Ein Mann, der sogar viele Engel und Erzengel übertrifft

Donnerstag, 24. Januar 2013

Morgen feiert die Christenheit das Fest der Bekehrung des hl. Paulus wohl im Jahr 37 n.Chr. auf dem Weg nach Damaskus. Seit 2006 wird das Grab des Apostels wieder den Blicken der Gläubigen zur Verehrung dargeboten.

Zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend konnten Besucher der Kirche „S.Paulo fuori de mura“ („vor den Mauern“) damals durch ein kleines Fenster die Außenwand einer antiken Marmorabdeckung sehen, hinter der sich der Sarkophag des Heiligen befindet. Damit endeten die vierjährigen archäologischen Arbeiten an dieser bedeutenden Fundstätte der frühen Christenheit. Ob Fachleute anderer Disziplinen, etwa forensische Pathologen oder Genforscher, Untersuchungen an den Gebeinen des Apostels vornehmen dürfen, kann nur der Papst entscheiden. Das wissenschaftliche Interesse ist groß, und es ist berechtigt. Denn es gilt den sterblichen Überresten eines Mannes, der wie kein anderer das Christentum verfolgte und verbreiten half: Der strenggläubige Sohn eines Pharisäers aus dem heute türkischen Tarsus ist, so Benedikt XVI., „der erste Apostel, der vom auferstandenen Herrn selbst dazu berufen wurde“, und „leuchtet in der Kirchengeschichte wie ein Stern erster Größe“.

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus preist Paulus im 4.Jahrhundert als „eine Persönlichkeit, die sogar viele Engel und Erzengel übertrifft“. Dante nennt den Apostel in seiner „Göttlichen Komödie“ ein „Gefäß der Erwählung“. Die Erinnerung an die Wandlung des gnadenlosen Christenverfolgers zum todesmutigen Missionar durch eine erschütternde Vision vor Damaskus lebt in der markanten Redewendung „vom Saulus zum Paulus“ fort: Der gelernte Zeltmacher Saulus bricht nach Syrien auf, um dort lebende Christen gefangen zu nehmen und zur Bestrafung für ihren Abfall vom jüdischen Tempel nach Jerusalem zu bringen. Da erscheint ihm der Auferstandene und fragt: „Warum verfolgst du mich?“ Eine vorübergehende Erblindung durch das göttliche Licht führt zur Erleuchtung. Der Berufene lässt sich taufen, nimmt den neuen Namen Paulus (vom lateinischen parvulus = der Geringe) an und widmet sein Leben der Verkündigung des Evangeliums. Erst durch ihn und sein Drängen, auch Heiden, also vor allem die hellenische Bevölkerung im Mittelmeerraum, zu bekehren, schlägt das Christentum den Weg zur Weltreligion ein: Ohne Paulus wäre es womöglich eine jüdische Sekte geblieben.

Die Stunde vor Damaskus, sagte Benedikt XVI. am 25.Oktober 2006 in einer Generalaudienz, sei „eine wichtige Lehre“, denn: „Das, worauf es ankommt, ist, Jesus Christus in den Mittelpunkt des eigenen Lebens zu stellen, so dass unsere Identität im wesentlichen von der Gemeinschaft mit Christus und seinem Wort geprägt wird. In seinem Licht wird jeder andere Wert bewahrt und gleichzeitig von möglicherweise vorhandenen Unreinheiten befreit.“

Der „universale Atem“, der das Apostolat des Paulus auszeichnet, wird sogleich spürbar: Nach der entscheidenden Konferenz mit den noch von Jesus berufenen Kirchenführern in Jerusalem zieht er auf zahlreichen Reisen durch Syrien, Kleinasien und Griechenland und gründet überall christliche Gemeinden. Seine neue Heimat wird die damaligen Weltstadt Antiochia, dem heute türkischen Antakya, wo sich die Gläubigen zum ersten Mal „Christen“ nennen.

Wie Petrus kommt Paulus schließlich nach Rom, wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Die Schergen Kaiser Neros führen die beiden wichtigsten Männer der jungen Christenheit wohl im Jahr 67 aus dem Mamertinischen Kerker am Forum zur Hinrichtung vor die Tore der Stadt. Die Verurteilten gehen an der Cestus-Pyramide vorbei und durch die Porta Trigemina (heute Porta San Paolo) und auf die Via Ostiense, bis sie nach einer halben Meile getrennt werden.

Der Abschied zählt zu den bewegendsten Szenen der Kirchengeschichte. Die Männer wissen, dass sie sich auf dieser Welt nicht wiedersehen werden. „Friede sei mit dir, du Fundament der Kirche und Hirte der Schafe und Lämmer Christi“, sagt Paulus. Petrus erwidert: „Geh in Frieden, du Prediger guter Sitten, und Mittler und Führer zum Heil für die Gerechten.“ Dann zerren die Schergen sie fort.

Die einen führen Petrus über den Tiber zu den Gärten des Nero, wo sie ihn kreuzigen. Über dem Grab steht heute der Petersdom. Die anderen bringen Paulus zu den Aquae Salviae, heute Tre Fontane, wo sie ihn enthaupten. Über den Gebeinen errichten Christen im 2.Jahrhundert eine kleine Gedenkstätte. Später baut Kaiser Konstantin dem Heiligen eine Basilika, die heute, vergrößert und nach einem Brand wiedererrichtet, als „St. Paul vor den Mauern“ zu Roms sieben Hauptkirchen zählt.

Die Krypta wird vor rund 500 Jahren geschlossen. 2002 erhält der Archäologe Giorgio Filippi den Auftrag, das Grabmal zu untersuchen. Er öffnet eine Marmorabdeckung mit der Inschrift „PAULO APOSTOLO MART“ – „dem Apostel und Märtyrer Paulus“ – und findet darunter einen römischen Sarkophag. Die Arbeiten fördern auch Reste der konstantinischen Kirche zutage. Der Archäologe hält es sogar für möglich, dort noch Spuren der allerersten Gedenkstätte zu finden.

Seither berät der Vatikan, ob die Forschungen weitergehen sollen. „Das Grab ist noch nie geöffnet worden, es war stets geschlossen und gut geschützt“, sagte damals der Erzpriester der Basilika, Kardinal Andrea Cordero Lanza di Montezomolo. „Die letzte Entscheidung muss der Papst treffen.“ Und das kann dauern.

Mehr als ein Beweis, dass die Gebeine in dem Sarkophag tatsächlich 2000 Jahre alt sind, ist vorerst kaum zu erhoffen. Der Vatikan des 20.Jahrhunderts braucht die moderne Wissenschaft nicht zu fürchten, denn bisher haben alle Untersuchungen die Überlieferung bestätigt, etwa beim Heiligen Grabtuch in Turin, das nach Pollenuntersuchungen tatsächlich zur Zeit Jesu in der Gegend um Jerusalem gewebt wurde. Überdies zählt Paulus zu den glaubwürdigsten Gestalten der Bibel, auf die sich die Kirche berufen kann - besonders wichtig in einer an allem Religiösen zweifelnden Zeit, die nichts so dringend braucht und verlangt wie Authentizität. Und Paulus ist wohl der authentischste unter den Aposteln. Er schildert selbst, was er im Namen Christi litt, dass er „Mühsal ertrug“, „im Gefängnis war“, „geschlagen wurde“ und „in Todesgefahr war“: „Dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch ... Ich war auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.“

Gut möglich, dass forensische Pathologen an den Gebeinen Spuren der Misshandlungen entdecken. Das Haupt des Apostelfürsten indes dürften sie in dem Sarkophag, sollte er denn geöffnet werden, kaum finden: Es wird bereits seit dem 15.April 1370 zur besonderen Verehrung in der Reliquienkammer des päpstlichen Lateranpalastes aufbewahrt – zusammen mit dem des Petrus. 1968 erklärte Papst Paul VI. die Häupter für echt.

Die Gräber der Apostel

Das Grab des Petrus unter dem Hauptaltar des Petersdoms wurde 1940 ausgegraben. Nach den dort gefundenen Gebeinen war der Apostelfürst und erste Papst 163,6 bis 167,9 Zentimeter groß, 60 bis 70 Jahre alt und „von robustem Körperbau“.

Die Gebeine des Jakobus d.Ä. werden im nordwestspanischen Santiago de Compostela verehrt, seit dem Mittelalter ein bedeutender Wallfahrtsort.

Das Haupt des Apostels Andreas, der den Orthodoxen so wichtig ist wie sein jüngerer Bruder Petrus der römischen Kirche, ruht im griechischen Patras.

Johannes ist nach der Überlieferung im Burghügel von Ephesus, dem heute türkischen Efes, beigesetzt.

Die Reliquien des Philippus finden sich in der Kirche Dodici Apostoli („Zwölf Apostel“ in Rom, die des Bartholomäus in der Bartholomäuskirche auf der Tiberinsel, seine Hirnschale aber in der Bartholomäuskirche in Frankfurt am Main. 

Die Reliquien des Thomas liegen auf der Ägäis-Insel Chios, die des Jakobus und Simons des Zeloten verstreut in einem Dutzend europäischer Kirchen. Judas Thaddäus ist im Petersdom, Matthäus in Salerno bestattet. Der für den Verräter Judas gewählte Apostel Matthias ruht im einzigen Apostelgrab nördlich der Alpen, in der Basilika der Benediktinerabtei St. Matthias in Trier.





Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt