Kapitel 60: Das Liebesnest

Freitag, 8. Februar 2013
„Hamburg ist wie ein großer Wald“: Blick vom Kehrwieder auf die Butenkajen 1885 © Museum für Hamburgische Geschichte

Hamburg ist wie ein großer Wald, zwischen den vielen Bäumen kann man kann sich leicht verirren, aber die Einstände, Wechsel und Tränken der Großtiere sind ziemlich klein an Raum und Zahl, es kreist alles um die paar hundert Meter zwischen Rathaus, Börse und Jungfernstieg.

  Mein bildungshungriger Danny war in seinem „Titan“ an die Stelle gekommen, an der Idoine so schön sagt: „Die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf einen Mastbaum setzt, der selber ziehet; ich lobe mir einen hübschen grünen Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt.“ Prompt machte er mir einen veritablen Heiratsantrag. Auf Knien, vor allen Leuten!

  „Aber Danny“, sagte ich glücklich, wenn auch viel nüchterner als er, und zog ihn zurück auf seinen Stuhl. „Lieber, lieber Danny, wie soll denn das gehen? Du hast noch nicht mal meinen Eltern gesprochen!“ Es regnete immer noch.

  „Wenn du willst, tue ich es noch heute!“ rief er, vom eigenen Schwung hin- und mitgerissen. Komm, wir gehen sofort zu ihnen!“

  „Bei dem Wetter?“ lachte ich.

  Er zog ein Gesicht.

  „So fix geht das nicht“, sagte ich, „ich muss sie ja wohl man erst ein bisschen vorbereiten.“

  „Heißt das, deine Leute wissen noch gar nichts von mir?“ fragte er misstrauisch.

  „Jedenfalls wissen sie nicht, dass ich dich heiraten will“, erwiderte ich. „Ich glaube, sie wissen noch nicht mal, dass ich überhaupt heiraten will.“

  „Aber du willst doch, nicht wahr? Bitte sag’ ja!“

  „Aber ja, Danny, ja, ja, ich liebe dich doch! Aber sieh mal – meine Leute muss ich schon fragen, das siehst du doch ein. Ihr müsst ja auch miteinander zurechtkommen, wenn wir erst mal verheiratet sind.“

  „Das werden wir, das werden wir“, sagte er begeistert.

  „Woher willst du das so genau wissen?“ lachte ich. „Du kennst sie ja noch gar nicht.“

  „Ach“, sagte er in seiner jugendlichen Unbefangenheit, „so schlimm können sie gar nicht sein, dass ich nicht mit ihnen klarkomme.“

  „Da bin ich aber froh“, sagte ich. „Und wenn es ganz arme Leute sind?“

  „Wieso, ich denke, ihr habt ein Geschäft?“

  „Nur mal so! Vielleicht stimmt das ja alles nicht, und ich hab’ dich bloß angelogen.“

  „Nein, jetzt, jetzt schwindelst du, gib’s zu!“

  „Und wenn mein Vater ein Säufer wäre?“

  „Finden wir für ihn einen Platz in der Trinkerheilanstalt, bis er wieder gesund ist.“

  „Danke für Obst und Südfrüchte. Und wenn er aber ein Dieb ist?“

  „Wenn ich dich heirate, braucht er nie wieder zu stehlen.“

  „Noch mal danke. Und wenn er im Gefängnis sitzt?“

  „Besuchen wir ihn, und wenn er wieder rauskommt, beschafft ihm Papa eine gute Stellung.“

  „Und wenn er ein Mörder ist?“

  „Oh Gott, Helena, was hast du nur für eine Phantasie? Aber selbst wenn dein Papa der größte Verbrecher der Menschheit wäre: Ich würde dich genau so lieben wie jetzt, das schwöre ich dir! Aber jetzt mal im Ernst: Wann willst du mich ihnen denn endlich vorstellen? Ich kann’s kaum erwarten.“

  Ich merkte, dass ich mir etwas einfallen lassen musste. „Vielleicht schon bald“, sagte ich. „Aber hör mal, Danny - wir haben es doch nicht eilig, oder? Du gehst noch zur Schule, ich bin noch in der Lehre, außerdem sind wir lange nicht volljährig. Und wozu auch schon heiraten, man weiß doch nicht, vielleicht kommt noch was Besseres nach.“

  „Du falsche Schlange“, lachte er ungläubig, „du willst mich wohl auf den Arm nehmen! Dafür krieg’ ich nachher aber einen Seuten.“

  „Du kriegst sogar zwei“, versprach ich. „Aber jetzt Schluss mit dem Thema.“

  „Aber können wir denn nicht wenigstens schon mal so tun, als wenn wir verheiratet wären?“ fragte er so listig, dass ich ihm fast mit meinem Pompadour eins übergezogen hätte – was ich allerdings ein paar Sekunden später nachholte, denn es stellte sich heraus: Danny hatte doch tatsächlich eine kleine Wohnung gemietet, am Dovenfleet gleich neben dem Zippelhaus, wo die Vierländer Gemüsehökerinnen ihre Zwiebeln kellern, bei einer Schlummermutter mit offenkundigem Verständnis für junge Herren, die einen diskreten Unterschlupf suchten.

  „Frechheit!“ sagte ich. „Für was für eine billige Zusel hältst du mich wohl!“

  „Aber Helena“, flehte er, „bei solchem Wetter können wir doch keine Bootspartie machen, das lässt Papa auf keinen Fall zu!“

  „Ach, dein Papa“, sagte ich, wobei ich boshafterweise die vornehme Betonung auf der Endsilbe nachäffte. „Der gibt wohl auch das Geld für die Miete, damit sich der Herr Sohn die Hörner abstoßen kann.“

  „Wo denkst du hin!“ rief Danny verzweifelt. „Papa darf davon auf keinen Fall erfahren!“

  „Und woher kommt das Geld?“

  Er druckste ein bisschen herum. „Von Mama“, brachte er schließlich heraus.

  Ich musste lachen. Die gute Nell! „Ja, das ist natürlich was anderes“, sagte ich.

  „Wirklich?“ fragte er misstrauisch. „Du bist nicht mehr böse?“

  „Aber nein.“

  „Darf ich es dir mal zeigen?“

   „Jetzt, am helllichten Tag? Bist du verrückt?“

  „Wieso?“ wunderte er sich. „Die Wirtin hat gesagt, wir dürfen jederzeit kommen, es macht ihr gar nichts aus.“

  „Ach, das ist ja schön“, sagte ich. „Und wenn uns jemand sieht?“

  „Da sieht uns keiner“, suchte er mich zu beruhigen. „Jedenfalls keiner, der uns kennt. Das ist finsterstes Hafenviertel, weißt du.“

  „Das wird ja immer besser“, sagte ich.

  „Ja, nicht wahr?“ sagte er eifrig. „Das ist ja das Schöne an diesen verrufenen Gegenden, dass sich dort keiner um den anderen kümmert.“

  „Wie bequem!“

  „Weißt du“, fügte er im Ton eines Entdeckers hinzu, der eben einen Kontinent der Unwissenheit entrissen hat, „dort nehmen die Seeleute ihre Mädchen aus den Kneipen mit nach oben.“

  Diesmal ersparte ich mir eine Antwort, in seinem Zustand haben Männer nun mal keine Antenne für weiblichen Sarkasmus.

  „Du bekommst sogar einen eigenen Schlüssel“, sagte Danny stolz und schob mir mit einer Miene, als habe er höchstpersönlich ein Sesam-öffne-dich geschmiedet, ein Stück Altmetall über den Tisch, dem ich gleich ansehen konnte, dass ich die dazu passende Tür auch mit der Hutnadel aufkriegen würde. Ich steckte das Ding natürlich trotzdem ein.

  „Kommst du?“ fragte er. „Ach bitte! Gleich, wenn es dunkel wird.“

  „Ich will mal sehen“, antwortete ich.

  „Ich warte auf dich“, sagte er beschwörend mit einem tiefen Blick in meine empfänglichen Augen – ach Danny, wenn du geahnt hättest, wie viel Selbstbeherrschung es mich gekostet, nicht  auf der Stelle mit dir dort hinzugehen! Aber wenn man Anstand hat, muss man ihn auch wahren, sonst ist er ganz schnell weg. Ja, wenn wir die beiden einzigen Menschen auf der Welt gewesen wären! Aber das waren wir leider nicht.

  Ungefähr eine Stunde später beobachteten Beamte der politischen Polizei, dass Constabler Möller das Kontorhaus der Guyana-Companie am Alsterdamm betrat. Er blieb fünfundzwanzig Minuten. Kurz nachdem er wieder gegangen war, wurde der Kutscher Alfons beim Konsul vorgelassen. Um die rechte Hand trug er einen dicken Verband. Später gab er zu Protokoll, er habe seinem Chef mitgeteilt, dass er den Mann auf dem Fahndungsplakat erkannt habe; es sei derselbe, der ihm auf dem  Vogelhüttendeich die Hand zertrümmert habe. Als er auf Nachfrage habe einräumen müssen, dass er den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Gesuchten nicht wusste, habe der Konsul ihn entlassen und hinausgeworfen. Daraufhin erzählte der Kutscher seine Geschichte in der Raboisenwache, wo ihm der Constabler Godfroy sehr aufmerksam zuhörte. Besser gesagt, ihm auf den Zahn fühlte, und zwar ganz gehörig.

  „Am Vogelhüttendeich, sagen Sie? Auf preußischem Gebiet?“

  „Jawohl, Herr Constabler.“

  „Und Ihr Chef, der Konsul, war dabei?“

  „Nein, Herr Constabler, nicht der Konsul, sondern der junge Herr Averdar, sein Neffe. Er heißt Augustus.“

  Dem misstrauischen Constabler entging nicht, dass der Kutscher bald immer nervöser wurde. „Zuerst dachte ich nur, es wolle sich mal wieder jemand eine Belohnung erschwindeln“, erzählte mir Godfroy später, „aber bald wurde mir klar, dass sich mehr dahinter verbarg.“

  „Und dieser Neffe steckt mit einem Polizistenmörder unter der Decke?“ bohrte Godfroy weiter.

  „Nein, Herr Constabler. Der junge Herr fuhr mit mir, und zwar zuerst zum Hamburger Hof, um diesen Engländer aufzusuchen, mit dem er diesen Tempel…“

  „Tempel? Sie meinen, im Siel, am Glockengießerwall?“

  „Genau der, Herr Constabler.“

  „Und weiter?“

  „Kaum waren wir am Vogelhüttendeich, da kam der Polizistenmörder in einer Barkasse, die er entführt hatte, über den Reiherstieg angedampft.“

  „Mott hat eine Barkasse überfallen?“

  „Jawohl.“

  „Wozu denn, was wollte er denn damit?“ fragte Godfroy streng.

  „Ich weiß es nicht, Herr Constabler.“

  „So. Sie wissen es nicht. Was vermuten Sie denn?“

  „Es steht mir nicht zu, hier Vermutungen zu äußern.“

  „So?“ Godfroy wurde scharf. „Aber mir steht es zu, Sie um Ihre Vermutungen zu ersuchen, Mann! Also reden Sie gefälligst!“

  „Jawohl, Herr Constabler“, sagte Alfons eingeschüchtert. „Ich glaube, er wollte möglichst schnell zum Vogelhüttendeich, Herr Constabler.“

  „Zu welchem Zweck?“

  „Das weiß ich nicht, Herr Constabler. Wir waren gerade von diesem Verbrechern überfallen worden…“

  „Verbrechern? Mott hatte Komplizen?“

  „Nein, Herr Constabler. Das heißt, ja, einen. Einen Polen. Und später kam noch ein junges Mädchen angelaufen.“

  „Und die haben Sie dann überfallen?“

  „Nein, Herr Constabler. Das waren andere.“

  „Was, andere?“

  „Andere Verbrecher, Herr Constabler.“

  „Kannten Sie sie?“

  „Nein. Wir wollten gerade…“

  „Wer ist ‚Wir’? Sie und Augustus Averdar?“

  „Jawohl“, stotterte der Kutscher, „und die beiden Damen.“

  „Damen?“

  So viel hatte Alfons gewiss nicht erzählen wollen, als er sich auf den Weg machte, die Belohnung zu kassieren, aber nun kam er aus den Schlingen immer neuer Fragen nicht mehr heraus. „Nun, die eine war eine Opernsängerin…“

  „Opernsängerin? Aus Hamburg?“

  „Nein, ich glaube, aus Lettland, oder Litauen, ich kenne mich da nicht so aus.“

  „Und die andere?“

  „Ein junges Polenmädchen.“

  Godfroy schüttelte den Kopf. „Klingt alles ziemlich merkwürdig, finden Sie nicht?“

  „Jawohl, Herr Constabler. Ich meine, nein, Herr Constabler, es war genauso, wie ich es sage.“

  „Was wollten die Damen denn am Vogelhüttendeich?“

  „Ich glaube, die Eltern wohnen dort.“

  „Die Eltern der Opernsängerin?“

  „Nein, Herr Constabler. Die von dem Polenmädchen.“ 

  Eine Viertelstunde später hatte Godfrey die wesentlichen Informationen herausgeholt, ohne sich darauf allerdings einen Reim machen zu können. „Der Unfalltote war Motts Bruder?“

  „Jawohl, er lief mir direkt in die Kutsche. Ich konnte nicht mehr ausweichen.“

  „Und auch nicht bremsen.“

  „Jawohl, Herr Constabler, dazu blieb gar keine Zeit mehr.“

  „Sie meinen, es ging alles viel zu schnell.“

  „Jawohl, Herr Constabler. Viel zu schnell.“

  „Soll heißen, Sie fuhren zu schnell.“

  „Jawohl, Herr Constabler, äh, nein, Herr Constabler, ich meine, so dachte wohl dieser Verbrecher, jedenfalls hat er das gesagt, und dann hat er mit der Axt zugeschlagen, obwohl ich ihm doch gesagt hatte, dass ich unschuldig bin, was soll ich denn machen, wenn der Konsul es doch so eilig hat. Außerdem war der Kerl ganz bestimmt ein Ganove, er hatte so komische Päckchen in der Jacke.“

  „Päckchen? Was für Päckchen?“

  „Das weiß ich nicht, Herr Constabler“, sagte der Kutscher erschöpft.

  „Und wo sind diese Päckchen jetzt? Die haben Sie wohl mitgehen lassen?“

  „Jawohl, Herr Constabler, ich meine, nein, Herr Constabler, die habe ich dem Herrn Konsul gegeben.“

  Nun war der letzte Widerstand endgültig gebrochen. Als Godfroy alles wusste, was er nach Lage der Dinge in dieser Stunde erfahren konnte, fragte Alfons hoffnungsvoll: „Darf ich jetzt nach Hause gehen?“

  „Sie gehen nirgendwohin“, sagte Godfroy.

  „Wie?“ machte Alfons verdutzt.

  „Sie sind vorläufig festgenommen.“

  „Festgenommen?“ Der Kutscher heulte fast. „Aber wieso?“

  „Fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge und Beihilfe zur Hehlerei.“

  „Ich bin unschuldig!“

  „Das wird sich herausstellen. Morgen werden Sie dem Haftrichter vorgeführt. Bis dahin bleiben Sie in Gewahrsam. Und jetzt kommen Sie!“

  Er sperrte den Kutscher in eine Zelle. Kaum war er in den Dienstraum zurückgekehrt, erschien Konsul Averdar und übergab ihm seine Karte. Der Constabler war perplex. „Womit kann ich dienen?“

  „Ich habe Ihnen anzuzeigen, dass ich Informationen erhalten habe bezüglich des Aufenthaltes des steckbrieflich gesuchten Johannes Mott alias Kehrwieder-Johnny“, sagte der Konsul würdevoll.

  „Und was sind das für Informationen, Herr Konsul?“

  „Nach meinen Informationen hält sich der Gesuchte derzeit auf dem Großen Grasbrook auf.“

  „Sie haben ihn selbst gesehen?“ forschte Godfroy nach.

  Die blassblauen Schweinsäuglein blitzten ihn an. „Wohl kaum, Herrn Constabler, sonst hätte ich den Kerl ja wohl doch unverzüglich festgenommen, wie es meine Pflicht als Staatsbürger gebietet!“

  „Selbstverständlich, Herr Konsul „Und woher haben Sie die Informationen, wenn ich fragen darf?“

  „Sie wissen offenbar nicht, dass ich der Inhaber eines Handelshauses zu sein die Ehre habe, mit Lagerhäusern und anderen Einrichtungen im Hafen.“

  „Und dort haben Sie vom Aufenthalt des Gesuchten erfahren.“

  „Finden Sie das denn so merkwürdig, Herr Constabler?“ fragte Averdar leicht irritiert. „Ich wende mich an Sie an das für mich unter der Adresse meines Handelshauses zuständige Polizeirevier, aber ich kann mich natürlich ebenso gut in das Polizeirevier am Großen Grasbrook begeben oder den Ersten Polizeiherrn im Goertz-Palais aufsuchen, falls Ihnen das lieber ist.“

  „Selbstverständlich können Sie das, Herr Konsul, aber auch ich stehe hier ganz zu Ihrer Verfügung.“

  „Schön. Also haben Sie meine Anzeige zur Kenntnis genommen?“

  „Jawohl, Herr Konsul.“

  „Dann darf ich wohl um ein Protokoll bitten, Herr Constabler.“

  „Selbstverständlich“, sagte Godfroy und fertigte das Papier aus.

  Als der Konsul gegangen war, eilte Godfroy zu Ulzburg-Stegen. Er wurde gleich vorgelassen.

  „Konsul Averdar?“ staunte der Erste Polizeiherr.

  „Jawohl. Und sein Kutscher auch.“ Er erzählte die ganze Geschichte.

  „Sie haben den Kerl doch wohl gleich eingesperrt, Constabler?“

  „Selbstverständlich, Herr Erster Polizeiherr. Den Kutscher, meinen Sie wohl.“

  „Ja. Aber den Konsul sähe ich mindestens genauso gern hinter Gittern, wenn Sie das bitte für sich behalten wollen, Herr Constabler.“

  „Jawohl“, sagte Godfroy. Das also war der gefürchtete Bulldog! Eine höchst erfreuliche Erscheinung, wie der Constabler gleich fand. Wenn man auf der richtigen Seite stand, auf der des Gesetzes nämlich, konnte man mit diesem Chef offenbar Pferde stehlen. Interessiert studierte Godfroy das gerahmte Zitat an der Wand hinter dem Schreibtisch: „Die Stadt Hamburg / kompt nicht ungleich der Stadt Sodom und Gomorrha … Hurerey und Mordthaten … Untugend und ein wüstes Wesen.“ Ja, das war nicht zu bestreiten.

  Ulzburg-Stegen schaute sich wiederum den Constabler genau an. Ehrliches, offenes Gesicht. Zur Hälfte Engländer. Gut so. Besser als ewig diese preußischen Ex-Feldwebel. Vor allem nicht so ein korruptes Aas wie dieser Möller, dem die Tücke in den Augen lauerte. Vertrauenswürdig.

  „Ich werde mir den Mann selber anschauen“, sagte der Erste Polizeiherr.

  „Jawohl. Soll ich ihn herbringen?“

  Ulzburg-Stegen fixierte den Constabler noch einmal. Auf seine Menschenkenntnis konnte er sich verlassen, und wenn er ganz auf sein Gefühl vertraute, wurde er so gut wie nie enttäuscht. „Ich möchte Ihnen noch etwas vertraulich mitteilen“, sagte er kurz entschlossen. „Allerdings kann ich Ihnen nicht alles sagen. Noch nicht. Haben Sie mich verstanden?“

  „Jawohl, Herr Erster Polizeiherr. Sie wollen mich ins Vertrauen ziehen, ohne mich ins Vertrauen zu ziehen.“

  „Ja, das trifft’s“, gab Ulzburg-Stegen zu, dem der Mann immer besser gefiel. „Bringen Sie diesen Kutscher her. Wir lochen ihn im Präsidium ein. Danach unterhalten wir uns noch mal.“

  Während der brave Godfroy den Befehl ausführte, ließ Ulzburg-Stegen sich die Akte des Constablers bringen. Was er darin las, erfreute ihn zutiefst. Erstklassige Ausbildung. Vorbildliche Dienstauffassung. Einfallsreich, selbstbewusst, angenehm im Umgang. Untadeliger Lebenswandel.

  Bulldog griff nach einem Glöckchen auf seinem Schreibtisch. Die Tür zum Vorzimmer öffnete sich, und sein Sekretär erschien.

  „Bitten Sie Herrn Oberinspektor Franck zu mir.“

  „Jawohl.“

  Eine Minute später stand der Leiter der politischen Polizei vor Bulldogs Schreibtisch.

  „Setzen Sie sich, mein Lieber“, sagte der Ritter von Ulzburg-Stegen. „In wenigen Minuten wird ein Constabler Godfroy von der Raboisen mit einem Gefangenen erscheinen. Ich möchte, dass Sie Godfroy überprüfen.“

  „Interessant“ sagte der Oberinspektor.

  „Wollen Sie denn gar nicht wissen, warum?“ fragte Bulldog.

 „Wenn ich Sie das tatsächlich frage, spannen Sie mich ja doch nur noch länger auf die Folter.“

  „Touché“, sagte Bulldog amüsiert. „Ich glaube, dieser Godfroy ist ein Mann für Sie.“

  „Alles andere hätte mich auch gewundert.“

  „Ach, Sie kennen ihn bereits?“

  „Ja.“

  „Und was können Sie über ihn sagen?“

  „Diensteifrig. Einsatzfreudig. Absolut vertrauenswürdig.

  „So? Er ist doch erst seit ein paar Tagen bei uns.“

  „Den guten Jagdhund kennt man von der ersten Pirsch.“

  „Beobachten Sie ihn.“

  „Wie bitte? Wir sollen den Constabler beschatten?“

  „Doch nicht beschatten, beobachten sollen Sie ihn!“ sagte Bulldog. „Beschatten sollen Sie den anderen da, unseren ganz speziellen Freund, den Möller, dieses korrupte Aas. Gibt’s von dem was Neues?“ 

  „Ja. Er hat heute Nachmittag Konsul Averdar besucht. Im Guyana-Haus.“

  „Schau an, schau an. Die Herren kennen sich also.“

  „Zumindest seit heute Nachmittag.“

  „Und wissen Sie auch, warum er ihn aufsuchte?“

  „Ich weiß nur, dass der Konsul kurz danach zur Polizeiwache Raboisen ging.“

  „Und ich weiß, warum.“

  „Dann will ich mal lieber nicht fragen.“

  „Er will die Belohnung für Johannes Mott kassieren.“

  „Was will er?“ staunte der Oberinspektor.

  Bulldog lächelte grimmig. „In der Unterwelt ist offenbar die Hölle los.“ 

  „Ja, die Teufel gehen sich gegenseitig an den Kragen. Wissen Sie wohl auch, dass Gerüchte kursieren, denen zufolge dieser Mott gar nicht Flints Mörder war?“

  „Nein, wusste ich nicht“ gestand Bulldog überrascht. „Wie haben Sie das denn herausgefunden?“

  „Ein blindes Huhn findet auch mal einen Korn“, witzelte Franck zufrieden.

  „Und wer hat den armen Flint auf dem Gewissen? Jack Lendt?“

  „Das sagen die einen. Die anderen sagen, es seien Landowski und seine Leute gewesen.“

  Bulldog verzog angewidert das Gesicht. „Aber die Fahndung geht weiter auf Mott, oder?“

  „Ja, wir haben ja nichts anderes, es sind ja doch nur Gerüchte.“

  „Und glauben Sie diesen Gerüchten?“

  „Schwer zu sagen.“

  „Nun reden Sie nicht so lange herum!“

  „Sagen wir so: Ich möchte es gern glauben. Dieser Mott scheint kein so übler Kerl zu sein.“

  „Woraus schließen Sie das?“

  „Er genießt sehr viel Sympathie in der Bevölkerung“, sagte der Oberinspektor. „Die Leute haben ein feines Gespür dafür, ob jemand was taugt.“

  „Das klingt ja fast so, als ob er schon so eine Art Volksheld wäre“, sagte Bulldog missbilligend. „Ein Mann aus dem Milieu! Ein Messerwerfer und Verbrecher!“

  „Unser Freund Jack ist noch schlimmer, nennt sich aber Notar und kandidiert für den Reichstag.“

  „Ja, das ist auch wieder wahr“, seufzte Bulldog. „Wenn‘s dem Gottseibeiuns gefällt, wird der Kerl sogar gewählt, und ich darf ihm dann persönlich die Hand schütteln, bei der großen Gratulationscour im Rathaus.“

  „Wenn wir Mott aus dem Verkehr ziehen, hat Lendt freie Bahn“, sagte der Oberinspektor.

  „Sie meinen, wenn es zu dieser Schlacht auf dem Brook kommt?“

  „Ja. Wenn Lendt die Mijnheers und die anderen ausländischen Banden ausschaltet, kann er in Hamburg machen, was er will.“

  „Zu dieser Schlacht werden wir es nicht kommen lassen.“

  „Natürlich nicht. Trotzdem…“

  „Also steckt tatsächlich dieser Sackermentskerl hinter der Sache“, sagte Bulldog. „Will seinen alten Kumpel ans Messer liefern, damit er ihn los ist.“

  „Nein, das würde Jack niemals machen“, zweifelte Franck. „Das geht nicht mit dem Ehrenkodex zusammen, den sich diese Leute geben.“

  „Pah!“ machte Bullldog. „Ganovenehre!“

  „Unterschätzen Sie das nicht.“, riet der Oberinspektor. „Für uns mag das abgeschmackt oder gar lächerlich klingen, aber auch der Dschungel hat Gesetze, und wenn man sie kennt, kann man sich zumindest ausrechnen, was passieren wird.“

  „Danke für die kriminologische Vorlesung. Und was wird nun passieren, Ihrer Meinung nach?“

  „Dass sich Jack und Johnny an die Gurgel gehen“, sagte Franck. „Aber ohne uns.“

  „Und wieso verpfeift der Konsul dann diesen Kerl? Will er seinem Freund Jack einen Gefallen tun?“

  „Eher das Gegenteil“, sagte der Oberinspektor. „Vielleicht will er ihn sogar ärgern. Leute wie Lendt tragen ihre Fehden grundsätzlich persönlich aus. Mann gegen Mann, wie die alten Helden in der Sage.“

  „Achill gegen Hektor?“ staunte Bulldog, dem das Gespräch mit Professor Minkus auf dem Katharinenkirchturm einfiel.

  „Eher Achill gegen Agamemnon“, sagte Franck.

  „Ach? Und wer macht die Briseis?“

  „Lendts Ehefrau“, antwortete der Oberinspektor. „Sie war mit Mott zusammen, ehe er flüchtete.“

  „Donnerwetter“, sagte der Erste Polizeiherr. „Der alte Minkus hat womöglich recht, wir sind hier mitten in einem neuen Mythos.“

  „Wer, bitte?“ fragte Franck, und Bulldog erzählte es ihm.

  „Tja, da ist wohl wirklich was dran“, gab der Oberinspektor zu. „Das Ganze wirkt tatsächlich ein bisschen irrational. Fast etwas romanhaft, oder wie in der Oper. Ganoven-Oper, natürlich.“

  „Natürlich. Und wie passt der Konsul da hinein? Als Thersites, der die Helden aufeinander hetzt?“

  „Vielleicht ist der Kerl ja auch nur ganz einfach auf die Belohnung scharf“, meinte Franck. „So, wie ihn die schweren Jungs beklaut haben, kann er jetzt jede Mark gebrauchen.“

  „Und welche Rolle spielt Möller?“

  „Der macht den Saukerl, den jede gute Geschichte braucht. Oder zumindest einen davon, es gibt ja mehrere Schweinehunde in diesem üblen Spiel. Vielleicht lässt er sich an der Belohnung beteiligen, wundern würd’s mich nicht.“

  „Es ist doch wohl klar, dass von diesem Gesocks keiner auch nur eine Mark bekommen darf!“

  „Selbstverständlich nicht. Wir können ja beweisen, dass die beiden sich kurz zuvor getroffen haben. Bin mal gespannt, womit der Konsul wohl erklären will, dass er sein Wissen nicht gleich Möller mitgeteilt hat, sondern nach dessen Besuch extra zur Raboisenwache gegangen ist.“

  „Das ist aber noch nicht alles“, sagte Bulldog. „Wenn Mott wirklich unschuldig ist, und Möller ihn in die Finger kriegt, dann glaube ich, ehrlich gesagt, nicht, dass der Verhaftete lebendig bei uns ankommt.“

  „Das habe ich mir auch schon gedacht.“

  „Also passen Sie auf.“

  „Werd’ ich.“

  Als der Oberinspektor gegangen war, kam Godfroy mit seinem Gefangenen. Bulldog ließ Alfons gleich in den Keller abführen und sagte dann zu dem Constabler: „Die Belohnung tut, was sie soll. Nicht mehr lange, und wir haben den Kerl.“

  „Das wäre gut“, sagte der Constabler ehrlich. Er hatte Onkel Johnny auf dem Fahndungsplakat sofort erkannt und ärgerte sich nun, dass er ihn in der „Ruhigen Hand“ nicht genauer unter die Lupe genommen hatte.

  „Allerdings gibt es Gerüchte, dass dieser Mott gar nicht der Polizistenmörder ist.“

  „Nicht?“ fragte Godfroy verblüfft.

  „Nein“, sagte Bulldog. „Möglicherweise hat jemand anders den armen Constabler Flint umgebracht und Mott die Tat in die Schuhe geschoben.“

  „Aber warum wäre der Verdächtige dann geflohen?“

  „Ja, das ist die Frage. Wenn Mott Ihnen also geliefert wird, bringen Sie ihn sofort hierher, verstanden? Nicht ins Untersuchungsgefängnis, sondern hierher. Übergeben Sie ihn mir persönlich, verstanden?“

  „Jawohl.“

  „Und wenn Sie erfahren, dass einer Ihrer Kollegen ihn verhaftet hat, gehen Sie sofort hin und übernehmen ihn. Hier ist ein schriftlicher Befehl.“

  „Jawohl“. Godfroy nahm das Dokument, faltete es sorgfältig zusammen und steckte es in die Brusttasche.

  „Verlieren Sie es nicht“, mahnte Bulldog.

  „Ganz bestimmt nicht“, sagte Godfroy.

  „Auf Wiedersehen, Constabler.“

  „Auf Wiedersehen.“ Godfroy salutierte und marschierte ab.

 Von all diesen Gesprächen erfuhr ich erst später, aber natürlich war auch mir gleich klar, was es bedeutete, dass auf Onkel Johnny eine so hohe Belohnung stand. Auch Nell hatte große Angst und beschwor ihn, als wir drei im „Tritonia“ beim Abendessen saßen, wenigstens für ein paar Tage in dem Häuschen auf der Corneliusschanze zu bleiben, aber das lehnte mein Onkel ganz entschieden ab: „Das möchten die wohl gerne, dass ich mir vor Angst in die Hosen mache!“

  „Sei doch nicht so unvernünftig“, drängte Nell, „es ist doch nur für ein paar Tage.“

  „Ich bleibe hier“, sagte Onkel Johnny.

  „Wenigstens heute Nacht“, flehte Nell. „Hier im Hotel ist es jetzt zu gefährlich, es wissen schon viel zu viele, dass du hier wohnst!“

  „Die sagen nichts“, antwortete Onkel Johnny. „Auf dem Brook geht keiner zur Schmiere.“

  „Aber Constabler Möller…“

  „Der schon gar nicht“, sagte mein Onkel überzeugt. „Da ist Jack vor, sonst wäre der Schuft doch schon längst hier aufgekreuzt.“

  „Und wenn jemand Fremdes dich hier erkennt und zur Polizei rennt? Oder jemand von früher?“

  „Von früher!“ wiederholte Onkel Johnny spöttisch. „Ich war zwanzig Jahre weg, wer soll mich denn da noch kennen!“

  „Na, ich, zum Beispiel“, sagte eine Stimme. Wir blickten auf, und vor uns stand der kapitänmäßigste Kapitän von allen Kapitänen, die ich jemals gesehen habe, in der blitzsaubersten Kapitänsuniform mit der schicksten Kapitänsmütze, die je auf einem Kapitänshaupt saß. Und an dem einen Kapitänsärmel mit den vier goldensten Kapitänsstreifen hatte sich eingehängt – meine Mutter. Ich dachte, ich träume, auch Nell riss die Augen auf, und selbst Onkel Johnny konnte eine gewisse Verblüffung nicht verbergen, als er den in solchen Situationen unausweichlichen Klassiker sagte: „Ridder! Hölle und Planeten! Was machst du denn hier?



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