„Einfach nur ein Haufen Müll“

Samstag, 11. August 2012
„Das Ding aus einer anderen Welt“: Roswell-Alien als Spielzeug für die Autopsie im Kinderzimmer, vorgestellt 2005 auf dem Europäischen UFO-Kongress im französischen Châlons-en-Champagne. © Wikimedia Commons

Ufos, Käse, Demi Moore: das Wüstennest Roswell hat der Welt einiges zu bieten. Jetzt haben die Ufos wieder Aufwind.

 

Seit 65 Jahren glaubt eine weltweite Gemeinde überzeugter UFO-Gläubiger, dass vor 65 Jahren Aliens in der Nähe von Roswell im US-Staat New Mexico abgestürzt seien. Jetzt gibt der pensionierte Air-Force-Oberstleutnant Richard French dem Gerücht neue Nahrung: Nicht nur ein, sondern sogar zwei extraterrestrische Raumschiffe seien damals vom Himmel gefallen. French war im Sommer 1947 dort Testpilot. Beweise bleibt der angebliche Augenzeuge schuldig, doch in dem Wüstennest freut sich eine irdische Tourismusindustrie… 

Ein Bus rollt durch die Wüste New Mexicos. Am Straßenrand wartet ein Passagier. Aufkleber an seinem Koffer zeigen: Der Mann im schwarzen Umhang ist weit gereist. Der Fahrer tritt auf die Bremse, zischend öffnet sich die Tür. Der Passagier steigt ein, zeigt sein Gesicht: Es ist ein Außerirdischer. Der Fahrer gibt wieder Gas. Ein Schild über der Frontscheibe verrät das Ziel: Roswell.

Der Spot aus dem Internet-Auftritt der Stadt demonstriert ihren Anspruch: Extraterrestrier haben hier Heimatrecht. Roswell nennt sich „mother of extraterrestial connections“ („Mutter außerirdischer Verbindungen“) und feiert jeden Sommer vom 5. bis 8.Juli lang das „Amazing Roswell UFO Festival“ – laut Ankündigung „mit mehr Veranstaltungen und Attraktionen, als eine einzelne Person in vier Tagen besuchen kann“.

Mit 45 000 Einwohnern an fünfter Stelle des weithin menschenleeren Bundesstaats im Südwesten der USA, ist das 1865 als erste nichtindianische Siedlung gegründete Wüstennest auch Geburtsort solcher Berühmtheiten wie Countrysänger John Denver oder Hollywood-Diva Demi Moore. Doch auf die Weltkarte brachte die verschlafene Kleinstadt ein Faszinosum, über das seit sechzig Jahren Millionen Menschen aller Erdteile staunen, spotten und streiten: Das Phänomen der rätselhaften Erscheinungen, die als „fliegende Untertassen“ berühmt wurden, bis das Air Technical Intelligence Center, der Geheimdienst der US Air Force, die Bezeichnung „Unidentified Flying Object“ prägte.

Das Juli-Fest in Roswell feiert indes erst das dritte Datum der UFO-Geschichte: Am 24.Juni 1947 meldet der Pilot Kenneth Arnold über dem US-Staat Washington sechs Objekte, die mit hoher Geschwindigkeit am Himmel hin und her rasen – er vermutet Militärmaschinen unbekannten Typs. Und in Roswell selbst beginnt die Legende bereits am 14.Juni 1947. An diesem Tag entdeckt Mac Brazel auf der von ihm verwalteten Farm der Familie Foster ungewöhnliche Trümmerteile: kleine Stücke eines dünnen, aluminiumfolienartigen, mattsilbrig schimmernden Materials, dazu Stücke, die wie Balsaholz aussehen, Klebebänder mit Markierungen sowie Ballon- und Gummiteile. Den ersten Kommentar des Finders hat Tochter Bessie Brazel Schreiber der Nachwelt überliefert: „Oh, es ist einfach nur ein Haufen Müll.“

Der Schrott lässt Teile von Ballonzügen erkennen, die aus jeweils drei bis sieben Neoprenballons bestehen und drei bis fünf Radarreflektoren des Typs MC-307 von jeweils einem Meter Länge tragen. Sie sollen in der Tropo- und Stratosphäre die Schockwellen von Raketen messen, die durch die Schallmauer brechen, und haben auch die erste russische Atomexplosion erkannt. Das Projekt mit dem Codenamen MOGUL unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe Top Secret A-1, wie sonst nur das Manhattan-Projekt zur Entwicklung amerikanischer Kernwaffen.

MOGUL-Wissenschaftler Charles B.Moore kann den Flug Nr.4 rekonstruieren: Die Ballons starten am 4.Juni, Wind treibt sie Richtung Roswell, über dem Ort Arabela 17 Meilen vor der Foster-Ranch bricht der Kontakt ab. Mac Brazel liegt nicht weit daneben, als er Roswells Wetterstation anruft und den Fund meldet. Die Meteorologen vermissen aber keinen Wetterballon und raten, Sheriff George Wilcox zu informieren. Das geschieht erst am 7.Juli, denn vorher kommt Brazel nicht in die Stadt.

Der Sheriff ruft auf dem Armeeflugplatz Roswell an. Umgehend erscheinen Luftwaffen-Nachrichtenoffizier Major Jesse Marcel, Hauptmann Sheridan Cavit sowie Stabsfeldwebel Lewis S.Rickett und fahren mit Brazel zum Fundort. Militärangehörige sammeln die Wrackteile ein und fliegen sie nach Wright Field in Dayton, Ohio. Auf dem Stützpunkt arbeiten 10 000 Soldaten und ebenso viele Zivilangestellte in den beiden wichtigsten Forschungszentren für Grundlagenforschung und Waffensysteme der Luftwaffe: das Air Force Research Laboratory und das Aeronautical Systems Center.

Die Sache scheint abgetan, da hört Walter Haut, Sprecher des Armeeflugplatzes Roswell, in der Stadt werde über einen in der Wüste gelandeten rätselhaften Flugkörper gemunkelt. Deshalb schildert er am 8.Juli Zeitungen und Rundfunkstationen den Sachverhalt. Als Reporter hartnäckig nachfragen, präsentiert General George Ramey noch am gleichen Tag die Reste, erklärt sie jedoch für Teile eines Raywin-Wetterballons.

Wie es der Fluch der bösen Tat ist, dass sie fortzeugend Böses muss gebären, entspinnt sich aus der militärischen Lüge die wohl am schnellsten und weitesten verbreitete Legende des Jahrhunderts. Aus den Ballons wird ein Raumschiff mit Besatzung, Roswell gerät zum Synonym geheimdienstlicher Vertuschung, Verschwörungstheorien führen bis ins Weiße Haus, wichtigster Multiplikator wird Hollywood: Schon 1951 zeigt Regisseur Robert Wise in seinem Klassiker „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ einen Außerirdischen, der eine Fliegende Untertasse in Washington landet und der Menschheit den Untergang androht. Im gleichen Jahr schockt Christian Nyby in „Das Ding aus einer anderen Welt“ Kinobesucher mit Bildern einer außerirdischen Lebensform, die sich von Blut nährt. Seither breitet sich UFO-Gläubigkeit wie eine Ersatzreligion rund um den Globus aus: Hunderte Filme, Tausende Bücher und Hunderttausende Zeitungsartikel finden ihr überzeugtes oder zweifelndes Publikum, Millionen Meldungen beschäftigen die Behörden, zeitweilig nimmt die Furcht vor einer Invasion aus dem Weltall neurotische Züge an. Als US-Regisseur Orson Welles den Roman „Krieg der Welten“ des Engländers H.G.Wells als Hörspiel in der Dramatik einer realen Radioreportage sendet, flüchten verängstigte New Yorker zu Tausenden aus der Stadt.

Bis heute halten sich Furcht und Faszination die Waage, allerdings schwillt und schwindet das Interesse mit dem Geist der Zeit.

In den 50er und 60er Jahren des atomaren Wettrüstens gedeihen besonders Thesen, die Außerirdische entweder zu rettenden Friedensaposteln oder strafenden Racheengeln  erklären; der Schweizer Hotelier Erich Däniken sieht sogar in antiken Göttern schon außerirdische Astronauten. Nach der Mondlandung 1969 aber ist eine Weile lang die Wirklichkeit spannender als die Fantasie. Erst mit der New-Age-Welle der 80er Jahre versorgt eine neue UFO-Religion ihre Anhänger wieder abwechselnd mit Weltuntergangs- und Weltrettungsszenarien. Wichtigster Prophet wird 1980 Charles Berlitz mit seinem Bestseller „Der Roswell-Zwischenfall“. Fünf Jahre zuvor hatte er mit seinem „Bermuda-Dreieck“ abergläubische Seefahrer und seriöse Wissenschaftler das Gruseln gelehrt.

Anfang des Jahrhunderts flacht die Welle ab. 2001 sagen 57 Prozent der Bundesbürger im Westen und sogar 72 Prozent im Osten, UFOs gebe es nicht und habe es nie gegeben. „Die Menschen schauen nicht mehr zum Himmel, sondern suchen heute im eigenen Innern das Außergewöhnliche“, sagt der Freiburger Soziologe Michael Schetsche. Sein Institut für Grenzgebiete der Psychologie und der psychischen Hygiene ist von dem damals bundesweit berühmten Parapsychologie-Professor Bender (1907-1991) begründet, der sich ab und an auf die Jagd nach Poltergeistern begab. Sogenannte Kontaktler, die von Außerirdischen entführt und untersucht worden sein wollen, werden Gegenstand von Studien. Häufigste Diagnose: „Psychische Desorganisation“.

Die große Gemeinde der Gut-und-Gerngläubigen steigt vom Himmel in die Seele um: Spannender als die kleinen grünen Männchen aus dem Weltraum scheint der kleine Mann im Ohr, der seinem Zuhörer einflüstert, er sei etwas Besonderes, etwa früher Pharao oder Philosoph gewesen; Damen waren besonders gern Hexen oder Kurtisanen. Doch auch wenn die Frequenz zeitweilig abnimmt, die UFOs fliegen weiter, nun schon seit sechzig Jahren, und Roswell bleibt Herz der Legende. Für die Stadt hängt viel davon ab, das jährliche Spektakel Tausender Fans aus aller Welt ist ein wichtiger Wirtschaftszweig: Auf der städtischen Website rangieren „UFOs und Aliens“ sogar vor dem Mozzarella-Käse, dabei ist die Stadt Amerikas größter Produzent des beliebtesten Pizza-Belags. Auch dank Oberstleutnant a.D. French wird das jetzt erst mal so bleiben.

 

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