Die Schiffe des Nordens (2)

Dienstag, 29. Januar 2013

2. Die Fahrten der ersten Frachter. Um 4800 v.Chr. fahren die ersten Handelsschiffe an Ufer und Küsten des Nordens. Sie bringen Felsgesteinäxte aus Alpen und Mittelgebirgen in den steinarmen Norden, holen dafür Felle und den kostbaren Bernstein.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

Die Ankunft des Fernhändlers ist das Ereignis des Sommers in dem kleinen Dorf an der Lübecker Bucht. Alles, was Beine hat, läuft zur Anlegestelle. Geschickt bugsieren die vier Ruderknechte den Einbaum auf den Strand. Das Boot ist schwer beladen, es hat Äxte, Beile und sogar eine Milchkuh an Bord – eine Sensation: Mit dem jungen weiblichen Ur beginnt die Viehzucht an Nord- und Ostsee.

Lebendes und totes Inventar kommen weit aus dem Süden: Im Frühling hat der Kaufmann sein zwölf Meter langes Boot am Elbsandsteingebirge beladen, ist dann auf der Elbe zur Nordsee und schließlich auf Eider, Treene und Schlei in die Ostsee geschippert, so wie später die Tauschhändler der Hudsonbay-Company in ihren Kanus über Kanadas Seen zu den Huronen paddeln.

Überall auf den fruchtbaren Lößböden an den Mittelgebirgen ackern Bauern, weiden Hirten Rinder, Schafe und Ziegen, produzieren Handwerker mit Hohlbohrern aus Holunderholz und Quarzsand Klingen für den steinarmen Norden. Aber auch die Jäger und Sammler an der See haben einiges zu bieten: kostbare Robbenfelle, elegante Hochleistungsbögen und den begehrten Bernstein.

„Die Küstenbewohner führten keineswegs ein abgeschottetes, weitgehend isoliertes Dasein“, sagt der Archäologe Dr. Sönke Hartz aus Borgwedel bei Schleswig, „sie scheinen im Gegenteil förmlich den Kontakt mit dem Rest der Welt gesucht zu haben. Insbesondere mit den zeitgenössischen Bauerngesellschaften im heutigen Mitteldeutschland hat ein reger Austausch stattgefunden.“

Der Im- und Exporthandel Hamburgs und der anderen norddeutschen Häfen reicht 7000 Jahre in die Vergangenheit: Damals blüht in Dänemark, Südschweden, Ostholstein und Nordmecklenburg die nach dem wichtigsten Fundort am Limfjord benannte Ertebølle-Kultur. Die ersten Küstenbewohner jagen Auerochsen, schießen Elche, speeren Fische, harpunieren Robben und hinterlassen Berge von Muschel-und Schneckenschalen, die „Kökkenmöddinger“ (dänisch „Küchenabfälle“).

Die ersten Schifffahrtslinien des Nordens führen durch das Flusssystem der Elbe. Der Ostseeraum ist, so Hartz, der „Kommunikationsraum der Steinzeitmenschen.“ Reste des Holzstiels einer im ostholsteinischen Rosenhof zwischen Tierknochen gefundenen Felsgesteinaxt lassen sich nach der Radiokarbonmethode auf 4800 v.Chr. datieren. Den wertvollsten Rohstoff müssen die Hersteller im Elbtal selbst importieren: Die besonders harten Jadeite und Eklogite werden in den Hochgebirgsregionen der Westalpen 2500 Meter über dem Meer gebrochen. Ein Jahrtausend später kommen die ersten Kupferbeile vom Balkan nach Norden. Die Bernsteinstraße führt auf Elbe, Saale, Naab, Donau und Etsch ans Mittelmeer.

Die ersten Terminals der Ostsee sind flache, wettergeschützte Buchten, die ersten Container Weidenkörbe und Tonkrüge, die ersten Kontore die Holzhütten der Häuptlinge, die ersten Überseefrachter Einbäume, aus Lindenstämmen gehöhlt, mit höchstens fünf Leuten bemannt und seetauglich bis Windstärke fünf – bei sechs schlagen die Wellen über die Bordwand. Kentern können sie kaum, denn die nur zwei Zentimeter starken Wände wölben sich aus einem sehr dicken und schweren Boden.

Das Klima zeigt sich den ersten Schiffsleuten gewogen, es ist zwei bis drei Grad wärmer als heute, die Sommer sind lang, die Winde selten stürmisch, die Ströme sind wie Autobahnen, und Rastplätze finden sich an jeder Sandbank, sogar mit Fastfood, denn Wälder und Wasser wimmeln von Tieren. Allerdings muss sich der Reisende vor Bären und Wölfen hüten – und wohl auch vor Fremden, wie Ötzi, der ein paar Jahrhunderte später am Niederjochferner erschossen wird.

Vielleicht hat sich einer der Ruderknechte des Kaufmanns in eine nordische Blonde verliebt und will bleiben. Vielleicht springt für ihn der Sohn des Dorfhäuptlings ein, um die Welt zu sehen und auch, um die Produktionsmethoden des Südens auszuspionieren. Und weil die See keinen wieder loslässt, wird der erste Matrose von der Waterkant wohl bald auch der Urvater unserer Überseehändler werden: Hamburgs wichtigster Wirtschaftszweig wurzelt in jener Vorzeit wie unsere ganze Kultur.

Morgen: Hochseefahrt nach Helgoland

Museums-Tipp

Schleswig, Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf: Einbaum und viele andere Funde der Ertebølle-Kultur. Täglich 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €. Tel.04621/813 222. Info: www.schloss-gottorf.de.

Buch-Tipp

„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg.Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007. 359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

 

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