Die Schiffe des Nordens (6)

Samstag, 2. Februar 2013

6. Als die Römer nass geworden. In der Eisenzeit fahren römische Flotten in die Nordsee, rudern Galeeren auf Ems und Elbe. Doch im Wattenmeer gewinnen die kleinen, wendigen Boote der Germanen Sieg und Krieg. Später plündern Piraten die Küsten des Imperiums von der Waterkant bis ins Mittelmeer.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

„Anfangs war die See ruhig, und sie rauschte nur unter den Rudern der tausend Schiffe oder wurde durch die Segel in Bewegung gebracht“, schildert Tacitus den Rückzug der Römer aus Germanien im Jahr 16 n.Chr. auf Ems und Nordsee. Bald aber bricht ein Sturm los, Untiefen lassen viele Schiffe auflaufen, in ihrer Not werfen die Legionäre Pferde, Zugvieh, Gepäck und zuletzt auch die Waffen über Bord. Das Flaggschiff des Feldherrn Germanicus, eine 40 Meter lange Trireme, landet nach tagelanger Irrfahrt an der Küste der Chauken.

Der Bericht des antiken Historikers zeigt: Obwohl die Flotten des Imperiums damals schon bis Jütland fuhren, sind die Seeleute vom Mittelmeer mit den Tücken von Watt und Wetter nicht vertraut. Immer wieder auch zeigen sich die kleinen, flinken Booten der Westgermanen den großen Galeeren überlegen.

Die römische Eisenzeit bringt das erste Kräftemessen zwischen den Schiffen des Südens und des Nordens. Zwar behauptet Kaiser Augustus in einem Rechenschaftsbericht über seine Regierung, er habe Germanien bis zur Mündung der Elbe unterworfen, weil Drusus 12 v.Chr. ein Stück weit in den Strom fährt. Doch nach der Katastrophe vor der Ems wagt sich eineinhalb Jahrtausende lang keine mediterrane Marinemacht mehr auf den blanken Hans, und dann, 1588, scheitert die spanische Armada noch schlimmer als selbst die alten Römer.

Indessen gehen nordische Seefahrer zum Gegenangriff über: Schon zur Zeit Kaiser Mark Aurels (161-180 n.Chr.) plündern chaukische Piraten die Küsten Hollands und Belgiens. Im 3.Jahrhundert suchen sächsische Seeräuber auch Frankreich und England heim. Und in der Völkerwanderungszeit fahren Sachsen und Vandalen von der Elbe, später Wikinger aus Dänemark sogar nach Spanien, Italien und Afrika.

Die Flotten des Imperiums können die Angreifer weder verfolgen oder gar in ihrer Heimat stellen: Es sei die Frage, so Prof. Dr. Michael Erdrich (48) von der Rodboud-Universität in Nijmegen, „ob die römischen Kriegsschiffe überhaupt in der Lage waren, im Wattenmeer erfolgreich gegen hochmobile Gegner aufzutreten, die zudem über ausgezeichnete Ortskenntnisse verfügten.“

Denn, so der Experte in dem neuen Standardwerk „Es war einmal ein Schiff“ über die Seefahrt des Nordens: Die Prahme für den Transport der Legionen, kiellose, offene Boote mit einem kleinen Segel, sind zwar für den Massenguttransport auf den Flüssen bestens erprobt, aber für eine Fahrt auf stürmischer See bei hohem Wellengang ebenso wenig geeignet wie die klassische Triremen, auf Schnelligkeit ausgelegte Ruderschiffe, auf denen drei Ruderbänke übereinander angebracht sind.

Auch deshalb gibt es seit dem 2.Jahrhundert n.Chr. kaum noch zuverlässige Beschreibungen innergermanischer Ereignisse. Fast wirkt es, als hätten die Römer die Lust verloren, sich mit den barbarischen Bewohnern dieser unwirtlichen Gegend mehr als unbedingt nötig zu beschäftigen.

Das Desinteresse des Kulturvolks geht auf den gleichen Grund zurück wie Beutegier der Barbaren: die Nordseeküste ist rau, arm und gefährlich. „In einer breiten Strömung überflutet der Ozean dort zweimal am Tag das Land“, gruselt sich der Römer Plinius, „damit verhüllt er die ewige Streitfrage der Natur, ob diese Gebiete ein Teil des Landes oder des Meeres sind.“

Schlimmer noch: „Dort leben sie, ein armseliges Volk“, schildert der Forscher. „Dreck, den sie mit den Händen einsammeln, lassen sie eher mit Hilfe der Winde als der Sonne trockne, kochen mit diesem Heizmaterial aus Erde ihre Speisen und wärmen damit ihre vom Nordwind starren Eingeweide.“

Die Folgen der Verachtung sind fatal: Das „strukturelle Unwissen“ über „die politischen und sozialen Entwicklungen im Vorland des Reiches“, so Erdrich, „könnte zu einem nicht mehr zeitgemäßen Bild der innergermanischen Machtverhältnisse geführt haben, wobei die Entstehung neuer und für Rom potenzielle gefährlicher Prozesse unerkannt blieben“ - mit katastrophalen Konsequenzen: Angeln und Sachsen von der Nordsee erobern England, Vandalen von der Elbe Roms Kornkammer im damals überaus fruchtbaren Nordafrika. Die Ostgermanen gehen unter, die Völker von Elbe und Nordsee aber fassen dauerhaft in der Fremde Fuß, auch, weil ihre Schifffahrt die Verbindung zur alten kalten Heimat nicht abreißen lässt. 

Morgen: Vom Kielboot zur Kogge

Museums-Tipp

Stade, Schwedenspeichermuseum, Alter Hafen, Tel.04141/3222, schwedenspeicher@t-online.de. Info www.schwedenspeicher.de. Dienstag-Freitag 11-17, Samstag/Sonntag 10.18 Uhr, 1 €, Familien 1,50 €. Berühmtes Bronzezeit-Schwert von Wiepenkathen, langobardische Kriegswaffen, 12 Meter langer Einbaum, 5000 Jahre alter Goldring von Himmelpforten. Die Goldfibel von Dösemoor beweist, dass Sachsen aus Stade im 5.Jh. nach England fuhren.

Ausflugs-Tipp

Stade, Altstadt mit Hansahafen, Holztretkran von 1661, Rathaus von 1667, Kirche St.Cosmae et Damiani mit Arp-Schnitger-Orgel.

Buch-Tipp

„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg.Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007.359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

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