Die erste ARD-Presserunde nach dem Nazi-Skandal

Donnerstag, 3. Januar 2013

In TELE-RETRO zeigen „Teletäglich“-Kolumnen aus 1988, welche Themen das Fernsehen vor 25 Jahren wichtig nahm und was es daraus machte. Heute: Die Ausgabe vom Sonntag, 3.Januar 1988.

Am Sonntag strahlte die ARD an Stelle des „Internationalen Frühschoppens“ des über seine Nazi-Vergangenheit gestolperten WDR-Moderators Höfer zum ersten Mal die Sendung „Presseclub“ aus. Kostproben:

„NRZ“-Chefredakteur Feddersen: „Ich kann mich nicht erinnern, daß die Welt nach den Reisen von Franz-Josef Strauß in Länder des sozialistischen Lagers anders ausgesehen hätte als vorher.“

NDR-Redakteurin Sonntag: „Haben wir uns eigentlich schon an diese Wende-Regierung gewöhnt? Ich glaube, daß da nur verwaltet wird und keine neuen Perspektiven gegeben werden.“

WDR-Moderator Schmidt: „Der ‚Presseclub‘ wird ein neues Gesicht bekommen.“

Auch neue Gedanken?

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Am Sonntag strahlte die ARD die 200ste Folge ihrer Krimi-Serie „Tatort“ aus. Am Montag zeigte die ARD aus diesem Anlaß eine „Tatort“-Parodie mit dem Titel „Blutrausch“. Auszüge:

„Mord 113, Mord 114 – das sind die Verlustzahlen, wie immer ohne Gewähr, und die Zusatzzahl ist noch nicht einmal dabei.“

„Verdächtig sind mehrere unbekannte Männer sowie mutmaßlich auch einige weibliche Frauen.“

„Sie sollen schnell kommen, sagt Professor Brinkmann, im Schwarzwald liegt ein Toter!“

Ein Wildschwein in Polizeidiensten, dem in einem Handgemenge eine Decke auf den Kopf fällt: „Schon Nacht!“

Ein Fall von Umnachtung.

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Am Donnerstag, dem Silvesterabend, zeigte das ZDF seine Humorsendung „Knallbonbons“. Höhepunkte:

„Harakiri ist die Hauptstadt von Pyjama.“

„Hausfrauen haben einen gesunden Spültrieb.“

„Jetzt solltest du mir endlich einen Nerz schenken.“ – „Gut. Aber den Käfig mußt du selber saubermachen!“

Knallköppe.

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Diesen Freitag strahlte das ZDF Ausschnitte aus einer Show im Convention Center von Las Vegas zum 75. Geburtstag der Stadt aus.

Frank Sinatra: „Ich glaube, daß jeder, der nach Las Vegas kommt, ein Gewinner ist. Natürlich glaube ich auch, daß Sammy Davis jr. Schweizer ist…“

Sammy Davis jr.: Vegas hat sich ganz schön verändert. Inzwischen wird ein Drittel des Entertainment-Programms von Farbigen bestritten. Und Gottseidank gibt’s Farbentrennung heute nur noch beim Roulette. Aber wußten Sie, daß es immer noch mehr Grün als Schwarz gibt?“

Dean Martin: „Auf jeden Fall werden Sie sich an diesen Abend noch lange erinnern. Ich hoffe nur, daß auch ich mich noch daran erinnern kann.“

That’s entertainment.

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Diesen Sonntag vormittag überträgt die ARD eine Andacht aus dem Großmünster Zürich. Zu Musik aus „Die Schöpfung“ will der sogenannte Enthüllungsjournalist Wallraff versuchen, das Haydn-Werk, so der ARD-Pressetext, „in die gesellschaftliche und politische Landschaft der Gegenwart zu übersetzen.“

Herr, vergib ihnen.

Anmerkungen

„Frühschöppner“ Werner Höfer (1913-1997) wurde 1941 Pressereferent der „Organisation Todt“ und danach im Rüstungsministerium des später wegen Kriegsverbrechen verurteilten Albert Speer. Am 3. September 1943 wurde der junge Pianist Karlrobert Kreiten vom NS-„Volksgerichtshof“ wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt, weil er gegenüber einer Freundin seiner Mutter Zweifel an Hitlers „Endsieg“ geäußert hatte. Am 20. September kommentierte Höfer, damals 30 Jahre alt, das Urteil im „12-Uhr-Blatt“ so: „Wie unnachsichtig jedoch mit einem Künstler verfahren wird, der statt Glauben Zweifel, statt Zuversicht Verleumdung und statt Haltung Verzweiflung stiftet, ging aus einer Meldung der letzten Tage hervor, die von der strengen Bestrafung eines ehrvergessenen Künstlers berichtete. Es dürfte heute niemand Verständnis dafür haben, wenn einem Künstler, der fehlte, eher verziehen würde als dem letzten gestrauchelten Volksgenossen.“ Nach dem Krieg heuerte Höfer beim WDR an. Über seine NS-Vergangenheit schwieg er. Als der „Spiegel“ den Skandal 1987 aufdeckte, bestritt Höfer, den Text in dieser Form selbst verfasst zu haben. Er könne sich jedoch nicht mehr erinnern, welche Passagen von ihm stammten und welche nicht. Die damalige SPD-Bundesgeschäftsführerin Anke Fuchs nannte die Kritik an Höfer einen „empörenden Vorgang“ und unterstellte den Kritikern „fragwürdige und leicht durchschaubare Methoden“ aus politischer Gegnerschaft zu dem eifrig linkelnden Moderator. Dennoch musste Höfer seine Sendung „Der Internationale Frühschoppen“ aufgeben. Die ARD wiederum musste sich für die Sendung einen neuen Titel suchen, weil Höfer an dem alten die Rechte beanspruchte.

Die NDR-Redakteurin Cornelia Sonntag, die seit ihrer Hochzeit mit einem Journalisten Sonntag-Wolgast heißt, ist Mitglied der SPD und gehörte 1988-2005 dem Bundestag an. Mit „Wende-Regierung“ meinte die SPD-Politikerin die CDU-geführte Regierung Kohl, die seit 1982 im Amt war.

Vom ARD-„Tatort“ lief am Sonntag, 13.Januar 2913 die 859ste Folge.

Günter Wallraff veröffentlichte 1988 seinen Bestseller „Ganz unten“ über Gastarbeiter in Deutschland. Es war sein letzter großer Erfolg. Seither tritt er vor allem in Talkshows auf.

 

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