Die Schiffe des Nordens (7)

Sonntag, 3. Februar 2013

7. Vom Kielboot zur Kogge. Im Mittelalter entwickelt der Norden viele höchst erfolgreiche Schiffstypen. Der Knorr fährt lange vor der Karacke des Kolumbus nach Amerika, das Kielboot erobert Russlands Ströme, und mit der Kogge schwimmt die Hanse auf den Gipfel ihrer Macht.

Seit über siebentausend Jahren sind Menschen auf den Wassern der Nord- und Ostsee, der Elbe, Alster, Trave, Schlei, Ilmenau und anderen Flüsse Norddeutschlands unterwegs. Neue Funde und Forschungen zeigen: Die Kunst der Seefahrt entwickelte sich schon in der Steinzeit zu ungewöhnlicher Blüte. Nyaryum schildert ihre Geschichte in sieben Folgen.

Der Tote ruht mit dem Kopf nach Norden, die Wikingerwaffen in Griffnähe: Schwert, Messer, zwei Schilde, Pfeile im Köcher. Neben ihm liegen wie bei einem heidnischen Häuptling zwei Knechte und Reitpferde. Doch den Knauf und die Parierstange seines silbernen Königsschwerts mit der bronzevergoldeten Griffhülse zieren christliche Motive: Paradiesornamente, Kreuzimitat, Dreifaltigkeitssymbole aus karolingischer Zeit.

Das Grab ist ein Schiff. Vor 99 Jahren wird es in Haithabu ausgegraben: rund 20 Meter lang, dreieinhalb Meter breit, fast zwei Meter tief. Eisennägel halten die Eichenplanken zusammen. Die Identität des Toten ist nicht zweifelsfrei geklärt, doch die Datierung ins erste Viertel des 9.Jahrhunderts deutet auf ein Mitglied der dänischen Königssippe: Im Jahr 826 lässt sich Harald Klak, von asengläubigen Thronrivalen vertrieben, in Mainz taufen, empfängt von Kaiser Ludwig dem Frommen reiche Geschenke, kehrt in seine Heimat zurück, kann sich aber nicht durchsetzen und flieht zum zweiten Mal. Seine Spur verliert sich nahe der Nordgrenze des Frankenreichs: in Haithabu.

Die bedeutendste Handelsstadt des frühmittelalterlichen Nordeuropa liegt im Schnittpunkt der beiden wichtigsten Verkehrswege zwischen den Meeren: Von Norden her treiben jütländische Cowboys ihr Vieh auf dem Ochsenweg zur Elbe. Von Westen und Osten fahren Frachtschiffe auf Schlei, Eider und Treene zur Nord- und Ostsee. Doch nicht nur die Lebenden, auch die Toten reisen auf Welle und Woge: „Die Vorstellung von der Jenseitsfahrt reicht in die Zeit um die Mitte des 1.Jahrtausends zurück“, schreibt der Archäologe Christian Radtke aus Busdorf bei Schleswig, Mitherausgeber des neuen Standardwerks „Es war einmal ein Schiff“, „immer bedeutete das Jenseits ein jenseits des Wassers.“

Das Bootkammergrab erzählt indes nicht nur von der Christianisierung, es zeigt auch die rasche Entwicklung des Schiffbaus im frühen Mittelalter. Schon das nach seinem Fundort beim dänischen Sonderburg benannte Nydam-Schiff aus der Zeit um 320 n.Chr. fasst eine 45köpfige Besatzung. Mit dem Knorr, dem Lastesel der Wikingerzeit, fahren Krieger und Siedler noch im 1.Jahrtausend nach Island, Grönland und Amerika. Die offenen Kielboote kreuzen unter gestreiften Segeln auf den großen Strömen des Ostens bis nach Byzanz, und die Kogge erobert für die Hanse Nord- und Ostsee.

Wie dieses größte Seefahrzeug der Mittelalterflotte genau aussieht, verrät den Forschern erst der Aufsehen erregende Fund der Bremer Kogge 1962 bei Baggerarbeiten im Hafen. Der bauchige Schiffstyp schafft der Hanseflotte eine Ladekapazität von mehr als 100.000 Tonnen, jeder der oft 30 Meter langen Segelfrachter trägt 200 Tonnen über See. Für die Koggen entstehen auch Kais und erste Hafenanlagen im heutigen Sinn. Ihnen verdankt Hamburg seinen Aufstieg vom umkämpften Vorposten des Christentums zur Handelsmetropole Nordeuropas: In den Speichern lagern Pelze aus Finnland, Bernstein aus dem Baltikum, Eisen aus Schweden, Holz und Fische aus Norwegen, Zinn, Wolle und Weizen aus England, Leder und Schmuck aus Irland. Frankreich liefert Salz und Wein, Süddeutschland Waffen und Keramik, die Donauländer schicken Pferde und Gold, Russland Honig, Wachs und Sklaven, vom Mittelmeer kommen Seide, Brokat und Gewürze.

„Neben dem Prozess der Urbanisierung fällt bei den umwälzenden Entwicklungen des Mittelalters den Neuerungen in der Schifffahrt eine entscheidende Rolle zu“, sagt Sven Kalmring aus Kiel, Mitarbeiter des Archäologischen Landesmuseums in Schleswig im Forschungsprojekt Haithabu. „Der Bootsbau selbst fußte auf unterschiedlichen Schiffsbautraditionen, welche die Entwicklung der früh- und hochmittelalterlichen Hafenanlagen bedingten.“

Erst das Schiff, dann der Hafen, dann die Stadt: Es ist eine lange Fahrt von den ersten Einbäumen vor 7000 Jahren zur hochentwickelten Hanseflotte des Spätmittelalters, und sie ist mit den modernen Containerriesen längst nicht zu Ende.

Ende

Museums-Tipps

Schleswig, Archäologisches Landesmuseum Schloss Gottorf: Nydam-Schiff in eigener Halle. Täglich 10-18 Uhr, Eintritt 6 €, ermäßigt 3 €. Tel.04621/813 222. Info: www.schloss-gottorf.de.

Schleswig: Wikingerstadt Haithabu, täglich 9-17 Uhr, 4 €, ermäßigt 2,50 €. Tel.: 04621/813 222, Fax 04621/813 555, info@schloss-gottorf.de, www.schloss-gottorf.de. Das Königsschwert und andere Funde aus dem Bootkammergrab.

Bremerhaven: Deutsches Schiffahrtsmuseum, Hans-Scharoun-Platz 1, Tel.0471/482070, info@dsm.de, www.dsm.de., täglich 10-18 Uhr, 6 €, Kinder 4 €. Die Kogge von 1380 und viele andere Schiffe der Mittelalterflotte.

Ausflugs-Tipp

Bremerhaven: Großer Leuchtturm (Löschenturm) von 1854, Fischereihafen mit Atlanticum (150 000-Liter-Seewasseraquarium), Container-Aussichtsturm.

Buch-Tipps

„Es war einmal ein Schiff. Archäologische Expeditionen zum Meer“, Hrsg. Claus von Carnap-Bornheim, Christian Radtke. marebuchverlag, 2007. 359 S., Abb., Karten, 34,90 €.

„Der Prahm aus dem Hafen von Haithabu“ (Wrack Haithabu IV), Hrsg. Klaus Brandt, Hans Joachim Kühn. Wachholtz-Verlag, 2004. 151 S., Abb., 45 €.

 

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