„Alle sieben Sekunden stirbt ein deutscher Soldat!“

Dienstag, 1. Januar 2013

Vor 70 Jahren ging Hitlers 6. Armee in Stalingrad unter. Die Schlacht um die Stadt an der Wolga war der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Stalingrad, Januar 1943: Die heimliche Parole der erschöpften deutschen Truppen lautet „Rette sich wer kann.“ Verwundete bekommen einen Zettel auf die Brust, den sie „Lebensbillett“ nennen. Zum letzten deutschen Flugplatz sind es acht Kilometer. „Grenadiere und Generäle, Verwundete, Krüppel und Gesunde mit Befehl und ohne Befehl“ sieht der Kriegsberichterstatter Heinz Schröter auf der „Todesstraße“, „in Pelzmänteln, Fellen und verbrannten Uniformen, mit blutgetränkten Decken um Bauch und Kopf, Tapfere und Feige, im Pkw und auf den Knien.“

Der „Elendshaufen“ kommt an „bis auf die, die im Schnee liegen blieben und am nächsten Morgen hart wie Bretter waren.“ Noch viele andere Schreckensbilder prägen sich den Stalingradkämpfern unauslöschlich ein. Erfrorene Deutsche werden kopfunter in den Schnee gesteckt, um den Lebenden als Wegweiser einen letzten Kameradschaftsdienst zu leisten. Ein Russe, beim Angriff erschossen, bleibt in einer Schneewehe aufrecht stehen - der Leichnam ist sofort gefroren.

„Bei der 6.Armee hat das XIV. Panzerkorps gestern die Wolga nördlich von Stalingrad erreicht und Rynok, die nördliche Vorstadt von Stalingrad, genommen“, verzeichnet das Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) für den 23. August 1942. Damals hat die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkriegs gerade begonnen. Viereinhalb Monate später endet sie mit der furchtbarsten Niederlage der deutschen Geschichte.

Für Hitler kämpfen die 6. Armee unter General Friedrich Paulus und die 4.Panzerarmee unter General Hermann Hoth: 580.000 deutsche, 400.000 italienische, rumänische und ungarische Soldaten. Auf russischer Seite halten über eine Million Rotarmisten, vor allem die 62. Armee unter General Wassili Iwanowitsch Tschuikow, die Stadt und den Strom: Die Wolga ist die wichtigste Nachschublinie für Erdöl vom Kaspischen Meer.

Hitler braucht dringend Treibstoff für seine Panzer: „Wenn wir das Öl aus Baku nicht kriegen, ist der Krieg verloren!“ Stalingrad zieht sich 40 Kilometer am Ufer hin, ist aber nur sechs bis acht Kilometer breit. Die Sowjets verteidigen jede Straße, jede Kreuzung, jedes Haus, jedes Zimmer. Fabriken werden Festungen. Scharfschützen liefern sich tödliche Duelle. Wer fliehen will, bekommt von Stalins Geheimpolizei, dem NKWD, eine Kugel ins Genick.

Die Russen reden später vom „Rattenkrieg“: Anschleichen durch die Kanalisation, nächtliche Überfälle aus Gullys und Kellern. Bomben und Granaten verwandeln die Millionenstadt in eine gespenstische Ruinenlandschaft. Unter dem Staub eingestürzter Häuser, dem Ruß der zahllosen Brände sind deutsche und russische Soldaten kaum noch zu unterscheiden. Immer wieder schießen Kameraden auf Kameraden.

„10 Leute Feuerschutz, zwei bis drei springen rein, Handgranate, dann Maschinenpistolen“ schildert ein Hauptmann den Häuserkampf. „In jeder Ecke lauert der Tod“ sagt ein Major. „Wenn die Russen plötzlich hineingesprungen sind, bleibt nur noch eins: Spaten ziehen und unterhalb des Kopfes die Schlagader erwischen“, erklärt ein Landser.

Am 13. September erreichen die Deutschen das Zentrum, Anfang November haben sie 90 Prozent der Stadt erobert. Hitler triumphiert, doch Stalin hat die Zeit genutzt, riesige Reserven zu mobilisieren. Seine Truppen brechen durch die Front und schließen die 6.Armee in Stalingrad ein.

Der gefürchtete russische Winter ist ihr wichtigster Verbündeter: Schneestürme, minus 40 Grad. Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe verspricht Göring großmäulig, den Kessel ab sofort über eine Luftbrücke mit täglich 550 Tonnen Treibstoff und Proviant zu versorgen. Doch die Flugzeuge schaffen bald kaum noch ein Zehntel davon.

Bald sterben mehr Soldaten durch Hunger und Kälte als durch Kugeln. Zuletzt gibt es nur noch 60 Gramm Brot pro Tag. Sogar die Tiere kämpfen mit: Die Deutschen schützen ihre Panzer mit Stroh, doch darin hausen Millionen Mäuse und zernagen die Kabel. Aus Lautsprechern tönt Propaganda: „Alle sieben Sekunden stirbt ein deutscher Soldat. Stalingrab, Massengrab!“ Die Deutschen setzen Durchhalteparolen dagegen: „Haltet aus, der Führer haut uns raus!“

Doch Hitler opfert lieber seine Soldaten als seine fanatischen Prinzipien. Immer wieder will Paulus nach Westen ausbrechen, doch Hitler bleibt stur: Im Münchner „Löwenbräukeller“ hat er seinen Parteibonzen versprochen, Stalingrad niemals aufzugeben. Stattdessen befördert er Paulus und kabelt zugleich: „Noch nie hat sich ein deutscher Feldmarschall ergeben!“

Am 31. Januar 1943 umstellen Russen den Bunker des Oberbefehlshabers. Paulus geht mit 91.000 letzten Überlebenden in Gefangenschaft. Nur 6000 sehen nach vielen Jahren die Heimat wieder. Einige versprengte deutsche Soldaten kämpfen noch bis März unter der Erde weiter. Die Schlacht von Stalingrad ist zu Ende. Der Sieger, General Tschuikow, erobert zwei Jahre später Berlin.

Nach der Schlacht

Stalingrad ist der entscheidende Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs im Osten. Nach der verheerenden Niederlage gilt für die deutschen Truppen jetzt nur noch: „Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück!“ Zum ersten Mal zweifelt eine Mehrheit der Deutschen am versprochenen „Endsieg“. Doch als Reichspropagandaminister Goebbels im Berliner „Sportpalast“ fragt: „Wollt ihr den totalen Krieg?“, brüllt die fanatisierte Menge wie aus einem Mund: „Ja!“

„Die Stunde der Idiotie!“ höhnt Göbels später. „Hätte ich gesagt, sie sollten aus dem dritten Stück springen, hätten sie es auch getan!“ Die Ostfront hält noch bis Herbst 1943, dann ist Hitlers Wehrmacht überall auf dem Rückzug. Im November erobert die Rote Armee Kiew, im Dezember steht sie an den Karpaten und im Oktober 1944 stößt sie im ostpreußischen Nemmersdorf erstmals auf Reichsgebiet vor.

Der Krieg kehrt dorthin zurückgekehrt, wo er begonnen wurde: nach Deutschland. Die Invasion der Westmächte in der Normandie beschleunigt den Untergang. Am 31. Januar bricht der „Ostwall“ an Oder und Warthe zusammen. Am 30.April 1945 hissen Rotarmisten auf dem Reichstag die Sowjetflagge. Hitler begeht Selbstmord, zweieinviertel Jahre nach der Niederlage von Stalingrad.

Stalingrad heute

Stalingrad heißt seit 1961 Wolgograd. Die Industriemetropole 1000 Kilometer südlich von Moskau hat knapp über eine Million Einwohner. Das Stadtbild beherrscht noch immer die protzige Zuckerbäckerarchitektur der Stalinzeit. Wichtige Wirtschaftszweige sind Schiffbau, Erdöl- und Metallverarbeitung, Stahl- und Aluminiumproduktion, Anlagen- und Maschinenbau. Wahrzeichen ist die nach der Schlacht errichtete 85 Meter hohe Mutter-Heimat-Statue auf einem Grabhügel aus dem Mittelalter. Die Wolgabrücke ist über sieben Kilometer lang.

Stalingrad in Buch und Film

Das beste Sachbuch schrieb Janusz Piekałkiewicz („Stalingrad. Anatomie einer Schlacht“,1993) den besten dokumentarischen Roman Theodor Plivier („Stalingrad, 1945).

Die besten Dokumentarfilme sind der Zweiteiler „Stalingrad. 1. Der Rattenkrieg. 2. Der Kessel“ (rbb) von Regisseur Christian Klemke und Co-Autor Jan N. Lorenzen (2002) und „Stalingrad“ von Sebastian Dehnhardt (2006).

Die spannendsten Spielfilme: „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ von Frank Wisbar (1958) schildert den Untergang einer Gruppe Soldaten mit der 6. Armee. „Stalingrad“ von Joseph Vilsmaier (1993) legt den Schwerpunkt auf deutsche Kriegsverbrechen. „Duell – Enemy at the Gates“ von Jean-Jacques Annaud (2001) erzählt vom Zweikampf eines deutschen und eines russischen Scharfschützen.


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