Kapitel 53: Der Bruch im Palazzo

Samstag, 5. Januar 2013
„Tief unter uns leuchtete die Elbe wie ein Strom aus Milch“: Am Stadtdeich 1886. © Museum für Hamburgische Geschichte

Wir kletterten in die Kutsche zurück. Harry, Kowalski und der Gecko stiegen wieder auf den Bock. Eine halbe Stunde später suchten wir uns einen guten Zinkplatz und hielten an. Tief unter uns leuchtete die Elbe wie ein Strom aus Milch. Harry blieb an der Kutsche, wo er fluchend am Geschirr herumschnallen würde, falls eine Streife kam. Kowalski stellte sich hinter die Tür, um die Diener abzufangen, falls sie Alarm schlagen wollten. Onkel Johnny kletterte über die Mauer. Von Hunden war nichts mehr zu sehen und zu hören.

  Ich stieg als erste ein, hinter mir Onkel Johnny. Der Mond leuchtete in Zimmer und Flure. Wir schlichen ins Zimmer des Hausherrn. Der Konsul schlief den Schlaf des Gewissenlosen. Wir suchten mit Engelshänden in seinem Nachttisch, durchwühlten die Taschen des Morgenmantels und der Anzüge und zogen sämtliche Schubladen auf, konnten aber keine Tresorschlüssel finden. Nach einer Weile kehrten wir um und winkten aus dem Fenster.

  Eddie, der Bäcker und der Gecko kletterten mit dem Knabbergeschirr durchs Fenster, marschierten hinter uns ins Büro betrachteten den mannshohen Tresor. Im abgedeckten Licht wirkte der Firmenname „Arnheim“ ungefähr so aufmunternd wie das Menetekel an der Wand zu Babylon.

  „Mein lieber Herr Gesangsverein“, sagte Eddie. „Das ist aber mal ‘ne steife Kiste! Noch dicker als der im Kontor. Allein würde ich da gar nicht erst anfangen.“

  „Wegschleppen ist nicht“, sagte der Bäcker. „Der wiegt mindestens zehn Zentner.“

  Der Harpyenadler zischte und drehte den Kopf unter der Lederhaube.

  Eddie klopfte prüfend auf die Türplatte, nahm die Basquille ab und kratzte sich den Schädel unter dem kurzen blonden Haar. „Wir bräuchten einen Gorilla. Vielleicht hat Hagenbeck welche im Angebot.“

  „Such’ lieber die dünnen Stellen“ sagte der Bäcker ungeduldig.

  Der Schränker hielt das Ohr an die Türplatte und pochte wieder mit dem Knöchel gegen den Stahl. „Hier ist alles dicht.“ Er schob den Verberger zur Seite. „Am besten machen wir erst mal um das Schlüsselloch herum ein bisschen Luft.“

  „Denn man tou“, sagte der Bäcker und setzte das Knabbergeschirr an. „Sieg Heil und fette Beute.“

  „Sich segen bringt Regen“, sagte Eddie und korrigierte ein paar Mal, während der Bäcker mit schwellenden Muskeln zudrückte.

  Eine halbe Stunde später hatte das Werkzeug tiefe Kerben in den Panzerstahl gebissen. Dem Bäcker, Eddie und Onkel Johnny, der ebenfalls mit anpackte, lief der Schweiß in Strömen über die Gesichter.

  „Muss mich mal verpusten“, sagte der Bäcker. „Glaubst du, wir schaffen es?“

  Eddie zuckte die Achseln. „Bis jetzt sieht es nicht übel aus, aber du weißt ja, bei diesen Dingern kann man nie sicher sein, dass nicht noch eine Schweinerei nachkommt.“

  Wieder eine halbe Stunde später sagte der Bäcker: „Wohl. Jetzt gib mir mal die Reißzange.“

  Der Gecko langte nach hinten und reichte ihm das Gerät. Aus einem kleinen Loch in dem Panzerschrank staubte Kieselgurerde.

  „Zwölf Millimeter“, staunte Eddie. „Und das ist erstklassiger englischer Thomasstahl! Ich hätte nie geglaubt, dass man den kalt kaputtkriegen kann. Du bist wirklich der Größte, Michel! So, pass auf, genau da muss sie ansetzen, und feste!“

  Der Bäcker packte die Griffe der Zange und drückte sie mit aller Kraft zusammen. Sein breites Gesicht lief rot an, und an dem mächtigen Hals schwollen die Adern.

  Ich ging zum Fenster, um nach dem Morgen zu schauen. Tatsächlich, im Osten dämmerte es schon. Ich machte kehrt, um die anderen zu holen, da kamen sie mir auch schon entgegen. Dem Bäcker hingen vier Säcke mit Goldstücken an den Schultern. Der Gecko schleppte das Werkzeug, und Eddie hatte sich einen Stapel Dokumente unter den Arm geklemmt. Mein Onkel kam zum Schluss und hatte doch tatsächlich den Adler mitgenommen, auf dem Falknerhandschuh.

   „Da waren mindestens zwanzigtausend drin“, keuchte der Bäcker noch immer ganz außer Atem. „Aber kein Gramm Opium.“

  Wir gingen ein Stück durch den Wald, konnten Harry aber nicht finden. Als wir auf die Straße kamen, rollte die Kutsche heran.

  „Wer hat dich denn abgezinkt?“ fragte mein Onkel.

  „Preußische Militärpolizei“, sagte Harry. „Was willst du denn mit dem Vogel?“

  „Fliegen lassen, was sonst?“

 „Allreit, das ist ein Harpyenadler, aus dem Amazonasdschungel, der wird es hier in Freiheit schwer haben“, sagte Harry, der sich auskannte.

  „Rrrrrrruhe!“ schrie der imaginäre „Coco“ auf seiner Schulter.

  „Für die gilt das gleiche wie für die Menschen“, sagte mein Onkel. „Entweder sie passen sich an, oder sie gehen drauf. Aber die Chance soll er wenigstens haben. Besser als das ganze Leben in Gefangenschaft.“ Er nahm dem Tier die Lederhaube ab und hob es in die Luft. Der Harpyenadler flog auf und verschwand in der Dunkelheit.

  Wir stiegen in die Kutsche und fuhren zum Haus des Henkers. Sophus Mint und Walter warteten schon und leuchteten uns.

  „Kein Opium?“ fragte der Henker.

  „Das Zeug ist schon bei Jack“, sagte Onkel Johnny verdrossen.

  „Und was willst du jetzt machen?“

  „Ja – was schon? Das Zeug holen.“

  „Wie war das?“ fragte Harry.

  „Ik hebb woll nich richdig hürt!“ meldete sich der Gecko.

  „Jetzt wird’s aber gemischt“, ließ sich der Bäcker vernehmen.

  Heute ist mir natürlich klar, dass mein Onkel das wahnwitzige Unternehmen vor allem aus Angst um Nell riskieren wollte, aber davon erzählte Herr Wang mir ja erst viel später, deshalb war ich genauso baff wie alle anderen.

  „Du hast wohl nicht alle Klüten in der Pann!“, sagte Harry, der erst jetzt merkte, dass er sich nicht verhört hatte. „Willst wirklich bei Jack einsteigen und ihm das Opium klauen?“

  „Allerdings“, sagte mein Onkel. „Und das Morphin gleich dazu.“

  „Das Morphin?“ wunderte sich der Bäcker. „Was denn für ein verdammtes Morphin?“

  „Aus dem Hafen.“ Er erzählte ihnen von Jacks Angriff auf den Petroleumhafen.

  „Hell and devil, das war Jack?“ staunte Harry. „Ist der Kerl verrückt geworden?“

  „S-tets findet Überraschung statt, wo man es nicht erwartet hat“, zitierte Walter den großen Wilhelm Busch, der damals gerade populär wurde.

   „Jack will Randal“, sagte Onkel Johnny. „Rabusche, versteht ihr? Dann kann er erst so richtig zuschlagen.“

  Die anderen glotzten ihn an wie die Ochsen das neue Scheunentor.

  „Der Kaneel riecht verdächtig“, sagte der Bäcker.

  „Jack will die Leute gegen die Ausländer aufbringen“, verklarte ihnen mein Onkel.

  „Awer worüm?“ fragte der Gecko. „Wat hett he von?“

  „Erst mal zeigt er seine Macht“, sagte der Bäcker finster.

  „Und dann will er in die Politik“, sagte Onkel Johnny.

  Der Gecko konnte es kaum glauben. „Wat denn, as’n Unruhstifter, mit so’ne grote Keilerei?“

  „Ne, du Dösbattel“, lachte Michel grimmig. „Als Friedensstifter, wenn sich alle die Köppe blutig gehauen haben!“

  „Dat is Politik?

  „Reitireitireitireit“, sagte Harry. „Hinterher erscheint nämlich der große Jack und beglaubigt als Notar den ewigen Frieden. Seinen Frieden, natürlich.“

  „Gar langsam nur, doch stetig S-tück für S-tück enthüllte den Gefährten sich die Hinterhältigkeit des schnöden Plans“, deklamierte Volten-Walter.

   „Und dann hat Jack noch die Geschäfte von diesem Hundsfott von einem Konsul“, erläuterte Onkel Johnny. „Die Grundstücksgeschichten auf dem Brook. Die fürchterlichsten Bruchbuden, aber wenn der Freihafen kommt, sind sie Millionen wert.“

  „He hett bannig Grundstücke op’n Brook?“

  „Ja“, erklärte Onkel Johnny geduldig. „Vielleicht soll die Schlacht den Pfeffersäcken im Rathaus man zeigen, wer auf dem Brook das Sagen hat. Und mit wem der hohe Senat reden muss, wenn er dort jemals einen Freihafen bauen will.“

  „Wat geiht uns dat an?“ fragte der Gecko. „We könnt us dorbi blot platte Nääs hool’n.“

  „Und mehr noch, ihr lieben Leute“, sagte Volten-Walter feierlich. „Kömmt der Freihafen auf jene schönen Ges-tade, schüttet das Schicksal Jack Gold und Silber in die zweifellos äußerst geräumigen Taschen. Kömmt der Freihafen aber nicht, so mögte sich dieser wahre Friedenss-tifter von den dankbaren Untertanen in das hehre Parlament der Deutschen, den wohlsortierten Reichstag, wählen lassen, sich dort mit seinesgleichen Charakteren um das Wohl des Volkes zu besorgen.“

  „Mir wird gleich schlecht“, sagte der Bäcker.

  „De Lüd wer’n woll nich so’n Ganoven wählen“, zweifelte der Gecko. „De nehm’ doch wieder den ollen Bebel, dat is ja man klur, wat, Schonny?“

  „Jetzt wählen sie noch Bebel“, sagte mein Onkel. „Aber wenn Jack die Angst vor den Ausländern schürt, und es mit dieser nationalen Besoffenheit so weitergeht, dann kann’s schon sein, dass Jacks Rattenfängerei bei der nächsten Wahl was zieht.“

  „Und dann good night Hamburg“, sagte Harpunen-Harry. „Dann kommen die Preußen, und dann ist es aus mit der Selbständigkeit.“

  „Und mit der Schmuggelei wohl auch“, lachte der Bäcker.

  „Da mach dir mal keine Sorgen“, sagte Harry, „die geht mit’m Freihafen weiter, okee?“

  „Wohl! Dann viel Spass mit den preußischen Zollpüstern!“

  „Allreit“, sagte Harry. „Schon in der Bibel werden die Zöllner mit den Sündern genannt.“

  „Es wandelt sich die Welt, o hochedle Gefährten“, verkündete Walter und rieb sich nachdenklich die Geierschnabelnase.  „Wer sich nicht ändern will noch kann, dem ist die Zukunft ein Fels, hilflos, wenn auch wehklagend, dran zu zerschellen.“

  „Da ist noch was“, sagte Onkel Johnny. „Die Triaden haben mir da so’n Mädel auf’n Hals geschickt.“

  „Dat lot man Nell nich hören!“ lachte der Gecko.

  „Eine Prinzessin des Todes. So nennen sie ihre Scharfrichterinnen.“

  „Ah, eine Collega von Eurer hochwohlgeborener Exzellenz Knotenknüpfer?“ sagt Walter zu Sophius Mindt, dessen Elefantengesicht jedoch keine Regung zeigte.

  „Das Schlitzauge, das dir da immer am Hintern hängt, ist’n Mädel?“ fragte Harry.

  „Ja. Die Kleine kommt wegen dem Opium.“

  „Dann gib’s ihr doch“, sagte Kowalski.

  „Der geb’ ich was ganz anderes“, sagte mein Onkel. „Aber nicht gleich. Ich sag’s euch nur, damit ihr aufpasst. Sie heißt Yüan Yüan. Der dürft ihr auf keinen Fall in die Augen gucken, sonst wird’s euch ganz anders.“

   „Dat is bei jeder Seuten so, hett mien Mudder seggt!“ lachte der Gecko.

  „Und wann wollen wir nun bei Jack einsteigen?“ erkundigte sich der Bäcker.

  „Morgen“, sagte mein Onkel.

  „Morgen schon?“ staunte Eddie. „Ist das schon ausbaldowert?“

  „Das macht Michel“, sagte Onkel Johnny.

  „Immer ich!“ beschwerte sich der Bäcker.

  „Stell dich nicht so an, Dicker“, sagte mein Onkel. „Du bist eine Berühmtheit. Jack wird sich geehrt fühlen, dass du ihn besuchst.“

  „Aber wenn ich Wacko sehe, hau ich ihm die Runkelrübe vom Hals.“

  „Das lass man lieber bleiben, dazu ist später noch Zeit genug.“

  „Und was soll ich Jack sagen? Ich kann ja wohl nicht einfach hineinspazieren und sagen, zeig mir mal deinen Tresor!“

  „Du sagst ihm einen schönen Gruß und gibst für mich was bei ihm ab.“

  „Aha, und was?“

  „Du bringst ihm sein Messer zurück.“

  Mein Onkel griff in seine Jacke, zog das Messer hervor, das er Jack zwanzig Jahre zuvor geschenkt hatte, und reichte es Michel. Der Bäcker nickte und steckte es ein. Es war einer von diesen Achsenmomenten, wo man das Gefühl hat, dass sich die ganze Welt um einen dreht, und Sonne, Mond und Sterne drehen sich mit, und die ganze Menschheit, und die Geschichte der Menschheit, und das eigene Herz - nur der liebe Gott nicht. Keiner sagte etwas, es gab ja auch nichts mehr zu sagen, die Wahrheit hatte mit der Kanone geschossen.

  „So, nun wisst ihrs“, sagte Onkel Johnny. „Plappert’s aber nicht gleich überall herum,  verstanden?“

  „Allreit. Schweigen ist meine Muttersprache“, sagte Harry.

  „Mein zweiter Vorname lautet Diskretion“, verkündete Walter.

  Auch der Gecko brummte Zustimmung, der Bäcker aber fragte: „Wann willst du denn nun mit Jack abrechnen?“

  „Weiß noch nicht“, sagte mein Onkel. „Ich bin im Nachteil.“

  „Wieso?“

  „Jack hat guten Grund, mich umzubringen. Ich nicht.“

  „Du nicht? Nach allem, was er dir angetan hat?“

  „Das ist es eben, Michel. Ich weiß noch nicht, was er mir alles angetan hat. Und das will ich erst wissen.“

  „Was du schon weißt, reicht doch wohl!“

  „Was weiß ich denn? Er hat mich in eine Falle gelockt, aber dann hat er mich auf den Portugiesen gebracht. Wieso? Die Portugiesen haben mich verkauft, aber hat Jack das wirklich gewusst? Er hätte mich in dieser Nacht doch ganz einfach abmurksen können! Er hat sich an Nell herangemacht, aber ich hatte ja nicht geschrieben, musste Jack also nicht wirklich denken, ich sei tot?“

  „Aber wenn Jack gar nichts dafür kann, warum sagt er es nicht?“ wunderte sich der Bäcker.

  „Stolz“, sagte mein Onkel. „Er will, dass ich es selber herausfinde. Hat’s gar nicht nötig, sich zu verteidigen. Aber dass Jack ein Heiliger ist, glaube ich auch nicht. Es wird so sein, wie’s meistens ist, Schuld und Unschuld wie Wein und Wasser, ganz auseinander kriegt man’s nicht. Aber bevor ich die Rechnung ausstelle, will ich genau wissen, was draufzustehen hat.“

  Der Henker schloss den Keller ab und gab meinem Onkel den Schlüssel. „Wollt ihr noch ein Glas mit mir trinken?“

  „Ich muss nach Hause“, sagte der Bäcker. „Alte Menschen brauchen ihren Schlaf.“

  „Ich hab noch was vor“, sagte Eddie und stiefelte in Richtung „Weiße Möwe“ davon.

  „Ich auch“, sagte Onkel Johnny.

  „Ich auch“, sagte ich und wetzte hinter ihm her.

  Harry, Walter, Kowalski und der Gecko blieben noch.

 

 

 

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