Kapitel 56: Der Parlamentär

Montag, 21. Januar 2013
„Als der Zeitball auf dem Turm des Kaiserspeichers niedersauste und die Schiffssirenen tuteten“: Am Reiherstieg 1884 © Museum für Hamburgische Geschichte

Als sich der Große Brand des Jahres 1842 drei Tage lang durch die Stadt fraß und dabei das Rathaus, die Bank und zwei Hauptkirchen in Schutt und Asche legte, blieb das wichtigste Gebäude durch außergewöhnlichen Bürgereifer erhalten, und das war die Börse. Auch sie lag nicht weit vom Rödingsmarkt entfernt, auch an ihr war Felgenhauers Pöbelhaufen vorübergezogen, doch unter den klassizistischen Friesen der beiden Arkadenumgänge und erst recht in dem großen Saal, in dem Hamburgs Kaufleute zuweilen verblüffendes Temperament entfalten, nahm keiner von dem Aufruhr Kenntnis. Wenn das Rathaus Hamburgs Hirn ist, die Elbe der Mund und der Hafen die Speiseröhre, dann ist die Börse der Magen, der seine Häppchen gern in Ruhe verdaut.

  Konsul Averdar verfolgte soeben die Kursentwicklung im Getreidehandel, als er sich am Ärmel seines Fracks gezupft fühlte. Sich umwendend, folgte er Senator Hartestraat in eine ruhige Ecke. 

  „Ich hatte Sie gewarnt“, sagte Hartestraat geradewegs in die erstaunten Schweinsäuglein. „Aber Sie wollten ja nicht hören.“

  „Wie bitte?“

  „Ich komme gerade von Twistring. Die Polizei hat einen Kronzeugen. Ein gewisser Dietrich Dorscheid. Morgen Vormittag wird er aus Harburg überstellt. Er ist bereit, gegen Ihren Freund Lendt auszusagen!“

  „Was?“

  „Und zwar über allerlei üble Dinge, Herr Konsul. Sehr üble Dinge.“

  „Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“

  „Ich schon. Erpressung. Menschenhandel. Verbrechen aller Art, und in großem Stil. Ihr Freund ist angeblich Anführer einer Verbrecherbande, die auf dem Großen Grasbrook ihr Unwesen treibt.“

  „Das ist Verleumdung, Herr Senator. Ich kenne Lendt als einen höchst ehrenwerten Mann!“

  „Wie erklären Sie sich dann diese Aussage?“

  „Aber ich bitte Sie, Herr Senator, das kennt man doch. Racheakt eines Unzufriedenen, oder eines Ganoven, der seine eigenen Verbrechen verstecken will. Hat man ihm etwa Straffreiheit zugesichert? Diese Leute lassen ohne die geringsten Gewissensbisse ihre eigene Mutter im Gefängnis verfaulen, wenn sie dadurch mit heiler Haut davonkommen können.“

  „Es wird eine Untersuchung geben, Herr Konsul, und das allein ist schon eine ziemliche Katastrophe.

  „Sofern der Mann das erlebt“, sagte der Konsul kaltblütig.

  Der Senator fuhr zurück. „Sind Sie wahnsinnig?“

  „Keineswegs, Herr Senator.“

  „Sie reden von Mord!“

  „Halten Sie das für so abwegig? Wenn Jack Lendt tatsächlich der Verbrecherboss wäre, für den Sie ihn offenbar halten, käme es ihm auf einen Mord mehr oder weniger wohl kaum an.“

  Hartestraat musterte den Konsul mit nun etwas wacheren Augen. Konnte es sein, dass dieser Kerl tatsächlich mit Verbrechern unter eine Decke steckte? „Das ist noch nicht alles“, fuhr er fort. „Ihr Freund deckt offenbar auch den Polizistenmörder, diesen Mott.“

  „Auch das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte der Konsul.

  „Vorstellen oder nicht, der Erste Polizeiherr hat auf den Mann eine Belohnung von fünftausend Mark ausgelobt. Die Fahndungsplakate werden heute Mittag geklebt. Wissen Sie, was das bedeutet?“

  „Meine finanzielle Situation erfordert nicht, dass ich mich um Kleingeld bemühe.“

  „Mir ist nicht nach Scherzen, Herr Konsul. Fünftausend Mark, das bedeutet nach aller Erfahrung, dass der Mann binnen Stunden ans Messer geliefert wird. So einen Happen lässt sich kein Ganove entgehen, und gibt gewiss genügend Halunken, die den Kerl kennen, ihn verstecken oder ihm sonstwie helfen. Damit ist’s jetzt vorbei. Wenn die Polizei ihn aber am Kanthaken hat, was wird der Bursche dann tun?“

  „Er wird natürlich versuchen, die Schuld auf Lendt abzuwälzen, das ist doch klar“ sagte der Konsul. „Es wir ihm aber nicht gelingen. Mein Freund ist ein Ehrenmann, glauben Sie mir.“

  So wie du wohl! dachte Hartestraat grimmig. „Ich fürchte, unter diesen Umständen können wir Ihren Freund nicht unterstützen.“

  „Sie wollen also auf meine großzügigen Spenden verzichten?“

  „Jawohl, Herr!“ sagte der Senator energisch. „Auf Ihre Spenden, und auf Ihre Mitgliedschaft notfalls auch. Kommen Sie zur Vernunft! Was immer für Geschäfte Sie mit diesem Notar haben, lassen Sie sie sausen.“

  „Sie haben gut reden, Senator. Sie kostet es ja nichts.“

  „Meine Partei kostet es allerhand. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass die Sache uns nicht zu teuer kommt.“

  Der Konsul überlegte. Dann sagte er: „Und wenn ich den Kerl selber beibringe?“

  „Sie?“

  „Warum nicht? Würde das mich nicht über jeden Zweifel erheben?“

  „Ja, schon“, sagte der Senator verblüfft. „Es kommt aber natürlich darauf an, wie Sie das zuwege bringen. Sie können ja nicht wohl sagen, dass Sie sich von Verbrechern helfen lassen.“

  „Wie kommen Sie denn auf diese Idee?“ fragte Averdar. „Als Inhaber eines großen Handelshauses verfüge ich über eigene Verbindungen auf dem Brook. Sehr gute Verbindungen sogar. Wenn ich aus Kreisen meiner Mitarbeiter, die dort tätig sind, einen Tipp erhielte, würde ich es als meine staatsbürgerliche Pflicht erachten, die Sache der Polizei zu melden.“

  „Passen Sie aber gut auf! Sie wissen ja, der Erste Polizeiherr ist immer noch sehr verärgert über Ihren Auftritt.“

  „Der Herr Erster Polizeiherr verärgert auf mich?“ sagte der Konsul erbost. „Ist das Ihr Ernst? Ich bin verärgert auf ihn! Stinkewütend bin ich! Ich habe den Eindruck, dass es neuerdings alle Ganoven der Stadt für erlaubt halten, mich um mein Eigentum zu bringen!“

  „Der Einbruch in Ihrem Kontorhaus ist sicher bedauerlich, aber das Criminalbureau wird gewiss alles tun…“

  „Schön wär’s!“ unterbrach ihn der Konsul. „Heute Nacht wurde erneut bei mir eingebrochen, in meinem Landhaus, schon zum zweiten Mal. Diesmal haben die Diebe meinen Tresor geknackt. Sehr fachmännisch. Zwanzigtausend Mark, Herr Senator! Wenn das mit der Tätigkeit des Ersten Polizeiherrn und seiner Mitarbeiter so weitergeht, bin ich bald arm wie eine Kirchenmaus!“

  „Das ist ja unglaublich!“ sagte Hartestraat. „Kann es sein, dass es jemand auf Sie abgesehen hat? Vielleicht wegen Ihrer speziellen Verbindungen zu unserem neuen Mitstreiter, dem Herrn Lendt?“

  „Ja, wenn ich das wüsste! Ihr Erster Polizeiherr und seine Schlafmützen werden es jedenfalls nicht so schnell herausfinden, da bin ich ganz sicher.“

  Als der Zeitball auf dem Turm des Kaiserspeichers niedersauste und die Schiffssirenen tuteten, saß Jack mit Wandrahm-Willy und Constabler Möller in seinem Büro über dem Brook. Der Constabler hatte besorgniserregende Informationen mitgebracht, und nicht nur aus einer Begegnung mit Bulldog, das als „Gespräch“ zu bezeichnen nicht statthaft wäre, da der eine ununterbrochen brüllte und der andere verbissen schwieg.

  „Wieso habt ihr den Dorsch denn im Stich gelassen“, murrte Möller nun. „Diet ist doch ein guter Mann!“

  „Hör auf zu dibbern“, sagte Jack und ging zum Fenster. „Jetzt siehst du ja, wie gut er ist, im Plaudern.“

  „Es war Pech“, sagte Wandrahm-Willy, der wieder in seinem Lieblingssessel lümmelte. „Es wär’ gegangen wie’s Katzenmachen, wenn nicht plötzlich Johnny und dieser komische Husar aufgetaucht wären. Bevor wir sie erledigen konnten, krochen hundert Polacken aus ihren Löchern wie die Karnickel, wenn’s aufhört zu regnen. Diet hätte besser aufpassen sollen. Der verdammte Kerl warf das Messer nach ihm, wir konnten wir nichts mehr für ihn tun. Diet darf das nicht persönlich nehmen.“

  „Nimmt er aber“, sagte Jack und  „Sehr persönlich sogar. So persönlich, dass er uns hochgehen lassen will.“

  „Warum habt ihr ihn dann nicht erledigt?“ fragte Möller.

  Willy zuckte die Achseln. „Die verdammten Preußen stellten Wachen vor sein Krankenzimmer, ich kam einfach nicht ran. Aber ich kriege Diet, verlass dich drauf. Spätestens wenn sie ihn nach Hamburg bringen.“

  „Bis dahin singt der Vogel fünfzig Strophen!“ knurrte Jack.

  „Den putz ich weg“, sagte Willy.  „Soll ich diesen polnischen Säbelschwinger auch gleich mit erledigen?“

  „Wozu“, sagte Jack und angelte sich den nächsten Whisky Soda von Arthurs Tablett. „Sie hatten sich inzwischen so an mich gewöhnt, dass sie mich wie ein Möbelstück behandelten“, sagte uns der brave Butler später. „Anfangs waren sie manchmal noch vorsichtig, aber mit der Zeit vergaßen sie mich.“

  „Wacko würde den Polacken liebend gern kaltmachen, sagte Willy. „Du weißt, er ist nachtragend.“

  „Wacko würde jeden gern kaltmachen, der ihm mal in die Quere gekommen ist“, sagte Jack. „Das ist der Boxerinstinkt. Solche Kerle geben einfach keine Ruhe, bis der andere am Boden liegt.“

  „Glaubst du, dass Johnny den Dorsch verlampt hat?“ fragte Willy.

  Jack schüttelte den Kopf. „Dazu ist er zu stolz.“

  „War auch gar nicht nötig“, sagte Möller. „Wenn Ärzte solche Verletzungen sehen, rufen sie automatisch die Polizei. Dein Johnny hätte den Kerl nicht zum Krankenhaus karren, sondern in die Elbe schmeißen sollen.“

  „Ja, weißt du, Möller“, sagte Jack, „so was würde Johnny nie tun. Dazu ist er zu weich.“

  „Aber wir sind’s nicht, oder? Ich muss deinen Freund jetzt bald mal verhaften, Jack. Bulldog lässt nicht locker, der Bürgermeister hat ihm eingeheizt, und Bulldog mir, aber wie! Ich kann ihn nicht mehr lange hinhalten.“

  „Johnny wird nicht verhaftet, verstanden?“ sagte Jack energisch. „Schon gar nicht hier auf dem Brook!“

  „Ist ja gut und schön, seinen Feinden zu vergeben, obwohl ich’s nicht täte“, murrte Möller. „Aber dass man sie auch noch schützen soll, das steht so nicht mal in der Bibel.“

  „Die Leute würden einen Märtyrer aus ihm machen“, erklärte Jack. „Hier ist aber nur Platz für einen Heiligen, einen einzigen, versteht ihr? Und der bin ich.“

  „Amen“ sagte Möller. „Wenn Diet uns verpfeift, landen wir alle im Kittchen.“

  „Keine Sorge“, sagte Willy finster, „den Vogel mach’ ich zum Fisch.“

  „Stell dir das nur nicht so leicht vor“, warnte der Constabler.  „Bulldog kommt persönlich zum Bahnhof, mit seiner Spezialtruppe, und die haben heute früh Armeegewehre gekriegt, ganz neue. Haben damit sogar schon rumgeballert.“

  „Was?“ staunte Willy. „Wo denn?“

  „Das wisst ihr noch gar nicht? Es gab da so einen Tumult, wegen irgendwelcher Juden, weiß auch nicht genau, jedenfalls wollten ein paar hundert Leute die Hunde am Rathaus aufhängen, und da hat Bulldog in die Menge feuern lassen. Der Anführer von dem Haufen ging dabei drauf. 

  „Da hast du’s“, sagte Willy zu Jack. „Jetzt ist es soweit.“

  Jack schaute seinen Leutnant nachdenklich an. „Vielleicht hast du recht“, sagte er nach einer Weile.

  „Ganz bestimmt sogar“, sagte Willy überzeugt.

  „Also gut“, sagte Jack schließlich. 

  Möller guckte nervös vom einen zum andern. „Was habt ihr denn jetzt wieder vor?“

  „Wir müssen uns auch mal ’n bisschen besser ausstaffieren“, sagte Jack. „Nur so für den Fall der Fälle.“

  „Du weißt, worauf du dich damit einlässt“, warnte der Constabler.

  „Wär’s dir lieber, wenn wir uns einfach totschießen lassen?“ fragte Jack sarkastisch.

  „Wann holen wir uns die Dinger?“ fragte Willy erwartungsvoll.

  „So schnell wie möglich, ist doch klar.“

  „Fein“, grinste Willy. „Hab’s schon vorbereitet.“

  „Dachte ich mir“, sagte Jack. „Macht aber nicht zu viel Alarm!“

  „Vergesst mir jetzt bloß nicht unsern Freund“, sagte Möller unruhig. „Diet weiß viel zu viel, auch über das Polackenmädel, und…“

  „Du hättest deine dreckigen Finger von der Kleinen lassen sollen“, sagte Willy giftig, „dann bräuchten wir uns nicht dein Geseire anzuhören.“

  „Ich hab’ ihr überhaupt nichts getan“, protestiert der Constabler. „Glaubt ihr, ich vergreife mich an Kindern?“

 „Ja“, sagten die beiden anderen unisono.

  „Ihr seid mir ja schöne Freunde“, beschwerte sich Möller. „Das mir, nach allem, was ich für euch getan habe! Wo die Kleine nur steckt?“

  „Die hat Johnny stieke untergebracht“, sagte Jack und schaute aus dem Fenster zum Brook. „Und die Polackeneltern gleich mit. Wahrscheinlich auch die Sängerin. Ich frage mich, was er mit ihr will.“

  „Na, was schon!“ sagte der Constabler grinsend.

  „Es sind ja nicht alle solche Schweinehunde wie du, Möller“, sagte Wandrahm-Willy voller Verachtung.

  Der korrupte Constabler war weit davon entfernt, beleidigt zu sein. „Nur kein Neid!“ lachte er.

  „Sie hat ihr Gepäck nicht in Cuxhaven ausladen lassen“, sagte Jack. „Vielleicht nimmt sie den nächsten Dampfer, schön inkognito, die Sache ist ja auch für sie etwas heikel. Der gute Ruf und so.“ Er lachte kurz auf. „Für unseren Konsul ist die Sache aber noch viel heikler.“

  „Vielleicht kommen wir über den Bruder an sie heran?“ meinte Möller.

  Jack starrte ihn an. „Die Sängerin hat einen Bruder?“

  „Nein, ich meine doch das Polackenmädel!“ sagte der Constabler, dem natürlich reichlich unwohl war, solange die gefährliche Zeugin lebte. „Der Kerl ist desertiert, da lässt er vielleicht mit sich reden.“

  „Worüber denn? Dass er uns seine kleine Schwester übergibt?“ fragte Willy spöttisch.

  „Das nun gerade nicht“, sagte Jack und drehte an seinem Fernrohr. „Aber vielleicht führt er uns zu der Sängerin. Der Konsul hat mächtig Schietinnebüx, dass sie doch noch zur Polizei geht. Die kleine Polackendeern kann nicht viel machen, aber die Sängerin, die würde Bulldog auf Trab bringen, die hat alles: Prestige, Persönlichkeit, Stil, Kultur, Geschmack, Manieren, Lebensart, und den richtigen Ton sowieso. Ich kann mir schon vorstellen, dass unserem Konsul die Muffe geht. Außerdem will er sein Geld wiederhaben, und zwar fix. Erst viertausend, dann zwanzigtausend, das ist auch für ihn kein Pappenstiel.“

  „Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Möller.

  „Vielleicht muss er dir jetzt ein paar von seinen Grundstücken verkaufen“, lachte Willy.

  „Vielleicht“, sagte Jack. „Er ist so klamm, dass er sogar auf die Belohnung für Johnny scharf ist.“

  „Tatsächlich?“ sagte Willy. „Bei dem wundert mich gar nichts mehr.“

 „Außerdem sieht es so aus, als wolle sich der Konsul von uns absetzen, jetzt, wo’s rau wird.“

  „Das verdammte Aas“, fluchte Willy inbrünstig. „Den mach’ ich alle!“

  „Senator Hartestraat hat ihm angeblich gesagt, dass ich erledigt sei. Jetzt will sich dieser ausgediente Dandy beim Senat anvettermicheln und sein Süppchen ohne uns kochen.“

  „Den brat’ ich auf ganz kleiner Flamme!“ drohte Willy. „Wieso ‚erledigt’?“

  „Na, wegen Diet doch.“

  „Da wird sich der Herr Senator aber noch wundern.“

  „Passt auf“, mahnte Constabler Möller. „Der Hartestraat hat Dampf in den Rippen.“

  „Dem scheint die Sonne auch nicht jeden Tag aus dem Hintern“, sagte Willy. „So viele Leichen wie der hab’ ich schon lange im Keller, und meine sind richtig tot!“

  „Aber was wird dann aus der Politik?“ fragte Möller.

  „Das wird sich utwiesen“, sagte Jack. 

  „Wann wollen wir uns eigentlich den Grendel schnappen?“ fragte Willy.

  „Erst angelst du dir den Dorsch“, sagte Jack.

  „Übrigens weiß ich jetzt, dass es Eddie war, der dich bei Bulldog verpfiffen hat“, sagte Möller. „Bulldog ist da vorhin vor lauter Gebrüll was rausgerutscht, das Criminalbureau hat wohl die Schrift auf dem Zettel verglichen. Den würde ich gern selber kalt machen.“

  „Das hat noch Zeit, du Menschenfreund“, sagte Jack. „Erst müssen wir die Sore haben.“

  „Um sie dem Konsul zurückzugeben“, sagte Willy bierernst.

  „Wirklich?“ fragte der Constabler überrascht.

  Die anderen lachten.

  „Ich war draußen bei ihm und hab’s mir angesehen“, sagte Jack. „Saubere Arbeit. Aber das hat Eddie nicht allein geschafft: zwölf Millimeter Thomasstahl nur mit dem kalten Knabbergeschirr! Nie und nimmer. So viel Kraft hat nicht mal er. Da hat ihm einer geholfen, und ich glaube, ich weiß auch, wer.“ Er guckte aus dem Fenster und dann durch sein Fernrohr.

  „Wer denn?“ wollte Möller wissen.

  „Der Bäcker“, sagte Jack. „Und wenn ich nicht irre, kommt er da gerade angetrabt.“

  „Der Bäcker?“ staunte Willy. „Ich dachte, der hat sich schon vor Jahren aus dem Gewerbe zurückgezogen!“

  „Das dachte er wahrscheinlich selber auch“, sagte Jack. „Da seht ihr, wie unser Johnny hier alles durcheinanderbringt.“

  „Johnny? Was hat der denn damit zu tun?“ wunderte sich Möller.

  „Weiß ich noch nicht“, sagte Jack. „Aber er steckt dahinter, das ist doch klar wie Kloßbrühe! Eddie konnte einen Kerl wie den Bäcker bestimmt nicht dazu überreden, noch mal was zu riskieren. So ein Ding zu drehen. Dazu geht’s dem Dicken viel zu gut bei seiner Bäckerin. Nein, da brauchte es ein anderes Kaliber. Eins wie Johnny. Oh, oh, das ist aber nicht gut!“

  „Was denn?“ fragte Möller nervös. Willy sprang auf und eilte zum Fenster.

  „Da hinten kommt der Bäcker in seinem Einspänner, und unten steht Wacko.“

  „Oh, oh“, machte nun auch Willy bedenklich. „Ich geh mal lieber runter.“

  „Dass die Giganten sich jetzt man nicht an die Gurgel gehen“, rief Jack. „Beeil’ dich!“

  „Bin schon weg“, sagte Willy und machte, dass er die Treppen runterkam, damit die Gastfreundschaft nicht Schaden nehme.

   Die Gesetze der Hamburger Unterwelt waren alt, hart und zweckgerecht. Ihre Ursprünge lagen in den rauen Regeln der mittelalterlichen See- und Strandräuber, der Strauchritter, Schnapphähne und Wegelagerer, der Plünderer des Dreißigjährigen Krieges und der Räuberbanden der Napoleon-Zeit. Niemand hatte diese Gesetze je aufgeschrieben, doch den Gangstern, Schmugglern, Falschspielern, Einbrechern, Hehlern, Fälschern, gewerblichen Brandstiftern, Mördern, Zuhältern, Straßenräubern und sonstigen großen und kleinen Verbrechern vom angesehenen Schränker bis zum verachteten Fledderer waren sie in die schwarze Seele gemeißelt wie die Grabsprüche in den Ohlsdorfer Totengranit. Die Unterweltler sprachen gern von Ganovenehre, aber in Wirklichkeit ließ das Dschungelgesetz der Verbrecherwelt nur wenige moralische Anwandlungen zu, als da waren: Man teilte brüderlich, verpfiff keinen, ehrte den Gast und schlug Frauen nicht ohne Grund.

  Der Bäcker war der beste Kundschafter, den Onkel Johnny wählen konnte: Ein hochgeachteter Veteran des Milieus, letzter noch lebender Held des legendären Eisenbahnraubs von 1857, allseits respektierter Grandseigneur der Geldschrankknacker, trotz des inzwischen bürgerlichen Berufs noch immer Heros der Halbwelt und vielbewundertes Vorbild der Hamburger Verbrecherjugend, durfte er auch nach dem Zwischenfall auf dem „Arme Lüds Karkhoff“ die uneingeschränkte Anwendung der Gangstergesetze erwarten. Sein Vater war mit einem Finkenwerder Kutter in einer Sturmnacht auf der Doggerbank untergegangen. Der jüngere Sohn starb an Schwindsucht, den älteren brachte die Mutter als Näherin durch, und als Michel die erste Sore zu Hause ablieferte, warf sie ihn aus dem Haus. Er hat sie nicht wiedergesehen. Inzwischen lebte sie schon lange bei den Engeln.

  Michel fuhr in seinem mehlweißen Einspänner vor. Wacko Brett stand mit ein paar Brookboys vor dem Turm und hob herausfordernd den Hickorystock. „Bist wohl lebensmüde?“

  Der Bäcker stieg vom Bock und leinte die Pferde an die Haltestange. Wacko ging auf ihn zu, aber Willy kam rechtzeitig aus dem Eingang geschossen und drängte sich zwischen die beiden.

  „Sieh mal an, der große Michel Butenschön“, sagte er höflich. „Moin, Moin. Was verschafft uns denn die hohe Ehre?“

  „Moin“, erwiderte der Bäcker. „Das sag’ ich Jack selber.“

  „Dann komm man mit“, sagte Willy.

  „Bist du jetzt Botenjunge?“ lachte Wacko und schlug den Stock in die offene Hand.

  „Wohl. Und du, bist du jetzt Hofhund?“

  „Hör mal!“ sagte Ex-Boxer wütend und ging auf den Bäcker zu, aber Willy sagte: „Mach kein’ Himphamp, Wacko! Jack will dat nicht.“

  „Da haste noch mal Glück gehabt!“ sagte der Schlagetot drohend.

  Willy drehte sich um und ging in das Innere des Turms. Michel folgte ihm. In dem düsteren Gemäuer saßen gut zwei Dutzend Ganoven an Tischen, rauchten, tranken, würfelten oder spielten Karten. Als sie den Bäcker erkannten, erstarrten sie wie Dornröschens Küchenpersonal. Unter den Bohlen quiekten Ratten.

  „Gemütlich habt ihr es hier“, sagte Michel und ließ sich keine Einzelheit entgehen.

  Die Männer staunten ihn an, gaben aber keine Antwort.

  In der Mitte öffnete sich ein Schacht mit Fachwerkwänden. Der Bäcker folgte Willy auf die hölzerne Plattform, die an vier Stahlseilen hing. Willy legte einen Hebel um, und die alte Dampfwinde zog den primitiven Fahrstuhl in schwindelnde Höhen. In jedem Stockwerk öffneten sich riesige Lagerräume voller Schränke, Kisten, Säcke und Fässer. Mit Kennerblick sah Michel, dass hier Raub- und Diebesgut aus Hunderten von Einbrüchen, aber auch jede Menge Schmuggelware lagerte.

  Jack stand immer noch Fenster und genoss den Blick über sein Reich. „Moin, Moin, Michel!“ sagte er.

  Der riesige Molosser knurrte. „Still, Armin“, sagte Jack.

  „Moin, Jack“, sagte der Bäcker. Den Constabler beachtete er gar nicht. „Scheunes Tier.“

  „Ja, nicht wahr? Wenn er sich auf die Hinterpfoten stellt, ist er fast so groß wie du.“

  „Und hat längere Zähne“, erwiderte Michel, angestrengt bemüht, keinesfalls auf den Arnheim zu schielen, was ihm nicht leicht fiel.

  „Heute nicht als Maler unterwegs?“ sagte Constabler Möller grimmig. „Darüber reden wir noch. Sie haben mir die Uniform versaut!“

  Nur ungern geruhte Michel vom ihm Notiz zu nehmen. „Und du versaust mir die Laune, du Achtgroschenpolizist“, sagte er.

  „Lass man gut sein, Möller“, sagte Jack. „Das passt jetzt nicht hierher.“

  „Dann kann ich ja wohl gehen!“ sagte der Constabler wütend.

  „Ja. Tschüs“, sagten Jack und Willy.

  Möller stieg grußlos in den Fahrstuhl und schmetterte den Hebel auf „Abwärts“.

  „Wie geht’s denn immer so, Michel?“ erkundigte sich Jack höflich.

  „Wohl. Was gebt ihr euch bloß mit dieser Kanaille ab!“

  „Man kann sich’s halt nicht aussuchen“, sagte Jack. „Wirklich schön, dass du da bist. Ich wollte dich nämlich schon lange was fragen.“ Er angelte sich einen weiteren Whisky Soda, er trank damals ziemlich viel, wie mir Arthur später erzählte.

  „Und das wäre?“ Auch Michel nahm sich ein Glas.

  „Das wäre, wie kann denn jemand mit solchen Pratzen Bäcker sein, da werden die Brötchen doch viel zu groß?“

  „Ja, weißt du, Jack –  von Hand mach ich ja bloß die Brote, nicht?“

  „Aha. Und wer macht dann die Brötchen, die sieben Zwerge?“

  „Nee, auch ich, aber unter der Achsel.“

  Jack und Willy lachten, und Willy witzelte: „Aller Anfang ist schwer, sagte der Bäcker, als er die Brote zu leicht gemacht hatte.“

  „Euch hat man wohl mit der Reespinne gepiekt“, versetzte Michel.

  „Nun verrate uns aber endlich, warum du gekommen bist“, sagte Jack. „Hoffentlich ist es nichts Unangenehmes.“

  „Wie man’s nimmt, Jack. Ich hab’ dir was mitgebracht. Mit’m schönen Gruß von Johnny.“

  „Will er mir was schenken?“

  „Ja, so ungefähr. Nein, eigentlich nicht. Man kann Sachen ja nicht zweimal verschenken.“

  „Ja, Michel, jetzt machst du es aber spannend.“

  Der Bäcker griff in seine Jacke, zog das Wurfmesser hervor und legte es auf den Tisch.

  „Ach“, sagte Jack. „Aus der Asservatenkammer?“

  Michel nickte. „Von mir persönlich geholt und nun auch übergeben. Ist deins, Jack. Johnny sagt, er hat’s dir schon mal geschenkt, vor zwanzig Jahren, und dabei soll’s bleiben.“

  „Ist noch Polizistenblut dran?“ fragte Jack, nahm das Messer und hielt es vor die Augen. „Hier sind so’n paar braune Stellen. Letzte Grüße von Constabler Flint.“

  „So wird es sein“, sagte der Bäcker.

  Jack wog das Messer prüfend in der Hand und warf es auf das große Wandbild. Mit einem dumpfen Knall schlug es in der Brust eines Slawenhäuptlings ein.

  „Hat Johnny sonst noch was gesagt?“ erkundigte sich Jack.

  „Wohl. Ich soll dir ausrichten, dass er jetzt weiß, wie es damals war.“

  „Klar weiß er das, ich hab’s ihm ja selber gesagt.“

  „Er sagt, er weiß auch das, was du ihm nicht gesagt hast. Du sollst dir aber nichts drauf einbilden.“

  „Tu ich das? Sag’ mir lieber, auf welcher Seite ihr steht, wenn’s hier am Sonntag losgeht.“

  „Auf Johnnys Seite.“

  „Das ist mir klar, Michel. Sonnenklar. Aber auf welcher Seite steht Johnny?“

  „Ich nehme an, auf seiner.“

  „Ich hoffe nur, dass ihr euch nicht gegen uns stellt“, sagte Jack ungeduldig. „Es wäre wirklich schade.“

  Der Bäcker nickte und stellte das Glas auf den Tisch. „Vielen Dank für die Gastfreundschaft.“

  „Du weißt, du kannst jederzeit bei uns einsteigen.“

  „Wohl. Ich frag’ mal meine Frau.“

  Jack und Willy lachten. „Die Häuslichkeit hat dich nicht verändert“, sagte Jack.

  „Dann hab’ ich doch mal die richtige Entscheidung getroffen“, erwiderte der Bäcker.

  „Wahrscheinlich“, sagte Jack. „Hast Glück gehabt. Hoffentlich bleibt’s dir treu.“

  „Hoffentlich“, sagte Michel.

  „Ich bring’ dich runter“, sagte Willy und holte den Aufzug zurück.

  „Schönen Gruß“, sagte Jack zum Abschied.

  „Danke.“

  „Auch an die Sängerin. Tolles Weib.“

  „Welche Sängerin?“ So leicht ließ sich Michel natürlich nicht aufs Glatteis führen.

  Jack lachte. „Wird sich schon eine finden.“

  „Wie du meinst.“

  Michel stieg zu Willy in den Fahrstuhl und rauschte wieder ab.

 

 

 

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