Kapitel 55: Das Pogrom

Mittwoch, 16. Januar 2013
„Zwei Minuten später marschierte eine grölende Horde zu dem Kellerladen des Kleinfabrikanten“: Blick in die Spitalerstraße mit dem Hospital St. Hiob auf die Petrikirche © Museum für Hamburgische Geschichte

Professor Minkus hatte den halben Vormittag vergeblich auf die beiden Arbeiter gewartet, die er für seine Suche nach dem protogermanischen Tempel unter der Bastion Hieronymus angeheuert hatte. Stattdessen erschien plötzlich Constabler Godfroy mit einem Beamten, der sich als Gustav Schulte, Beamter der Baudeputation, auswies. Es tue ihm leid, aber er müsse alle weiteren Grabungen untersagen.

  Der Mythologe war wie vor den Kopf geschlagen. „Wie das? Sie selbst haben die Genehmigung erteilt!“

  „Das Grundstück wurde kurzfristig veräußert“, erklärte der fuchsgesichtige Beamte und rieb sich den blonden Bartflaum „Der neue Besitzer wünscht keine Forschungen auf seinem Eigentum.“

  „Und wer ist dieser Besitzer?“

  „Bedaure. Amtsgeheimnis.“

  Der Professor wurde ungehalten. „Was ist das für eine komische Sache? Ich werde mich beim britischen Generalkonsul beschweren!“

  Weiter kam Minkus nicht, denn ein wilder Haufen marschierte auf den Bretterzaun zu, mit den beiden Arbeitern des Professors an der Spitze. Die Männer schwenkten Fahnen mit selbstgemalten Runen und schrien: „Haut ab! Das ist deutsches Kulturgut! Heiliges Erbe unserer edlen Ahnen! Finger weg von unserem deutschen Eigentum!“

  „Das sind die neuen Besitzer?“ fragte der Professor verblüfft, als er die Anführer erkannte. „Da sind doch meine eigenen Leute dabei!“

  Darauf fand der überraschte Beamte erst mal keine Antwort. So war das nicht geplant. Eilig zog er sich vor dem aufgeputschten Volkshaufen zurück.

  Die beiden Arbeiter vom Bauhof, die Professor Minkus am Freitag für die Suche nach dem Germanentempel unter der Altstadt angeheuert hatte, waren keine simplen Schaufelschwinger: In ihren Köpfen brodelte wie damals auch in vielen anderen eine explosive Mischung. Nationalistischer Eifer und völkisches Pathos, dumpfer Fremdenhass und rassistischer Dünkel, ein übles Gebräu. Der wirre Fanatismus war vor allem gezeugt aus Schwärmerei für das auf Kanonen gegründete Kaisertum, aber auch gefördert durch Begeisterung für den wilhelminischen Bombast und dann auch noch in eine fatale Richtung gelenkt durch die antisemitischen Schriften des damals reichsweit gern gelesenen Hamburger Judenhassers Wilhelm Marr. Der eine von diesen Arbeitern, ein gewisser Franz Felgenhauer, hatte sich, wie die polizeilichen Ermittlungen später ergaben, erst ein paar Monate zuvor nach einigen Brandanschlägen auf jüdische Geschäfte aus Berlin abgesetzt. In der Hauptstadt hatte er der von dem preußischen Hofprediger Stöcker gegründeten rassistischen „Berliner Bewegung“ angehört, jetzt agitierte er in Hamburg mit Gleichgesinnten für einen „Deutschen Antisemitenbund“. Der andere Arbeitsmann hieß Horst Fass und war kurz zuvor von einem jüdischen Lederfabrikanten wegen einiger Diebereien hinausgeworfen worden.

  Felgenhauer war ein kleiner, drahtiger Bauarbeiter mit verkniffenem Gesicht, spitzer Nase und einem pathologisch misstrauischen Blick aus unsteten Augen. Er hatte als Kind gern gelesen und als Lehrling irgendwann gemerkt, dass er ein bisschen schlauer war als seine Arbeitskollegen. Deshalb fühlte er sich nun vom Schicksal benachteiligt. Die Schuld daran gab er erst den sozialen Verhältnissen, dann der Gesellschaft insgesamt, später der korrupten Regierung und zum Schluss geheimnisvollen fremden Mächten, die sich angeblich verschworen hätten, den deutschen Arbeiter auszubeuten. Alles Humbug, aber die kruden Rassenlehren des Grafen Gobineau gaben dem verhassten Feind bald sogar ein Gesicht: krummnasig und dicklippig, verschlagen und wollüstig, grausam und gemein, mit Gebetskappe, Schläfenlocken und einem boshaften, hinterhältigen Grinsen. Ihm stand in Felgenhauers Weltbild der nordische Siegfried entgegen, groß, stark, blond, blauäugig, wagnerianisch kühn und edel – so wie sich Felgenhauer hinter seinem ziemlich unscheinbaren Spiegelbild selber sah. Germanische Urgeschichte war sein Lieblingsthema. Er träumte, selbst einmal einen Fund zu machen, der Deutschlands kulturellen Vorrang für alle Zeiten schlagend bewiesen. Der Einsturz des Sielgewölbes auf der alten Bastion Hieronymus und die Entdeckung des Runentempels waren ihm heilige Zeichen, die den Weg in eine bessere, gerechtere, freiere, kurz: deutschere Zukunft wiesen.

  Der Kanalarbeiter Horst Fass war ein kräftiger, blonder Kerl von ausgesprochen schlichtem Gemüt. Er hatte keine Ahnung, dass er Felgenhauers Freundschaft ausschließlich seiner nordischen Statur und Physiognomie verdankte. Als ihm der belesene Arbeitskollege vorschlug, einem dieser „jüdischen Geschäftemacher“ mal eine Lektion zu erteilen, war er gleich voll dabei. Dieser sogenannte „Geschäftemacher“ war ein kleiner Konservenfabrikant, Herschel Grün. In seinem Kellerladen an der Spitaler Straße, damals noch kein breiter Einkaufsboulevard, sondern eine schmale Dauerschattengasse zwischen himmelhohen Fachwerkhäusern, hatte Felgenhauer eine Büchse Delikatesswurst gekauft. Ein plumper Versuch, mit der hübschen jungen Verkäuferin anzubandeln, in der Felgenhauer -  zu Unrecht, wie sich später herausstellte - eine Tochter des Inhabers vermutete, scheiterte schmählich. Der Abgewiesene schnaubte Rache. Er fing ein Dutzend Ratten, schnitt einer den Schwanz ab und stopfte ihn in die geöffnete Konserve. Am Montag trommelte Felgenhauer seine Gesinnungsgenossen vom „Deutschen Antisemitenbund“ zusammen und gründete in einer Kneipe bei reichlich Bier und Köm das  „Komitee Germanisches Erbe“, das den Tempel für das entrechtete deutsche Volk als ein neues Mahnmal zu übernehmen und gegen alle jüdisch-sozialistischen Umtriebe zu verteidigen schwor. Zum Schluss zog der Kerl den Rattenschwanz aus der Dose und schrie: „Pfui Teufel! Da seht ihr, was die Juden mit uns deutschen Arbeitern machen! Rattenfleisch geben sie uns zu fressen!“

  Zwei Minuten später marschierte eine grölende Horde zu dem Kellerladen des Kleinfabrikanten. „Judenschwein! Von wegen Delikatesswurst! Dir werden wir es zeigen!“ Die betrunkenen Männer schlugen die Fenster ein, stürmten in das Geschäft, prügelten auf die Verkäuferinnen los, zerlegten die Einrichtung und schleuderten die Trümmer auf die Straße. Dann drangen sie in den Keller ein und schlugen mit Schaufeln und Spaten die Arbeiter in die Flucht. Fass holte unauffällig tote Ratten aus der Tasche und legte sie in die Kessel. Felgenhauer ging ein paar Schritte hinter ihm her und zog die Tiere triumphierend aus „Sülze“ oder „Corned Beef“. „Da seht ihr es! Überall Ratten! Der Jude gibt uns Rattenfleisch zu fressen!“

  „Gar nicht wahr!“ stammelte die hübsche junge Verkäuferin, bei der Felgenhauer abgeblitzt war. „Bei uns gibt es gar keine Ratten, wir verkaufen nur erstklassige Ware!“

  Felgenhauer schlug ihr ins Gesicht. „Lügendohle! Du kommst auch mit! Wo steckt der Jude? Los, holt den Kerl raus!“

  Seine Gefolgsleute schleiften die blutenden Arbeiter auf die Straße. „Judenknechte! Euch werden wir es zeigen!“

  Immer mehr Männer, nicht mehr nur die Fanatiker vom Deutschen Komitee, sondern Eckensteher, Säufer und Arbeitsscheue, strömten, von dem Lärm angelockt, in den Fabrikkeller. „Drecksjuden!“ schrien auch sie, ohne zu wissen, was überhaupt los war.

  Der Tumult alarmierte Herschel Grün; er stürzte aus seinem Kontor. „Was machen Sie da?“ rief er empört. „Lassen Sie meine Leute in Ruhe! Verschwinden Sie!“

  „Da ist er ja, der Volksschädling!“ brüllte Felgenhauer. „Da ist das Schwein, das anständigen deutschen Arbeitern Rattenkadaver verkauft! Und mit dem Geld dann unsere deutsche Frauen verführt! Packt ihn!“

  „Hilfe! Polizei!“ schrie Grün, als von allen Seiten Schläge auf ihn einprasselten.

  „Hängt das Schwein an den nächsten Laternenpfahl!“ schrie Volkes Stimme.

  „Nein!“ rief Felgenhauer. „Wir knüpfen ihn am Rathausplatz auf, wo ihn alle sehen können. Das wird den Juden eine Lehre sein!“

  Begierig nahm die Meute den Ruf auf. „Zum Rathaus!“

  Auf dem Pferdemarkt traten ihnen die Constabler der Polizeiwache in den Weg. „Was macht ihr denn da, Leute? Sofort aufhören!“

  „Der Jude hat uns Rattenfleisch angedreht!“ schrie Felgenhauer. „Aus dem Weg! Den hängen wir auf, und seine Schicksen auch!“

  „Wir sind keine Schicksen!“ kreischten die Verkäuferinnen in Todesangst.

  Die Polizisten warfen sich in die tobende Meute und versuchten, den Rasenden die Opfer zu entreißen, aber es gelang ihnen nicht, und sie wurden von der Menge bis zur Steinstraße mitgerissen, und dort war es, wo Nell fatalerweise in die Gewalt der fanatischen Horde geriet.

  Ich habe ja schon erzählt, dass Nell ein kleines Geheimnis hatte, von dem nicht einmal Johnny wusste, und Jack auch nicht. Jeden Montagvormittag ging sie in die Altstadt und schlüpfte unauffällig in ein Haus an der Steinstraße. Wer sie nicht so gut kannte wie ich, hätte denken können, dass sie dort einen Geliebten besuchte, aber so war es nicht. Der Mann, der dort sehnsüchtig auf Nell wartete, war zwar verliebt in sie, sogar bis über beide Ohren, sie aber nicht in ihn.

  Der Mann war der berühmte Kunstmaler Claus Hinrich Christiansen, und Nell stand ihm Modell, für das Gemälde „Hamletta, Prinzessin von Dänemark“, das heute in der Kunsthalle hängt, mit den imposanten Werken anderer großer Meister der Zeit wie Arnold Böcklin oder Hans von Marées. Christiansen war der einzige Sohn einer schwerreichen Industriellenfamilie vom Rothenbaum mit Grundbesitz im feinen Harvestehude und Aktien von Krupp, HAPAG und Standard Oil. Von der sterilen Spießigkeit des heimatlichen Villenviertels zu Tode gelangweilt, hatte er sich bei der Kapitänswitwe Hain ein großes Erkerzimmer über dem Gängeviertel der Altstadt gemietet, durch deren schmale Gassen das Leben genauso unaufhaltsam brauste, wie die Flut die Priele der Elbe durchspült. Im ersten Stock lag eine Schneiderwerkstatt, im Erdgeschoß eine gut besuchte Destillation.

  Christiansen war ein paar Jahre jünger als Nell, ein zierlicher, blonder Mann mit hellblauen Augen und zarten Händen, aber dem rücksichtslosen Zerstörerblick eines Genies, das seine Eierschale in einem Adlerhorst zertrümmert hat. Sein neuestes Werk wollte die ewige Unentschlossenheit des Weibes zeigen. Der Künstler vertrat die These, Shakespeares Geschichte gehe ursprünglich nicht auf einen Prinzen, sondern eine Prinzessin zurück. Die These passte gut in eine Zeit, die Frauen wenig Entschlusskraft zutraute. Ha! In dieser Hinsicht war Christiansen genauso reaktionär wie praktisch alle Revolutionäre seines Jahrhunderts. Sein Objekt war indes weit weniger wankelmütig, als Christiansen womöglich gehofft hatte, nachdem er ihr eines Nachts im „New London“ seine Karte überreicht hatte. Nell erklärte sich bereit, Modell zu stehen, aber nur in allen Ehren. Jetzt, nachdem Onkel Johnny zurückgekehrt war, teilte sie dem enttäuschten Künstler mit, dass es die letzte Sitzung sei.

  „Warum liebst du mich denn nicht mehr?“ hatte der Künstler an diesem verhängnisvollen Vormittag gefragt, während er die Kontur einer rosenfarbigen Wange vor dem nachtblau grundierten Hintergrund nachzog.

  „Ich habe dich nie geliebt“, lächelte Nell auf ihrer schwarzledernen Récamière, die Christiansens Phantasie mühelos in ein dänisches Prunkbett verwandelte. Wo in der Wirklichkeit profanes Tageslicht die Szene professionalisierte, goss auf dem Bild eine Öllampe träumerische Schimmer auf die milchweiße Stirn unter den schwarzen Locken.

  Der Künstler angelte nach der Champagnerflasche. „Obwohl ich dich doch so sehr liebe?“ fragte er mit gespieltem Vorwurf. „Wie kannst du mir nur widerstehen?“

 „Das weiß ich auch nicht so genau. Aber es klappt ganz gut.“

 „Trotzdem – ich weiß, dass du mich lieben könntest, wenn du nur wolltest.“

 „Kannst du malen, wann immer du willst?“

 „Ich kann’s immerhin versuchen.“

 „Und am nächsten Tag übermalst du es wieder. Nein, mein Lieber, in der Liebe ist es auch nicht anders als in der Kunst: Wer nichts fühlt, nichts empfindet, kann auch nichts geben.“

  „Nichts fühlt! Nichts empfindet! Wie hartherzig du doch bist.“

  „Ich bin nur ehrlich. Hartherzig wäre ich, wenn ich dir Hoffnung machen würde, die ich nicht erfüllen kann.“

  „Ich empfinde für zwei.“

  „Ich weiß, mein Lieber. Aber selbst wenn tausend Segel aufgezogen sind: ein Schiff kommt nicht voran, wenn’s am Wind fehlt.“

  „Also Flaute“, sagte Christiansen. Er überlegte und spitzte den hochmütigen Mund unter dem schmalen blonden Schnurrbart, während der Pinsel immer weiter kleine Farbtupfer produzierte. „Ich glaube, es ist, weil ich dir Geld gebe. Du denkst, du musst mir beweisen, dass du nicht käuflich bist. Dabei will ich dich gar nicht kaufen.“

  „Natürlich willst du mich nicht kaufen. Du willst mich geschenkt.“

  „Allerdings. Wirst du mich also lieben, wenn ich dir kein Geld mehr gebe?“

  „Das wirst du nie erfahren.“

  „Du kamst also nur wegen des Geldes?“

  „Ich kam, weil es eine Arbeit war. Eine schöne Arbeit. Eine wertvolle Arbeit. Eine ehrenhafte Arbeit. Eine Arbeit, bei der Gutes herauskommt.“

  „Du kamst, weil du eitel bist“, widersprach er. „Du kamst, weil du in der Kunsthalle hängen willst. Du möchtest, dass die Leute dich bewundern, so wie in deinem Nachtclub. O wäre ich nie dorthin gegangen!“

  „Du irrst dich schon wieder. Von solchem Beifall hab’ ich genug. Ich wollte etwas tun, was anderen Menschen Freude macht. Nicht denen, die in den Nachtclub gehen. Denen, die mit ihren Familien in die Kunsthalle gehen. Die Kunst kann den Menschen ein paar Stunden seine Verhältnisse vergessen lassen. Vielleicht sogar die Sorgen und das Elend, wenn die Kunst gut genug ist. Und deine Kunst ist gut, sehr gut sogar. Du bist ein großer Maler, Claus Hinrich Christiansen. Es ist eine Ehre, für dich Modell zu stehen, und es macht mich stolz. Ich liege dir zu Füßen. Damit musst du nun aber zufrieden sein.“

  „Warum nur bin ich es nicht?“ murrte der Meister und beschäftigte sich auf der Leinwand mit der Andeutung einer Nacktheit, die ihm sein Modell verweigerte. „Wie aber soll ich Liebe, soll ich Leidenschaft auf diese Leinwand bringen, wenn mein Herz nicht fühlen darf?“

  „Fühlen darf es“, erwiderte sie.

  „Doch fühlen heißt erfüllen wollen.“

  „Wen Kunst erfüllt, der kann nicht Leere fühlen.“

  Christiansen schnitt ein Gesicht. „Sei nicht zu klug für mich.“

  Sie lachte wieder. „Und du sei nicht zu dumm für die Welt.“

  Er feuerte den Pinsel in eine Ecke, warf sich vor die Récamiere, packte ihren nackten Fuß und bedeckte ihn mit glühenden Küssen. „Ich will aber dumm sein! Ich will ein Idiot sein! Ich will dein Narr sein! Nur verlass mich nicht! Du bist mein Leben, meine Sonne, meine Göttin, ohne dich bin ich totes Gestein!“

  Nell wartete den Liebesanfall in aller Ruhe ab und fuhr dem jungen Maler sanft durch das lange Haar. „Jeder, der liebt, ist eines anderen Narr“, sagte sie.

  „Und wessen Närrin bist du, du Gnadenlose?“ kam es unter neuen Küssen hervor.

  Sie seufzte. „Ich bin die Närrin eines noch viel größeren Narren“, sagte sie leise.

  „Noch viel größer als du, mein süßes Herz?“

  „Nein. Noch viel größer als du, mein großer Künstler. In einer Beziehung seid ihr einander aber sehr ähnlich: Ihr werdet nie verstehen, dass man glücklich lieben kann, ohne zu besitzen.“

  „Kein Mann kann das verstehen“, sagte der Empfindsame, der so gern unglücklich war.

  „Vielleicht hast du Recht. Aber auf den, der es vielleicht eines Tages versteht – auf den will ich warten.“

  Auf dem Heimweg hatte Nell schon fast den Speersort erreicht, von dem sie nach links in die Brandstwiete abbiegen wollte, als hinter ihr der wilde Haufen heranstürmte. Einer der Kerle rempelte sie so heftig, dass sie fast gestürzt wäre.

  „He!“ rief sie, „könnt ihr nicht aufpassen?“

  Die Männer blieben stehen. Nell sah in zornige Augen und brutale Gesichter. „Du kommst uns gerade recht!“ rief der Kerl. Es war Horst Fass. „Verdammte Judenschickse!“

  „Was?“ rief Nell entgeistert.

  „Judenschickse“ wiederholte Fass. Als er nach ihr griff, schlug sie ihm in einem Reflex ins Gesicht.

  „Judenschickse!“ brüllten auch die anderen. „Das ist wohl auch eine von den Flitschen, in die das verfluchte Judenschwein unser Geld steckt! Packt sie! Die hängen wir auf, gleich neben ihrem Beschäler!“ Harte Hände griffen zu. Nell schrie auf und trat um sich, aber die Männer prügelten auf sie ein und hätten sie fortgeschleppt, wäre nicht in diesem Moment Danny am Tor des Johanneums gestanden. Es war gerade Große Pause.

  „He!“ rief er. Vor der Schule standen zwei Constabler, die sich noch nicht klar geworden waren, was sie tun sollten – weglaufen oder eingreifen und untergehen.

  „Vorsicht, Junge!“ warnte der eine.

  „Das ist meine Mutter!“ schrie mein Danny und stürzte sich heldenhaft in den Mob.

  Darauf hielt es die beiden wackeren Constabler ebenfalls nicht mehr. Gemeinsam gelang es den dreien tatsächlich, sich zu Nell durchzuschlagen und sie aus den Fäusten der tobenden Männer zu reißen. Zurück konnten sie aber nicht mehr, also zerrten sie die halb Bewusstlose über die Straße zur Petrikirche. Da sie es nicht zum Eingang schafften, schoben sie Nell kurzerhand in eine der Mietkutschen, die dort immer standen. Der letzte, der sie noch fest umkrallte, war Horst Fass. Danny kletterte auf der anderen Seite in die Kutsche und trat dem Kerl mit aller Wucht ins Gesicht.

  „Ich stech dich ab!“ heulte Fass, als er blutend auf die Straße kugelte. Der Kutscher peitschte fluchend auf die Pferd ein, und das Gefährt ratterte die Bergstraße hinunter.

  „Danny!“ rief Nell erschrocken und zog ihn an sich. „Ist dir was passiert?“

  „Nein, Mama“, antwortete ihr (und mein) Held, obwohl ziemlich verbeult.

  „Komm her – du blutest ja – o Gott, was haben sie dir getan?“

  „Lass doch, Mama, es ist nichts, wirklich“, beschwichtigte er. „Was wollten denn die Kerle von dir?“

  „Ich hab’ keine Ahnung. Die sind wohl verrückt geworden. ‚Judenschickse’ haben sie zu mir gesagt!“

  „Ich bring dich nach Hause“, sagte mein tapferer Danny, ganz Beschützer.

  „Lass nur, es ist ja nichts weiter passiert“, sagte Nell. „Ich muss ins Hotel. Und du musst wieder zur Schule.“

  Der wildgewordene Janhagel tobte inzwischen mit dem unglücklichen Herschel Grün und seinen armen Verkäuferinnen weiter.

  Das Rödingsmarktfleet ist heute längst zugeschüttet. Damals floss er, wie eine Gracht auf beiden Seiten von Häuserreihen eingerahmt, an der alten Stadtmauer von der Alster zur Elbe. Das provisorische Rathaus lag gleich um die Ecke, das Goertz-Palais auch nicht weiter entfernt. Als die wilde Horde durch die Große Johannisstraße raste, hatte der Erste Polizeiherr, durch den korrupten, in dieser Situation allerdings aus Angst überaus pflichtbewussten Baubeamten Schulte alarmiert, bereits die Eingreifreserve des Polizeiherrn mit den gerade noch rechtzeitig ausgegebenen Gewehren auf den Großen Burstah in Stellung gebracht. Die mordgierige Meute blieb erst stehen, als eine Salve über die Köpfe krachte.

   „Da seht ihr es!“ schrie Felgenhauer. „Die Polizei deckt die Strolche auch noch! Verdammte Judenpolizei!“

  „Judenpolizei!“ schrien die Hunderte und schüttelten die Fäuste.

  „Worauf warten wir noch?“ brüllte der Agitator. „Verräterkugeln fangen wir mit der bloßen Hand auf. Jetzt hat das Volk das Sagen!“

  „Sofort aufhören, ihr Sackermenter!“ rief Bulldog. „In Hamburg gibt es keine Lynchjustiz. Übergeben Sie die Leute der Polizei. Wir werden alles aufklären.“

  „Das könnte euch so passen“, brüllte Felgenhauer. „Damit ihr die Judensau laufen lassen könnt, ihr korrupten Schweine! Was zahlen euch die Juden denn dafür, dass sie deutschen Arbeiter Rattenfleisch verkaufen dürfen?“

  Bulldog schob den Unterkiefer vor und trat der Menge entgegen. „Himmelkreuzdonnerwetter, jetzt reicht es! Gebt den Mann raus, und die Frauen auch, sonst lasse ich euch über den Haufen schießen!“

  Felgenhauer kletterte auf einen Brunnen, den eine bronzene Hammonia schmückte, und hielt sich an den Brüsten der Stadtgöttin fest. „Das lassen wir uns nicht gefallen! Judenknecht! Volksfeind!“

  „Ins Fleet mit dem Schweinehund!“ riefen einige den Männern zu, die den blutenden Herschel Grün mit sich schleppten. „Ersäuft den Kerl!“

  „Jawoll! Ersaufen soll er!“ Die Peiniger hoben den unglücklichen Konservenfabrikanten hoch und schleuderten ihn in das Fleet. Die armen Verkäuferinnen landeten kreischend hinter ihrem Chef in der stinkenden Brühe. Das Wasser stand nicht sehr hoch, denn es war Ebbe, aber der Schlick war wie Treibsand, und die Unglücklichen sanken rasch tiefer. Schreiend strampelten sie um ihr Leben.

  Einige Polizisten stürzten vor, um sie zu retten.

  „Lasst sie nicht durch!“ schrie Felgenhauer. „Der Jude soll verrecken, und seine Schicksen auch!“

  „Feuer!“ kommandierte Bulldog, und eine neue Salve fuhr über den tobenden Haufen hinweg. Dann zog der Erste Polizeiherr blank und hieb auf die Kerle ein. Pflastersteine flogen. Einige Constabler sprangen in die Schuten und warfen den Versinkenden Taue zu.

  Schnaufend blieb Bulldog stehen  „Die nächsten Salve wird gezielt geschossen!“ befahl er. Die Constabler richteten die Läufe auf die Männer, die langsam wieder näher kamen.

  „Feuer!“ Schüsse krachten, Getroffene schrien auf und stürzten auf das Pflaster. Die Angreifer schauten sich nach ihrem Anführer um, aber der Platz neben der Hammonia war leer, und das Wasser in dem Brunnen färbte sich rot. Über den kleinen dunklen Leichnam beugte sich schluchzend der blonde Paradegermane Horst Fass.

 

 

 

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