Die Schiffe des Nordens (3)

Mittwoch, 30. Januar 2013

3. Hochseefahrt nach Helgoland. Um 4000 v.Chr. werden Jäger und Fischer zu Bauern, aber auch zu Seefahrern, wagen sich mit ihren Einbäumen bald sogar auf das offene Meer: Aus Helgoland holen sie kostbaren Flintstein, aus Irland Gold.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

Die Fahrt ist kühn: Das Boot ein Einbaum ohne Mast und Ruder, das Ziel ein kleines Eiland dreißig Seemeilen vor der Küste, an Bord weder Karte noch Kompass, nur Wind und Wellen und nachts die Sterne weisen den Weg.

Doch das winzige Fahrzeug schafft es, landet glücklich am Strand, und ist auch längst nicht das erste auf der einsamen Insel: „Schon vor gut 5000 Jahren haben sich offenbar Menschen auf die unsichere und gefährliche Seereise nach Helgoland begeben“, sagt Claus von Carnap-Bornheim, Direktor des Archäologischen Landesmuseums in Schleswig. „Die nautischen Fähigkeiten der stein- und frühbronzezeitlichen Seeleute sind zweifellos größer gewesen, als wir es zunächst vermuten möchten.“

Das Wagnis lohnt sich, denn nur auf der einzigen deutschen Hochseeinsel findet sich ein kostbarer Stein, der überall an der Nordseeküste gefragt ist: Roter Helgoländer Flint, rotbraun bis burgunderfarben, weißgraue Einsprengsel, dunkles Außenband. Noch heute legen Starkwindlagen auf der Düne größere Knollen frei.

Auf den begehrten Rohstoff für Beile, Meißel, Dolche und Sicheln gründet sich der erste Überseehandel des Nordens. Die ältesten Frachter sind Einbäume, bald wohl mit Auslegern oder als Katamaran, vielleicht auch Fellboote ähnlich den Umiaks der Inuit Grönlands. Sie transportieren die wertvolle Handelsware nach Jütland, Dithmarschen, Hadeln, Ostfriesland und Holland.

Die Ware von der Insel ist konkurrenzlos: „Vergleichbare Farbspiele sind von anderen Vorkommen nicht bekannt“, sagt von Carnap-Bornheim, „dem vorgeschichtlichen Menschen bot Helgoländer Flint einen einzigartigen optischen Eindruck.“

Die Küsten sind auf der Rückfahrt leicht anzusteuern. Für die Hinfahrt wählen die Kapitäne des Neolithikums stets den gleichen Startplatz: Die Spitze der Halbinsel Eiderstedt, die damals noch viel weiter ins Meer hinausragt. Von dort aus paddeln sie bei gutem Wetter in zwanzig Stunden zu der Insel, die damals vierzig Mal größer ist als heute: Helgoland ist der höchste Gipfel einer Hügelkette, die von England nach Friesland reicht und erst nach der letzten Eiszeit ins Meer sinkt.

„Die Geheimnisse der prähistorischen Navigation werden vielleicht weniger rätselhaft, wenn wir die Kenntnisse alter Naturvölker heranziehen“, sagt von Carnap-Bornheim. Wie etwa die Polynesier konnten sich wohl auch die Steinzeitseeleute des Nordens „mit Hilfe von Himmelsbeobachtungen, anhand von Wolkenformationen und Strömungsverhältnissen sowie anderen Naturphänomenen wie beispielsweise dem Flugverhalten von Seevögeln orientieren und dabei auch weite Strecken ohne Landsicht problemlos überwinden.“

Die nordische Nautik fängt nicht bei Null an: Schon tausend Jahre vor den Helgolandfahrern schippern Einbäume über die Ostsee nach Norwegen, Schweden und Bornholm. Doch der entscheidende Fortschritt folgt erst, als die Jäger und Sammler der Waterkant sesshaft geworden sind: Als Bauern und Viehzüchter brauchen sie besseres Werkzeug und auch Tongefäße, die auf der Elbe aus dem Süden kommen – wie bald darauf auch die ersten Metallgegenstände, etwa Kupfergerät aus den Ostalpen. 

Den Einbaum hauen drei Männer in elf Tagen aus dem Stamm einer Linde, mit ihren breiten Stechpaddeln schaffen sie durchschnittlich 3,5 Stundenkilometer. Das Leben der Menschen ist einfach, aber nicht primitiv: Sie wohnen in Reetdachhütten, nähen sich bequeme Lederkleider, jagen mit Harpunen Robben und Wale, halten Milchkühe und legen ihren Toten Gaben fürs Jenseits ins Grab. Ein uralter Kult macht sie zu Kannibalen: Messerspuren an einem Skelett aus Dyrholmen im östlichen Jütland zeigen, dass das Fleisch von den Knochen gelöst wurde, und Schädeltrümmer von der Insel Rothenburg im Malchiner See beweisen, dass Ur-Mecklenburger zuweilen das Gehirn ihrer Toten verzehren.

Die ersten Überseefahrer finden fern hinter Helgoland eine noch weit attraktivere Ware: Sie steuern ihre Nussschalen nach England und durch den Kanal in den Atlantik. In Schwesing bei Husum entdecken Archäologen in einem 5000 Jahre alten Großsteingrab einen 43 Gramm schweren Goldreif aus Irland. Zum ersten Mal hat die nordische Schifffahrt die Grenze Europas erreicht.

Morgen: Eine Barke vom Nil

Museums-Tipps

Schleswig, Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf: Der Holdring von Schwesing, Helgoländer Flint und viele andere Funde der Jungsteinzeit. Täglich 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €. Tel.04621/813 222. Info: www.schloss-gottorf.de.

Ausflugs-Tipp

Nach Helgoland fahren viele Veranstalter, der „Halunder Jet“ schafft es von Hamburg in knapp drei Stunden für 66 Euro, Kinder die Hälfte.

Buch-Tipp

„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg.Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007.359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt