Die Schiffe des Nordens (5)

Freitag, 1. Februar 2013

5. Die Paddel-Piraten von der Unterelbe. Lange vor der Wikingerzeit, schon um 350 v.Chr., setzen sich Krieger auf Ruderbänke und fahren auf Raub aus. Das Boot von Hjortspring auf der dänischen Insel Alsen zeugt von einem solchen „Strandhieb“: Piraten von der Elbe paddeln über die Schlei nach Dänemark, werden aber besiegt und samt ihrer Boote und Waffen im Moor versenkt.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

Der Angriff kommt von See. Kurz vor Sonnenaufgang knirscht ein Kiel im Sand, schwer bewaffnete Männer schleichen zu den Hütten, dann geht alles ganz schnell: Stahl blitzt, Blut fließt, Feuer flammt auf, die Räuber schleppen Beute und Gefangene zum Boot, verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind.

Nicht schnell genug: Der Feuerschein hat Nachbarn alarmiert, und auch sie besitzen schnelle Boote. Von allen Seiten kreisen die Verfolger die Flüchtenden ein. Nach kurzem Kampf müssen sich die Überlebenden ergeben.

Die Piraten kommen aus Hadeln an der Unterelbe, sind auf Eider und Treene zur Schlei und in die Ostsee gefahren. Ihre Bezwinger sind Bauern und Fischer auf der dänischen Insel Alsen. Den Verlauf des Überfalls lesen Archäologen im Hjortspring-Moor: Dort findet ein Bauer um 1880 beim Torfstechen einige Holzstücke. 40 Jahre später beginnen Ausgrabungen. Sie fördern die Requisiten des Dramas zutage: 169 Lanzen, acht Schwerter, 64 Schilde, zehn Kettenhemden – und das Boot, in dem die Seeräuber kamen. Es zählt zu den bedeutendsten Funden der Eisenzeit im Norden.

Rom ist damals noch eine kleine Republik und eben erst vom Heerhaufen des Brennus erobert worden. Die Kelten herrschen bis nach Dänemark, Portugal und Griechenland. Sie schmieden Eisen, beuten die Salzquellen aus, bauen die ersten Städte Mitteleuropas. Die meisten Menschen leben in kleinen Dörfern an Strömen und Meeresküsten: Das Landesinnere ist ein riesiger Urwald.

Das Leben ist hart, ein Klimaumschwung bringt strenge Winter und nasskalte Sommer. Es sind Vorboten jenes gewaltigen Wetterwandels, der später Kimbern und Teutonen nach Süden treibt. Die Eichenwälder der Bronzezeit verschwinden, Regenfluten waschen die Nährstoffe aus und setzen Wiesen unter Wasser, das Getreide verfault auf den Feldern, Moore breiten sich aus. Die Kälte zwingt zu soliden Bauten, die Torfwände sind einen Meter dick. Zum ersten Mal steht das Vieh in Ställen. Die Frauen weben Stoffe aus Schafwolle, schneidern sich mit Nadel und Schere Kleider und Mäntel.

Die Not macht kriegerisch. Erst sollen Raubüberfälle vor dem Hunger retten, dann wandern ganze Dörfer aus – viele auf solchen Booten wie das von Hjortspringe: 19 Meter lang, zwei Meter breit, 500 Kilo schwer und mit nur 35 Zentimetern Tiefgang enorm manövrierfähig. Das Höchsttempo von 13 km/h ist nach 30 Sekunden erreicht, in fünf Sekunden kann das Boot abgestoppt werden, in 80 Sekunden ist ein Kreis von 40 Meter Durchmesser gefahren. Ein originalgetreuer Nachbau zeigt im Sommer 2001, dass kräftige Männer mit 55 Schlägen pro Minute jeden Tag 40 Seemeilen schaffen.

Kraft und Kampfesmut können die Paddel-Piraten von der Unterelbe nicht retten: Wer nicht fällt, wird gefangen und den Göttern geopfert. Auch Boot und Waffen, obwohl kostbar, sinken ins Moor – exakt so, wie es der römische Historiker Orosius später für die Kimbern und Teutonen nach ihren Siegen über die Legionen bezeugt: „Die Kleidung wurde zerrissen und in den Schmutz getreten, Gold und Silber in den Fluss geworfen, die Rüstungen der Männer zerschlagen, der Schmuck der Pferde völlig vernichtet, die Pferde selbst in den Strudeln ersäuft, die Menschen mit Schlingen um den Hals an Bäumen aufgehängt, so dass dem Sieger keine Beute blieb und dem Besiegten kein Mitleid zuteilwurde.“

Der Humanität ein Grauen, der Wissenschaft ein Segen: Das Moor von Hjortspring erhält der Nachwelt nicht nur das erste Kriegsschiff, sondern überhaupt das älteste in dieser Größe erhaltene Wasserfahrzeug Nordeuropas. „Das Boot vermittelt die Faszination früher Technologie und vollendeten Handwerks“, sagen die Autoren. „Für die Archäologie ein ausgesprochener Glücksfall.“

Morgen: Als die Römer nass geworden.

Museums-Tipps
Schleswig, Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf: viele Funde und Darstellungen aus der späten Bronze- und frühen Eisenzeit. Täglich 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €. Tel.04621/813 222. Info: www.schloss-gottorf.de.

Ausflugs-Tipp
Dyvig. Schon Hans-Joachim Kulenkampff steuerte das Städtchen auf der Insel Alsen gern an. Auf der Lindewerft im 1,5 Kilometer entfernten Holm steht ein Nachbau des Hjortspring-Boots.

Buch-Tipp
„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg. Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007. 359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

 

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