3. Kapitel: Eine böse Geschichte

Sonntag, 12. August 2012
„Die See ist die Große Mutter der Stadt“: Im Binnenhafen an den Butenkajen © Museum für Hamburgische Geschichte

Nackt wie Odysseus vor Nausikaa sprang Johnny aus dem Zuber, hob Nell auf und legte sie auf das Bett. Dann zog er sich rasch an und ging zur Tür. Draußen standen der Nachtportier und das Zimmermädchen und sahen ihn mit großen Augen an.  „Alles in Ordnung“, beruhigte er die beiden. „Passt man op, die Kerls kommen vielleicht zurück, und außerdem gibt’s da noch’n anneren, so’n Hinkefuß. Sagt mir gleich Bescheid, wenn einer von denen auftaucht!“

  „Ja, und die Chefin?“ wagte Bartels immerhin zu fragen.

  „Der geht’s gut“, log Johnny. „Bin ’n olen Freund. Un’ jetzt ab!“

  „Ja, gut“, sagten die beiden, froh, dass sie fortkamen.

  Johnny versuchte, Nell wieder zur Besinnung zu bringen, aber sie war viel zu weit weg, in einer anderen Zeit und in einem anderen Leben. Da sie ruhig und regelmäßig atmete, ließ er sie bald in Ruhe, setzte sich zu ihr und wartete, bis sie von selber wieder erwachte. 

  Als die Sonne ihre goldenen Piekhaken in den Frühnebel steckte,  zog Johnny die Fenster auf und saugte den Blick seiner Jugendzeit in die durstige Seele. Links, hinter den Eisenbögen der Niederbaumbrücke, wo sich der Strom nach Westen weitet, wuchs der Mastenwald des Niederhafens aus dem Nebel, der grau aus der Elbe kroch - "Der Grindel geht um", sagten die Hamburger früher, am Wasser ist es ja nie ganz spukrein. Dort lagen die legendären Salpetersegler an ihren Klusterpfählen, Windhunde der See unter bunten Wimpeln, vergoldet im ewigen Ruhm der Hoorn, Sieger aus stürmischen Atlantikschlachten, mit gepeitschten Flanken, oft verwundet, nie besiegt, immer furchtlos und stets bereit zu einem neuem Wettrennen gegen Boreas  & Co. Neben ihnen thronten die anderen Majestäten der Meeresaristokratie, die großen Seegänger mit ihren drei, vier, fünf Masten, mittenmang in der Strömung vermurt, Amazonen der Ozeane, bis zur Bordkante schwanger mit den Wunderwaren fremder Welten, die Segel auf den vierkant gebrassten Rahen festgemacht. Sie schaukelten in königlichem Schweigen über dem geräuschvollen Gewimmel der Barkassen, Ewer und Oberländer Kähne, überhörten distinguiert die Flüche der Schauerleute und schlossen angewidert die Augen vor der profanen Verzweckung ihrer Großmasten, die als Kräne schuften mussten, wo sie doch geschaffen waren, dem Sturm die Kraft zum Fluge abzutrotzen. Dahinter ragten die Umrisse der großen Dampfer aus dem trägen Wassergewölk, die am Anlegeplatz neben dem Alten Jonas, früher der Kai der Walfänger, auf die nächste Reise warteten. Am Horizont aber schwammen die prachtvollen neuen Bauten der Elbhöhen über den Nebeln wie geheimnisvolle Paläste auf einer Insel jenseits der Zeit: die Seewarte über dem Batteriestand der Signalkanonen, der Elbpavillon und das Seemannshaus mit der Navigationsschule. Hamburgs bester Freund, der Westwind, trug die Gerüche der See zum Kehrwieder, fächelte das kühle, klare Aroma aus Salz und Fisch, Sehnsucht und Ferne in die große Stadt, und über Topp und Takel klagten die Möwen die Leere ihrer Mägen in den Morgen.

   Die See ist die Große Mutter der Stadt, Patronin und Tyrannin, die Hoffnungen segeln und stranden lässt, so wie es das heilige Hochgericht aus Wind und Wogen entscheidet. Auch die Elbe ist eine mächtige Herrin, mit den Fleeten und Kanälen als dienstfertigem Personal. Der Binnenhafen als Majordomus entfaltete diesseits der Niederbaumbrücke ein labyrinthisches Gewirr von Fleeten für Ewer und Schuten, die wie dickbäuchige Mulis die Mahd des Meeres in die Speicher schleppten. Hinter den Kais von Baumwall, Schaartor oder Butenkajen stand die bunte Kulisse der alten Kontorhäuser, der „Segelschiffe des Festlandes“, manche noch immer in die altmodische Ehrbarkeit ihres verschlissenen Fachwerks gekleidet, andere mit der verschmierten Fassadenschminke des Barockzeitalters in den Runzeln, wieder andere neu, aber langweilig und phantasielos im sachlich-modernen Stil flächig-kantiger Schmucklosigkeit, aber alle mit großen, tiefen Schlünden, die niemals satt wurden. Rechts, nach Osten hin, drängte sich das Dovenfleet, heute der Zollkanal, durch die engen Reihen achtstöckiger Speicher zum Oberhafen, in dem die großen Elbkähne von Havel, Oder und Moldau lagen. Aus dem Wasser unter den Fenstern des kleinen Hotels stieg der Erkennungsduft der Stadt, ein durchdringendes Gemisch aus den Gerüchen von Kaffee und Petroleum, Leim und Kohl, Bier und Leder, Zwiebeln und Pferdemist, verwesenden Katzen und verstopften Kloaken.

  Auf dem  Kehrwieder rasselten seit dem ersten Licht unablässig die Eisenräder der Karren über das Kopfsteinpflaster, knallten die Peitschen und hallten die Flüche der Fuhrleute. Der Bücklingmann rief die Hausfrauen, die Drehorgel brachte Walzen zum Weinen, es ächzten die Winden, sirrten die Seile, kläfften Hunde, kreischten Katzen  - in Johnnys Ohren die Motive, Themen und Harmonien jener kühnen Symphonie, die Hamburg heißt. Auf der Straße vor der Likördiele „Zum nassen Sack“ sangen ein paar helle Stimmen das alte Kinderlied:

  Kehrwieder, Kehrwieder,

  im Frühling blüht der Flieder.

  Im Sommer gibt es Brot,

  im Herbst, da kommt die Not,

  im Winter sind wir tot.

   Wie an eine heilige Handlung hingegeben, füllte Johnny Lungen und Sinn mit dem altvertrauten Gemisch von Tönen, Düften und Bildern, bis sich die Speicher seiner Erinnerung mit frischer Ware gefüllt hatten. Erst als er Nell stöhnen hörte, wandte sich sein Bewusstsein wieder der Gegenwart zu.

  „Nelly!“ rief er und kniete rasch neben ihr nieder. „Wach auf!“

  Sie öffnete die Augen, schloss sie aber gleich wieder. „Nein!“ stöhnte sie in höchster Verzweiflung. „Nein!“

  „Doch, Nelly“, sagte er. „Doch.“

  Ich will versuchen, alles so wiederzugeben, wie Nell es mir damals erzählt hat.

  Nell rang eine Weile mit sich, dann atmete sie tief ein, wie ein Schwimmer, bevor er ins Wasser springt. Ihre Lider zuckten, und endlich wagte sie den nächsten Blick, zögernd wie jemand, der erwartet, etwas Entsetzliches zu sehen.

  „Johnny. Johnny“, murmelte sie verwirrt.  „Was ist das - ein Traum?“ Sie hob den Kopf und musterte ihn genauer, so als sähe sie ihn zum ersten Mal.

  „Ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er. „Ich wusste nicht, dass du hier bist.“

  „Es ist mein Hotel“, sagte sie, bemüht, sich an leicht fassliche Tatsachen halten, so wie man sich in einem Wirbelsturm ans Nächstbeste klammert, wenn es nur einigermaßen stabil ist.

  „Das weiß ich, Nelly“, sagte er.

  Sie schöpfte noch einmal tief Atem und richtete sich dann langsam auf. „Johnny! Ich dachte, du bist tot!“

  „Du?“ sagte er verblüfft. „Du dachtest, ich bin tot? Aber wieso denn du?“

  Sie starrte ihn an. „Sollte ich nicht? Sollte ich nicht denken, du wärst tot? Aber Jack sagte doch. …“

  „Jack?“

  „Ja. Jack! Jack! Verstehst du! Jack!“ Nell drehte den Kopf schnell hin und her wie jemand, der einen Alptraum abschütteln will.

  „Hör zu“, sagte Johnny so beruhigend, wie er nur konnte, er hatte ja keine Ahnung, was er nun erfahren sollte. „Jack sollte ja auch allen sagen, dass ich tot bin, verstehst du? So hatten wir es ausgemacht. Allen, aber doch nicht dir! Du solltest immer wissen, dass ich am Leben bin!“

  „Am Leben!“ wiederholte sie, als könne sie es nicht glauben.

  „Was hat Jack denn gesagt?“ fragte Johnny erschrocken.

  „Was er mir gesagt hat?“ stieß sie hervor. „Dass du tot bist, das hat er gesagt! Tot! Verstehst du? Tot!“ Erschöpft sank sie wieder in die Kissen und schluchzte laut. „Tot! Tot! Tot!“

  Erschüttert blickte Johnny auf sie nieder; langsam begann er zu begreifen. „Du hast gedacht, dass ich tot bin?“

  Verzweifelt schlug sie die Hände vors Gesicht. „Tot“, hörte er sie dumpf wiederholen. „Tot!“ Fast glaubte er, sie könne den Verstand verlieren, ihm selbst war es schwer genug, seinen zu behalten. „Beruhige dich doch, Nelly“, sagte er hilflos. „Man immer sachteken! Du siehst doch, ich bin nicht tot, ich bin hier!“ 

  Einige Minuten lang schien es ihm, als könne sie ihn gar nicht hören, dann ging das herzzerreißende Schluchzen in verzweifeltes Weinen über. Unbeholfen streichelte er ihr über das Haar; sie schien es nicht zu spüren.

  „Nelly“, murmelte er. „Ach Nelly. Wenn ich nur gewusst hätte! Ich hätte dich nicht so überraschen dürfen.“

  Sie sagte etwas, das er nicht gleich verstand. „Was?“ fragte er und beugte sich ganz nahe über ihr tränennasses Gesicht.

  „Was gewusst“, brachte sie mühsam hervor. „Was gewusst?“

  „Dass du es so aufnimmst“, sagte er unbeholfen. „Ich bin nicht tot, ich am Leben, sieh mich doch an!“

  „Das ist ja das Schlimme“ flüsterte sie rätselhafterweise. „Oh Gott!“

  Betroffen fuhr er ein wenig zurück. „Soll ich gehen?“ fragte er betroffen.

  Sie atmete ein paarmal tief und versuchte sich wieder zu  sammeln. „Nein“, sagte sie. „Dazu ist es jetzt zu spät.“

  „Du brauchst es nur zu sagen, Nell“, sagte er bereitwillig wie jemand, der noch gar nicht weiß, was genau er denn angerichtet haben soll, es aber schon bereut. „Sag’s nur.“

  Sie schüttelte heftig den Kopf.

   „Aber was ist denn nur?“ murmelte er, unschlüssig, wie zu helfen sei. „Wenn du es mir nicht sagen möchtest – ich will dich nicht drängen.“

  „Dazu ist es jetzt auch zu spät“, sagte sie tonlos.

  Er nahm ihre kraftlosen Hände und hielt sie zwischen den seinen. „Nelly“, murmelte er bedrückt.

  Geduldig wartete er, bis sie sich wieder so weit in der Gewalt hatte, dass sie ihn anschauen konnte. In ihrem Blick lag aber so viel Schmerz, dass es nun er war, der sich abwandte. „Sieh mich nicht so an“, sagte er. „Ich hätte vielleicht schon früher zurückkommen sollen. Aber ich habe doch gedacht…“

  Er stockte. 

  „Ach Johnny“, flüsterte sie.

  „Du musst jetzt nichts sagen“, murmelte er. „Lass dir nur Zeit.“ 

  „Zeit!“ sagte sie plötzlich wie wild. „Zeit! Das hatte zwanzig Jahre Zeit, aber jetzt hat es keine Zeit mehr!“ So entzog ihm ihre Hände und presste sie sich an die Schläfen. „Ach, wenn das doch nur ein Traum wäre!“

  Und nun beschloss sie, den bitteren Trank mit ihm zu teilen, den sie der Wahrheit und einander schuldig waren.

   „Was Jack gesagt hat?“ stieß sie plötzlich heftig hervor. „Er hat  gesagt, dass er  in dieser Nacht damals versucht hätte, dich in Sicherheit zu bringen. Dass du aber schon zuviel Blut verloren hattest. Dass du gesagt hättest,  er soll sich selber retten, bevor es euch alle beide erwischt.  Dass du ihn gebeten hast, und er es dir auch in die Hand versprochen hat, sich um mich zu kümmern. Und dass du dich dann über die Bordwand gerollt hast, weil du gewusst hättest, dass es mit dir sowieso aus war, und du nicht wolltest, dass Jack geschnappt würde. Das hat er gesagt!“

  „Das hat er dir gesagt?“ fragte Johnny ungläubig. „Dir, Nelly? Wirklich? Dir?“

  In ihrem Blick spiegelten sich furchtbare Seelenstürme. „Ja, das hat er gesagt. Und er hat es nicht nur gesagt, er hat es auch getan. Und wie er es getan hat!“

  „Was hat er getan, Nelly? Was? Sag’s mir!“

  Aber sie konnte es ihm nicht erzählen. Noch nicht. Ihre schönen klaren Augen trübten sich mit Tränen, dann schlug sie die Hände vors Gesicht, und ein Schluchzen von Reue, Zorn und Verzweiflung schüttelte sie.

  Als ihr Schluchzen ein wenig leiser wurde, nahm er ihre Hand.  „Warum hat Jack dir denn nicht die Wahrheit gesagt?“ rätselte er.

  „Warum! Warum! Warum!“ stöhnte sie gequält.

  „Jack hat mich wirklich gerettet, Nelly“, sagte Johnny.  „Und er sollte auch überall erzählen, dass ich tot bin, verstehst du? Allen sollte er das erzählen – der Polizei, Lando und den Louis, dem Brook, der ganzen Stadt. Nur dir nicht! Dir sollte er die Wahrheit sagen! Dir sollte er sagen, dass ich am Leben bin! Ich wollte dich doch nachkommen lassen, so schnell wie möglich. Sobald ich irgendwo wieder Boden unter den Füßen hatte. Das hab ich dir doch geschrieben!“

  „Geschrieben?“

  „Ja. In dem Brief!“

  Als sie begriff, sagte sie bitter: „Du hast mir einen Brief geschrieben, Johnny? Und du hast ihn mir über Jack geschickt?“

  „Ja. Postlagernd Cuxhaven. So hatten wir es doch vereinbart, alles andere wäre für dich doch viel zu gefährlich gewesen, die Polizei…“ Er unterbrach sich und fiel in dumpfes Brüten.

  „Oh Johnny“, sagte sie leise. „Armer Johnny!“

  Aufgewühlt starrte er in ihr totenbleiches Gesicht.

  „Armer Johnny!“ flüsterte sie tonlos. „Was ist das? Was ist das nur? Wozu? Wozu?“ Wieder schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte.

  „Zwanzig Jahre!“ hörte er sie zwischendurch seufzen.

  Im Hafen tutete ein Dampfer. Der tierhafte Ruf, der das fröhliche Herz lockt, dem traurigen klagt und dem ängstlichen droht, brachte Nell wieder zu sich. Johnny drückte ihr voller Liebe die Hand, und diesmal erwiderte sie den Druck, aber nur so schwach wie eine Sterbende. Dann sagte sie, langsam und um Beherrschung bemüht: „Du sollst alles wissen, Johnny. Aber sag mir erst, wie es dir geht, und wie es dir ergangen ist. Wo bist du die ganzen Jahre gewesen? Was hast du gemacht? Erzähl’s mir. Wenn ich dann so weit bin, dass ich dir auch alles sagen kann, will ich’s tun. Ich versprech’s dir. Lass mir nur noch ein bisschen Zeit.“

  Er suchte nach Worten.  „Die Geschichte ist aber nicht schön.“ 

  „Erzähl’ von Anfang an“, bat sie. „Ich will alles wissen.“

  „Ja, also …“ Er zögerte, dann fragte er: „Sind sie immer noch hinter mir her?“ 

  „Ich habe schon lange nichts mehr gehört“, antwortete sie. „Aber vergessen wird so was nie.“

  „Klar, es war ja ein Constabler“, sagte Johnny. 

  „Ich habe nie geglaubt, dass du ein Mörder bist, Johnny.“

  Er stand langsam auf, ging zum Fenster und starrte hinaus.

  „Um Flint war es wirklich schade“, sagte Nell und wischte sich die Tränen ab. „Wir waren alle auf der Beerdigung. Die Banden haben natürlich gefeiert, vor allem Lando und seine Louis. Aber auch Jack.“

  „Ja, was sollte er anderes tun, er konnte ja nicht gut mit der Wahrheit heraus.“ Johnny schloß das Fenster und setzte sich wieder aufs Bett.

  „Und was ist nun die Wahrheit?“ fragte sie.

  „Dass ich es nicht gewollt habe, Nelly. Ich wollte Flint nicht umbringen. An so was hätte ich nicht mal im Traum gedacht. Ich wusste ja nicht einmal, dass er da war.“

  „Die Zeitungen haben geschrieben, dass ihr in dem Schuppen klauen wolltet, und Flint euch in die Quere kam.“

  „So? Tja, das hat sich wohl Jack ausgedacht. Die Wahrheit konnte er ja nicht gut sagen. Und Lando auch nicht.“

  „Und wie war es nun wirklich?“ fragte Nell. „Ach, diese Lügen! Diese Lügen, die immer alles zerstören!“

  „Ich kam mit Flint immer gut aus“, sagte Johnny. „Der Dicke war mir sogar sympathisch, weil er öfter mal ein Auge zudrückte, als wir noch Jungs waren. Und weil er sich von den Louis nicht bestechen ließ, wie die anderen Constabler. Jack und ich wollten auf dem Brook Ordnung schaffen, erinnerst du dich?“

  „ O ja“, sagte Nell erschöpft. „Das weiß ich noch. Und wie ich das noch weiß!“

  Johnny sah sie forschend an. „Du weißt, dass wir keine Chorknaben waren. Wir haben schon als kleine Jungs geklaut, wie alle anderen auch, und sind später nachts auch gern mal rüber zu den großen Schiffen, Jack und ich. Aber wir wollten nicht gute Verbrecher werden, sondern gute Matrosen. Allerdings wollten wir auch nicht, dass unsere Leute zu Hause  von Ganoven kujoniert werden, wenn wir auf See sind.“

  Sie seufzte. „Ja, das hast du damals gesagt. Und Jack auch. Dass ihr auf dem Brook Ordnung schaffen wollt. Das ganze Gesindel wegjagen, Lando und seine Louis.“

  „Ja, diese Halunken, die hinter unseren Schwestern und Freundinnen her waren. Auch hinter dir.“

  Nell trocknete ihr Gesicht ins Kopfkissen. „Jetzt holen sie sich die Mädchen bei den Polen in Klein-Warschau“, sagte sie.

  „Warschau?“ wunderte sich Johnny.

  Nell erklärte es ihm: Fabrikbesitzer aus Wilhelmsburg hatten damals ein paar tausend Polen aus Westpreußen angeworben. Die Wollarbeiter hausten mit ihren Familien in fürchterlichen Bruchbuden am Vogelhüttendeich. Die Louis fuhren nachts mit Booten hin, raubten die Mädchen aus den Wohnungen und verschleppten sie in ihre Freudenhäuser. 

  Schließlich berichtete Johnny ein wenig umständlich, was damals vor zwanzig Jahren geschehen war. Nell hörte in großer Spannung und Erregung zu, denn sie wusste ja bis dahin nur, was Jack ihr berichtet hatte. Ich will’s kurz machen: Johnny und Jack wollten den verhassten Oberlouis Lando, der eigentlich Landowiak hieß, in die Falle locken und so durchwalken, dass er sich auf dem Brook nie wieder blicken ließ. Vielleicht war die Idee naiv, die beiden waren damals ja gerade mal einundzwanzig. Immerhin hatten sie den Louis schon ein paar Mal  in ihren Buden das Sündengeld abgenommen und sie vor den Augen der erfreuten Mädels fürchterlich verdroschen. Sie nannten das „französisch Kegeln“.

  Lando war schon damals ziemlich fett, aber bärenstark und verdammt flink mit dem Messer. In Johnnys Erzählung übernimmt es nun Jack, den Oberlouis in einen Schuppen am gerade eingeweihten Sandtorhafen zu lotsen. Er macht Lando vor, er hätte bei einem seiner nächtlichen Streifzüge mit Johnny auf einem Chinasegler eine Kiste Opium erwischt. Lando hat natürlich Interesse, in seinen Etablissements herrscht ständig großer Bedarf, die Freier träumen gern mit Gift, und die Mädchen trösten sich mit dem Zeugs. Also verabredet er sich mit Jack um Mitternacht in dem Schuppen. Es ist stockfinster, aber Jack und Johnny kennen jeden Winkel. Sie haben ausgemacht, bei der geringsten Gefahr sofort Messer zu werfen, um wegzukommen. Als die Tür aufgeht, ruft Jack plötzlich „Verrat!“ und wirft sein Messer, und sagt zu Johnny, wir sind angeschmiert, los, wirf! Und Johnny tut’s, und wirft ins Dunkle, und Jack sagt, Moment mal, da stimmt doch was nicht, das ist gar nicht Lando mit seinen Louis, und macht eine Funzel an. Ein Mann liegt tot auf der Erde, und das ist Flint. Johnny erkennt sein Messer in der Brust des Constablers. Schiet, flucht Jack, und da kommt auch noch Lando mit seinen Leuten.

  „Der Kerl hat uns die Plempe auf den Hals geschickt!“ sagt Jack. „Du musst abhauen!“ Und Johnny türmt. Die Polizei schreibt ihn zur Fahndung aus. Lando will sich rächen, aber Jack sammelt die stärksten Jungs um sich, gründet die Brookboys und jagt die Louis davon wie Saul die Amalekiter.

  Aber was geschah damals nachts auf der Elbe? Jack habe gewusst, dass ein Segler nach Übersee auslief, die „Heilige Jungfrau von Sagres“. Ja, dasselbe Schiff, mit dem Johnny jetzt zurückgekommen war. Johnny packt also seinen Seesack, die beiden legen ihr Geld zusammen, rudern auf den Strom und reden mit dem Kapitän. Der Portugiese verspricht, Johnny aus dem Hafen zu schmuggeln und nach China zu bringen, für fünftausend Mark, die erste Hälfe kassiert er gleich, die zweite will er sich nach der Rückkehr holen.

  „Jack wusste, dass ich dich nachholen wollte“, sagte Johnny. „Was hat er dir denn gesagt?“

  „Was er auch den anderen gesagt hat“, antwortete Nell und gab nun, langsam und mit vielen Stockungen, Jacks Version der Geschichte wieder: In dem Schuppen habe es einen Kampf  mit Lando und den Louis gegeben, dabei habe es auch Johnny erwischt, und zwar ziemlich übel. Erst hätten die beiden Freunde noch geglaubt, es sei nicht so schlimm. Jack habe Johnny das Messer aus der Schulter gezogen und die Wunde notdürftig mit ein paar Fetzen verbunden. Dann sei Jack die Idee mit der „Heiligen Jungfrau“ gekommen, und er sei schnell losgelaufen, um seine und Johnnys Ersparnisse zu holen. Erst als sie schon auf den Strom ruderten, habe Johnny gemerkt, dass er schon fast verblutet war. Ich schaffe es nicht, Jack, habe er gesagt, ich sterbe sowieso, und du sollst nicht an den Galgen, kümmere dich um Nell, und dann habe er sich mit letzter Kraft über Bord  gerollt und sei gleich abgesackt wie ein Stein, Jack habe gar nicht so schnell reagieren können.

  „Und ich habe ihm geglaubt“, stöhnte Nell. „Dabei hätte ich doch spüren müssen, dass du lebst!“

  „Und ich hätte mir denken müssen, dass irgend etwas nicht stimmt“, sagte er traurig und zornig.

  „Jack hat dir geantwortet?“

  „Er schrieb, du hättest einen anderen geheiratet. Ich dachte, du denkst, dass ich ein Mörder bin, und willst nichts mehr von  mir wissen. Es waren ja auch schon drei Jahre vergangen.“

  „Drei Jahre?“ sagte sie verwndert. „Warum hast du denn so lange damit gewartet?“

  Da hatte nun Johnny Übles zu berichten: Kaum in Macao, lässt ihn der Schurke von einem portugiesischen Käpt’n einen Brief an Jack  schreiben, dass er heil angekommen sei. Dann mischt er ihm Opium in den Wein. Als Johnny wieder zu sicht, trägt er eiserne Fußfesseln, und die Aufseher bleuen ihm die bekannten Regeln chinesischer Sklaverei auf einer Opiumplantage ein: Schufterei bis zur Erschöpfung in tropischer Hitze, täglich Prügel, ein Schweinefraß, dazu Malaria, Amöbenruhr oder Gelbes Fieber. „Der Tod wäre leichter gewesen“, sagte Johnny. Und Nell seufzte: „Der Tod ist immer leichter.“ Das war so einer ihrer Sprüche. Als echte Hamburgerin war sie gottesfürchtig, aber nicht fromm.

  Die Schinderei hätte die meisten umgebracht, aber nicht Johnny. Nach drei Jahren kommt endlich die ersehnte Gelegenheit: Einer seiner Peiniger passt mal nicht auf, da rammt ihm Johnny einen angespitzten Bambusstab durchs Auge, reißt ihm die Schlüssel vom Gürtel und schafft es knapp vor den Tibetdoggen in die Sümpfe. Eine Woche später kriecht er halb verhungert in den Vorgarten eines amerikanischen Missionars. Der brave Christenmacher und seine noch nächstenliebendere Frau päppeln ihn  auf. Und das erste, was Johnny tut, als er  wieder einigermaßen beieinander ist: Er schreibt Nell einen Brief.

  Nell musste wieder weinen, so stark sie sonst war, der Schmerz fraß sich wie Säure bis auf den Grund ihrer Seele.

  Nachdem Johnny den Missionaren seine Geschichte erzählt hat, stellen sie ihn als Wächter an. Eines Nachts machen ein paar gefährliche Räuber schlechte Erfahrungen mit ihm. Von da an werden die Missionare nicht mehr bestohlen. Dann kommt ein Brief von Jack. Nell habe einen anderen geheiratet. Von da an ist Johnny alles egal. Seine Wohltäter trösten ihn, so gut sie können, und nehmen ihn mit nach Schanghai. Dort zieht Johnny auf der Suche nach Tod oder Vergessen mit der Fremdenlegion Charles Gordons – ja, derselbe, der später beim Mahdi-Aufstand in Khartum unterging – auf dem Jangtse gegen die Taiping, die damals fast ganz China eroberten und dabei so ungefähr dreißig Millionen Menschen niedergemetzelten. Nach Hamburg schreibt Johnny nie wieder. Später kämpft er mit den Kolonialtruppen in Shanghai,  jagt Triaden und Piraten, ist zwischendurch auch mal Wachmann in einem Konsulat oder Kontor, in Kanton, oder in Hongkong, oder irgendwo auf den Inseln, und Leibwächter für Geschäftsleute. Ein abenteuerliches Leben.

  „Ach Johnny“, klagte Nell. „Warum bist du zurückgekommen! Bisher war’s eine Narbe, jetzt blutet es wieder und es gibt keine Heilung!“

  „Ich wollte gar nicht“, sagte Johnny. „Ich wollt’ alles vergessen, den Brook, die Stadt, mein Leben und dich auch, Nelly. Ich hab’s versucht. Immer, wenn in mir ein Gedanke an früher auftauchen wollte, schüttete ich ein paar Buddeln drauf und dachte, irgendwann ist die Vergangenheit  abgesoffen. Den Kopf kann man zum Vergessen bringen, das Herz aber nie.“

  Er seufzte aus tiefster Seele und fügte hinzu: „Du weißt nicht, wie es ist, wenn du hinter den sieben Meeren am Kai sitzt und auf den großen Pötten die Dampfpipe geht. Die meisten Leute hören nur: „Tuut! Tuut!“, aber wer Heimweh hat, hört  „Home! Home!“ - und ich hörte: „Brook! Brook!“ Und als die Hamburger Schiffe plötzlich nicht mehr unsere Dreitürmeflagge fuhren, wegen Kaiserreich und so, da habe ich noch deutlicher gespürt, dass ich’s doch nicht aufgeben kann, mein früheres Leben, meine Kindheit, meine Heimat. Das ist meine Stadt, Nelly. Hier bin ich geboren, und hier will ich auch sterben. Ich konnte einfach nicht auch noch den Rest meines Lebens am Gelben Meer sitzen und zuschauen, wie unsere Schiffe nach Hause segeln, und nicht mitfahren wollen, selbst wenn es den Hals kostet. Die 'Heilige Jungfrau' kam jedes Jahr, ich schwor mir schon lange: Eines Tages bringt sie mich dorthin zurück, wo sie mich weggeholt hat, und das wird ihre letzte Reise! Tja, aber was den Anstoß gab, das warst du.“

  „Ich dachte, du hast mich vergessen?“

  „Nein, ich habe nur versucht, dich zu vergessen, das ist etwas anderes.  Ich habe es aber nicht geschafft. Nie. Nicht einen verfluchten Tag lang. Und kurz bevor die alte Jungfrau wiederkam, erzählte mir jemand, ein Ingenieur aus Berlin, der in China irgendwelche Kabel verlegen sollte, vor der Abreise hat er hier im Hotel gewohnt - also der hat mir in so ’nem feinen Laden in Schanghai erzählt, dass du bei Jack singst, in diesem komischen Club, oder was das ist. Tja – und das wollte ich mir doch mal anhören.“

  „Ach, so war das“, sagte Nell. Sie wischte sich die Tränen ab. 

 „Ich konnte dich eben doch nicht vergessen, Nelly.“

 Dann musste er ihr erzählen, wie er zurückgekommen war.

  „Auf einem brennenden Schiff?“ rief sie entgeistert. „Aber warum denn? In ein paar Stunden wird die ganze Stadt davon reden!“

  „Das ist schon so in Ordnung“, sagte Johnny.

  „In Ordnung!“ wiederholte Nell verblüfft. „Und die Schiffsleute? Die Portugiesen? Die werden der Polizei doch wohl sagen, wer du bist!“

  „Die wissen das gar nicht“, klärte er sie auf. „Es sind doch ganz andere Leute, nach so vielen Jahren.“

  „Auch der Kapitän?“

  „Der sagt erst recht nichts mehr, ohne Hals.“

  „Johnny!“

  „Das war nicht ich, das waren die Triaden. Er hat ihnen Opium geklaut, und da verstehen sie keinen Spaß. Sie schickten ihm eine Prinzessin des Todes.“

  „Eine was?“

  „So nennen sie ihre Scharfrichterinnen. Ganz junge Mädels, aber unheimlich fix, und schlau wie die Nattern. Wenn die dir erst mal auf der Spur sind, kannst du dein Testament machen, denen ist noch keiner entwischt.“

  Johnny schien richtig froh, nun über was anderes reden zu können, sagte mir Nell später, ihr aber wurde das Herz immer schwerer, denn das Schlimmste stand noch bevor.

  „Aber nun sag mal - was ist denn das für ein Verein?“ fragte Johnny schließlich.

  „Verein?“

  „Na, dieser Nachtclub doch!“

  „In Hamburg der erste, aber in London gibt's schon lange welche.“

  „In Shanghai auch. Und was machst du da?“

  „Wie du schon gesagt hast: Ich singe.“

  „Für Jack?“

  „Für Geld.“

  „Hast du das nötig?“

  „Nein.“

  „Und Jack?“

  „Sei nur recht vorsichtig, Johnny!“

  „Reden muss ich schon mal mit ihm, nicht? Nach dem, was er getan hat!“

  „Leg dich nicht mit ihm an!“ sagte Nell. „Er hat inzwischen einen Haufen Leute um sich, und zwar ganz gefährliche.“

  „Gefährlich bin ich selber.“

  „Du hast doch gesehen, was das für Kerle sind!“

  „Bis auf diese Narbenfresse sind’s nur Zirkusclowns.“

  „Wie du nur redest!“ sagte sie kopfschüttelnd. „Jack ist zu allem fähig, und er ist sehr stark, Johnny. Er tötet Menschen!“

  „Das habe ich auch getan, Nelly. Ich war bei den Soldaten. Ich weiß, wie das Totmachen geht, und nicht bloß mit der Kugel.“

  „Aber du weißt nicht, wie Jack geworden ist“, sagte sie eindringlich. „Er ist, wie wenn du durch den Wald gehst, und plötzlich steht ein großes Tier vor dir auf dem Weg und knurrt dich an und zieht die Lefzen hoch, und du weißt nicht, ist das ein großer Hund, der vielleicht gerade noch ahnt, was ein Mensch ist, und wie es in einer Zivilisation zugeht, und den man irgendwie noch mit Zureden besänftigen kann, oder ist das Wolf, eine reißende Bestie, für die du nur Fleisch bist! Und Jack – Jack ist so ein Wolf!“

  Nell dachte in ihrer Angst, Johnny wolle nun gleich auf Jack losgehen. Sie hatte ein gutes Versteck, bei der alten Ericus-Bastion, das niemand kannte, auch nicht Jack. „Lass uns gleich hingehen“, drängte sie nun. „Wir müssen aber vorsichtig sein, Willy lässt uns bestimmt beobachten, und der Pelikan lungert wahrscheinlich auch noch irgendwo herum.“

  „Hab’ keine Angst“, sagte Johnny und nahm sie wieder fest bei der Hand. „Ich werd’ alles klären.“

  „Was gibt es denn da noch zu klären?“ sagt Nell erregt. „Jack hat uns beide belogen! Er hat unser Leben zerstört! Was willst du da denn noch wissen?“

  „Warum er das getan hat“, sagte Johnny düster. „Warum, Nelly! Nur das noch. Warum er gesagt hat, dass du einen anderen hast.“

  Sie presste die Lippen zusammen. „Das war keine Lüge“, sagte sie mühsam.

  „Nelly!“

  „Ja“, sagte sie. „Es gibt einen anderen. Und das ist Jack. Ich bin seine Frau.“


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