Liebesbriefe an den Papst

Freitag, 10. August 2012
Vom Lesesaal der Vatikanischen Geheimbibliothek geht der Blick auf die Kuppel des Petersdoms. © Archiv-Verlag

Vor über 500 Jahren richtet Papst Paul V. ein Geheimarchiv für besonders brisante Dokumente ein. Bis heute fördern Forscher dort immer wieder Vergessenes oder Verlorengeglaubtes zutage – und Bestseller-Autoren jede Menge Stoff für faszinierende Fantasiegespinste.

 

Der Papst ist nicht besonders beliebt im Erfurt Martin Luthers: Prediger geißeln Luxus und Laster im Vatikan, Bürger und Bauern gehen katholischen Klerikern an den Kragen, Karikaturen schmähen den Nachfolger Petri in Rom als Prasser, Hurenknecht und Satan…

Doch das ist lange her. Fünf Jahrhunderte später erlebt Benedikt XVI. freundlichere Reaktionen: Im September vergangenen Jahres konnte er in der Heimat der Reformation nicht nur mit evangelischen Bischöfen zusammentreffen, sondern mit 70.000 Christen auf dem Domplatz der thüringischen Landeshauptstadt eine Messe feiern.

Die Konfessionskämpfe von einst, die im Sommer 1521 in Erfurt zu den „Pfaffensturm“ genannten Angriffen erboster Christen auf sittenlose Geistliche und ihre Kurtisanen führten, sind längst überwunden, aber nicht vergessen - und werden es niemals sein. Denn die Bannflüche, die Rom damals gegen Luther schleudert, lagern ebenso sorgsam gehütet wie die Schmähschriften der Papsthasser von einst im Geheimarchiv des Vatikans. Es ist der größte, älteste, wertvollste und mysteriöseste Aktenhort der Welt.

In „Illuminati“, dem ersten Bestseller des US-Verschwörungsfantasten Dan Brown, hütet ein schwerbewaffneter Geheimagent diesen rätselvollen Schatz aus Pergament und Papier. Das Betreten der „luftdichten Kammern“ wird in dem Mystery-Thriller rasch lebensgefährlich, sofern nicht „ein Bibliothekar die Sauerstoffzufuhr reguliert.“

Die Wirklichkeit ist womöglich noch spannender als Browns reißerische Romanideen: Auf 85 Regalkilometern der klimatisierten Räumlichkeiten stehen sorgfältig katalogisiert alle vom Heiligen Stuhl verfassten Gesetze, die gesamte diplomatische Korrespondenz der Päpste seit dem 13. Jahrhundert und einzelne Schriften bis zurück in die Zeit der ersten Christen.

Vom Untergang des römischen Imperiums bis zum Fall der Mauer, von den Kreuzzügen bis zum Zweiten Weltkrieg, von der Entdeckung Amerikas bis ins Atomzeitalter: Zu allen Großereignissen der Weltgeschichte finden sich im Vatikan aufschlussreiche, wichtige und oft entscheidende Dokumente.

Es sind Meilensteine und Wendemarken auf dem Weg der Menschheit durch die Geschichte in die Gegenwart. Der Papst ist durch zwei Jahrtausende der zentrale Zeuge von Zeitenwandel und -wende. Wie ein Weltnotar beglaubigt er die politische, kulturelle, geistige und spirituelle Entwicklung der Menschheit. Er ist Hüter vieler Geheimnisse und stets auch Mitspieler der Macht.

Es ist der Papst, der Amerika teilt und Europa wieder vereint. Es ist der Papst, der die Inquisition einsetzt und die Solidarnosc unterstützt. Es ist der Papst, der vor Attila besteht und vor Galiläi versagt. In dunklen Jahrhunderten und im Licht der Aufklärung hat der Mann im Vatikan immer wieder Anteil am ewigen Kampf zwischen Freiheit und Diktatur, dem Wort Gottes und dem, was Menschen daraus machen.

An keiner anderen Gestalt auf der großen Bühne der Geschichte scheiden sich schärfer die Geister, auf kaum eine andere aber auch setzen so viele Menschen ihr Hoffnung. Der Papst ist Person und Institution. Seine Briefe, Urkunden und vielen anderen Schriftstücke sind auch Beispiele von Klugheit und Irrtum, Mut und Schwäche, Machtbewusstsein und Friedensliebe.    

Das älteste Dokument im Geheimarchiv, der Petrus-Codex, besteht aus zwei Rundschreiben des Apostels an die christlichen Gemeinden in der heutigen Türkei: Sie sollten die Leiden der Verfolgung durch die Römer tapfer ertragen und sich vor Irrlehren hüten. Die 36 Seiten werden nach 1800 Jahren unter dem Sand der ägyptischen Wüste 1952 durch Zufall entdeckt. Vier Jahre später erwirbt der Schweizer Millionär und Mäzen Martin Bodmer das kostbare Original und schenkt es Papst Paul VI. Vatikan-Historikerin Christina Maria Grafinger: „Im Gegensatz zu der damals üblichen Schriftrolle haben sich die frühen Christen entschieden, einzelne Papyrusblätter ineinanderzulegen, sie in der Mitte zu falzen und mit einem Holzdeckel-Einband zu verbinden. So entstand der Vorläufer unseres heutigen Buches.“

Aus der deutschen Geschichte interessieren besonders die Dokumente zum berühmten „Gang nach Canossa“: Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. streiten erbittert um die Macht und das Recht, Bischöfe einzusetzen. Als der Papst den Kaiser aus der Kirche ausstößt und der Herrscher deshalb die Unterstützung der deutschen Fürsten verliert, reitet er im Jahr 1204 nach Italien und steht drei Tage im Bußgewand vor der Burg, bis der Sieger ihm endlich Vergebung gewähren muss. Die päpstlichen Protokolle um Kirchenbann und Kapitulation schildern die größte Staatsaffäre des Mittelalters in vielen wichtigen Details.

Einblicke in die ungewöhnlichen Sitten im Vatikan der Renaissance bieten besonders acht Büchlein mit dem Sammeltitel „Briefe verschiedener Damen an Papst Alexander VI.“: Die aufschlussreichen Dokumente kamen erst drei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung erstmals ans Licht. Der Papst aus dem berüchtigten Hause Borgia ist weltlichen Freuden überaus zugetan und zeugt neun Kinder. Die berühmteste der zitierten Damen ist Giulia Farnese, genannt „die Schöne“. Sie schreibt dem Oberhirten der Christenheit mit selbst für damalige Zeiten ungewöhnlicher Offenheit, sie hoffe bald nach Rom zurückzukehren, denn „wo mein Schatz ist, dort ist mein Herz“. Andere zärtliche Zeilen stammen von Vannozza Cattanei, die dem Papst drei Söhne sowie die nicht minder berühmte Tochter Lucrezia Borgia schenkt.

Auch Englands Royals sind im Geheimarchiv vertreten, mit einem Monarchen, der Ehedramen in Serie inszeniert: Heinrich VIII. (1491-1547) heiratet sechs Frauen, verstößt fünf von ihnen und lässt zwei sogar hinrichten. Das Papst-Archiv hütet etwa einen Brief des Herrschers an seine Geliebte und spätere Ehefrau Nr.2 Anna Boleyn: „Ich versichere Euch, dass von nun an Euch allein mein Herz geweiht sein wird mit dem Wunsch, dass auch der Leib es sein möge.“

Die von Sorge um Nachkommenschaft getriebene Ehe-Karussell des königlichen Blaubarts war ein Politikum höchsten Grades und führt bald sogar zur Abspaltung der anglikanischen Kirche von Rom mit hässlichen Folgen: Katholische Engländer werden als landesverräterische „Papisten“ entrechtet, verfolgt und umgebracht.

Es ist die Sprengkraft solcher Dokumente, die es Papst Paul V. im Jahr 1610 dringend geboten sein lässt, ein Geheimarchiv einzurichten. Er wählt dafür drei Säle, in denen zuvor Kardinalbibliothekare wohnten. Die Räume bekommen eine gründliche Reinigung, neue Fußböden und Fresken mit Darstellungen von Schenkungen europäischer Herrscher an den Papst. Dann nehmen zwanzig Schränke aus Pappelholz die Dokumente, Bücher und Register auf.

Heute legt der Vatikan viele Schriften ausgewiesenen Historikern offen, doch mindestens ebenso viele Schätze kennen nicht einmal die päpstlichen Archivare selbst: Besonders brisante Akten etwa der Inquisition wurden teils schon vor Jahrhunderten absichtsvoll versteckt. Immer wieder auch fördern Forscher Vergessenes oder Verlorengeglaubtes zutage.

Wie um den Vorwurf kirchlicher Geheimbündelei abzuschwächen, stellt der Vatikan inzwischen Akten ins Internet: So etwa das Absolutionsdekret, mit dem Papst Clemens den verfemten Templerorden im Jahr 1308 von der Anklage der Ketzerei freisprach. Oder die Prozessakten im Fall Galileo Galilei (1616-1633), der bis heute die Gemüter bewegt. Der Braunschweiger Archiv-Verlag darf ausgewählte Vatikan-Dokumente jetzt sogar als Faskimile für Sammler herausbringen.

Besonders streng geheimgehalten wurde über Jahrhunderte das Werk „De componendis cifris“ („Über die Entwicklung von Geheimschriften“) aus den Jahren 1556/1567: „Unter den berühmtesten und fähigsten Kryptographen waren mit Sicherheit jene im Dienst der römischen Kurie“, sagt Geheimarchiv-Historiker Luca Carboni. Einer diente gleich fünf Päpsten, ein anderer wurde später Patriarch von Jerusalem.

Der Humanist Leon Battista Alberti etwa erfindet die Chiffrierscheibe aus zwei Metallscheiben, von denen die größere am äußeren Rand ein Klartext-, die kleinere ein Geheimtextalphabet zeigt. Der Mathematiker Girolamo Cardana konstruiert eine Schablone, durch deren Löcher die eigentliche Botschaft zu lesen ist. Zuweilen benutzten die Schreiber im Vatikan auch unsichtbare Tinte. „Das Niveau der berühmten päpstlichen Kryptologen der Renaissance“, urteilt Carboni, „wurde später nie wieder erreicht.“

Leicht lesbar und unmissverständlich dagegen sollten die päpstlichen Sendschreiben ausfallen, die nach ihren Bleisiegeln (lateinisch „bulla“) benannt sind: Die Bulle gegen Martin Luther vom 15. Juni 1520 mit dem lateinischen Titel „Exurge Domine“ (nach den Anfangsworten „Erhebe dich, Herr“ droht Leo X. dem Mönch die Exkommunikation an, falls er nicht innerhalb von 60 Tagen 41 seiner 95 Thesen zurücknehme: „Als du zum Vater in den Himmel auffahren wolltest, hast du die Sorge, die Leitung und die Verwaltung deines Weinberges dem Petrus gleichsam als Haupt und deinem Stellvertreter und seinen Nachfolgern anvertraut“, beklagt sich der erboste Kirchenfürst in dem Schriftstück bei seinem himmlischen Dienstherrn und findet zugleich drastische Worte für den Reformator und seinen Angriff auf diesen Hort süßer Glaubensfrüchte: „Ein Wildschwein trachtet danach, ihn zu zerwühlen!“

Die Thesen des Deutschen kritisieren vor allem die Ablasspraxis der katholischen Kirche, die Sündern damals für Geld Straffreiheit verspricht. Als Luther den Widerruf verweigert und sein Exemplar der Bulle sogar verbrennt, erklärt ihn der Papst am 3. Januar 1521 mit der Schrift „Decet Romanum Pontificem“ („Es gebührt dem Papst, gegen Ketzer mit allen Mitteln vorzugehen“) für exkommuniziert, also der kirchlichen Segnungen nicht mehr teilhaftig. Damit ist die Spaltung unvermeidlich. Ein Jahrhundert später wird der Dreißigjährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten Deutschland völlig verwüsten und vier der 17 Millionen Einwohner das Leben kosten.

Die Exkommunikation Luthers wird nie aufgehoben, die Bulle gilt bis zum heutigen Tag, doch in der Ökumene sind die Konfessionen längst miteinander versöhnt. Dazu haben gerade Johannes Paul II. und Benedikt XVI. viel beigetragen. Der Papstbesuch in Erfurt ist ein nächster Schritt auf diesem Weg. Auch die Dokumente dieser Reise werden eines Tages im Geheimarchiv des Vatikans landen – dann vielleicht als Vorläufer der Geburtsurkunde einer wiedervereinigten christlichen Kirche. 

 

 

Vatikan-Geheimnisse im Buch

„Die Geheimnisse des Vatikan: Eine andere Geschichte der Papststadt“ von Corrado Augias. C.H.Beck, 2011, 496 S., 22.95 €. Der Journalist führt kenntnisreich in die Kulissen des kleinen Kirchenstaates.

„Die Geheimnisse des Vatikan: Enthüllungen aus der Machtzentrale der Kirche“ von Cyrus Shahrad. Premio, 2007, 192 S., 9.95 €. Fakten und Insiderwissen über Intrigen und Skandale.

„National Geographic - Die Geheimnisse des Vatikans“, WVG Medien, 2008, 3 DVDs, 32,75 €. Die spannende Welt der katholischen Kirche in zahlreichen Interviews.

 

Vatikan-Geheimakten zum Sammeln

Als autorisierter Verlagspartner des Vatikans wurde dem Archiv Verlag Braunschweig die Ehre zuteil, die wichtigsten Dokumente des Geheimarchivs und der Apostolischen Bibliothek des Vatikans, die bisher nur wenigen Eingeweihten zugänglich waren, zu reproduzieren und in der Sammlung "Documenta Vaticana" zu veröffentlichen. Für diese weltweit einzigartige Edition von unbezahlbaren Zeugnissen unserer Geschichte, Zivilisation und Kultur haben Vatikan-Mitarbeiter aus mehr als 80 Regal-Kilometern Büchern und Akten die wertvollsten Schriftstücke aus fast 2000 Jahren herausgesucht.

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