Die wunderheilende Höhle

Montag, 11. Februar 2013

Diesen Montag feiert die katholische Christenheit den Gedenktag „Unsere Liebe Frau in Lourdes“: Am 11.Februar 1858 erschien der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous in der Felsengrotte Massabielle eine schöne Frau, von der sie später, auf wiederholte Nachfrage, erfuhr, sie sei die „Unbefleckte Empfängnis“.

Der Ort ist anrüchig, die Zeugin zweifelhaft: Gleich neben einer Verbrennungsstätte für Krankenhausmüll, die Liebespärchen als heimlicher Treffpunkt dient, will die lernschwache Tochter eines bankrotten Müllers Visionen empfangen haben. Der Pfarrer ist skeptisch, der Bischof besorgt, der Bürgermeister sauer: „Sie werden sehen, diese kleine Landplage hat uns die Eisenbahn vermasselt!“ grollt er nach Gerüchten, die geplante Trasse werde den Ort der Wundermär meiden.

150 Jahre später spucken Sonderzüge aus ganz Europa täglich Tausende Pilger aus, hat Lourdes einen internationalen Flughafen sowie 30 000 Fremdenbetten und liegt mit jährlich sechs Millionen Übernachtungen gleich hinter Paris auf Platz 2 der meistbesuchten Städte Frankreichs: Das Mirakel um die Madonna und das Mädchen aus dem abgelegenen 15.000-Seelen-Städtchen ist auch ein Wirtschaftswunder.

Der Streit ist alt und immer neu: Hat Gott die Hand im wundersamen Spiel oder täuscht Teufelstrug allzu arglose Gemüter? Fallen die Heilungen tatsächlich vom Himmel, sind vom Glauben gestärkte Selbstheilungskräfte am Placebo-Werk, säen geschäftstüchtige Betrüger einträglichen Aberglauben aus? „Wer nach Lourdes kommt, kann nicht umkehren, ohne umgekehrt zu sein. Daraus wird ein Strom der Gnade, der sich in alle Welt verbreitet“, sagt Dr. Annette Soete vom Deutschen Lourdes-Verein, Referentin der Hauptabteilung Seelsorge im Generalvikariat der Erzdiözese Köln. Der britische Historiker Dr. David Blackbourn, Direktor des Center for European Studies an der Universität Harvard, will dagegen in der Erscheinung „eine Art Schema“ entdecken: eine einfältige Seherin aus dem Volk, geprägt durch Armut und Krankheit, von den Eltern vernachlässigt und Opfer einer rauen, zuweilen rohen Umwelt. Eine angebliche Vision, anfangs vom Pfarrer abgelehnt, von den Zivilbehörden verurteilt, von der Welt verspottet, nach ersten Berichten über Wunderheilungen aber allgemein akzeptiert und schließlich Kern eines offiziellen kirchlichen Kults mit segensreichen Konsequenzen.

Dr. Soete weiß, wovon sie redet: Der 1880 gegründete Deutsche Lourdes-Verein betreut 17 300 Mitglieder und veranstaltet auch Pilgerfahrten nach Fatima, Rom oder Santiago de Compostela. Dr. Blackbourn ist ebenfalls Experte: Sein zehn Jahre altes Buch „Marpingen. Das ‚deutsche Lourdes’ in der Bismarck-Zeit“ über Marienerscheinungen im Saarland des Jahres 1876 schildert, wie der Eiserne Kanzler einem ähnlichen Phänomen beikam: Er ließ das Pilgerziel im Härtelwald kurzerhand von Truppen umstellen.

Die Geschichte der angeblichen Visionen an und in der Grotte von Massabielle (in pyrenäischer Mundart „alter Felsen“) liefert gleichviel Fakten für Zustimmung und Zweifel. Die 14-jährige Schafhirtin Bernadette Soubirous berichtet erst ihren Eltern und dann dem Ortsgeistlichen Dominique Peyramale (1811-1877), ihr sei beim Holzsammeln eine wunderschöne „Dame in Weiß“ mit einem Rosenkranz erschienen. Die Mutter beschimpft ihre älteste Tochter als Lügnerin und wirft ihr „Faschingsrummel“ vor. Der Vater verbietet ihr, weiter zu der Grotte zu gehen. Der Polizeikommissar sucht die Vision im Kreuzverhör als Lüge oder Sinnestäuschung zu entlarven. Der Pfarrer drängt das Mädchen, die Geheimnisvolle nach ihrem Namen zu fragen. Die 14-jährige bringt als Antwort wieder: „Que soy era Immaculada Councepciou“ – „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“.

Ohne Sünde gezeugt worden zu sein, wird nur der Gottesmutter zuerkannt: Das römisch-katholische Glaubensdogma meint, Maria sei im Leib ihrer Mutter Anna durch göttliche Gnade von der Erbsünde verschont geblieben, habe also niemals die Fähigkeit zur Sünde entwickelt, die alle anderen Menschen in sich tragen. Aber hätte die „Dame in Weiß“ dann nicht besser sagen müssen: „Ich bin die unbefleckt Empfangene?“ Wieso auch sagt sie zu der kleinen, verachteten Bernadette nicht „du“, sondern „Sie“?

Zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858 sei ihr die Frauengestalt, so Bernadette, insgesamt 18 Mal erschienen. Am 25. Februar zeigt nach der Überlieferung die Muttergottes dem Mädchen eine bis dahin verborgene Quelle heilkräftigen Wassers und beauftragt sie, eine Kirche bauen sowie Prozessionen durchführen zu lassen. Wenige Tage nach Freilegung des heiligen Gesundbrunnens, am 1. März 1858, wird die 39-jährige Catherina Latapie-Chouat dort von einer eineinhalb Jahre andauernden Lähmung befreit. Sechs weitere Heilungen noch im selben Monat verbreiten den Ruf der Wundertätigkeit.

Der erste Blick entdeckt Ungereimtheiten, der zweite Zusammenhänge. Der Priester und weltweit renommierte Mariologe René Laurentin wird später darauf aufmerksam machen, dass auch Gott selbst sich bei seiner ersten Offenbarung an Moses im Brennenden Dornbusch nicht mit Namen oder Titel, sondern als „Ich bin der Ich-bin-da“ zu erkennen gibt. Die Offenbarung an ein unterernährtes, häufig krankes Mädchen fast ohne Schulbildung wiederum folgt dem Wort Jesu, das Evangelium widme sich nicht den Klugen, sondern den Unmündigen: „Sehen sollen sie, aber nicht erkennen, hören, aber nicht verstehen.“ Das Siezen schließlich passt zu der großen Bedeutung, die Jesus den Kindern, den Armen, Entrechteten und Hilflosen als den Erben des Gottesreichs beimisst.

Schon am 4. März strömen 20.000 Menschen zum „alten Felsen“. Die weltlichen Instanzen wehren sich nach Kräften: Im April bekommen 76 Besucher, die Wasser schöpfen, Strafmandate, im Juni wird die Grotte geschlossen und die kleine Bernadette muss zum Psychiater. Doch als eine kirchliche Kommission die Erscheinungen als glaubwürdig einstuft, lässt Bertrand-Sévère Mascarou-Laurence, 1844-70 Bischof von Tarbes, die Marienverehrung zu und den Bau einer Wallfahrtskirche planen.

1869 bringt der Journalist Henry Lassere, in Lourdes von Blindheit geheilt, die erste Bernadette-Biographie zu Papier, in zwei Jahrzehnten erscheinen 125 Auflagen. Seit 1883 dokumentiert ein „Bureau Médical“ lokaler Doktoren Heilungen aller Art nach rein wissenschaftlichen Kriterien. 1947 stuft ein neues, nun internationales Ärztekomitee 47 Lourdes-Heilungen aus inzwischen 1300 Krankenakten als „medizinisch nicht erklärbar“ ein. Bis heute sind rund 7000 Heilungen registriert, von denen die katholische Kirche 67 als Wunder anerkennt. 80 Prozent der Geheilten sind Frauen. Als einziger Deutscher erlebt 1952 Bruder Leo seine Erlösung von multipler Sklerose: „Da durchfuhr es mich plötzlich wie ein Blitzstrahl von Kopf bis Fuß“, berichtet der Benediktiner nach einem Bad in der Quelle und anschließender Sakramentsprozession. „Ich kniete vor dem Wagen, mit gefalteten Händen. Augenblicklich wusste ich: Ich bin geheilt.“

1860 sucht Bernadette im Krankenhaus der Caritas und Schulschwestern Schutz vor dem Rummel. 1866 pflegt sie als Novizin im Mutterhaus des Ordens im 800 Kilometer entfernten Nevers Leidende, selbst unablässig mit Krankheiten geschlagen: Asthma, Lungentuberkulose, Krebs. Am 16. April 1879, heute ihr Gedenktag, stirbt die 35-jährige als Schwester Marie-Bernard in ihrem Kloster. Bei der ersten Exhumierung 30 Jahre später liegt der Leichnam unverwest unter einem völlig verrosteten Rosenkranz. Bei einer dritten Exhumierung zur Seligsprechung 1925 entnehmen zwei Chirurgen Teile der fünften und sechsten Rippen als Reliquien und stellen „die völlige Unversehrtheit des Skeletts, der Nervenstränge, der Sehnen und der Haut“ fest. Seither ruht der Leichnam in einem Schrein der Klosterkirche.

„Weil der Herr Gutes aus dem Übel gewinnen kann und will, fordert er euch auf, trotz der Krankheit selbst aktiv zu sein, so gut ihr könnt“, sagt Papst Johannes Paul II. 1983 in Lourdes zu den Pilgern, „und wenn ihr behindert seid, lädt er euch ein, trotz der Behinderungen Verantwortung auf euch zu nehmen gemäß den euch verfügbaren Kräften und Talenten“ – so wie es die arme, kleine, naive Schafhirtin tat, vor 150 Jahren, und sie nicht allein: Der skeptische Bürgermeister kommt als erster auf die Idee, Lourdes-Wasser zu verkaufen, heute gehen täglich 120.000 Liter in alle Welt.

Das Wunder in der Theologie

Der Evangelische Erwachsenen-Katechismus schreibt: „Ein Wunder ist ein unerwartetes, nicht berechenbares Ereignis, in dem der Mensch Gott handeln sieht.“ Unter wissenschaftlicher Betrachtungsweise könne ein Wunder „durchaus ein natürliches Geschehen sein und dennoch für den Glaubenden eine Bedeutung haben, die ihn für Gottes wunderbare Führung und Hilfe danken lässt.“

Das Lexikon des katholischen Lebens“ versteht unter Wunder „ein außerordentliches Geschehen innerhalb des sinnenfälligen Erfahrungsbereichs, das nicht durch natürliche Kräfte bewirkt sein kann, sondern unmittelbar Gott zum Urheber hat.“ Doch: „Sind Vorgänge, die die Kräfte der Natur übersteigen, nur dem Glauben, nicht aber den Sinnen zugänglich sind, z.B. die Verwandlung von Brot und Wein in der hl Messe, so sind sie an sich ebenfalls Wunder, können aber nicht als Siegel einer göttlichen Sendung dienen.“

Der Papst in Lourdes

Jährlich kommen fünf Millionen Menschen nach Lourdes, im Jubiläumsjahr werden acht Millionen erwartet. Der Deutsche Lourdes-Verein bietet Pauschalreisen mit ständiger priesterlicher und ärztlicher Betreuung an: 5 Tage, Flugzeug oder Sonderzug 769 Euro. Papst Benedikt besucht den Wallfahrtsort zu einem mariologischen Kongress im September 2008. Bei einer Messe sagte er vor Zehntausenden Pilgern: „Die Kraft der Liebe ist stärker als das Böse, das uns bedroht.“

Marienerscheinungen

Als erste von bisher rund tausend registrierten Marienerscheinungen gilt eine Vision des Apostels Jakobus d.Ä. im Jahr 41 v.Chr. zu Saragossa: Am Ufer des Ebro, so die Legende, sprach die hl. Jungfrau dem von Misserfolgen entmutigten Missionar Spaniens Mut zu. Die Zahl der Erscheinungen mehrt sich zuletzt drastisch, im 19. Jahrhundert waren es 106, im 20. Jahrhundert fast 500. Die bekanntesten neben Lourdes sind 1531 im mexikanischen Guadelupe, heute mit jährlich 20 Millionen Pilgern meistbesuchter Wallfahrtsort der Welt, und 1917 in Fatima. Die angebliche Erscheinung von 1981 im bosnischen Medjugorje wird von der katholischen Kirche nicht anerkannt.

 

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