Kapitel 54: Im Rathaus

Samstag, 12. Januar 2013
„Das Waisenhaus stand damals schon seit hundert Jahren an der Admiralitätsstraße“: An der Ecke Rolandsbrücke-Große Reichenstraße 1889 © Museum für Hamburgische Geschichte

Das Waisenhaus stand damals schon seit hundert Jahren an der Admiralitätsstraße, doch die Leute unter dem frommen Turmkreuz waren absolut keine Waisenknaben, sondern ausgekochte Politiker und gefinkelte Geschäftemacher. Denn nachdem das Alte Rathaus im Großen Brand von 1842 untergegangen war, hatten unsere Stadtväter die elternlosen Kinder kurzerhand ausquartiert, und in dem einstigen Refugium hamburgischer Mitmenschlichkeit richtete sich so ungefähr das Gegenteil ein, nämlich die Regierung. Es sollte ein Provisorium bleiben, und ein neues Domizil der Staatsmacht an der Alster war auch schon längst in Planung, doch vor den Ansprüchen eines zwar hanseatisch begründeten, aber wilhelminisch dimensionierten Selbstbewusstseins scheiterte ein Bauplan nach dem anderen.

  Hamburgs Erster Bürgermeister Henry Albert Twistring verkörperte diese Ansprüche auch optisch wie kein anderer. Der dreifach gefältelte weiße Mühlsteinkragen, die breiten, mit Posamentierarbeiten verzierten Schultern des schwarzsamtenen Staltrocks über den schwarzen Kniehosen, die schwarzseidenen Strümpfe und die Schuhe mit den silbernen Schnallen verliehen ihm die Statur heldischer Reichsgründer, wie sie patriotische Künstler für Nationalgalerien malen. Seine herrischen Augen blitzten aus einem spitzbärtigen Herzogsgesicht, das El Greco einem Großinquisitor hätte aufsetzen können. Seine Ahnenreihe führte der Bürgermeister über sieben Jahrhunderte bis auf die ersten Kaufleute der Hanse am hochmittelalterlichen Londoner Stalhof zurück. Demokratie war für ihn Tyrannei des Pöbels, Gewerkschaft ein Greuel, Sozialismus ein Satanstrick und das allgemeine Wahlrecht ein fataler Irrweg an der Grenze zum Vaterlandsverrat. Sein Vaterland hieß allerdings nicht etwa Deutschland, sondern Hamburg. Sein politisches Credo stammte von Hebbel: „Man kann es verhüten, dass Sümpfe entstehen. Aber man kann es nicht verhindern, dass Krokodile in den Sümpfen entstehen.“ Über seinem Ledersessel wölbte sich als Zeichen hanseatischer Souveränität ein Thronhimmel mit dem gestickten Staatswappen, und auf dem Dienerblock seiner Kutsche standen zwei livrierte Senatslakaien mit Zweispitz.

  Die gelblich-wächserne Haut des Ersten Bürgermeisters dokumentierte ernste Gallenprobleme im Dienste des Gemeinwohls. Noch schlechter als seine Gesundheit war seine Laune; sie passte in das behagliche Ambiente wie ein Skorpion an einen Weihnachtsbaum. „Brandstiftung! Millionenschaden! Ausländisches Eigentum! Amerikanische Staatsbürger! Banditen! Piraterie! Jagd auf Ausländer! Bürgerkriegsähnliche Zustände!“ Funkelnden Blickes goss der Bürgermeister seinen Zorn in die Ratsstube. „Das ist der Hafen von Hamburg, Herr Ritter von Ulzburg-Stegen, und nicht irgendeine Kaffernmole!“

  Der Erste Polizeiherr, ganz von Holsteins Art und Bart, wartete das Gewitter gelassen ab. Als vermögender Mann aus altem Landadel mit florierendem Rittergut von über fünftausend Hektar war er auf Staatsposten durchaus nicht angewiesen. Außerdem wusste er, wie sehr der Bürgermeister ihn schätzte, seit er vor fünfzehn Jahren die erste große Streikwelle der Hamburger Arbeiter mit der richtigen Mischung aus Härte und Herz zu einem glimpflichen Ende gebracht hatte: Unbotmäßigkeiten gegenüber dem Brotherrn waren streng zu ahnden, gewiss, aber Arbeiter, die erst mühsam angelernt und dann gleich erschossen wurden, bedeuteten auch für den Fabrikbesitzer und damit ebenso für den Fiskus im wahrsten Sinne totes Kapital – also immer mit der Ruhe!

  Senator Joris Cesar Hartestraat, der Chef der Konservativen Partei, wandte August Bebel sein Löwenhaupt zu. „Was können wir tun, Herr Reichstagsabgeordneter, damit Sie Ihre Arbeiter endlich dazu bringen, solche Übergriffe zu unterlassen?“

  „Das sind nicht meine Arbeiter“, versetzte Bebel empört. „Das sind überhaupt keine Arbeiter. Das sind Verbrecher, Gauner, Strolche – also eher Ihre Klientel, Herr Senator!“

  „Und dazu noch die ständigen Übergriffe auf preußische Untertanen in Wilhelmsburg!“ wetterte der Bürgermeister weiter. „Totschlag! Pogrome! Unschuldige Mädchen in Freudenhäuser verschleppt! Die Fabrikbesitzer beschweren sich bereits an höchster Stelle. Hier: Depesche aus Berlin. Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler sind besorgt. Höchst besorgt sogar. Und das ausgerechnet jetzt, in diesen schweren Zeiten, da Hamburg um die letzten Reste seiner Freiheit ringt, und wenn es nur noch die Zollfreiheit ist! Immerhin! Hoffentlich können Ihre Parteifreunde in Berlin das Schlimmste abwenden, Herr Senator.“

  „Keine Sorge, Herr Bürgermeister. Der Freihafen kommt, der Kanzler ist und bleibt sein größter Förderer, und das Reich wird mit Zuschüssen nicht sparen.“ Er warf einen Seitenblick auf den Arbeiterführer. „Natürlich nur, solange die politischen Verhältnisse stabil bleiben, Herr Abgeordneter Bebel.“

  „Wenn Sie stabile politische Verhältnisse wollen, Herr Senator, dann sorgen Sie für stabile Lebensgrundlagen der Werktätigen, denen die Stadt ihren Reichtum verdankt“, versetzte der Chef der Sozialistischen Arbeiterpartei ärgerlich. „Keine Hungerlöhne, keine Ausbeutung, keine Sechzehn-Stunden-Arbeitstage, keine Entrechtung und Versklavung mehr, sondern freie Wahlen, Gewerkschaften, Versammlungen, Zeitungen!“

  Hartestraats Aristokratengesicht verzog sich. „Kommunismus dulden wir nicht, und Anarchisten stellen wir an die Wand!“

  „Solange es hier noch Wände gibt“, sagte Bebel ungerührt. „Wenn Sie so weitermachen, steht bald kein Stein mehr auf dem anderen.“

  „Sie reden so, als ob Sie solche Zustände insgeheim wünschten!“ rief der Senator. „Die Untergrabung unseres Nationalgefühls, des Respekts vor der Autorität, der Achtung vor dem Heldentum schädigt auch den monarchischen Gedanken, Sie Agitator! Das ist genau das sozialdemokratische Gift, das sich immer weiter frisst, leider bis tief in die Reihen des gebildeten Bürgertums hinein. Die sozialdemokratische Verhetzung ist der Keil, der sich zwischen Thron und Volk drängt. Es ist noch nicht lange her, dass ein Hamburger Lehrer es wagen konnte, ein wunderbares Liliencron-Gedicht auf den Heldenkaiser aus einem Schulbuch ausmerzen zu wollen, weil es womöglich sozialdemokratische Eltern störe. Die Besudelung des Purpurs fördert republikanische Gelüste, Herr! Das sind die wahren Ziele Ihrer Politik! Unsere ehrwürdige Behörde lassen Sie in Ihren Schriften einen ‚Senat von reaktionären Mümmelgreisen’ nennen. In alten Zeiten hätten Sie sich dafür duellieren müssen, aber nicht mit dem Federhalter!“

  „Wir wollen nicht Ihr Pathos, und auch nicht Ihren Hurrapatriotismus, Herr Senator“, erwiderte Bebel ebenfalls mit erhobener Stimme. „Wir wollen nicht länger auf dem Kothurn fürstlicher Gnade wandeln, sondern auf unseren eigenen festen Sohlen gehen.“

  „Dann unterlassen Sie die Schmutzereien Ihrer Presse!“

  „Meine Herren! Hier geht es nicht um partei- oder wahltaktische Positionen.“ Nur mit Mühe gelang es dem Bürgermeister, sein Missfallen an derlei unvaterländischen Anwandlungen zu zügeln. „Herr Abgeordneter, ich bat Sie vertraulich zu dieser internen Besprechung, weil ich Ihren Einfluss auf die Arbeiterschaft anzuerkennen weiß. Es geht um Hamburg, unser aller Heimatstadt!“

  „Meine nicht“, sagte Bebel ungerührt.

  „Was nennen Sie dann Ihre Hei-mat-stadt?“ fragte Hartestraat, der genau wusste, dass Bebel aus Deutz stammte: dem Senator kam es nur auf die provozierende Dehnung des schönen deutschen Wortes „Heimat“ gegenüber diesem „unpatriotischen Internationalisten“ an.

  „Die gerechte Gesellschaft“, antwortete Bebel. „Die Gesellschaft, in der alle gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleiche Freiheiten haben. In der es weder Reich noch Arm, weder Mächtig noch Ohnmächtig, weder Stark noch Schwach gibt. Sondern Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung für die Frauen, Schulbildung für alle Kinder. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr hungern, frieren oder stehlen muss. Das ist meine Hei-mat-stadt!“

  Der Erste Polizeiherr räusperte sich. „Wir haben Maßnahmen zu treffen, die diesem Banditenunwesen besonders auf dem Brook ein Ende machen. Ich darf die Herren nochmals an die Vertraulichkeit erinnern. Die Polizei Wilhelmsburg ist am Mittwoch vergangener Woche eines Verbrechers habhaft geworden, der von seinen Kumpanen nach einem Überfall auf polnische Arbeiterfamilien am Vogelhüttendeich im Stich gelassen wurde und nunmehr aus Rache auspacken will. Er wird heute Mittag nach Hamburg überstellt. Es handelt sich um einen gewissen Dietrich Dorscheid. Verantwortlich für den Anschlag auf den Petroleumhafen ist dem Verhafteten zufolge ein gewisser Jack Lendt, den man in Gangsterkreisen ‚Notar’ nennt.“

  Bebel wandte sich dem Senator zu. „Haben Sie diesen Herrn nicht kürzlich als Ihren Kandidaten für meinen Wahlkreis aufgestellt?“

  „Das ist eine typisch sozialistische Verleumdungskampagne!“ rief Hartestraat. „Ich fordere Beweise! Herr Ritter von Ulzburg-Stegen, Sie geben hier die Behauptungen eines lichtscheuen Verbrechers, womöglich sogar die Lügen eines bezahlten Agenten wieder!“

  „Ich kenne meine Aufgaben, Herr Senator“, sagte der Erste Polizeiherr. „Dieser selbsternannte Notar scheint der Anführer einer Verbrecherbande zu sein, die vor allem auf dem Großen Grasbrook ihr Unwesen treibt. Er scheint sogar einem Polizistenmörder Unterschlupf zu gewähren, einem gewissen Mott.“ Er blickte kurz in seine Akten. „Johannes Mott. Der Mann ermordete vor zwanzig Jahren am Sandtorkai den Constabler Gustav Flint. Sie erinnern sich an den Fall. Der Täter entkam angeblich mit Hilfe dieses Jack Lendt. Jetzt ist der Mörder nicht nur wieder zurückgekehrt, er kann sich auf dem Brook offenbar sogar unbehelligt bewegen, weil er von Lendt und einem Constabler namens Möller gedeckt wird.“

  „Unerhört“, rief der Erste Bürgermeister. „Warum verhaften Sie die Kerle nicht?“

  „Das ist nicht so einfach, Herr Erster Bürgermeister. Ungefähr die Hälfte der Bevölkerung auf dem Brook macht entweder selber bei den Verbrechern mit, ist mit einem von ihnen verwandt oder sympathisiert mit diesen Schweinekerlen. Die Leute dort halten zusammen wie Pech und Schwefel.“

  „Dieser Zusammenhalt ist ja auch das einzige, was ihnen bleibt, nachdem die Stadt sie in Stich lässt“, sagte Bebel.

  „Wie meinen Sie das, Herr Abgeordneter?“ fragte Twistring ehrlich erstaunt.

  „Das will ich Ihnen sagen, Herr Erster Bürgermeister. Wenn Arme, Kranke, Arbeitslose und andere Menschen in Not von der Gesellschaft keinerlei Unterstützung erhalten, sondern die Staatsorgane darüber hinaus sogar tatenlos zusehen, wie Mietwucherer und Spekulanten vom Schlage eines Konsuls Averdar diesen Entrechteten in den Elendsvierteln auch noch das letzte Hemd wegnehmen, dann suchen sie sich eben anderswo Hilfe, und wenn es bei Verbrechern ist.“

  „Oder den Gewerkschaften“, höhnte der Senator.

  „Unsere Gewerkschaften helfen den Leuten, wo sie können“, sagte Bebel. „Dieser Konsul aber ist, wenn ich richtig informiert bin, ein Gönner Ihrer Partei, Herr Senator. Ihrer Partei! Und dieser saubere Notar ist sein Geschäftspartner. Es sind Ihre Leute, die den Polizistenmörder decken, Herr Senator, nicht unsere!“

  Der Erste Bürgermeister hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das muss aufhören, Herr Erster Polizeiherr! Sofort! Dieser Verbrecher unterminiert das Vertrauen der Bevölkerung in die Zuverlässigkeit der Staatsorgane! Setzen Sie eine Belohnung aus! Fünftausend Mark! Tot oder lebendig! Machen Sie ihm die Hölle heiß! Kleben Sie Fahndungsplakate! Nehmen Sie alles auseinander! Morgen sitzt der Kerl hinter Schloss und Riegel, verstanden? Wollen doch mal sehen, ob diese Brüder auf dem Brook wirklich so fest zusammenhalten, wenn’s um ein hübsches Sümmchen geht.“

  „Bei Jesus reichten dreißig Silberlinge“, lächelte Hartestraat.

  „Herr Senator!“ sagte Twistring tadelnd. „Sie wollen doch den Erlöser nicht mit einem solchen Lumpen in einem Satze nennen!“

  „Meine Herren!“ sagte der Ritter von Ulzburg-Stegen. „Ich habe noch mehr mitzuteilen. Heute Nacht ist ein stadtbekannter Einbrecher aus dem Untersuchungsgefängnis entkommen. Es handelt sich um einen gewissen Eduard Egenbüttel, in Unterweltskreisen bekannt als ‚Eddie der Schränker’. Eine graphologische Untersuchung zeigt, dass er offenbar der Verfasser des anonymen Hinweises war, der uns damals vor den schweren Unruhen auf dem Brook warnte. Er tat dies offensichtlich nicht aus staatsbürgerlichen Motiven, sondern inszenierte ein Ablenkungsmanöver, denn während sich unsere Constabler sämtlich im Einsatz auf dem Brook befanden, brach der Mann in das Kontorhaus der Guyana-Company ein, öffnete gewaltsam den Tresor und entkam mit viertausend Mark.“

  „Das wird ja immer schöner“, sagte der Erste Bürgermeister. „Hoffentlich dringt es nicht nach draußen, wie sich Ihre Beamten von diesen Galgenvögeln an der Nase herumführen lassen.“

  „Der Ausbruch aus dem Untersuchungsgefängnis vollzog sich zudem auf höchst ungewöhnliche Weise“, fuhr Bulldog so ungerührt fort, wie es seinem Spitznamen entsprach. „Der Mann hatte Helfer, die eine Raketenharpune abfeuerten. Auf diese Weise gelang es, ein Seil vom Fenster der Krankenstation zu einem Baum in den Wallanlagen zu spannen. Der Gefangene entkam an einer Laufkatze mit Sitzschlinge.“

  Der Erste Bürgermeister rang um Fassung. „Was haben die abgeschossen? Eine Raketenharpune?“

  „Jawohl, Herr Erster Bürgermeister. Ein Gerät, mit dem man auf Wale schießt. Und bei dem Großbrand auf St. Pauli handelt sich ganz offenbar um einen Racheakt. In dem Theater wurde ein Irrer gezeigt, der als ‚Grendel aus dem Siel’ traurige Berühmtheit erlangte. Der Siel, in dem er hauste, stürzte kürzlich ein.“

  „Auch das noch!“ rief der Erste Bürgermeister entsetzt.

  „Außerdem sind in der Nacht zum Sonntag zwei Knaben in den Pulverhof eingestiegen“, fuhr der Polizeiherr fort. 

  „Knaben?“ wiederholte der Erste Bürgermeister mit unheilverkündender Betonung. „Knaben brechen in ein Armeedepot ein? Was für eine Armee ist das denn?“

  „Und was für Knaben sind das?“ fragte Hartestraat Bebel. „Aus Ihrer Jugendorganisation?“

  „Die Jungs haben zwölf Stangen Dynamit entwendet und einen Wachsoldaten mit einem Messer angegriffen“, berichtete Bulldog.

  Twistring holte hörbar Luft. „Polizistenmörder, Straßenschlachten, Großbrände, Dynamit aus dem Armeedepot gestohlen, von bewaffneten Knaben! Raketenangriffe, total unklare Sicherheitslage in Stadt und Hafen, über und unter der Erde! Und das ausgerechnet jetzt, mit dem Kronprinzen ante portas! Der sich eine romantische Bootsfahrt durch unser weltberühmtes Sielnetz wünscht! Bringen Sie die Kaiserliche Hoheiten irgendwie davon ab, Herr Senator!“

  „Ausgeschlossen“, sagte Hartestraat. „Die Sielfahrt geht auf einen Einfall Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Kronprinzessin persönlich zurück. Da ist nichts zu machen. Wir müssten dann schon offiziell erklären, dass wir die Sicherheit in unserer Stadt nicht mehr garantieren können. Das wäre allerdings der Offenbarungseid.“

  „Was wollen unsere Hamburger Jungs mit Dynamit?“ begehrte der Erste Bürgermeister zu wissen. „Böller basteln?“

  „Ich fürchte, da steckt Schlimmeres dahinter“, sagte der Erste Polizeiherr. „Die politische Polizei meldet, dass der bulgarische Anarchist Boris Persikoff in Hamburg auf- und gleich wieder abgetaucht ist. Man hat Beschreibungen an alle Constabler in Stadt und Hafen, ebenso an die Zöllner und auch an die Offiziere und Unteroffiziere der Garnison verteilt.“

  Das Herzog-von-Alba-Gesicht des Ersten Bürgermeisters färbte sich grünlich. „Ein Attentat in Hamburg. Meine Herren, das wäre das Ende. Finis Hammoniae. Herr Ritter von Ulzburg-Stegen! Die Preußen fordern bereits, dass wir den Belagerungszustand erklären. Ich will versuchen, sie noch eine Weile hinzuhalten. Aber Ihnen gebe ich schon jetzt free authority. Tun Sie alles, was Sie für richtig halten. Geben Sie sofort Armeegewehre an Ihre Constabler aus. Setzen Sie alles ein, was schießen kann!“

  „Ich schlage vor, die Armee zu mobilisieren“, sagte Hartestraat.

  „Davor kann ich nur warnen“, rief Bebel erregt. „Wenn aufgehetzte Soldaten sich einer Volksmenge gegenübersehen, und nur einer die Nerven verliert, haben wir den Bürgerkrieg!“

  „Versuchen wir es erst einmal aus eigener Kraft“, sagte der Erste Bürgermeister. „Für den Anfang genügt es wohl, wenn Sie Ihre Eingreifreserve mit Gewehren bewaffnen, Herr Ritter von Ulzburg-Stegen.“

  „Ich schlage vor, die Armee immerhin vorzuwarnen“, sagte Hartestraat. „Vor einem Einsatz muss selbstverständlich der Belagerungszustand erklärt werden. Sie wissen, was das bedeutet, Herr Abgeordneter Bebel. Keine Ansammlungen von mehr als sechs Personen auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Sperrstunde um neun Uhr. Das Tragen von gefährlichen Werkzeugen ist verboten. Sagen Sie das Ihren Leuten! Wenn es nach Gesetz und Ordnung geht, und alle sich an ihre Anweisungen halten, patrouillieren die Soldaten durch leere Straßen. Es kann dann überhaupt nicht zu den bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen, die Sie herbeireden wollen.“

  „Und die Sie herbeisehnen, Herr Senator!“

  „Meine Herren!“ mahnte der Erste Bürgermeister. „Bitte jetzt absolut keinen Parteienstreit mehr. Es geht um Hamburg! Herr Erster Polizeiherr! Noch liegt das Schicksal unserer Stadt in unserer eigenen Hand. Informieren Sie mich ohne Verzug über sämtliche Vorkommnisse. Sperren Sie alle ein, die irgendwie verdächtig machen.“

  „Bitte lassen Sie die gesetzlich garantierten Grundrechte nicht außer Acht“, mahnte Bebel.

  „Keine Sorge“, sagte der Senator. „Die richterlichen Beschlüsse werden wir uns schon besorgen.“

  „Daran zweifle ich nicht.“

  „Das sollten Sie auch nicht, Herr Abgeordneter“, sagte Twistring beschwichtigend.

  „Lassen Sie sich nicht von falschen Informationen in die Irre führen, Herr Erster Bürgermeister“, sagte Bebel. „Unsere Arbeiter, ob Deutsche oder nicht, sind keine Unruhestifter. Sie sind Opfer, nicht Täter. Es könnte sogar sein, dass Sie ihre Unterstützung benötigen, wenn es darum geht, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.“

  „Unsinn!“ sagte der Senator barsch. „Wir haben die Armee, die macht mit dem Gelichter kurzen Prozess!“

  „Ja“, sagte Bebel bitter, „das kennen wir von den Barrikadenkämpfen anno achtundvierzig in Berlin. Zweihundertsechzig Tote, meine Herren! Der Kaiser, dem ich den schuldigen Respekt nie verweigert habe, musste sich als verhasster Kartätschenprinz nach England verziehen, bis sich der Volkszorn beruhigt hatte.“

  „Herr!“ rief Hartestraat empört. „Unser verehrter Monarch, Seine Kaiserliche Hoheit der Kaiser, sind niemals vor dem Pöbel gewichen! Es handelte sich um eine lange geplante Bildungsreise!“

  „Söhne des Volkes schossen auf ihre Brüder“, sagte Bebel bitter. „Wollen Sie, dass sich diese Tragödie in Hamburg wiederholt?

  „Natürlich nicht“, sagte der Erste Bürgermeister. „Halten Sie nur auch Ihre Genossen im Zaum, Herr Abgeordneter. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht! Und dass mir über diese Zusammenkunft nichts nach draußen dringt. Ich darf gar nicht daran denken, was Seine Exzellenz der Herr Reichskanzler sagt, wenn er erfährt, dass ich hier womöglich mit einem… mit einem…“

  „Mit einem Reichstagsabgeordneten, Herr Erster Bürgermeister“, half Bebel mit grimmigem Lächeln.

  „…verhandele. Die Sitzung ist geschlossen. Tun Sie Ihre Pflicht. Ich erwarte das. Hamburg erwartet das! Nächste Sitzung morgen fünfzehn Uhr. Bitte pünktlich! Wir haben schon viel Zeit verloren. Ich hoffe, es ist nicht bereits zu spät.“

  Bereits eine Stunde später fand der Erste Bürgermeister seine Befürchtungen bestätigt, allerdings aus einer ganz anderen Richtung.

 

 

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