Mann, ist der dick, Mann!

Freitag, 10. August 2012
Schwimmunterricht gleich nach der Geburt: Baby-Hippos können nur zwanzig Sekunden unter Wasser bleiben. © Jennifer Jordan/Wikimedia Commons

Vater Nilpferd ist auf Zack, nimmt die Kinder huckepack! Das zweitgrößte Landsäugetier des Planeten kennt erstaunliche Erziehungsmethoden.                          

                                                                   

 

Der Raum wird eng, das Wasser knapp: Viele Monate lang hat die Tropensonne Flüsse und Seen ausgetrocknet; jetzt, am Ende der Trockenzeit, sind nur noch Rinnsale und Tümpel übrig. Andere Tiere machen sich jetzt langsam Sorgen ums Überleben, das Nilpferd aber kümmert sich gelassen um Familienplanung: Die Dürre ist für die Dicken das beste Eheanbahnungsinstitut. Denn in diesen Tagen rücken sich die Schwerenöter ohnehin ganz dicht auf die Pelle - die beste Gelegenheit, alsbald eine Braut zu finden!

Ist eine Dickmadam erspäht, heißt es bei den Bullen: Auf sie mit Gebrüll! Kommen sich mehrere Bewerber dabei in die Quere, gewinnt immer der, der das Maul am weitesten aufreißt. Die Hochzeitsnacht fällt ins Wasser, denn Nilpferde gehen nur zum Fressen ans Land. Acht Monate später dient ein möglichst seichtes Uferstück mit ruhigem warmem Wasser als Wochenbett. Die Geburt dauert nur eine Minute, dann ist ein winziges, dickes Happy-Hippo (120 cm lang, 50 kg schwer) gestrandet. Die kleine Speckbacke kommt gleich ins Schwimmen, denn erst am Land kann das Baby so richtig Luft holen. Damit ist auch klar, daß die Schule schon vor dem ersten Atemzug beginnt.                                      

Erstes Fach: Laufen und Paddeln, nach der Buschregel Nummer 1: Tagsüber nass machen (zum Kühlen), nachts Futter suchen (weniger Feinde).                                            

Zweites Fach: Gehorsam. Mutter ist eine sehr energische Lehrerin, die keinen Unfug duldet. Wer nicht pariert, riskiert, dass er ein paar gewichtige Argumente an den Kopf geschleudert bekommt. Aber damit der kleine Dickschädel nicht gleich sauer wird, gibt es hinterher gleich immer wieder einen fetten Schmatzer, und zwar von besonders dicken Lippen: Mutters Mund ist ein halben Meter breit! So kann kein falscher Gedanke entstehen, von wegen „Meine Mami hat mich gar nicht lieb!“                                            

Drittes Fach: Tauchen und Trinken. Mutter ist der größte Rettungsring der Welt, greift aber nur ein, wenn dem dicken Kind wirklich mal die Puste ausgeht. Mini-Hippos können nur zwanzig Sekunden unter Wasser bleiben, dann sind sie ausgepumpt. Da bleibt nur wenig Zeit für die Tankstelle! Deshalb steht Muttern auch wie eine Eins. So hat es der kleine Blindtaucher immer schön leicht, die Milchquelle anzuzapfen.

Viertes Fach: Feindkunde. Bei Mutter heißt es immer: Safety first! Wenn Little Hippo sich an ihre Anweisungen hält, kann ihm praktisch nichts passieren. Ob Löwen, Hyänen, Leoparden oder Krokodile - wer Nilpferd-Steak will, muss mit dreieinhalb Tonnen Hippo-Power fertig werden, und das schafft keiner. Wehe, wenn die dicke Mami zum Angriff übergeht! Mit 50 km/h walzt sie alles platt. Sechs Wochen lang ist die alleinerziehende Mutter im Stress, dann geht's zurück zum Heimatufer, wo Papa vor Freude Fontänen hochgehen lässt: Er nimmt den Nachwuchs huckepack, damit Junior den Ausblick genießen kann, und beim Tauchen hängt ihm der Kleine am Hals, wo es reichlich zum Festhalten gibt: Mann, ist der dick, Mann!

Fünftes Fach: Schwimmen. Nilpferde sind darin Meister. Oberstes Prinzip: Energiesparen. Auch unter Wasser haben die Hinterbeine fast immer Bodenberührung. Ideale Tiefe: 1,50 Meter. Wenn sie so richtig Fahrt aufnehmen wollen, stoßen sie sich mit den Haxen voran. Nilpferde hängen jeden Triathleten ab, schwimmen 30 Kilometer ohne Pause.

Am liebsten leben Nilpferde in großen Herden. Dort können die Kleinen auch am besten ihr Sozialverhalten trainieren: Papa ist lieb, aber Respektsperson! Er haut zwar nicht, hat aber Riesen-Hauer - Vorzeigen genügt!                             

Sechstes Fach: Medizin. Auch im Wasser ist Hygiene wichtig, denn in Afrika gibt es viele Blutegel, die sich am Bauch festsaugen. Sie abzuschütteln ist nicht leicht. Die beste Methode ist, im Wasser eine halbe Schraube zu drehen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Denn dann fliegen sofort die netten Ibisse ein und befreien die Nilpferde mit ihren scharfen Schnäbeln von den angedockten Schmarotzern.       

Auch die Freizeit wird sinnvoll genutzt: Versteckspielen stärkt die Kondition, außerdem wird das Schleichen ins und aus dem Wasser geübt. Meistens reicht es, wenn nur ein Erwachsener die Aufsicht führt. Die anderen Elterntiere können sich dann ein bisschen hängen lassen.                                   

Abends pünktlich um acht verlassen die Jungbullen als erste das Wasser - mit lautem Gedöns (115 Dezibel). Wenn sie festgestellt haben, dass die Luft rein ist, sehen auch Eltern und Kinder zu, dass sie Land gewinnen. Zum Abendessen haut sich ganze die Verwandtschaft gemeinsam die Bäuche voll. Als Dickmacher werden täglich 50 Kilo Pflanzenkost verputzt. Das klassische Nilpferdmenü besteht aus Gras, Wasser- und Uferpflanzen, Laub und Früchten. Nach dem nächtlichen Grünzeug-Gelage heißt es frühmorgens wieder: Alles zurück (dröhn) ins kühle Nass, damit die Fettwänste in der Morgensonne nicht heißlaufen. Denn Afrikas Turbosonne dringt sogar durch die acht Zentimeter dicke Schwabbelschwarte.                                      

Spätestens nach acht Monaten hat Mama keine Lust mehr, den Tankwart zu spielen, und das rein vegetarische Leben beginnt. Nach einem Jahr wiegen die kleinen schweren Jungs schon specktakuläre 250 Kilo, aber in den nächsten drei Jahren legen sie noch ganz schwer zu. Dann kommt die Abschlussprüfung: Papa kontrolliert, ob die kleine Wasser-Walze sich auch allein verteidigen kann. Dazu gehören vor allem Drohen und gewaltig das Maul aufreißen (150 Grad). Zubeißen nur im Ernstfall! Nilpferde sind gefährliche Zahnmeister (oben 23 cm, unten 60 cm lang). Nun darf sich der Nachwuchs selber eine Wanne suchen. Mit sieben Jahren gründen die Jungbullen ihre eigene Familie, Nilpferd-Mädchen sind mit neun Jahren heiratsfähig. Und so ungefähr nach 45 Jahren als Recycling-Experte (ein Nilpferd wandelt in dieser Zeit 821 Tonnen Pflanzenkost in nährstoffreiches Düngemittel um, von dem viele Kleinstlebewesen profitieren) legt sich der Dickbäucher gemütlich in den Fluss und lässt sich ins Paradies treiben, voller wunderbarer Erinnerungen an ein wahrhaft fülliges Leben.

  

Was Menschen vom Nilpferd lernen können                                                                                   

Friedfertigkeit: Nilpferde streiten sich so gut wie nie. Und wenn doch, braucht sich der Verlierer nur zurückzuziehen und wird sofort in Ruhe gelassen.

Heimatliebe: Nilpferde bleiben ihrem Geburtsort ewig treu!

Kinderliebe: Nilpferde spielen den ganzen Tag mit ihren Kindern.                                                     

Genügsamkeit: Nilpferde geben sich auch mit wenig zufrieden.

Nächstenliebe: Nilpferde helfen gern anderen Tieren, werfen sich z.B. dazwischen, wenn ein Krokodil eine Antilope reißen  will.

Hilfsbereitschaft: Nilpferde wechseln sich als Babysitter ab, damit alle mal eine Pause haben.                

Autorität: Mutter Nilpferd ist bei aller Liebe auch sehr streng. Sie weiß, wie viele Gefahren überall lauern, und duldet daher keinen Widerspruch.                                                                                                                                                                 

  

Flusspferd-Arten

Die Bezeichnung „Nilpferd“ ist zwar im allgemeinen Sprachgebrauch verwurzelt, aber nicht korrekt, denn der Dickhäuter lebt ja auch noch in anderen Flüssen. Es gibt zwei Arten. Beide sind in Afrika zu Hause.                  

Flusspferd                                           

4,50 Meter lang, 1,65 Meter hoch, 3200 kg schwer, kann bis zu 30 km weit schwimmen. Noch 160 000 Exemplare in West, Zentral, Ost- und Südafrika.                                        

Zwergflusspferd                                                                                                             

1,50 m lang, 83 cm hoch, 260 kg schwer, scheuer Waldbewohner, sehr selten, lebt nur noch in wenigen Gebieten Westafrikas .                                                                

 

Der Urahn war Spitzzahn

Das Ur-Flusspferd "Coryphodon" lebte vor 55 Mio. Jahren in Nordafrika, Europa und Ostasien. Sein Name bedeutet "Spitzzahn": Er besaß auffällig lange, spitze Eckzähne im Ober- und Unterkiefer. Mit ihnen grub er Pflanzen aus. Er war zwei Meter lang und hatte nur ein dünnes Fell. Von ihm stammen alle heutigen Flusspferde ab.                                                                                                                                                               

 

Nilpferd -Poesie                                                                                                          

Sein dicker Kopf ist beinah kubisch. 

Die Schnauze ist so angeschwollen,

Dass seine Äuglein ganz verquollen:

Es blinzt, als wär‘s voll tückscher List,

Was es in Wahrheit gar nicht ist.

Die Zähne wuchern immer tiefer,

Es beißt sich selbst in seinen Kiefer.

Oft weint‘s im Mondenschein sich satt,

Weil es so scheußlich Zahnweh hat...                         

 Eugen Roth (1895 - 1976)                                      

 

 

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