Die Schiffe des Nordens (4)

Donnerstag, 31. Januar 2013

4. Eine Barke vom Nil. Zu Beginn der Bronzezeit um 1600 v.Chr. entwickelt sich im Norden eine völlig neue Kultur, mit der Metallurgie kommen religiöse Vorstellungen aus Ägypten an Nord- und Ostsee. Das Schiff wird zu ihrem stärksten Symbol: Es findet sich auf zehntausenden Felszeichnungen und überquert sogar den gefährlichen Skagerrak.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

Das Schiff auf dem Bronzeschwert von Rørby im Westen der dänischen Hauptinsel Seeland hat einen stark geschwungenen Steven und ein steil aufsteigendes Heck, aber keinen Mast. Striche stellen Männer dar; sie rudern die Sonne auf ihren täglichen Weg vom Morgen zum Abend.

Das Schiff an der Südseite der Cheops-Pyramide hat einen stark geschwungenen Steven, ein steil aufsteigendes Heck und keinen Mast. Für die Besatzung liegen lange Ruder bereit; sie fahren die Sonne durch die Nacht zum neuen Tag.

Boot und Barke aus Nord- und Nilland bezeugen eine verblüffende Verbindung: „Vermutlich existierten im bronzezeitlichen Europa und im Mittelmeerraum gewisse gemeinsame und grundlegende Vorstellungen über den Lauf der Sonne“, schreiben Dr. Flemming Kaul, Kurator im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen, und Dr. Mechtild Freudenberg, 48, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Archäologischen Landesmuseum Schloß Gottorf in Schleswig, in „Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“. Noch fehlten endgültige Beweise, doch könne nicht mehr ausgeschlossen werden, „dass Elemente der ägyptischen Religion den Norden beeinflusst haben“.

Mit dem Metall, so viel steht fest, kommt um 1600 v.Chr. eine neue Kultur an die Küsten von Nord- und Ostsee: „Der Bedarf führt zur Einbindung in ein Netzwerk von Fernbeziehungen“, erklärt das dänisch-deutsche Forscherteam. Neben vielen anderen Gegenständen gelangt das Schwert nach Norden, wird die neue Waffe bald auch hier in großer Formenvielfalt und immer besserer Qualität geschmiedet. Neue Bestattungssitten wie Bronzebeigaben und große Grabhügel bezeugen den Aufstieg einer neuen Elite. Eine neue Bildwelt zeigt Schiff, Pferd, Fisch oder Schlange und spiegelt, so die Autoren, „Änderungen in den religiösen Ideen wider“.

Wichtigstes Symbol der neuen Welt mit neuen Göttern ist das Schiff: „Die Geographie des Nordens mit ihren engen Fjorden und Meeresarmen, Inseln und Halbinseln bietet die offenkundige Erklärung“, meinen Kaul und Freudenberg. „Boote und Schiffe müssen schon seit langem eine herausragende praktische Rolle als Mittel zum Transport, für Verbindungen und Kommunikation im Gebiet von Nord- und Ostsee gespielt haben.“ Auf See können die Bronzezeitler von der Waterkant Entfernungen schneller überwinden. Dolche und Sicheln aus nordjütländischen Feuersteinminen im westlichen Norwegen zeigen, dass wagemutige Seeleute schon um 2000 v.Chr. sogar den tückischen Skagerrak mit seinen gefährlichen Strömungen bezwingen.

„Seetüchtige Schiffe verhalfen zu Reichtum und Macht, zur Kontrolle von Ressourcen, Verbindungen und Neuigkeiten“, wissen die Archäologen. „Durch das Schiff konnten Kenntnisse von anderen Gesellschaften und Kontakte mit anderen Regionen aufgebaut und unterhalten werden. Das Schiff wurde zur Quelle für die Prestigeobjekte der neuen Aristokratie und die heiligen Gegenstände der Religion.“

Und es wurde selbst zum häufigsten aller frommer Symbole: Aus Dänemark sind 160 bronzezeitliche Schiffsdarstellungen auf Steinen bekannt, in der an Felsbildern reichsten Region Bohuslän nördlich von Göteburg sind es mehr als zehntausend. Bronzene Messer, Rasiermesser, Halsringe, Pinzetten, Gürtelschnallen, Kämme, Beile und Schwerter mit Schiffen finden sich zu Hunderten von Jütland bis Schleswig-Holstein.

Wie später die Wikingerschiffe fuhren wohl schon die Boote der  Bronzezeit auf den großen Strömen ins Schwarze Meer und von dort ins Mittelmeer. Mit den Rückkehrern kam der Glaube des Südens nach Norden. Der Mythos vom Pferd als Tier des Sonnengottes stammt wohl aus Griechenland; seit 1400 v.Chr. schmücken Pferdeköpfe nordische Steven. Fisch und Schlange als weitere Helfer des Taggestirns sind ursprünglich ägyptisch. Den heiligen Horusfalken der Pharaonen indes verschmähen die frühnordischen Seefahrer, sie bevorzugen den deutlich vielseitigeren heimischen Wasservogel: Er kann nicht nur fliegen, sondern auch laufen, schwimmen und sogar tauchen, folgt der Sonne unter Wasser in die Nacht – ein Allzwecksymbol, das sich etwa im Schwanenwappen Stormarns bis heute hält.

Morgen: Die Paddel-Piraten von der Unterelbe

Museums-Tipps

Schleswig, Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf: Viele bronzene Messer und Rasiermesser mit Schiffsdarstellungen. Täglich 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €. Tel.04621/813 222. Info: www.schloss-gottorf.de.

Restaurant-Tipp

Ausflugs-Tipp

Vitlycke. Das Vitlycke-Museum liegt bei Strömstadt (Schweden) in der Mitte einer Landschaft, die wegen ihrer über 10 000 Felszeichnungen aus der Bronzezeit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben wurde. Täglich 10-18 Uhr, Tel.0046/705-845829. vitlycke.museum@vgregion.se, www.vitlycke.bohusmus.se.

Buch-Tipp

„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg.Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007.359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt