Kapitel 52: Der Ausbruch

Dienstag, 1. Januar 2013
„In der Stadt war sehr viel los“: Blick von der Wandrahmsbrücke auf den Bauhof und den Meßberg, 1886 © Museum für Hamburgische Geschichte

Ein paar Stunden später stand ich mit Nell auf dem Holstenwall, um mitzuhelfen, Eddie den Schränker aus dem Gefängnis zu holen, wie wir es am Donnerstag  im „Reuigen Schächer“ ausgeheckt hatten. Den lieben Danny war ich nicht ganz ohne Mühe losgeworden, denn er wollte mich unbedingt bis zur Haustüre bringen, neugierig wie er war. Ich musste etwas deutlich werden und sagte ihm rundheraus, dass meine Leute so was gar nicht gern sähen, und ich sie ja mindestens wohl vorbereiten müsse, damit es nicht so anstrengend zugehe wie bei seinen Eltern. Wieso anstrengend, meinte er noch, die sind doch immer so, müssen sich dabei gar nicht anstrengen! Aber dann gab er sich doch geschlagen und trollte sich, natürlich nicht, ohne mir eine Verabredung für den nächsten Tag abzuschnacken, von der ich gar nicht wusste, ob ich sie einhalten konnte, denn am Montag sollte ja auch der Viaschmahandel mit dem schurkischen Konsul losgehen, ich hatte also allerhand zu tun!

  In der Stadt war sehr viel los, überall stand jede Menge Militär, denn dass Jack den Petroleumhafen hochgehen ließ, hatte das Selbstbewusstsein unserer Großkopheten aus Rathaus und Börse mächtig erschüttert, sie glaubten an anarchistische Anschläge à la Bakunin und Konsorten. Bombenattentate waren damals große Mode, kurz zuvor hatten Nihilisten versucht, den Eisenbahnzug, in dem der Zar fuhr, und dann gleich den ganzen Winterpalast in die Luft zu jagen, und im März hatten sie es dann tatsächlich geschafft, den armen Alexander II. mit Sprengstoff auf dem Newski-Prospekt umzubringen. Weil seit der ersten Schlacht auf dem Brook auch noch immer so viele Verdächtige im Untersuchungsgefängnis saßen und es Gerüchte gab, dass ein Massenausbruch geplant sei, hatte kurzerhand die Armee die Bewachung übernommen, und da kamen Nell und ich als Vertußmacherinnen ins Spiel. Die Vorbereitungen liefen schon den ganzen Tag. Allerdings hatte Johnny keinem so ganz genau erzählt, was er in der Goldenen Pagode erlebt hatte; er genierte sich wohl ein bisschen, obwohl es wirklich keine Schande ist, von einem Schlag aus dem Dunkel überrumpelt zu werden. Er sagte nur, er hätte erfahren, dass die Chinesen wie wild hinter dem Opium her seien, und es sich selber holen würde, wenn wir es nicht rechtzeitig in Sicherheit brächten. Und so drehten die Freunde ihr größtes Ding nicht, um sich wie üblich die Taschen vollzumachen, sondern aus, ja man kann schon sagen, humanitären Gründen, so komisch das klingt.

  Kurz vor Mitternacht rollte und stiefelte über die breite Straße zwischen Damm- und Holstentor noch immer das üppige urbane Leben unserer aufstrebenden Halbmillionenstadt. Kutschen ratterten mit vermögenden Opernbesuchern, die in einem der Luxusrestaurants soupiert hatten, über das Kopfsteinpflaster nach den vornehmen Elbvororten. Aus der Gegenrichtung kamen immer wieder kleine und größere Gruppen grölender, weil fröhlicher Zecher und stiller, weil ausgeplünderter Freier aus den Rotlichtfallen am Hamburger Berg. Aus den Gassen der Neustadt huschten ab und zu junge Pärchen über die Straße durch die blickdichten Büsche der alten Wallanlagen in die romantische Ruine der „Eulenburg“, um die erste Liebe dort zu suchen, wo sie sich am liebsten versteckte und am leichtesten finden ließ. Nicht selten auch zeigte dort eine nüchterne Hamburger Deern einem vom Branntwein befeuerten Liebhaber ihre und Gottes freie Natur, bis dieser fluchend und ohne Geldbörse in die Zivilisation zurückstolperte. Der Himmel war klar, der Mond noch fast voll.

  Das Untersuchungsgefängnis ragte über die Zedern, Eichen und blühenden Oleanderbüsche am alten Stadtgraben wie ein babylonischer Tempelturm über die Hängenden Gärten der Semiramis. Der frühere Festungsgraben dreißig Meter unter uns diente tagsüber Erholungssuchenden zum Entenfüttern. Onkel Johnny saß auf der Wallkrone in einem Rhododendron und suchte die Fenster der Krankenstation mit dem Fernrohr ab. Die düsteren Gebäude lagen gut zehn Meter tiefer als die Straße. Neben Johnny klopfte und schraubte Harry, den Knastertopf im Mund, an den Querschneiden, Stiften und Flanschen seiner Raketenharpune herum, die er so eifersüchtig hütete wie Thor seinen Hammer. Einzig der Gecko durfte ab und zu mal mit ihr schießen, da Harry ihn irgendwann mit auf Walfang nehmen wollte. Kowalski und der Bäcker rollten zum wiederholten Male das Seil zusammen. Volten-Walter beobachtete die Straße, und der Gecko hockte auf dem Kutschbock einer schwarzen Mietskalesche. Das Militär störte uns nicht, im Gegenteil, denn die in ihrer Ehre gekränkten Wärter würden ihren Dienst jetzt nur noch lasch versehen, während die Soldaten die Schliche der Gefangenen lange nicht so rasch durchschauten wie die erprobten Zerberusse des Justizfegefeuers. Und wenn es mit der Kawure geklappt hatte, die eine Feile nebst präzisen Anweisungen enthielt und Eddie von Volten-Walter über seinen Klabberjas-Kumpel zugekaßpert worden war, konnte eigentlich nichts – Unsinn, es konnte alles Mögliche schiefgehen, denn es war wirklich ein absolut irrer Plan!

  Während wir warteten, sprachen Nell und ich noch einmal über den Nachmittag.

  „Hast du schon mal was von Romeo und Julia gehört?“ fragte Nell. „Da ging’s nicht gut aus.“

  „Da war ja auch finsterstes Mittelalter“, erwiderte ich.

  „Hier nicht?“

  Darauf wusste ich keine Antwort.

  „Wie ernst ist es denn eigentlich?“ erkundigte sie sich. „Für Danny ist es die erste Liebe, das weiß ich genau, aber du bist doch kein heuriger Hase!“

  „In der Liebe sogar sehr.“

  „Was, sehr?“

  „Sehr heurig.“

  Da nahm sie mich in den Arm „Weißt du was? Das glaube ich dir. Ich hoffe nur, dass ihr glücklich werdet.“

  „Und ihr auch“, sagte ich aus ehrlichem Herzen.

  „Wir?“ Sie guckte mich ganz erstaunt an. „Wen meinst du?“

  „Dich und Johnny“

  Sie hielt mich wieder auf Abstand und musterte mich misstrauisch. „Hat er was gesagt?“

  „Nein, kein Wort. Aber man braucht auch ja bloß zu sehen, schon weiß man Bescheid.“

  „O Gott“, sagte sie. „Wirklich? Ist es so schlimm?“

  „Noch schlimmer.“

  „Ach Helena“, seufzte sie. „Wenn du wüsstest! Ich hoffe, du hast mehr Glück als ich. Versprich mir aber, dass du mit Danny nicht spielst, hörst du? Er ist doch noch so jung!“

  „Er ist immerhin ein Jahr älter als ich.“

  „Ja, das mag ja sein, Helena, aber schau mal – Männer werden nicht so schnell erwachsen wie Frauen. Du hast dich eben schon ganz früh um dich selber kümmern müssen. Unser Danny brauchte das nie. Ehrlich gesagt: Er ist ein verzogener Bengel.“

  „Nein, Nell, das ist er nicht. Er ist ein ganz Lieber, das kannst du mir glauben, er hat ein sehr gutes Herz, und er ist überhaupt nicht schlecht erzogen, o nein!“

  „Na, dann ist’s ja gut“, sagte sie und nahm mich wieder in den Arm. „Es wird schon werden. Irgendwie. Erst mal abwarten. Denk aber dran, was ich dir vorgestern gesagt habe! Du bist ein gutes Mädel, und ich vertraue dir.“

  Danach erzählte sie mir, was sie empfunden hatte, als Johnny nach zwanzig Jahren zurückgekehrt war, und erst jetzt merkte ich, neben welcher Tragödie ich gelebt hatte.

  Das beschämte mich ein bisschen, aber ich knickte nicht ein und legte jetzt nicht etwa ein Geständnis ab, da ich ja nichts bereute. 

  „Und sag vor allem deinem Onkel nichts“, fuhr sie fort. „Er darf auf keinen Fall was davon hören. Bei ihm weiß man nie, wie er reagiert. Es ist viel Hass zwischen Johnny und Jack, weißt du, und ich möchte nicht, dass sie sich an die Gurgel gehen. Das darf nicht geschehen. Nicht, so lange ich es verhindern kann. Also absolute Verschwiegenheit. Versprich mir das!“

  Und das tat ich dann auch.

  Als es am Michel Mitternacht schlug, schien hinter einem Fenster der Krankenstation eine Lampe auf. „Eddie ist fertig“, sagte Onkel Johnny. „Seid ihr auch soweit?“

  „Allreit“, antwortete Harpunen-Harry. „Um zwölfe kommen die Wölfe.“

  „Und du glaubst wirklich, dass das geht?“

  „Alles geht“, sagte Harry, „bloß der Frosch hüpft.“

  „Ich meine, kannst du aus dieser Entfernung treffen?“

  „Das ist so leicht wie Rührei mit heilen Schalen, okee?“

  „Ja dann – gut Holz!

  „Reitireitireitireit. Klar zu Kirchgang.“

  Was anderes als Blödsinn war aus Harry nicht herauszukriegen, wenn er sich konzentrierte.

  Mein Onkel hob das Fernrohr ans Auge und pfiff die ersten Takte von „Heimliche Liebe“, das war damals so ein Gassenhauer. Das durchgefeilte Gitter verschwand, und zur Antwort erklang „Des Nachts um zwölfe“.

  „Wartet, ihr Edlen“, sagte Walter warnend. „Dort nahet die heilige Hermandad.“

  Ein Gefangenenwagen mit festgenommenen Freudenmädchen und Taschendieben rollte vorüber. Die Polizisten auf dem Kutschbock spähten misstrauisch in den Park, aber wir waren rechtzeitig in Deckung gegangen.

  „Also los“, sagte mein Onkel, als sie im Gefängnis verschwunden waren. „Aber mit Cislaweng!“

  Nell und ich gingen in den Park hinunter, ruderten mit einem Boot durch den alten Festungsgraben und schlenderten wie zufällig an den Posten vorbei. Auch den gut gedrillten preußischen Soldaten stand in dieser linden Nacht der Sinn nach anderem als nach Wachdienst. Ob die Damen denn gar keine Angst hätten, so ganz allein?

  O nein, antwortete Nell, und wir stellten uns so, dass wir die Blicke der Männer von den Fenstern der Krankenstation abzogen. Doch nicht in Anwesenheit so starker Männer!

  Aber später, drängten die beiden, wenn wir nach Hause gingen, das sei doch gefährlich, ob zwei tapfere Soldaten uns nicht ihre Begleitung anbieten dürften?

  Ja, das wäre sehr liebenswürdig, antworteten wir, aber nach Hause gingen wir noch lange nicht, wo doch der Mond so schön scheine. Auch seien dort oben zwei Verehrer von uns eingesperrt, obwohl sie ganz unschuldig seien. Ob zwei mitfühlende Frauenseelen wohl einmal kurz zu ihnen dürften, um sie zu trösten?

  Die beiden Posten waren fidele Berliner, ein Dicker und ein Dünner, sie guckten sich vorsichtig um, ob nicht etwa plötzlich ein Offizier auftauche, und erwiderten dann: Nein, so etwas ginge leider nicht, aber unschuldig seien sie ebenfalls, und ganze Kerle dazu, und wenn die Damen etwas Geduld aufbrächten, würden sie nach ihrer Ablösung in zwei Stunden gern für die Verhafteten einspringen.

  Ach, so bald wollten wir unseren Geliebten denn doch nicht die Treue brechen, seufzten wir darauf, und Nell drehte spielerisch an einem gelben Knopf der blauen Uniform, während meine Finger wie neugierig an einem roten Militärkragen zupfte.

  Aber das sei doch kein Treuebruch, plänkelten Dick und Dünn, schließlich bräuchten es die Betrogenen ja doch nicht zu erfahren! Die Damen sollten auch nicht so engherzig sein, sie seien zwei tapfere Vaterlandsverteidiger und fern der Heimat, einsam in mondheller Nacht, und hätten schon allein deshalb einen Kuss verdient.

  Undankbar wollten wir keineswegs sein, kam die Antwort aus Nells Munde, aber wie sollten zwei einsame Jungfrauen nicht um ihre Tugend bangen müssen, wenn sie zwei so charmanten Herren begegneten und so weiter.

  Oben hob Harry inzwischen das zwei Meter lange Rohr der Roysschen Raketenharpune auf die Schulter und zielte durch das Scheibenvisier auf das erleuchtete Fenster.

  Zwei Kutschen ratterten vorbei. Im gleichen Augenblick zündete der Brandsatz. Zischend flog die Rakete über den Festungsgraben.

  Die beiden Wachposten hatten uns da schon viel zu tief und nicht nur in die Augen geblickt, als dass sie den Feuerstrahl hätten sehen können, doch das Geräusch ließ sie natürlich herumfahren. Was das für ein Zischen gewesen sei?

  Zischen? staunten wir beiden Schönen, da habe wohl jemand geniest; sie hätten nur eine Sternschnuppe gesehen und dürften sich deshalb etwas wünschen, aber was, das würden sie nicht erraten.

  „Ihr wollt uns wohl vergackeiern, wa?“ fragte der Dicke.

  „Das war doch bloß eine Feuerwerksrakete“, beschwichtigte Nell, „sie schießen jeden Sonntag an der Alster welche ab, und die hat sich wohl verflogen.“

  „Na, na! Ein bisschen weit vom Kurs!“ sagte der Dünne und drohte uns scherzhaft mit dem Finger. „Wenn das mal nicht ’ne Artilleriegranate war!“

  Die Harpune hatte aus dem Bett, das Eddie brav an die Wand gelehnt hatte, Kleinholz gemacht. Der Schränker verkeilte die verbeulte Spitze in dem Gitter, klemmte es ein und pfiff „Fensterputzer war mein Vater“. Sofort zog der Bäcker das Seil straff. Kowalski hängte die Laufkatze mit der Sitzschlinge ein und ließ sie nach unten fahren. Surrend überquerte sie den Festungsgraben und prallte auf der anderen Seite gegen Eddies Fenster. Der Schränker packte zu und zwitscherte „Wenn der Mond schelmisch lacht“. Eilends trampelten Kowalski und der Bäcker mit dem anderen Seilende durch das Unterholz den steilen Hang hinunter.

  „Bei unseren Knastologen ist wohl ein Gassenhauerkrieg im Gange“, sagte der Dünne. Die Wachposten hatten das Rollen und Sausen gehört, aber wohlvorbereitet, wie wir waren, wussten wir das Misstrauen auch diesmal zu zerstreuen: Da hätten sicher nur Kinder mit einem Fassreifen gespielt, die blieben hierzulande immer so lange auf, die kleinen Racker. Dass Soldaten aber auch bei jedem Geräusch gleich so zusammenzuckten, wie sei das dann wohl erst im Gefecht?

  Mit Angst habe das nichts zu tun, verteidigten sich die Posten, aber sie hätten hier höchst gefährliche Verbrecher zu bewachen, die keinesfalls entkommen dürften.

  Wie sollten Verbrecher denn so wachsamen Augen entgehen? fragten wir und mühten uns weiter mit Erfolg, den wachsamen Augen unsere Dekolletees zur Beute zu reichen.

  Am anderen Ufer wickelten Kowalski und der Bäcker das Seil um eine Eiche und bauten sich davor auf. Sie standen jetzt  gut zehn Meter tiefer als Eddies Fenster. Der Bäcker spitzte die dicken Lippen und pfiff „Feinsliebchen mein unterm Rebendach“. Eddie kletterte auf das Fensterbrett und steckte die Beine durch die Sitzschlinge.

  „Was ist das denn?“ staunte einer der Posten, der in diesem Moment nach oben blickte.

   Hoch über uns stieß Eddie sich ab und sauste durch die Luft über Gefängnismauer und Festungsgraben.

  Das laute Surren der Rollen alarmierte nun auch die anderen Soldaten. „Da türmt einer! Anhalten!“ Bevor sie die Gewehre heben und zielen konnte, war Eddie schon drüben. Nell und ich machten uns in die andere Richtung davon.

  „Ihr Schlampen!“ rief der Dicke. „Haltet sie!“

  Wir schafften es aber leicht in das Boot und ruderten über den Festungsgraben.

  „Kommt zurück, oder wir schießen!“ riefen die beiden Berliner wütend.

  „Auf Frauen?“ spottete Nell. „Ihr seid aber mutig!“

  Kowalski und der Bäcker hatten sich vor die Eiche gepflanzt, um Eddie einzufangen, doch als sie das Surren hörten, wurde ihnen mulmig, denn der Schränker sauste, die Füße voran, in einem wahren Affentempo auf sie zu. Da keiner als erster zur Seite springen wollte, bekam der Bäcker Eddies linken und der Pole den rechten Stiefel in den Bauch. Fluchend wälzten sie sich auf dem Boden. Schüsse pfiffen über sie hinweg.

  „Abhauen!“ rief Kowalski. Sie rappelten sich auf und zogen uns hinter sich den steilen Hang hinauf. Querschläger sirrten durch das Unterholz.

  Die Soldaten sprangen in den Festungsgraben und wateten, die Gewehre über dem Kopf, an das andere Ufer. Aber als sie endlich den Hang hinaufgekeucht kamen, hörten sie nur noch die Räder unserer Kutsche.

  „Verdammt!“ schrie Eddie begeistert in den Fahrtwind und schlug auf jede Schulter, die er erwischen konnte. „Und wohin jetzt?“

  „Elbchaussee“, sagte Onkel Johnny. „Mal sehen, ob du so gut ein- wie ausbrechen kannst.“

  „Wer bist du denn überhaupt?“

  „Johnny.“

  „Aha. Von hier?“

  „Klar.“

  „Hab dich noch nie gesehen.“

  „War verreist.“

  Die anderen grinsten sich eins.

  „Und warum habt ihr mich rausgeholt?“

  „Weil wir dich brauchen. Erzähl’s dir gleich. Schnapp man erst ’n büschen frische Luft.“

  Ein paar Minuten später hielten wir unter den vielen bunten Lichtern auf dem Hamburger Berg an und zwängten uns aus der überfüllten Kutsche. Nell sagte rasch „Tschüs!“ und eilte in Richtung „New London“ davon.

  „He!“ sagte Eddie verblüfft, als er sie erkannte.

  „Tschüs!“ sagte auch Walter und verschwand in seinen Club, um die Croupiers zu terrorisieren. 

  „Dich kenn’ ich doch!“ rief Eddie, auch hier etwas zu spät.

  „Mich etwa nicht?“ fragte eine Stimme parallel zu einer Pranke, die auf Eddies Schulter krachte.

  „Michel!“ sagte der Schränker überrascht, als er sein großes Vorbild erkannte.

  „Moin, Eddie“, lächelte der Bäcker.

  „Was machst du denn hier?“ staunte Eddie. Erst jetzt, im Licht, sahen wir, wie übel Wacko ihn verbeult hatte.

  „Wat we all moken, du Dösbattel”, lachte der Gecko. „Dir dat Flegen liehrn!“

  „Kuddel!“ rief Eddie entgeistert. „Du olen Aap! Und du bist ja auch da, Helena.“

  „Klar“, sagte ich stolz. „Das ist übrigens mein Onkel Johnny.“

  „Wat? Wer?“ fragte der Schränker, jetzt völlig von den Socken.

  „Johnny“, sagte ich. “Vom Kehrwieder.“

  „Da brat mir doch einer ’n Storch“, sagte Eddie. „Ich dachte, du bist tot!“

  „Das dachten viele hier. War ’n Irrtum.“

  „Ja, das sehe ich jetzt auch. Dunnerkiel! Weiß Jack das?“

  „Darüber reden wir später“, sagte mein Onkel. „Bedank dich erst mal bei Harry.“

  „Mann“, sagte Eddie ehrlich und schüttelte dem Harpunier die Hand, als wolle er Wasser pumpen. „Ich hab’ nicht gedacht, dass das funktioniert.“

  „Ich auch nicht, okee?“ sagte Harry freundlich.

  „Das ist übrigens Kowalski“, stellte der Bäcker vor. „Den hast du vorhin in den Bauch getreten, als er mit mir an der Eiche stand.“

  „Ist mir große Ehre“, sagte der desertierte Husar. „Was ist denn mit deiner Visage passiert?“

  Der Schränker sah sich zögernd im Kreise um.

  „Hat uns Marie schon alles erzählt“, sagte ich.

  „Mir nicht“, murrte Kowalski. „Der Polle ist nicht wichtig.“

  „Wart ihr nicht mal Freunde, Jack und du?“ fragte Eddie meinen Onkel.

  „Ja“, antwortete Onkel Johnny. „Jetzt sind wir’s aber nicht mehr.“

  Eddie nickte. „Jacks Feinde sind auch meine Feinde.“

  „Dann bist du hier richtig“, sagte Onkel Johnny.

  „Hum. War das aber vorhin nicht Jacks Frau? Die Nell, die im ‚New London’ singt.“

  „Psssst“, machte mein Onkel. „Das darf niemand wissen.“

  „Ach so“, sagte Eddie, obwohl er nicht die Bohne verstand.

  „Dass sie mitgeholfen hat, die Wachen abzulenken, zeigt ja wohl klar genug, dass sie nichts gegen dich hat“, erklärte ich ihm. „Du solltest dich dafür erkenntlich zeigen…“

  „…und die Schnauze halten“, vollendete Kowalski grimmig.

  „Klar“, sagte Eddie sofort.

  „Sei nicht so grob, Kowalski“, sagte mein Onkel. „Immerhin hat Eddie mitgeholfen, deine Schwester zu suchen.“

  „Ach, der war das“, sagte der Pole. „Danke.“

  „Bitte“, sagte Eddie, der fortwährend vom einen zum anderen sah.

  „Bist du nicht mehr Mitglied in Jacks Verein?“ fragte Michel.

  „Nein, bin ausgetreten. Der Beitrag wurde mir zu teuer. Jack nimmt inzwischen fünfzig Prozent. Behauptet, damit die Polizei zu schmieren, aber in Wirklichkeit sackt er es selber ein.“

  „Das in der Guyana-Company war ein feines Stück Arbeit“, lobte der Bäcker.

  „Dass du das sagst, freut mich natürlich besonders“, sagte Eddie. „Du warst immer mein großes Vorbild, Michel.“

  „Jetzt übertriffst du mich.“

  „Ach was“, sagte Eddie. „Dich werde ich nie übertreffen. Keiner kann das. Der große Eisenbahnraub…“

  „Jetzt kannst du noch mal zeigen, was du auf dem Kasten hast“, unterbrach ihn Onkel Johnny.

  „Dachte mir schon, dass ihr mich nicht aus reiner Menschenliebe rausholt. Was für eine Konservenbüchse soll ich euch denn aufmachen?“

  „Einen Arnheim.“

  „Ja, wenn ihr Michel habt, wozu braucht ihr mich dann noch?“

  „Es ist ein ganz neues Modell, Eddie“, sagte der Bäcker. „Baujahr achtzig. Die modernen Dinger kenne ich nicht mehr, da müsste ich mich erst einfummeln, und das dauert viel zu lange.“

  Eddie pfiff anerkennend durch die Zähne. „An dem haben wir beide genug zu knabbern, Michel. Und wo steht das Ding?“

 „Im Palazzo“, sagte Onkel Johnny.

 „Ach so!“ rief Eddie. „Wieder beim Konsul. Könnte ’ne schlechte Angewohnheit werden. Ja, von dem hab’ ich schon gehört. Hab’ sogar mal jemand ausbaldowern geschickt, ein Mädel, genannt die schöne Helena!“

  Die anderen lachten.

  „So ist es recht“, sagte ich gekränkt. „Ich riskier’ meinen guten Ruf, und dann hat’s dich gar nicht mehr interessiert.“

  „Tut mir leid“, brummte Eddie verlegen. „Hatte mal eben umdisponiert, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“

  „Also machst du’s?“ fragte Johnny ungeduldig.

  „Klar, sogar umsonst. Dieser Mistkerl von einem Konsul hat meinen kleinen Bruder rausgeschmissen, dafür soll er bluten, aber ohne Gnade.“

 

 

 

 

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