„Da brüllten die Berserker“

Montag, 13. August 2012
Atavistische Gewalt: Einen modernen Berserker stellte der Bildhauer Waldemar Grzimek Ende der 1970er Jahre auf dem Marktplatz in Darmstadt. © Dontworry/Wikimedia Commons

Was war das Geheimnis der Killer im Wolfspelz, deren Namen zum Synonym für sinnlose Raserei und Zerstörungswut wurde?

Aufrecht steht Harald Schönhaar, Norwegens erster König, am Vordersteven. Sein Schiff fährt in der Mitte der Schlachtreihe. Die Flotte ist aufgebrochen, um aufrührerische Kleinfürsten und Freibauern zu besiegen, die sich dem Herrscher und der Einigung des Landes widersetzen. Die Seeschlacht im Bocksfjord bei Stavanger im Jahre 872 wird Norwegen für immer verändern. Haralds Wikinger tragen eiserne Helme und lederne Rüstungen. Ihre Schilde hängen an der Bordwand. Mit kraftvollen Schlägen rudern sie dem Feind entgegen.

Die wichtigsten Krieger aber liegen auf den Planken und – schlafen. Die zwölf unheimlichen Gestalten sind in Bärenfelle gehüllt. Die Rufe der anderen stören sie nicht. Die wilden Gesellen sind Haralds beste Kämpfer: Berserker, Elitetruppe und Leibwächter. Sie gelten als unbesiegbar.

Der Schlaf dient ihrer Einstimmung auf die bevorstehende Schlacht. Im Traum verwandeln sich die Männer in reißende Raubtiere. Der König weiß: Wenn sie erwachen, werden sie mit der Kraft und Ausdauer wütender Bären und Bullen, Wölfe und Wildeber kämpfen.

Die anderen Krieger blicken mit Bewunderung, aber auch mit geheimer Furcht auf die Schläfer: Sind die Berserker erst einmal losgelassen, gehen sie wie Besessene, ohne Rücksicht auf andere oder sich selbst, gegen Speere und Schwerter an. In dieser Raserei werden sie auch so manchen Mitstreiter niederschlagen, der ihnen unvorsichtig in die Quere kommt.

Die Berserker schlafen auch dann noch, als die feindliche Flotte schon am Horizont auftaucht. Nur ab und zu zuckt einer von ihnen im Traum oder stößt einen heiseren Schrei aus. Erst als König Harald die Kriegshörner blasen lässt, erheben sie sich von den Planken. Zuerst starren sie einander wie geistesabwesend an. Auf einen Ruf ihres Königs aber packen sie Wurfspieße und Schwerter und steigen zu ihm auf das Vorderdeck, den gefährlichsten Platz in der Schlacht.

Während die feindlichen Schiffe aufeinander zufahren, stampfen die Berserker mit bloßen Füßen auf den Planken — erst langsam, dann immer schneller. Der gespenstische Tanz versetzt sie in wilde Wut. Genau zu Beginn der Schlacht erreichen sie den Höhepunkt ihrer Raserei: Sie beginnen am ganzen Leib zu zittern, ihre Augen blicken glasig und aus ihren weit aufgerissenen Mündern tönt Wolfsgeheul.

Die anderen Krieger des Königs decken sich mit ihren Schildern gegen den Pfeil- und Steinhagel. Die Berserker aber stehen ungeschützt und aufrecht auf dem Vorderdeck und schleudern mit beiden Händen zugleich immer neue Speere auf den Feind. Durch das Krachen zusammenstoßender Schiffe, das Klirren von Eisen und die Schreie der Verwundeten dringt unablässig ihr gellendes Geheul – so lange, bis die Schlacht gewonnen ist.

Nach dem Sieg versorgen die Krieger des Königs die Verletzten und bergen die Gefallenen. Die Berserker aber werfen sich sofort auf die Planken und versinken wieder in tiefen Schlaf. Einige sind so erschöpft, dass sie erst nach drei oder vier Tagen wieder aufwachen.

Harald Schönhaars Heer hat schwere Verluste erlitten, doch die Berserker sind allesamt unverletzt geblieben. „Da war keiner von denen, die vor dem Segel auf dem Königsschiff gestanden hatten, ohne Wunde, heißt es in einem Gedicht des norwegischen Sängers Thorbjörn Hornklofi, „außer denen, die kein Eisen biss. Das waren die Berserker.“

Hornklofi hat die Schlecht selbst miterlebt und in seinen zunächst nur mündlich überlieferten Liedern so beschrieben:

  „Da brüllten die Berserker –

  los brach die Fehde –

  Wolfspelze wild heulend

  Wurfspeere schwenkten.“

Sein Bericht, niedergeschrieben erstmals um das Jahr 1200, ist die älteste schriftliche Quelle, in der das Wort „Berserker“ auftaucht. Die knappen Zeilen enthalten die wesentlichen Merkmale der Krieger: Wildes, ekstatisches Heulen und Kleidung aus Tierfellen – „Berserker“ heißt wörtlich „der Bärenhäutige“. Die Anfänge liegen in mythischer Vorzeit: Der höchste Gott der Germanen, Odin selbst, soll die ersten Tierkrieger kommandiert haben. In der isländischen „Ynglingsaga“ steht: „Odins Männer gingen ohne Rüstungen und waren toll wie Hunde oder Wölfe, bissen in die Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere; sie töteten die Männer, aber weder Feuer noch Eisen konnte ihnen schaden. Das heißt Berserkergang.“

Historiker schließen aus diesen Angaben, dass die frühesten Berserker Anhänger steinzeitlicher Maskenkulte sind. Sie hüllen sich in die Felle der gefährlichsten Tiere ihrer nordischen Welt: Stier, Bär, Wolf und Keiler. Erinnerungen an diese unheimlichen Gestalten leben auch in den Werwolf-Sagen fort. Durch die Verkleidung und was wilde Geheul wollen die Berserker nicht nur Angst und Schrecken verbreiten, sondern sich vor allem die Kräfte der Tiere aneignen. In der Schlacht verzichten sie auf Rüstung und Schild, weil sie fest daran glauben, unverwundbar zu sein. In verschworenen Geheimbünden weihen sie ihr Leben dem Kampf. Ihre Tapferkeit, vor allem aber ihre Fähigkeit, die letzten Reserven zu mobilisieren, machen sie so überlegen, dass sie bald als übernatürliche Wesen erscheinen: Sie werden gleichzeitig als Inkarnationen tierischer Urkraft und als von göttlichen Mächten geleitete Helden verehrt.

Was aber ist nun das Geheimnis dieser rätselhaften Männer, deren Namen heute zum Synonym für sinnlose Raserei und Zerstörungswut geworden ist? Waren sie wirklich gegen jede Verletzung gefeit, wie ihre Zeitgenossen glaubten? Ihre scheinbar übernatürlichen Kräfte schöpften die Berserker, wie der Tübinger Historiker Otto Höfler sagt, wohl vor allem aus der heroischen Hingabe an die Kampfekstase. Sie beherrschen Techniken, um sich vor der Schlacht gezielt in Raserei zu bringen, und sichern sich damit große psychische und physische Vorteile.

Denn im Zustand der Ekstase kann der Mensch das Äußerste aus sich herausholen. Er mobilisiert alle psychischen und physischen Fähigkeiten, die sonst nur in Augenblicken höchster Todesnot frei werden. Der Anstrengung folgt allerdings oft eine totale Erschöpfung. Einige Sagas schildern, wie Berserker nach einer Schlacht sogar vor Schwäche sterben.

In der Ekstase lässt zudem die Empfindlichkeit für Schmerzen nach. Diese weitgehende Anästhesie, so Höfler, ist für viele ekstatische Zustände typisch. Von den Berserkern wird zum Beispiel auch berichtet, dass sie barfuß über glühende Kohlen laufen. Der seltsame Brauch, in neuerer Zeit von Psvcho-Trainern wiederentdeckt, ist Jahrtausende alt und auch aus dem antiken Griechenland bekannt.

Psychologen nehmen an, dass in der Ekstase der Berserker vermehrt Endorphine ausgeschüttet werden. Diese Hormone sorgen dafür, dass das zentrale Nervensystem die Schmerzimpulse oft gar nicht mehr an das Gehirn weiterleitet. So kommt es, dass der rasende Krieger seine Wunden oft erst lange nach Ende der Schlacht spürt.

Auch ein anderes Phänomen, das im Zusammenhang mit ekstatischen Zuständen häufig beobachtet wird, spielt eine wichtige Rolle: Wunden oder Verletzungen bluten viel weniger als sonst. Indische Fakire können in Trance nachweislich ihre Blutgefäße zusammenziehen und sogar ihren Herzschlag verlangsamen. Vermutlich hatten die Berserker ähnliche Fähigkeiten entwickelt. Sie waren zwar nicht wirklich unverwundbar, aber sie bluteten nicht oder nur sehr wenig aus ihren Wunden.

Welche Techniken die Berserker nutzten, um sich gezielt in Ekstase zu versetzen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Vermutlich handelte es sich um einen tranceähnlichen Schlaf und eine Art Selbsthypnose. Das gemeinsame rhythmische Stampfen kurz vor der Schlacht steigerte nach dem Erwachen die Kampfeswut. Nach einer anderen These nutzten sie auch die Drogen der Steinzeit, vor allem den Fliegenpilz. Die darin enthaltenen Halluzinogene bewirken eine kurzfristige Steigerung der Körperkraft und eine ziemlich dauerhafte Unempfindlichkeit gegen Schmerzen.

Übernatürliche Kräfte als Folge von wilder Wut sind nicht nur bei Wikingerkämpfen, sondern auf vielen Schlachtfeldern beobachtet worden. Überliefert ist beispielsweise die unbeschreibliche Raserei der Schweizer Truppen in der Schlacht gegen Kaiser Maximilian I. an der Calven (1499). Die Soldaten hatten sich derart in Wut gesteigert, dass sie sich, als ihre Feinde besiegt waren, auch noch gegenseitig niedermachten.

Berserker-Zustände mögen es auch gewesen sein, als sich 1855 die fanatischen Krieger des Mahdi im Sudan schutzlos ins Geschützfeuer britisch-ägyptischer Truppen warfen. Und noch Soldaten im Zweiten Weltkrieg berichten von Zuständen in Grenzsituationen, in denen sie auf ihnen selbst unerklärliche Weise über sich selbst hinauswuchsen. Allerdings sind die Soldaten nicht wie die Berserker willentlich, sondern spontan in Raserei geraten, vor allem durch das Erlebnis der Todesnähe.

Mit dem Ende der Wikingerzeit, um das Jahr 1000, hört das Berserkertum im klassischen Sinn auf und verroht zur Kraftmeierei. Als sich das Christentum im europäischen Norden ausbreitet, ziehen die letzten Berserker noch eine Weile als Raufbolde herum. Die neue christliche Religion bekämpft alles, was mit dem alten nordischen Asenkult zusammenhängt, mit unerbittlicher Strenge. Am Ende geraten die einst hochverehrten Kriegerbünde der Berserker sogar in den üblen Ruch von Satansbruderschaften.

Der modernen, aufgeklärten, rationalen Welt ist das wissenschaftlich schwer erklärbare Berserker-Phänomen genauso  unheimlich wie den eifernden Missionaren des Mittelalters. In einer modernen Eliteeinheit hätten die wilden Männer keine Chance: Dort werden ruhige, besonnene Charaktere gesucht. Das Ausleben atavistischer Gewalt führt in der modernen Welt geradewegs in die Kriminalität, und so ist der Begriff Berserker, der einst ein höchstes, geradezu heiliges männliches Ideal bezeichnete, heute nur noch ein Schimpfwort, eine Bezeichnung für sinnlose Zerstörungswut und Mordlust.

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt