Kapitel 59: Der Schuss im Bahnhof

Sonntag, 3. Februar 2013
„An einem achtstöckigen, krummen Fachwerkungeheuer mit buckligen Ziegelmauern“: Der Galgenspeicher hinter dem Alten Wandrahm 1891 © Museum für Hamburgische Geschichte

Eine Stunde später traten Jack und Willy in die Remise der Bande. Sie lag am Galgenhof, einem achtstöckigen, krummen Fachwerkungeheuer mit buckligen Ziegelmauern und schiefen Fledermausdächern am hintersten Wandrahmsfleet. Die Galgen waren Winden, und die Seile nicht für Menschen, sondern für Kaffeesäcke oder Teeballen bestimmt, doch in dem halb verfallenen Speicher stapelten schon lange keine Quartiersleute mehr ihre duftenden Schätze. Wacko Brett machte sich zuweilen den Spaß, Schuldner, des Verrats Verdächtige, Ungehorsame oder sonst missliebig gewordene Genossen hochzuziehen und über den Dächern des Elendsviertels baumeln zu lassen, bis sie bereit waren, zu zahlen, zu singen oder zu parieren. Bei den meisten dauerte es nicht lange, bis dieser Zustand erreicht war, besonders wenn Wacko sie von Möwen pieksen ließ, indem er den Hilflosen duftende Heringe in die Hemden steckte.

  Ben der Bremser hatte bereits seine vier besten Pferde, alles Rappen, vor eine besonders leichte, aber stabile Kalesche mit verstärkten Achsen und Rädern gespannt. Willy klopfte dem Leitpferd lobend den Hals.

  „Und?“ fragte er Ben. „Alles fertig?“

  „Klärchen“, sagte der Bremser. „Das sind Höllenviecher, Willy, mit denen holt uns keiner ein.“

  „Hast du ihnen auch nicht zu viel zu futtern und zu saufen gegeben?“ fragte Willy, aber nur, um Spannung abzubauen, und nicht etwa aus Misstrauen, denn ein erfahrener Fluchtkutscher wie Ben würde nie mit vollgefressenen Gäulen auf einem Zinkplatz erscheinen.

  „Bin doch kein Anfänger!“ antwortete Ben denn auch sofort. Er war klein, drahtig, rotblond und trug gern die Mütze verwegen über den Augen. „Meine Leute sind schon für Thurn und Taxis gefahren!“ Darauf war er sehr stolz.

  „Für wen, für Tut-und-tat-nix?“ blödelte Wacko. Der Riese hockte hinter zwei belgischen Kaltblütern auf dem Kutschbock eines großen Fuhrwerks, das bis zum Rand mit Stroh gefüllt war. Auf Wackos Mütze stand „Fremdenführer“.

  „Ist’s auch schön locker?“ fragte Willy misstrauisch. „Ich hab’ keine Lust, mir die Beine zu brechen, nur wie du zu faul warst, die Ballen aufzumachen!“

  „Ich fang dich mit den Armen auf“, versprach Wacko, „und drücke die an die Brust wie eine Mutter ihr Kindlein. Kriegst sogar ein Küsschen.“

  „Dann brech’ ich mir lieber die Beine. Los, die Preußen sind doof, aber pünktlich.“

  Willys Gewehr steckte in einer Pferdedecke. Es war ein Mauser-Repetiergewehr mit verbessertem Visier. Er hatte es erst ein paar Wochen zuvor besorgt und fleißig eingeschossen.

  Der Hannoversche Bahnhof lag an der Elbe wie eine fette Schöne im Spitzenjabot. Die schmalen Rundbogenfenster konnten die Wucht der beiden mächtigen Türme an der Vorderfront so wenig mindern wie Seidengaze die drohende Schwere eines überbordenden Dekolletés. Das tonnenförmige Dach bog sich über die Halle wie ein gusseisernes Korsett, und die gesamte Architektur ruhte in jener trägen Breite auf dem teuren Boden, die sich nur aus Steuergeldern errichtete Zweckbauten erlauben können.

  Wacko rangierte sein Fuhrwerk am hinteren Ende der Halle direkt unter das Dach, Ben seine Kalesche dicht daneben. Die Bahnhofsuhr zeigte Clock Drei. Willy nahm die Decke unter den Arm, spazierte um den Bahnhof herum und  verschwand in einem der Türme. Im dritten Stock kletterte er aus dem Fenster und schwang sich aufs Dach. Die Polizei konnte sein Vorgehen später exakt rekonstruieren.

  Aus der zugigen Höhe bot sich ein atemberaubender Blick über Schienen und Schiffe. Die Portale der neuen Eisenbahnbrücke über die Norderelbe stachen wie mittelalterliche Wehrtürme in den Himmel, doch Willy hatte sicher kein Auge für das imposante Panorama. Sorgfältig suchte er den besten Platz für seinen Anschlag aus. In seinem höchsten Bogen war das Eisengewölbe von Verglasungen durchbrochen. Willy kroch auf allen Vieren zum Rand der Lichtkuppel, zog Saugnapf und Glasschneider aus der Tasche und nahm vorsichtig eine der Scheiben heraus. Zwölf Meter unter ihm wogte das Gewimmel der Reisenden durch die offene Halle. Ein Zug nach Bremen stand zur Abfahrt bereit. Überall patrouillierten Constabler. Adolph Ritter von Ulzburg-Stegen dirigierte persönlich das Großaufgebot der Sicherungskräfte.

  Eine halbe Stunde später lief der Zug aus Hannover preußisch pünktlich ein. Vier stämmige Polizisten mit Pickelhauben trugen den Dorsch auf einer Bahre aus dem letzten Wagen. Die dicken Kopfverbände ließen nur Augen und Mund frei.

  „Passt nur gut auf!“ sagte Diet, dem Böses schwante. „Hier ist bestimmt Willy, um mich abzumurksen!“

  Wacko hatte sein Fuhrwerk inzwischen verlassen. Er trat in die Halle, fuhr die Boxerpranke aus und packte einen vornehm gekleideten Reisenden am Genick. „Soll ich dir mal Hamburg zeigen?“

  „Was erlauben Sie sich!“ rief sein Opfer, ein Assecuranzmakler aus Bremerhaven. „Lassen Sie mich sofort los!“

  „Da drüben liegt es!“ sagte Wacko und hob sein Opfer am Kopf wie ein Kind in die Höhe. „Kannst du’s sehen?“

  „Hilfe!“ schrie der Mann und strampelte mit den kurzen Beinen. Die Constabler in der Nähe setzten sich in Bewegung.

  Diet der Dorsch hörte den Tumult. „Was ist da los?“

  „Nichts“, beruhigte einer der Preußen. „Bloß so’n Streit mit’m Fremdenführer.“

  „Fremdenführer? Auf’m Brook?“, sagte der Dorsch nervös. „Hat der Kerl eine Narbe?“

  „Nein, du Angsthase“, sagte die Pickelhaube. „und jetzt Klappe, wir sind weder blind noch blöd!“

  „Und die Kollegen auch nicht“, sagte ein anderer. „Hier ist alles voller Polizei, die Constabler haben sogar Gewehre.“

  Der Dorsch fuhr erschrocken auf, der dachte wohl an Möller. „Was haben die? Gewehre? Bringt mich sofort wieder in den Waggon!“

  „Du bist wohl bekloppt“, sagte ein dritter, „die Constabler sind’s, die Gewehre haben, nicht deine alten Freunde!“

  Er hatte den Satz kaum beendet, als ein Schuss durch die Halle peitschte. Auf seiner Bahre sackte Diet zusammen. Seine ganzes Gesicht war rot, und der halbe Hinterkopf fehlte.

  Einen Augenblick stand die Menge der Reisenden, Bahnwärter, Kontrolleure, Gepäckträger, Verkäufer und Diebe wie erstarrt. Dann rissen die Hamburger Constabler ihre neuen Gewehre hoch und feuerten ziellos in die Dachkonstruktion. Panik brach aus. Schreckensschreie hallten über die Bahnsteige. Männer stellten sich schützend vor Frauen und Kinder. Die Pickelhauben rannten laut fluchend mit der Bahre zu ihrem Waggon. In allen Ecken trillerten Signalpfeifen. Der Erste Polizeiherr brüllte Befehle, die niemand befolgte.

  Willy war da schon längst an den Rand des Daches geklettert. Er sprang mit seinem Gewehr zehn Meter tief ins Stroh, kletterte vom Fuhrwerk und warf sich in die Kalesche. Ben der Bremser hieb auf die Pferde ein, und die Rappen rasten los, als zögen sie Kleists Achill aus Penthesileas Pfeilschussweite.

  „Raus!“ brüllte Bulldog mit hochrotem Kopf.

  Wacko beschäftigte inzwischen sechs Polizisten. „Ich bin Fremdenführer“, beschwerte er sich, „und habe dem Herrn soeben meine Dienste angetragen, da fängt er plötzlich an zu schreien. Sehe ich etwa aus wie ein Taschendieb?“

  „Der Kerl hat mich einfach am Genick gepackt und hochgehoben!“ schrie der Reisende erbost. „Ich finde das unerhört!“

  Im nächsten Moment erhielt er einen heftigen Stoß und kullerte auf dem Boden davon. Wacko trat rasch zur Seite. Die Constabler stürmten an ihm vorbei aus der Halle und ballerten auf Bens Kalesche, was das Zeug hielt, aber sie war schon zu weit entfernt.

  „Hinterher!“ schrie der Erste Polizeiherr, und die Constabler stürzten zu ihren Kutschen. Wacko Brett machte sich in die andere Richtung davon.

  Eine Stunde später traten die beiden in Jacks Büro.

  „Dorsch kannst du vom Einkaufszettel streichen“, sagte Willy. „Der ist alle.“

  „Gut“, sagte Jack. „Morgen buddelt ihr ihn aus, fürs Gaswerk. Damit alle wissen, was solchen Schweinekerlen blüht, die uns verpfeifen.“

  Wenn ich mich nicht schwer irre, kam ich in den Alsterpavillon, als der alte Jack dort gerade wieder abgezogen war. Und auf wen wartete ich dort? Auf seinen Herrn Sohn!

 

Neugierig, wie es weitergeht? Kehrwieder Johnny - der ganze Roman jetzt auch für den Kindle bei www.amazon.de!

 

 

 

Dieser Artikel ist in folgenden Kategorien


Schreiben Sie einen Kommentar


:


:


:


:


*:
Bitte achten Sie auf weitere Anweisungen im nächsten Schritt