Der lange Leidensweg der letzten Tuareg

Mittwoch, 16. Januar 2013

Den Krieg in Mali führen vor allem islamistische Terroristen, doch mit ihnen kämpfen auch Tuareg, und der Konflikt der Nomaden mit der Regierung ist viel älter. Die Reportage aus dem Februar 1975 schildert den Tod zehntausender Wüstenbewohner in der großen Hungerkatastrophe des Sahel.

Mariama, das Tuareg-Mädchen, ist siebzehn Jahre alt. Bereits seit drei Jahren verheiratet, hat sie zwei Kinder geboren. Das erste, ein Junge, kam tot zur Welt. Das zweite, ein Mädchen, starb mit vier Monaten an den Masern. Mariama ist mittelgroß, schlank, trägt ihr schwarzes Haar zu langen Zöpfen geflochten, und ihre Haut hat die Farbe alten Cognacs. Sie hat immer in Isouran gelebt, bis die große Trockenheit kam.

Durch sieben regenlose Jahre hat Mariama Heimat und Familie verloren. Ihr Vater Mohamed Kumama, ungefähr 50 Jahre alt, wanderte im vergangenen Sommer in die Wüste hinaus, um die letzten drei Kamele zu holen, die der Familie noch gehörten. Sie waren auf verzweifelter Futtersuche viel weiter als gewöhnlich davongelaufen. Der Vater kehrte nicht zurück, kam unterwegs vor Hunger und Entkräftung um, wie 50.000 andere Tuareg in den vergangenen beiden Jahren. Er ist gestorben auf der Suche nach Tieren, die wohl längst verdurstet waren, wie mehr als 80 Prozent der einst riesigen Herden.

Die Tuareg, die stolzen Ritter der Sahara, wie wilden Wüstensöhne und gefürchteten Räuber aus Karl Mays „Sand des Verderbens“, sind am Ende. Die katastrophale Dürre der Jahre seit 1967, als in der Sahelzone fast die gesamte Vegetation vernichtet wurde und der Grundwasserspiegel in oft unerreichbare Tiefen sank, ist die Ursache dafür, dass das mutigste und freiste aller Nomadenvölker seinen jahrhundertelangen Kampf gegen die große Wüste nun doch verloren hat.

Schuld aber haben Regierungen afrikanischer Staaten auf sich geladen, die das große Sterben dazu nutzten, sich ein heikles Problem vom Hals zu schaffen: Das Problem der Tuareg als einer ethnischen, sprachlichen und kulturellen Minderheit, die sich wenig um Steuern, kaum um Staatsbürgerpflichten und überhaupt nicht um Grenzen scherte.

Schon im vergangenen Sommer berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über „Gerüchte, daß man sich in den afrikanischen Staaten weigert, die hungernden Tuareg mit Nahrung zu versorgen.“ Die französische „Le Monde“ sprach bereits von der „Endlösung der Tuareg-Frage“.

Die Nomaden gelten in der Republik Mali als „Weiße“, auch wenn einer ihrer Gruppen, die Busos, nahezu schwarz sind. Die Tuareg sind Nachfahren der Garamanten, die zur Römerzeit im Norden der Sahara wohnten. Als die Araber im 7. Jahrhundert nach Afrika vordrangen, wichen die Ureinwohner nach Süden aus und besetzten die großen Gebirge der Wüste: Tibesti, Tassili, Air und Adrar. Seit dem 14. Jahrhundert stießen sie bei ihrer Südwanderung auf die schwarzen Stämme des Sudan, und seitdem ist die gemeinsame Geschichte mit Blut geschrieben. Denn um in der Wüste leben zu können, holten sich die Tuareg Sklaven – schwarze Sklaven.

Kaum ein Jahr verging, an dem nicht schwerbewaffnete Reiter über ihre friedlichen Nachbarn herfielen, die Männer erschlugen, die Vorräte raubten, Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppten. Als Sklaven mussten die Überlebenden die Herden der Tuareg hüten und ihre wenigen Felder bestellen. Ihre Herren besserten unterdessen ihre Einkünfte durch weitere Raubzüge und ausgedehnten Karawanenhandel auf.

Auch die Familie des Tuareg-Mädchens Mariama hat schwarze Leibeigene besessen. Auch dann noch, als die französischen Kolonialherren die Sklaverei offiziell abgeschafft hatten. Anders wäre es auch kaum möglich gewesen, so riesige Herden zu unterhalten: Um das Dorf Isouran im malischen Adrargebirge weideten damals 4000 Rinder, 6000 Schafe, 1200 Ziegen und mehr als 800 Kamele. Dann verließen die Franzosen das Land: Mali, Niger, Tschad und acht weitere westafrikanische Staaten wurden 1960 unabhängig. Verzweifelt bedrängten die Tuareg-Führer, darunter Mariamas Großvater, die abziehenden Kolonialoffiziere, mit den neuen Machthabern Sonderkonditionen für die Nomaden auszuhandeln. Die Entwicklung ließ sich nicht aufhalten. In Bamako wurde Modibo Keita, damals 42, Staatspräsident, Abkömmling einer alten afrikanischen Fürstenfamilie, die im Mittelalter das erste Mali Reich (1230-1465) regiert hatte und mit den Tuareg in ständiger Fehde lag. Nun flammten die alten Gegensätze wieder auf. Die Republik Mali steuerte einen sozialistischen Wirtschaftskurs mit hohen Steuern auf das Vieh, die von den Nomaden bald nicht mehr bezahlt werden konnten.

1963 erhoben sich die Tuareg vom Stamm der Iforas im Adrargebirge zu einem Aufstand, der von Polizei und Militär im August 1964 blutig niedergeschlagen wurde. Mariamas Großvater fiel in den Kämpfen, bei denen es einige hundert Tote gegeben haben soll, und die Tuareg wurden entwaffnet. Doch weit schlimmere Folgen als diese Niederlage hatte die Trockenheit, die drei Jahre später einsetzte. Jahr für Jahr blieb in der ganzen Sahelzone von Äthiopien bis Mauretanien der ersehnte Regen aus. Die Weiden verdorrten, die Brunnen versiegten. Erst starben die Tiere, dann die Kinder, dann die Frauen und Männer.

Zwei Millionen Menschen waren vo der Katastrophe betroffen. Allein für 1973 schätzt das stets gut informierte Gesundheitsamt der US-Regierung die Zahl der Toten auf über 100.000, Es sind nicht nur Tuareg, doch sie sind am schlimmsten betroffen.

Im Gebiet von Timbuktu, der einst weltberühmten Hauptstadt der Sahara, stellte die amerikanische Carnegie-Stiftung bei 80 Prozent der Nomadenkinder „stärkste Unterernährung“ fest. Die gleiche Untersuchung zeigte in der Region Gao, Malis größtem Landesteil, bei 43 Prozent der Nomadenkinder bereits Hungerödeme,  die typische krankhafte Wassersucht durch akuten Nahrungsmangel.

Gleichzeitig rafften schreckliche Epidemien die geschwächten Tuareg dahin. In Mauretanien und Obervolta wütete die Cholera, in  Mali und Niger kamen Tausende durch eine in Europa so harmlose Krankheit wie die Masern um. Malaria und Diarrhöe, Meningitis und Tuberkulose forderten weit mehr Opfer als in früheren Jahren. Vielerorts waren die Kleinkinder in einem Zustand solcher Erschöpfung, dass sie sogar an Schnupfen starben.

Nach dem Tod ihres Vaters und ihres zweiten Kindes verließ die junge Mariama den Adrar. Mit ihrem Ehemann Taitik, ihrer Mutter und drei Geschwistern wanderte sie 120 Kilometer durch das Gebirge zu dem kleinen Städtchen Kidal und dann weitere 300 Kilometer nach Süden, bis die kleine Gruppe – sechs Menschen, zwei Esel und ein Dutzend Schafe – das Ufer des Niger erreichte. An dem großen Strom wandten sich die Flüchtlinge nach Westen, zogen noch einmal 350 Kilometer nach Timbuktu. Dort, so war ihnen gesagt worden, habe die Regierung Lager eingerichtet. Dort würden auch Lebensmittel verteilt.

Doch Mariama strandete an einem Ort, den die „New York Times“ zur gleichen Zeit den „Rand der Hölle“ nannte. In vier Camps legen völlig apathisch etwa 10.000 Tuareg. Jeden Tag starben fünf bis zehn Menschen. Ja, es gab Lebensmittellieferungen, aber sie waren viel zu klein. Vertreter von Hilfsorganisationen durchschauten die Hintergründe, ohne sie ändern zu können. Günter Kaplan, Referent des „Kinderhilfswerks für die Dritte Welt“, der sich speziell um Tuareg kümmerte: „Die Logik der Regierungen ist hart und einfach. Da die Nomaden keine Steuern bezahlen, werden sie bei den Nahrungsmittellieferungen nicht berücksichtigt. Man muss einfach verstehen, daß Aversionen gegen die Wüstenräuber von einst noch immer lebendig sind. Hier sind wir Europäer zur Hilfe aufgerufen.“

Heute leben in den Elendsquartieren am Stadtrand von Timbuktu vielleicht noch 500 Tuareg. Ein paar alte Männer, die auf den Tod warten, viele Frauen und hilflose Kinder. Sie liegen in armseligen Hütten aus Gestrüpp und Resten von Getreidesäcken, die sie in der Stadt erhalten haben, nachdem der Inhalt längst an andere verkauft worden war. Sie betteln um ein paar Münzen, um eine Handvoll Hirse. Der Hunger hat ihren Stolz besiegt.

In Timbuktu ist Mariamas Mutter gestorben, kurz darauf auch ihr jüngster Bruder. Der Rest der Familie flüchtete weiter nach Bourem, 350 Kilometer stromabwärts. Doch dort wurde es nur noch schlimmer: Volle drei Monate ließen die Behörden das Camp ohne jede Versorgung, im August 1974 waren dort 5.000 Menschen verhungert.

Dann endlich fiel Regen, der erste seit sieben Jahren. Er zauberte wieder Gras auf die Steppe, aber die längst abgestorbenen Bäume konnte er nicht mehr retten, und das verdurstete Vieh der Nomaden nicht mehr lebendig machen. Die Erwachsenen waren zu schwach, um zu jubeln. Kinder, die noch nie Regen erlebt hatten, verkrochen sich verängstigt in ihren Hütten.

Ungefähr 75.000 Tuareg aus Mali haben die Katastrophe nur überlebt, weil sie in das nahe Nachbarland Niger flüchteten. Sie werden nie wieder Herden besitzen, nie wieder das gewohnte Nomadenleben führen. In Mali blieben nur wenige tausend zurück, bei Timbuktu und weit verstreut in der Wüste. Im Niger dagegen wurden die Nomaden nach der Katastrophe zum größten Teil wieder in ihre Wohngebiete zurückgeführt, aber nicht wie einst als Viehzüchter und –hirten, sondern als Tagelöhner und Handlanger für Regierungsprojekte, die freilich Gutes bewirken sollen.

Das Volk, dessen Sprichwörter sagen: „Mit dem Pflug kommt die Knechtschaft“ und „Gold verdirbt den Charakter“, das Volk, dessen Frauen trotz islamischer Religion unverschleiert gehen und für ihre Dichtkunst berühmt sind, das Volk, das fast 2000 Jahre die menschenfeindlichste Landschaft der Welt besiedelte und bezwang, steht nun vor seinem Untergang.

Wir trafen das hübsche Tuareg-Mädchen Mariama vor ein paar Tagen in Tahoua, einem Flecken in Niger, 600 Kilometer östlich der Hauptstadt Niamey. Sie war auf dem Weg nach Agades. Ihr Mann Taitok war eines Tages nach Niamey gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Sie sagte, sie glaube, dass er tot sei. Nun habe sie alles verloren.

In Tahoua gibt es ein deutsches Krankenhaus, das wir besuchen wollen. Mariama steht am Eingang. Sie trägt ein ärmelloses Kleid aus billigem, bunten Stoff, ein dunkles Kopftuch und ein paar wertlose Halsketten. Sie erzählt uns ihre Geschichte, aber mit seltsam geringer Anteilnahme, als berichte sie über eine Fremde. Als wir eine Stunde später das Krankenhaus wieder verlassen, sehen wir sie noch einmal. Sie geht langsam hinter einem großen, kräftigen Schwarzen auf dessen Hütte zu. Die Sonne steht schon tief. Morgen wird Mariama wieder etwas zu essen haben, ein paar Handvoll Getreidekörner vielleicht.

„Wir zwingen niemanden, seßhaft zu werden“

Interview mit Ibrahim Loutou, 42, Staatssekretär im Informationsministerium des Niger, am 5. Februar 1975 in Niamey

Herr Staatssekretär, während die Bauern ihre Existenzgrundlage, die Felder, behalten konnten, haben die Tuareg alles verloren. Was soll aus ihnen werden?

Loutou: „Zum Glück haben die letzten Regenfälle etwas Erleichterung gebracht. Und es wäre falsch, anzunehmen, dass in den Lagern nur Nomaden leben. Auch viele Ackerbauern sind dorthin geflüchtet.“

Viele Tuareg klagen, bei der Nahrungsmittelverteilung gegenüber ihren schwarzen Landsleuten benachteiligt zu werden.

Loutou: „In Niger ist das nicht der Fall. Die Regierung vertritt eine Politik der Einheit und hat nie etwas getan, was einen Abgrund zwischen den verschiedenen Bevölkerungsteilen hätte aufreißen können.“

Internationale Presseberichte behaupten, die Schwarzen würden sich jetzt dafür rächen, daß die Tuareg früher als gefürchtete Sklavenjäger ständig Raubzüge in den Süden unternommen haben.

Loutou: „Unsinn! Das ist doch längst Vergangenheit. Es gibt bei uns keinerlei Ressentiments gegen die Tuareg. Im Übrigen ist der wirtschaftliche Austausch zwischen Nomaden und Seßhaften eine Lebengrundlage für beide, also brauchen wir auch beide.“

Was wird mit den 75.000 Tuareg geschehen, die aus Mali zu Ihnen geflüchtet sind?

Loutou: „Wenn Menschen in Not sind, schauen wir nicht auf den Paß. Sie können bei uns bleiben, solange sie wollen. Wir können sie auch gar nicht daran hindern. Wir wissen ja selbst nicht, wie viele Tuareg nach Mali und wie viele nach Niger und wie viele woanders hin gegangen sind.“

Wie sieht die Zukunft der Tuareg nach den Plänen Ihrer Regierung aus?“

Loutou: „Wir werden die Lager nach und nach auflösen und die Nomaden in ihr Terrain zurückführen. Wir werden ihnen helfen, ihre Herden zu erneuern und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Im Übrigen werden wir alles daran setzen, daß der Niger in Zukunft sein Überleben nicht mehr allein der Höhe der jährlichen Regenfälle verdanken muß.“

„Und wie wollen Sie das schaffen?“

„Wie beim Projekt ‚Iferouane‘ Ihrer deutschen Bundesregierung. Dort werden Bodenschwellen angelegt, um den Ablauf des Regenwassers zu verlangsamen. Dort können Gärten entstehen, Weizenfelder angelegt werden und nicht mehr nur vier, sondern sechs Monate lang bewirtschaftet werden.“

Für Nomaden, die ihr freies Leben lieben, wird das nicht verlockend sein.“

Loutou: „Wir zwingen niemanden, irgendwo für immer seßhaft zu werden. Aber in einem Land, wo die nächste Dürre wieder zur Katastrophe führt, ist es notwendig, Arbeitsplätze zu schaffen, die auch in schlechten Zeiten Brot hergeben. Und zwar dort, wo die Leute zu Hause sind.“

Anmerkungen

Trotz vieler Versprechungen hat sich die Lage der Tuareg auch nach der Hungerkatastrophe nicht gebessert. Deshalb kam es in Mali und auch in Niger seit 1975 immer wieder zu Aufständen.

Einige der Tuareg, die sich jetzt in an den Kämpfen gegen die Zentralregierung in Bamako beteiligen, haben in Libyen für Gaddafi gekämpft und nach dem Tod des Diktators dessen Waffenlager geplündert. Der Großteil der Kämpfer sind jedoch Islamisten aus arabischen Staaten.

Ibrahim Loutou setzte sich später als UNESCO-Botschafter für den Schutz der kulturellen Vielfalt der Völker ein.

 

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