Der Wolf vor Hamburgs Toren

Montag, 21. Januar 2013

Isegrim-Alarm: Der wilde Hunde-Vorfahr dringt an die Unterelbe vor. Zum Glück ist er ganz anders als in den Gruselfilmen.

Nichts ist für kleine Kinder schöner als mit den Eltern knuddeln, wenn die warme Sonne durch die Bäume scheint. Die kleinen Tolpatsche klettern Mama auf den Bauch, purzeln von Papas Rücken auf weiche Moospolster und kullern in fröhlicher Balgerei durch das duftende Gras.

Kommen Fremde, kann der liebevolle Familienvater aber auch ganz anders: Dann wird er zur Kampfmaschine, 75 Kilo Muskeln, messerscharfe Zähne, reißende Klauen – ein Monster, wie es in Märchenbüchern nicht nur die Kinder erschreckt.

Lupus ante portas! Der Wolf ist wieder da: Jäger entdeckten in den Wäldern um die Gemeinde Borstel-Hohenraden im Kreis Pinneberg sechs Rehkadaver mit den typischen Bissspuren am Hals und entsprechenden Fressspuren, wie sie nur die großen Caniden hinterlassen. Schon im vergangenen Jahr war ein Wolf im nahen Kreis Segeberg in eine Fotofalle geraten – vielleicht derselbe, der jetzt noch ein Stück weiter in Richtung Unterelbe nachgewiesen ist.

Doch keine Angst: Die moderne Wissenschaft hat längst herausgefunden, dass die so lange gefürchteten Tiere keinem Menschen etwas zuleide tun. Im Gegenteil: Sie fliehen vor ihm, lange bevor er sie überhaupt bemerkt. Auch im Winter, wenn der Schneesturm heult und wahrer Wolfshunger herrscht. Die Wildheit, die Grausamkeit, der Blutdurst sind Legende. In Wirklichkeit ist der hervorstechende Charakterzug des verfemten Vierbeiners eine verblüffende Schüchternheit. An ihr scheitern etwa Versuche, Hunderassen durch Wolfsblut schärfer zu machen: Als Forscher etwa brave Pudel mit Wölfen kreuzten, konnten die „Puwos“ zwar heulen, waren aber plötzlich extrem vorsichtig und scheu.

Das zweite Merkmal des vermeintlichen Monsters ist seine große Menschenähnlichkeit: Wie der Homo sapiens ist auch der Canis lupus ein soziales Lebewesen, das sich nur unter Seinesgleichen wirklich wohlfühlen kann. Das beginnt schon bei der Geburt: Einzelkinder sind nicht vorgesehen, die Wölfin wirft mindestens drei, manchmal sogar zehn Junge. Bisschen viel für Mama, deshalb hilft die Großfamilie mit, schleppt Futter herbei und passt auf, dass sich keine ungebetenen Besucher anschleichen. Ist Mama wieder kräftig genug, selbst auf Jagd zu gehen, springt ein jüngeres Weibchen als Babysitter ein.

Im Rudel herrscht eine klare Rangordnung, es geht nach Alter und Stärke, aber die von der Natur so gefährlich bewaffneten Tiere gehen stets sehr freundlich miteinander um. Entsteht doch mal Streit, schlichtet ihn alsbald eine deutliche Drohung, und das spart Zeit und Energie. Ohne die nötige Angriffslust kann kein Wolf in freier Wildbahn überleben; lernt er jedoch nicht, diese Angriffslust zu zügeln, funktioniert das ebenso überlebenswichtige Zusammenleben nicht – genau wie bei den Jägern der Urzeit, die dem Wild ebenfalls in gut organisierten Trupps nachstellten und es sich nicht leisten konnten, wenn Streit um die Beute die Kooperation gefährdete.

Die Winz-Wölfe turnen nicht ohne tieferen Grund auf Papa und Mama herum: Sie üben dabei ihre Muskeln und schärfen ihre Reflexe. Die Wolfsschule beginnt bereits in den ersten Wochen. Nach einigen Monaten dürfen die Minis schon mit auf die Jagd – allerdings nur als Zuschauer, denn Beutetiere wie Elch und Wapiti sind viel zu gefährlich für Trainingsspielereien. Und wie fast alle Raubtiere sind Jäger zugleich Gejagte: Bär und Adler, in Amerika auch der Puma können Jungtieren gefährlich werden.

Wölfe sind die besten Naturschützer: Von ihrer Beute zehren Fuchs, Rabe, Häher und Meise, die sonst vor allem im Winter kaum etwas zu beißen bekämen. Die großen Grauen regeln den Wildbestand, weil sie immer nur alte und kranke Tiere erwischen, und bewahren damit auch den Wald vor zuviel Biss. Seit sich das herumgesprochen und der inzwischen streng geschützte Wolf auch außerhalb der Umweltverbände immer mehr Fürsprecher findet, kann er sich auch im deutschen Forst wieder Land gewinnen. Schon seit Sommer 2000 zieht ein brandenburgisches Rudel in der Muskauer Heide ungestört seine Jungen auf – für Gesa Kluth vom "Wildbiologischen Büro Lupus" die „Erfüllung eines Kindheitstraums“. In Sachsen leben bereits bis zu zehn Wölfe, und im Bayerischen Wald peilen isegrimige Grenzgänger aus Tschechien immer wieder einmal die Lage. Cartoonist und NABU-Wolfspate Wolf-Rüdiger Marunde erkennt inzwischen gar eine Art Seelenverwandtschaft zwischen Jäger und Künstler: „Beide sind Beutegreifer und immer hellwach. Beide haben diesen typischen Schnüffelgang, mit dem sie auf der Suche nach etwas, das sie verwerten können, durch ihre Reviere streichen. Und beide haben Puschelöhrchen und sind Frauenversteher.“ Auch so kann man ein Vorurteil durch den Wolf drehen!

Wolf und Mensch

Die gemeinsame Geschichte von Mensch und Wolf beginnt vor 15 000 Jahren: In der Mittelsteinzeit schließen sich die ersten Rudel den umherstreifenden Jägervölkern an, erst als Abfallverwerter, später als Jagdhelfer.

Der Mythos zeigt den Zwiespalt im Zusammenleben zweier gefährlicher Lebewesen: Der Wolf ist Feind und Freund zugleich. Wölfe retten Persiens späteren Größkönig Kyros II. oder die Zwillinge Romulus und Remus, die Gründer Roms. Ein Wolf begleitet den höchsten Germanengott Odin, ein anderer mischt beim Weltuntergang mit.

In Abenteuerbüchern wie den berühmten Alaska-Geschichten Jack Londons („Wolfsblut“) verkörpern Wölfe die Gefahren der Wildnis. Gruselfilme schöpfen aus mittelalterlichen Werwolf-Legenden.

In der Bibel ist der „reißende Wolf“ ein Sinnbild des Bösen, aber auch ein Symbol für das künftige Gottesreich: Nach dem Propheten Jesaja bricht es an, „wenn der Wolf beim Lamme liegt“.

Wölfische Rekorde

GROSSSCHNAUZE. Der Wolf besitzt gute Augen und ein sogar sehr gutes Gehör, aber am besten ist sein Geruchssinn entwickelt – da kommt kein Spürhund mit!

KLEINBEISSER. Wolfswelpen kuscheln und knuddeln gern, üben aber schon bald spielerisch Kampf und Jagd, haben nadelspitze Zähnchen.

TEAMWOLF. Canis lupus jagt wie alle Hundeartigen im Rudel, erwischt aber trotzdem meist nur Tiere, die ohnehin bald an Alter oder Krankheit sterben würden.

WOLFSGEHEUL. Als Rudeltiere, die manchmal am Tag sechzig Kilometer weit wandern, können Wölfe über große Entfernungen Kontakt miteinander aufnehmen.

Mythos Wolf

Vom menschenfressenden Ungeheuer zum nützlichen Nachbarn: Wie sich das Bild des Wolfes wandelt.

Gruselgeschichten zeigen Isegrim als alles verschlingendes Ungeheuer, Naturfilme als liebevolles Lebewesen mit  wichtiger ökologischer Funktion und hoher sozialer Kompetenz: Verehrt, verfemt, verfolgt, versöhnt – kein anderes Tier unserer Heimat verursacht in uns ein solches Wechselbad der Gefühle. Dabei bleibt sich der Wolf über Jahrtausende immer treu: Geändert hat sich nicht sein, sondern unser Verhalten, unser Verständnis, unsere Einstellung zu einem Mitgeschöpf mit gleichem Lebensrecht wie Maus, Meerschweinchen oder Mensch.

In der Urzeit ist Europa so dünn besiedelt, dass sich Isegrim und Zweibeiner kaum in die Quere kommen. Dem Wolf gehört die Wildnis, und  der Mensch respektiert ihn nicht nur, er bewundert ihn: Steinzeit-Stämme wählen ihn wie später die Indianer Nordamerikas als schützendes Totem, Schamanen suchen über ihn Kontakt zur Geisterwelt. Hunnen und Türken zählen den Wolf zu ihren Ahnen. Im Glauben der alten Griechen begleiten drei Wölfe die zauberkundige Erdgöttin Hekate, die zwischen den Welten des Lichts und der Dunkelheit wacht. In der römischen Sage werden die Stadtgründer Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt. Bei den Germanen folgen die Wölfe Geri und Freki dem Göttervater Odin auf die Schlachtfelder.

Doch als sich die Menschen stärker vermehren als die vierbeinige Nahrungskonkurrenz in den Wäldern, beginnt ein gnadenloser Kampf um Land und Beute. Die griechische Sage erfindet den Werwolf, in der germanischen Götterdämmerung wird Odin vom Fenriswolf verschlungen und das christliche Mittelalter macht das Raubtier, das doch nur seinen natürlichen Instinkten folgt, zum bösen Teufelswesen.

Erst die moderne Forschung entlarvt die Schauermärchen als Bild gewordene Urängste: Die natürliche Furcht des Augenwesens Mensch vor der Dunkelheit führt zum Schreckensbild des menschenfressenden Waldwesens. Auf Altarbildern kämpft Christus selbst mit dem Wolf, erlegte Raubtiere werden als Verbrecher an den Galgen gehängt. Den letzten freien Wolf Deutschlands trifft 1904 in der Lausitz die tödliche Kugel.

Seit einigen Jahren versucht die moderne Verhaltensforschung, das fatale Bild vom Wolf als Feind des Menschen zu korrigieren: Nicht mehr unser gefährlicher Gegner, sondern unser nützlicher Nachbar soll er künftig wieder sein. Denn Wölfe jagen vor allem kranke Tiere, halten so den Wildbestand gesund und bewahren zugleich die Wälder vor allzu viel hungrigem Baumrindenknabbern. Und ihr Sozialleben wirkt zuweilen gesünder als das unsrige: Wölfe halten immer ganz fest zusammen, die Starken füttern die Schwachen durch, die Beute wird gerecht geteilt, die Jungen werden gemeinsam aufgezogen.

Wolfsrudel sind Großfamilien aus einem Elternpaar und ihren Nachkommen. Ehescheidungen gibt es so wenig wie Kindesmisshandlung oder Respektlosigkeiten der Jugend. Der Bau ist kein Hotel Mama, denn die Jungwölfe fliegen raus, sobald sie sich selber ernähren können. Jedes Rudel hat sein eigenes Revier, in Mitteleuropa zwischen 150 und 350 Quadratkilometer. Der Wald bietet Platz für alle, deshalb sind  Nachbarschaftsstreitigkeiten unbekannt, denn Wildschweine, Rehe und Hasen finden sich überall mehr als genug. Vor Menschen haben Wölfe große Angst, in Deutschland ist kein einziger Angriff dokumentiert. Weil der Mensch heute viel mehr über den Wolf weiß als früher, sieht er ihn nicht mehr als Gefahr, sondern als willkommenen Mitbewohner unserer heimischen Natur: Angstmache gehört ins Kino!

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