Die Chance eines Schneeballs in der Hölle

Montag, 13. August 2012
„Bis er aussieht wie das Michelin-Männchen“: King Kahn mit Cup © imago/Ulmer

Die neue Champions-League-Saison weckt neue Hoffnungen, doch das verlorene Finale gegen Chelsea ist noch längst nicht verdaut.

 

Wollen wir überhaupt noch an den 19.Mai denken? Eine wesentlich bessere Motivation verspricht der letzte Endspiel-Erfolg, auch wenn er sehr lange zurückliegt: Am 3.Mai 2001 siegen die Bayern gegen Valencia im Elfmeterschießen. Elf Jahre später führt eine Zeitreise noch einmal ins Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion. Was sehen wir?

Die Männer von der Orangenküste haben keine Blumen im Haar. Diese Basken, Spanier und Argentinier sind harte Hirten. Typen, die keine Fragen stellen, wenn ihr Trainer mal eben befiehlt, dass sie des Teufels Großmutter aus der Hölle holen sollen. Das Elfmeterschießen haben sie herbeigemauert. Jetzt wollen sie die Ernte einfahren. Angst kennen sie nicht. In der Pampas trägt man keine Pampers.

Und es geht es schon gleich gut ab, denn Sergio hat einen Auftritt wie ein alternder Clown: hüftsteif und lendenlahm kickt er die Kugel himmelhoch in die Kacke. Völlig sinnlos. Mit dem Ball verschwinden erste Hoffnungen irgendwo in der Astronomie. Was soll das denn!? Sofort verkaufen, den Kerl, und zwar nach Moldawien, für eine deutsche Mark! Mendieta, der blondeste Belzebub südlich der Pyrenäen, zeigt, was ein Mann in dieser Stunde zu tun hat: Er verlädt Kahn und versenkt das Spielgerät locker im Gehäuse.

Der Reporter behauptet: „Der erste Elfmeter sagt noch gar nichts aus.“ Gilt aber höchstens, weil Bayern Olli Kahn hat. Jetzt kommt allerdings erst mal Salihamidzic. Der ist zwar ein Babyface, aber eins vom Balkan, haut das Ding humorlos rein. Es folgt Carew, der Karibe aus Kabeljau-Country. Auch drin. Damit Valencia zum dritten Mal in diesem Spiel in Führung. Jetzt Zickler. Auch der hält voll drauf. Jetzt bitte keine Fisimatenten mehr: Hoch rein heißt das richtige Rezept, nur nicht flach!

Es nähert sich Zahovic. Kahn steht wie ein Seeungeheuer vor dem Netz, mit Händen wie Hummerscheren. Zweimal ist er nach rechts getaucht, der Slowene denkt offenbar, dass es jetzt mal andersrum geht, aber Kahn bleibt auf Kurs. Er hebt ab wie von einem Trampolin, faustet die Granate aus dem Giebel. Der Reporter stammelt schon mal was von „diesen Wahnsinnsbayern“, denn jetzt kommt Anderson, der hat vier Tage zuvor den Hamburgern einen durch die Schnürsenkel gepfeffert. Bitte nochmal! Aber neiiiiin, was macht der alte Schwede denn da: statt volles Rohr kommt nur ein Krepierer, schlapp nach rechts unten geschoben. Torwart Canizares, der Typ mit der frisch blondierten Techno-Birne, sagt danke. Und tschüs.

Carboni kommt. Kahn schwillt an, bis er aussieht wie das Michelin-Männchen. Entweder er platzt jetzt gleich oder hebt als Ballon ab. Der Mann aus Valencia drischt frech in die Mitte, ein blauer Arm zuckt hoch, lenkt den Kracher an die Latte. Kahn liegt wie eine Schildkröte auf dem Rücken, der Ball prallt neben seinem Kopf auf den Rasen, hoppelt dann höhnisch davon. Kahn robbt hinterher. Das ist keine Becker-Faust mehr, das ist eine Tyson-Keule. Die Stimme des Reporters überschlägt sich. Kahn packt den Ball, fast sieht es aus, als wolle er ihn fressen, aber er schüttelt ihn nur mal kräftig durch.

Will Canizares etwa wieder Mätzchen machen? Effenberg rauscht auf ihn zu wie ein bis aufs Blut gereizter Höckerschwan, dem ein räuberisches Wiesel ans Gelege gehen will. Ein Gesicht wie mit der Axt aus Eisenholz gehauen, die dickste Augenbraue jenseits des Neandertals. Statt des Stinke- droht jetzt ein Zeigefinger: Nicht mit mir! Links oben schlägt es ein. Ja – jetzt führt Bayern!

Aber die Spanier fighten zurück. Baraja lässt sich auf nichts ein, donnert das Ding per Vollspann ins linke Eck. Bayern schickt Lizarazu. Der kleine Welt- und Europameister zimmert den Ball mit baskischer Urgewalt rechts oben rein, haut ihn dann mit Triumphgebrüll noch mal auf den Rasen. Oh weh, jetzt kommt Killy Gonzales, und der sieht aus, als würde er sich mit dem Bajonett rasieren. Schon vor eineinhalb Stunden hat er sich an der Außenlinie mit Kahn angelegt, selbst beim Stirn-an-Stirn-Brüllduell nicht mit der Wimper gezuckt, nur höhnisch gelacht. Bei dem ist nix zu holen: lockerer Antritt, der Schuss perfekt plaziert, Kahn geht gar nicht hin.

Für uns jetzt Linke. Ein braver Mann, aber ist er nicht eher für Kopfbälle gut? Sogar Hitzfeld kriegt es mit der Angst und dreht sich weg. Canizares breitet wieder die Arme aus wie ein Albatros. Er verspekuliert sich aber, und Linke trifft.

Dennoch, jeder hat gesehen: Das war Dusel. Ein weiteres Mal wollen wir das bitte nicht mehr riskieren! Wir haben noch Jancker, dann kommen Hargreaves, Kuffour, Kahn selber, und darf auch Hitzfeld schießen?

Kahn läuft rot an. Seine Körpersprache kennt nur noch drei Worte: Jetzt ist Schluss! Die blaue Brust auf dem Bildschirm wird immer breiter. In allen Köpfen bereits Ausnahmezustand. Der Argentinier Pellegrini guckt sich eine Ecke aus, hält drauf. Zu seinem Pech ist es wieder die Ecke von King Kahn. Der Ball brummt auf dieses Gebirge aus Adrenalin zu wie ein ahnungsloser fetter Maikäfer auf eine Gewitterwand. Der Schuss ist stramm und hat doch nur die Chance eines Schneeballs in der Hölle. Fäuste zucken wie Blitze. Kaum zu glauben, dass unter diesem Hieb nicht die Plastikhülle platzt.

Das Stadion explodiert. Aus Leibeskräften brüllend, rast Kahn mit wehenden blonden Haaren und erhobener Faust durch die Gegend. Es ist eine atavistische, fast unwirkliche Szene, wie man sie in diesem Landstrich wohl zuletzt beim Zug der Kimbern und Teutonen sah. Salihamidzic, Jancker, Andersson, Elber hängen an dem Helden dran, andere wälzen sich jubelnd im Gras. Die Spanier heulen, aber sie heulen wie Männer. Sie werden wiederkommen. Adios!

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