petersdom und begründet damit den Vorrang Roms vor allem anderen Bistümern der katholischen Welt. Er zieht in den alten Lateranpalast, bringt das kirchliche Leben mit neuen Regeln, Verordnungen und Gesetzen in Schwung und leitet die erste Blüte des Christentums ein.

Die Gläubigen sind im vierten Jahrhundert nach Golgatha in zahllose Sekten zerfallen, die erbittert um die einzige Wahrheit ringen. Als Kaiser Konstantin der Kirche überall im Reich die einst geraubte Gebäude und Güter zurückgeben lässt, entbrennt ein wütender Streit um die gerechte Verteilung. Die Anhänger des Bischofs Donatus aus Karthago im heutigen Tunesien etwa erklären, im Himmel sei nur Platz für Heilige, nicht aber für Verräter. Sie wollen Ex-Christen, die ihren Glauben in der schweren Zeit der Verfolgung verleugnet oder aufgegeben haben, nicht wieder in die Kirche aufnehmen und behalten das zurückerstattete Kirchengut deshalb für sich. Doch Silvester setzt das christliche Grundprinzip der Vergebung durch, und der Kaiser beendet den Streit, indem er Donatus in die Verbannung schickt.

Der Eifer des neuen Papstes lässt Legenden sprießen: Ein Zauberer tötet einen wilden, von vielen starken Männern kaum gebändigten Stier allein durch ein ins Ohr geflüstertes Wort, doch Silvester erweckt das Tier gleich wieder zum Leben. Ein Drache mordet durch seinen Gifthauch wehrlose Römer, doch der Papst lähmt das Ungeheuer mit einem Kreuz.  

Die Wundergeschichten symbolisieren den Sieg des Christen- über das Heidentum. Chronisten rühmen Silvester als „Confessor“ („Bekenner“) und „Catholicus“ („Rechtgläubiger“). In Wirklichkeit ist der Papst ein nüchterner Praktiker mit einem großen Herzen für die Armen. Sozialgesetze oder staatliche Fürsorge gibt es nicht, auch keine Caritas oder Diakonie. Die Stadt ist voller Bettler: Kranke, Kriegsversehrte, hungernde Kinder. Um sie keinen Tag aus den Augen lassen zu müssen, scheut der Papst die weiten Reisen zu den Konzilien jener Jahre und schickt Vertreter.

In seinen letzten Worten mahnt Silvester seine Priesterschaft, mit Milde zu regieren, die Schafe vor den Wölfen zu schützen und einander von Herzen zu lieben. Bald nach seinem Tod am 31. Dezember 335 gilt er als Heiliger und gibt damit nach der Sitte der Zeit dem letzten Tag des Jahres seinen Namen: Nicht die Geburts-, sondern die Sterbetage werden gefeiert, denn mit ihnen beginnt das himmlische Leben.

Silvester ist der erste Christ, der als heiliger Bekenner in den liturgischen Büchern steht. Er wird in den Katakomben der Märtyrerin Priscilla beigesetzt und im Jahr 762 in die Kirche S. Silvestro in Capite („Haupt“) umgebettet. Dort wird der Kopf des Papstes an jedem Jahresende in einem silbernen Reliquienschrein zur Verehrung ausgesetzt.

Der Silvesterabend

Ein Neujahrsfest am 1. Januar kennt die Antike noch nicht, Rom feiert den Jahresbeginn am 1.März, und das Kirchenjahr beginnt mit dem 1.Advent. Erst im Mittelalter wird Silvester als Patron des Altjahresabends populär. Doch die Bräuche vom Bleiguss bis zum Raketenschuss, die sich um die Neujahrsnacht entwickeln, haben mit den Heiligen nichts zu tun, im Gegenteil: Zukunftsschau und Lärmzauber wurzeln in jenem altheidnischen Aberglauben, den Silvester einst so energisch bekämpfte.

Die moderne Forschung entdeckt immerhin ein Körnchen Wahrheit in der Drachenlegende: Der Leib des Untiers sei unter den drei korinthischen Säulen des uralten Dioskuren-Tempels auf dem Forum verscharrt worden, berichtet eine fromme Tradition, und Silvester habe an dieser Stelle zum Dank für die himmlische Hilfe die Kirche S. Maria Liberatrice („Befreierin“) errichtet. Als Archäologen das Forum ausgraben, finden sie unter der Kirche eine versumpfte Quelle. Ihr Duft ließ das Volk wohl an giftigen Drachenhauch glauben: Erst nach Silvesters Kirchenbau war die Luft wieder rein.    

Silvester und seine Zeit

Nach vielen Kriegen und Bürgerkriegen erlebt Rom endlich wieder eine lange Phase des inneren Friedens, das Christentum breitet sich in drei Erdteilen immer weiter aus.

314 n.Chr. Silvester wird zum Papst gewählt. Christliche Gemeinden bestehen vor allem in Ägypten, Palästina, der heutigen West- und Südosttürkei, in Mittelitalien, Südfrankreich, Andalusien und Tunesien.

314 Auf dem Konzil von Arles verurteilen 43 Bistümer die Irrlehre der überstrengen Donatisten in Nordafrika und suchen einen einheitlichen Ostertermin.

315 Christen gründen neue Gemeinden vor allem in Norditalien, Nordfrankreich und auf dem Balkan.

316 König Tiridates III. macht Armenien zum ersten christlichen Staat der Welt.

320 Der Ex-Legionär Pachomios gründet in Ägypten das erste christliche Kloster der Welt.

325 Auf dem Konzil von Nicäa (heute Iznik/Türkei) einigen sich 318 Bischöfe auf ein gemeinsames Glaubensbekenntnis, das bis heute gilt. Es wird das Grundgesetz der jungen Kirche.

So lebten sie

In den Städten florieren prächtige heidnische Tempel, die wenigen Kirchen sind enteignet oder zerstört. Der Christengott ist ein Gott der Armen und der Sklaven, besonders aber der Frauen. In Rom feiern die Verfolgten ihre Messen heimlich in den kilometerlangen Katakomben unter der Stadt. Werden sie ertappt, müssen sie entweder abschwören oder sterben - wie alle Priester und auch die Soldaten im römischen Heer. Die bekanntesten Märtyrer dieser Zeit sind die Heiligen Florian, Georg, Marcellus, Maximilian und Mauritius, Katharina, Regine, Sophia, Valeria und Viktoria. Viele Christen fliehen aufs Land, andere verstecken sich, erkennen einander nur an geheimen Zeichen. Papst Marcellinus wird hingerichtet, seine Nachfolger Marcellus und Eusebius sterben in der Verbannung.

Stier und Drachen

Silvester ist Patron der Haustiere, besonders der Rinder. Bilder stellen ihn mit einem Stier oder einem gefesselten Drachen dar. Seine typischen Attribute sind Papstkreuz, Tiara, Engel, Buch, Olivenzweig als Symbol des Friedens.

Gut im Futter

Nach dem Volksglauben hilft Silvester zu einer guten Futterernte und einem glücklichen Jahr. Eine Wetterregel sagt: „Silvesternacht wenig Wind und Morgensonn, gibt viel Hoffnung auf Wein und Korn.“

Namenstag

Silvesters Namenstag ist der 31.Dezember. Weitere Namensformen sind Fester, Silvestre, Silvestro, Sylvester, Sylwester, Szilveszter und Vester.             

 

 

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