Kapitel 57: Der Viaschmahandel

Freitag, 25. Januar 2013
„Das marmorgetäfelte Foyer des Hamburger Hofs“: Der Meßberg 1883 © Museum für Hamburgische Geschichte

Die Frau, der Jack solch ehrendes Gedenken widmete, machte sich um diese Stunde daran, das Kompliment aufs Glänzendste zu bestätigen, und zum Objekt ihrer diesbezüglichen Bemühungen war niemands anders als der Schurkenkonsul Averdar erkoren. Als der Handelsherr und Großspekulant in Frack und Zylinder das marmorgetäfelte Foyer des Hamburger Hofs betrat, ließ ihm die Erwartung großer Geschäfte gewiss das Wasser im Munde zusammenlaufen. Er pflanzte sich in einen der tabakbraunen Queen-Anne-Ohrensessel und schaute den burgunderrot livrierten Kellnern zu, die mit Porzellankannen durch den Kunstpalmendschungel eilten. In einer Ecke spielte eine bildschöne junge Blondine in römischer Toga Harfe. Gäste und Besucher genossen den duftig-zarten Darjeeling unverfälscht, nur einige neureiche Getreidespekulanten aus Husum süßten das aromatische Getränk nach Friesenart mit Kandiszucker. Die Gespräche fügten sich in die gediegene Umgebung: Es ging um Geld und Geschäfte, doch der Ton blieb gedämpft wie das Gemurmel friedlicher, wenn auch goldführender Bäche.

  Averdar war mit der Atmosphäre aus vielen Begegnungen bestens vertraut, aber an diesem Montag empfand er die hier heimische Haltung aus äußerlicher Gelassenheit und innerer Anspannung wohl als besonders prickelnd. Auch ein Mann seines Kalibers wurde nicht alle Tage von einer russischen Großfürstin zum Tee gebeten, die eine eigene Handelsflotte besaß und offenbar von den jüngsten Planungen Hamburger Reeder und preußischer Wasserbauingenieure zum Bau eines Nord-Ostsee-Kanals von Brunsbüttel nach Kiel-Holtenau vernommen hatte. Wenn Ihre Kaiserliche Hoheit also in Hamburg Geschäftsbeziehungen aufnehmen oder vielleicht sogar an gemeinsame Unternehmungen dachte – bitte sehr, der Konsul war bereit. Insbesondere war er bereit, seinem Ärger über den Diebstahl in sein Kontor vor einer Woche und den noch viel schlimmeren in seinem Privathaus vorgestern ein paar geschäftlich ertragreiche Stunden folgen zu lassen. Interessant genug hatte das Schreiben der Großfürstin jedenfalls geklungen.

  Es warteten noch einige andere Überraschungen auf ihn. Die erste bestand darin, dass sein Neffe Augustus auf ihn zutrat.

  „Was machst du denn hier?“ fragte der Konsul verblüfft.

  „Ich hole dich ab, lieber Onkel. Die Gräfin hat mich zu ihrem Repräsentanten in Hamburg bestellt.“

  „Was? Wie kommst du denn zu dieser Ehre?“

  „Mein Professor wohnt hier, und beim Dinner gestern Abend lernte ich sie zufällig kennen.“

  „Donnerwetter.“ Konsul Averdar sah seinen Neffen und, dem Hausgesetz folgend, Erben mit neuen Augen. „Seit wann interessiert du dich plötzlich für Handel und Wandel?“

  Augustus lächelte. „Das liegt uns Averdars doch im Blut!“

  Die nächste Überraschung war, dass die Gräfin bitten ließ, den Tee mit ihr in der Fürstensuite zu nehmen. Ob der Onkel akzeptiere?

  „Aber mein lieber Augustus, was vermögen wir Männer gegen die Wünsche einer schönen Frau?“

  Als dritte Überraschung mochte zählen, dass unter der Livree der großfürstlichen Lakaien, die im Empfangszimmer standen, ziemlich viel Halbseide knisterte. Der gargantueske blonde Kammerdiener mit dem Walrossschnurrbart sah wie ein alternder Tresorknacker, sein Kollege mit dem Ohrring wie ein Seeräuber aus. Der Mohr mit dem Silberblick zwängte sich wohl auch schon mal durch unbewachte Fenster, dem krummen Geier standen lange Nächte in Spielhöllen auf der bleichen Stirn geschrieben, und die kleine Blonde war viel zu hübsch, in einer Stadt wie Hamburg ihr Geld nur als Zofe zu verdienen. Lediglich der großfürstliche Majordomus erwarb mit seiner zackigen Art einiges Zutrauen.

  „Merkwürdiges Personal“, raunte der Konsul dem Neffen zu. „Die Kerle machen keinen günstigen Eindruck, findest du nicht?  Sehen wie Halsabschneider aus.“

  „Sind eben Russen“, erklärte Augustus.

  Der Gecko blinzelte mir zu, und mit dem anderen Auge gleichzeitig dem Bäcker. Kowalski klopfte an die Tür, wartete das „Entrez!“ ab und hielt dem Konsul die Tür auf.

  „Seine Exzellenz der Herr Konsul!“

  Averdar trat mit Augustus ein, und wir trappelten alle hinterher, was den Konsul nicht wenig irritierte.

  „Exzellenz! Welche Freude“, hörten wir Lida mit vorzüglichem Akzent sagen. Der Schleier konnte das Antlitz, das raffinierte schwarze Spitzenkleid jedoch nicht die atemberaubende Figur verbergen.

  Averdar beugte sich tief über den schwarzen Handschuh. „Durchlaucht sind zu gütig!“ säuselte er in einem Tonfall, so geziert wie ein abgespreizter kleiner Finger.

  Wir mussten an uns halten, um nicht loszuprusten.

  „Très charmant“, sagte die Gastgeberin und ließ sich von Averdar zu Tisch führen. Wir warteten auf, so gut uns Lida das in der kurzen Zeit hatte beibringen können. Ich hatte ja immerhin meine Erfahrungen als Aushilfsmamsell, aber die anderen rumpelten einige Male bedenklich mit Kannen und Tassen herum.

  Lida hatte oft genug mit Herren aus Handel und Industrie geplaudert und spielte die Rolle der adeligen Geschäftsfrau fast so überzeugend wie Jago die des treuen Freundes. Gespräche über den geplanten Kanal, die Handelsrouten über die Ostsee, die Hafenanlagen von Reval, Riga und Memel, aber auch Tschajkowskis kürzlich in Moskau uraufgeführten „Eugen Onegin“ begleiteten den Darjeeling, den Lida geschickt und zierlich unter dem Schleier trank.

  Der Konsul fand sich im idealen Einverständnis mit seiner Gastgeberin und stellte Übereinstimmung in allen Fragen fest, selbst denen, die gar nicht besprochen wurden. „Wie darf ich Ihnen denn aber nun mit meinem bescheidenen Mitteln zu Diensten sein, Durchlaucht?“ wollte er schließlich wissen.

  „Mon Dieu, diese Deutschen“, erwiderte die falsche Großfürstin. „Immer so schnell, so zupackend! Geben Sie mir noch ein paar Stunden Zeit, mich umzusehen. Vielleicht möchten Sie mir morgen Ihre Stadt ein wenig zeigen, Exzellenz? Die Börse? Ihr Kontor? Ich würde mich geehrt fühlen.“

  „Parbleu!“ rief der Konsul. „Wann darf ich Durchlaucht abholen? Ich werde Ihnen diese Stadt zu Füßen legen! Allerdings…“ Er machte eine kleine Pause und blickte uns prüfend an.

  „Was sorgt Sie?“ erkundigte sich Lida, während wir möglichst dumm guckten.

  „Votre personnel“, sagte der Konsul verschwörerisch. „Ils ont un peu ètrange, finden Sie nicht?“

  „Mais ils ont étranger, n’est-ce pas? Ist das ein Problem?“

  „Aber nein, Durchlaucht, ganz und gar nicht“, beeilte Averdar sich zu versichern. „Ich wollte nur zu verstehen geben, dass man in dieser Stadt – nun ja, etwas zu Vorurteilen neigt, wenn Sie wissen, was ich meine. Man schließt hier von den Physiognomien der Domestiken auf den Rang der Herrschaft, und ich möchte auf keinen Fall, dass sich einer unserer Pfeffersäcke erhaben fühlt, nur weil Ihre Entourage etwas exotisch wirkt.“

  „Exotique, Exzellenz? Wie darf ich das verstehen? Unser russisches Personal ist zuweilen etwas rustique, doch sind sie treue Seelen.“

  „Certainement“, sagte der Konsul mit kleiner Verneigung.

  Augustus, der einen Heidenspaß an der Situation hatte, erläuterte frisch: „Was mein Onkel sagen möchte, ist, dass Durchlaucht mit Leuten auftreten, die man hier früher vom Galgen geschnitten hätte.“

  Der Konsul verschluckte sich und begann zu husten, wobei er dem Neffen verzweifelt Zeichen machte.

  „Mon Dieu!“ sagte Lida, die ebenfalls nur noch mühsam an sich halten konnte. „Sie meinen, mein Gefolge besteht aus lauter pendardes … wie sagt man bei Ihnen? Galgenvögeln?“

  „Um Himmels willen!“ ächzte Averdar zwischen neuen Hustenanfällen. „Nein, sie sehen nur so aus. Pardon, ich wollte sagen, sie könnten den Eindruck erwecken … nein, auch nicht, sondern böse Menschen könnten auf den Gedanken kommen…“

  „Dass ich eine Betrügerin wäre, Exzellenz?“ sagte Lida mit Würde. „Meinen Sie das? Keine Sorge! Wenn es Ihnen unangenehm ist, mich durch die Börse zu führen, nehme ich den Arm Ihres Herrn Neffen, der ritterlich genug sein wird, mich vor solchen Flegeleien zu schützen.“

  „Vergebung!“ flehte der Konsul und wischte sich vor Aufregung mit der Serviette über die Glatze. „So etwas würde mir niemals in den Sinn kommen, Durchlaucht. Ich wollte doch nur bitten, ob ich Ihnen vielleicht einige Hamburger Dienstboten zur Verfügung dürften, die mit den Sitten und Gebräuchen dieser Stadt auch äußerlich besser vertraut sind.“

  „Ich lasse mich nur von meinen Haushofmeister und meine femme du chambre begleiten“, sagte Lida kühl. „Gestatten Sie das wenigstens, oder sind diese ebenfalls physiognomique?“

  Wir standen wie die Salzsäulen und taten weiter so, als würden wir kein Wort verstehen.

  Der Konsul gab uns einen hastigen Blick und sagte: „O non, Durchlaucht, diese beiden Kreaturen sind tres distinguè, nicht einmal unsere Ratsdiener können sich mit ihnen messen.“

  „Das freut mich zu hören, Exzellenz. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe Briefe zu schreiben.“

  Averdar federte hoch, als habe er die ganze Zeit auf einem Krokodil gesessen. „Ich bin untröstlich, Durchlaucht. Verzeihen Sie meine Offenheit, ich wollte nur Unannehmlichkeiten vorbeugen…“

  „Es soll Ihnen verziehen sein“, sagte Lida huldvoll. „Darüber hinaus gewähre ich Ihnen Gelegenheit, den kleinen faux pas vergessen zu machen. Morgen um elf?“

  „Danke! Danke!“ rief der Konsul erleichtert. „Äh … soll mein Neffe ebenfalls?“

  „Naturellement!“

  „Sehr wohl!“

  Die beiden verbeugten sich tief. Als sie hinausgingen, konnte ich mich nicht enthalten, Augustus zuzuzwinkern. Er winkte heftig ab und eilte seinem Onkel hinterher.

 

 

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