„Gequält von grauenhaften Teufelsfratzen“

Donnerstag, 17. Januar 2013

Das Wort zum Freitag

Die katholische Kirche feiert heute den hl. Antonius den Großen. Aus einer Lebensbeschreibung, die der hl. Athanasius über den Begründer des abendländischen Mönchtums verfasste, geht hervor, dass Antonius aus Komé, dem heutigen Keman in Mittelägypten mit 18 oder 20 Jahren die Eltern verliert. Als er trauernd in die Kirche tritt, hört er das Jesuswort "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe deinen Besitz", und sogleich beginnt er, danach zu handeln. Beim nächsten Mal hörte er "Sorgt euch nicht um morgen!" Da verkauft er auch noch den Rest und gibt das Geld ebenfalls den Armen. Dann geht er in die Thebäische Wüste. In den Höhlen am Ufer des Oberen Nil hatten sich Christen vor den Häschern des grausamen Kaisers Decius verborgen. Jetzt führen sie dort ein frommes Leben. „Unwissend im Sinne der Welt – Antonius konnte weder griechisch noch koptisch lesen oder schreiben – drang der Gottsucher bald tief in Sinn und Wesen der heiligen Schriften ein“, schreiben Erna und Hans Melchers in ihrem „Großem Buch der Heiligen“. „Angeleitet von einem erfahrenen Führer, der auf dem Weg der Vollkommenheit schon fortgeschritten war, verbrachte er seine Tage bei harter Arbeit, seine Nächte im Gebet. Fünfzehn Jahre übte er sich, in einer Gruft lebend, in dem, was die Askese von einem Anachoreten (Zurückgezogenen) fordert. Alles schien ihm mit Leichtigkeit zu gelingen, ein Minimum an Nahrung, Kleidung und Schlag genügten dem Eifrigen.“ Für seinen Lebensunterhalt knüpft er wie andere Einsiedler Palmblätter zu Körben und Matten. Doch der Teufel verfolgt die Frömmsten immer am heftigsten: „Versuchungen fielen ihn an wie reißende Tiere, die bösen Geister der Einsamkeit gaukelten ihm das Wohlleben vor, das er so heroisch verlassen hatte, Vorstellungen der Wollust ließen ihn, der die Keuschheit gelobt hatte, nicht mehr los.“ Aber der Einsame besteht den guten Kampf. Sein Biograph stellt klar, dass Antonius keineswegs ein überreizter, krankhafter Mensch gewesen sei und die Machwerke Satans nicht als Ausgeburt einer überhitzten Phantasie abgetan werden könnten. Gesund und natürlich bis in sein hohes Alter, betrachtet Antonius die quälenden Erscheinungen als eine übernatürliche Wahrheit, der er sich geduldig beugt. „Er wußte, daß Gottes Widersacher ihn mit allen Mitteln von seinem Weg abbringen wollte und setzte seine ganze Kraft daran ihn zu besiegen“, schreiben die Melchers. „Die Künstler des späten Mittelalters, besonders die niederländischen Maler um Bosch und Breughel, hat es immer wieder gereizt, die Visionen des hl. Antonius darzustellen: da sieht man den Heiligen, gequält von grauenhaften Teufelsfratzen, geneckt und zerzaust von koboldartigen Wesen; Larven in Gestalt verführerischer Weiber bieten ihm Speise und Trank und stellen ihre Reize zur Schau, Tiere überfallen ihn, werfen ihn zu Boden und versuchen seiner Herr zu werden.“ Viele Jünger sammeln sich um Antonius, bis er der Verehrung mit einer Karawane nach Osten entflieht. Am Berg Kolzim, nicht weit vom Roten Meer entfernt, glaubt er sich ungestört, aber auch dort holt die Welt ihn bald ein. Sogar Kaiser Konstantin sucht seinen Rat, Dromedare transportieren Briefe hin und her. Als die Lehren des Priesters Arius aus Alexandria die junge Kirche spalten, reist der 90-jährige in die Millionenstadt am Mittelmeer und predigt mutig gegen den populären Irrglauben an, dass Jesus nicht Gott aus Gott und ewig, sondern nur Geschöpf des Vaters sei. Als Antonius mit 105 Jahren stirbt, hinterlässt er einen alten Mantel, zwei Tuniken und eine von Mönchen bevölkerte Wüste. Im Jahr 1095 führt eine wunderbare Heilung zur Gründung des Ordens der Antoniter, die sich vor allem der Pflege der am „Antoniusfeuer“ erkranken Menschen widmen. Ursache der Seuche ist, wie erst später entdeckt wird, die Verunreinigung von Getreide und Viehfutter mit dem giftigen Mutterkornpilz. Nach der Legende sagt Antonius zu einem Bogenschützen, den er seine Waffe so stark spannen lässt, bis sie fast entzweigeht: „So ist es auch mit dem Dienste Gottes. Wollten wir uns anspannen über unser Maß, so wären wir bald zerbrochen. Darum ist es ziemlich, dass wir manchmal von unserer Strenge ablassen.“

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Im Gebet müssen Liebe und Dankbarkeit den Vorrang vor allen Bitten und Fragen wahren, sonst wird es weder Gott noch seinen Geschöpfen gerecht. Die Musik entwickelt dazu einen wichtigen Sinn, der durch die Zivilisation an Beachtung verliert: Menschen sind Augentiere, aber der erste Weg zu Herz und Seele führt durch das Ohr.

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In Hesses „Schön ist die Jugend“ sagt die Mutter des Dichters: „Wahrscheinlich wird der niemals kommen, der dich überzeugen wird. Aber allmählich wirst du selber erfahren, dass es ohne den Glauben im Leben nicht geht. Denn das Wissen taugt ja nichts. Jeden Tag kommt es vor, dass jemand, den man genau zu kennen glaubte, etwas tut, was einem zeigt, dass es mit dem Kennen und dem Gewisswissen nichts war. Und doch braucht der Mensch ein Vertrauen und eine Sicherheit. Und da ist es immer noch besser, zum Heiland zu gehen als zu einem Professor oder zum Bismarck oder zu sonst jemanden.“ Und: „Ich weiß gut, dass dich dass nicht überzeugen kann. Der Glaube geht nicht durch den Verstand, so wenig wie die Liebe. Du wirst aber einmal erfahren, dass der Verstand nicht zu allem hinreicht, und wenn du so weit bist, wirst du in der Not nach allem langen, was wie ein Trost aussieht. Vielleicht fällt dir dann manches wieder ein, was wir heute geredet haben.“

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Johannes XXIII.: "Laß dich nicht beirren von verrückten Ideen, die im Umlauf sind. Überlege mit deinem Kopf und nicht mit dem der anderen."

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Schuberts 7.Symphonie beginnt im Schein der Abendsonne über jenem stillen Tal, das in der Erinnerung stets Heimat heißt, ganz gleich, wie glücklich oder unglücklich die Kindheit war. Schon nach den ersten Takten wachsen Fülle, Wucht und Schwere des Menschenlebens in seinem Widerspruch. Alle Gedanken, Sehnsüchte, Wünsche und Fragen münden irgendwann in den großen Strom des Glaubens. Vor dem träumenden Auge heben sich die Klänge zu topographischen Gebilden und biologischen Formationen empor: Hörner als Felswände, Streicher als Blumenwiesen, Trompeten als steile Gipfel über schimmernden Gletschern. Im Spannungsfeld von Selbstententdeckung, Selbstbewusstsein, Selbsterfahrung und Distanz zum Ich organisiert und ordnet sich der Geist, unternehmen Gefühl und Verstand die ersten Schritte selbständiger Existenz. Im 2.Satz meldet sich aus diesem Jugendtraum unsicheren Wollens mit feinem Takt die Seele. Sanft nimmt sie den Geist an der Hand und führt ihn zu einer ersten, noch naiven Schau der göttlichen Herrlichkeit. Das Kind wirft wie Moses einen Blick in das Gelobte Land, ehe Zweifel, Unglaube und Selbstbezogenheit für oft wirklich vierzig Jahre in die Wüste des Erwachsenenlebens führen. Vom Tag der Geburt an ist das Leben nichts als Rückkehr und Heimkehr: für den Verstand Rückkehr der belebten zur unbelebten Materie, für den Glauben Heimkehr zu Gott. Die Woge des Glaubens überrollt, tränkt und belebt die Einöde des Unglaubens. Der 3.Satz sieht im bewässerten Land das Grün der Liebe gedeihen. Vertrauen, Verstehen, Erkenntnis beschatten als mächtige Bäume die Ruhe des nun in Gott geborgenen Geistes. Der 4.Satz bespiegelt das Leben der Gemeinde in seinen zahlreiche Facetten; es schafft aus vielen Verschiedenheiten das im Schöpfer Vereinte, das endlich singt und schwingt in der Freude über Leben und Welt. So wie die Gedanken sich nun drehen, drehen sich wohl auch die Schwärme der Vögel und Fische durch die ewigen Sphären der göttlichen Harmonie. Der 5.Satz löst sich vom Irdischen und betet jubelnd zur himmlischen Majestät - wie Moses Siegeslied nach dem Zug durch das Rote Meer frohlockt auch Schuberts Finale in mitreißender Gewalt.

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Mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe: An beiden muss jeden Tag gearbeitet werden.

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Aus dem Brief einer Leserin: "Darf ich Sie hiermit auf einen (möglichen) Übersetzungsfehler in der Bibel aufmerksam machen? Der Schöpfer sprach: 'Macht euch der Erde untertan.'"



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