4. Kapitel: Nell

Mittwoch, 15. August 2012
„Schnapsloch an den Pickhuben“: Landetreppe auf die Butenkajen 1885. © Museum für Hamburgische Geschichte

Nell war die Tochter einer im Fusel ertrunkenen Hilfskellnerin aus einem Schnapsloch an den Pickhuben, ihr Vater war ein Vagabund, lebenslang mit der Seife erzürnt und beständiger Logiergast bei „Mutter Grün“, wie Gottes Natur bei uns hieß. Nell hat ihn nie gesehen, jedenfalls nicht bewusst. Noch bevor sie vierzehn Jahre alt war, marschierte sie jede Nacht mit geklauten Blumen ins „Baumhaus“ am Stubbenhuk, zwei Jahrhunderte lang der beliebteste Treffpunkt wohlhabender Hanseaten, und auch unserer Geistesgrößen, einmal saßen dort in trauter Dreisamkeit Herder, Lessing und Matthias Claudius beim Wein. Von der Decke hingen ein Krokodil, ein Haifisch mit dem hinterhältigen Grinsen seiner Rasse, und ein Kanu mit einem ausgestopften grönländischen Eskimo, möchte wirklich wissen, wer die Nerven hatte, den zu präparieren, aber damals hatte man es natürlich auch noch nicht so mit der Humanität, und viele angesehene hanseatische Kaufleute scheffelten angesehenes Geld im angesehenen Sklavenhandel. Wer im „Baumhaus“ tafelte und in Mondschein oder Zwielicht versonnen auf die Wellen plierte, dem schwammen zauberische Gedanken ins Gemüt, an Feen, Nixen und Undinen. Viele, die Klein-Nellys Blumen kauften, waren mehr an ihrer Mädchenblüte interessiert, doch sie war viel zu klug und charakterfest, den Weg so vieler junger Hamburgerinnen zu nehmen, die dem unersättlichen Moloch von Elbkarthago bis heute als Kinderopfer in den Rachen stürzen. Statt die süßen Scheine an den Busen zu drücken wie einige ihrer Freundinnen, die Franziska, Elisabeth oder Johanna hießen, aber als „Fanny“, „Betty“ oder „Jenny“ weltläufige Londoner Leichtfertigkeit vorspiegelten, blieb Nelly beim sauren Kleingeld der Blumen. Mit sechzehn verliebte sie sich in Johnny, den harten, wilden Jungen vom Kehrwieder-Kai, der sich von niemandem was gefallen ließ, auch nicht im „Baumhaus“, wo er eines Abends mit Jack aufkreuzte. Die beiden hatten mal wieder ein paar von den Louis mächtig durchgewalkt und ihnen einen fetten Batzen abgenommen, und damit machten sie sich nun einen netten Schlampampen, aber herrenmäßig, Hummer ist der beste Koch, und Schampus wäscht im Zahn das Loch, und pafften dicke Zigarren, und kauften Nelly alle Blumen auf einmal ab. Am Nebentisch saß ein beglimpster Bierverleger, einer von den Kerlen, die immer gleich Rom anzünden wollen, bloß weil ein Kellner mal ein bisschen langsam ist, und grölte, er hätte auch gern ein paar Blumen, sei aber notfalls bereit, sich mit der Verkäuferin zu trösten, und packte die kleine Nelly mit seiner Affenpranke doch glatt am Achtersteven. Da erwachte in Johnny der Beschützerinstinkt, und zwar mit ziemlicher Vehemenz, er erlitt einen seiner heftigen, keineswegs seltenen Anfälle von Ritterlichkeit, der Kerl bekam Hiebe, und Johnny Nellys Liebe.

  Das Schicksal hat ihnen dann aber nur diesen einen Sommer gegönnt. Danach war die süße kleine Nelly tot, und die stolze, traurige Nell geboren,

  Was geschieht im Herzen einer Frau, wenn sie nach zwanzig Jahren den tot geglaubten Geliebten wiederfindet und ihn nicht lieben darf, brennt Schmerz, weint Trauer, quält Bitterkeit, kann ein gebrochenes Herz noch einmal brechen? Nur kurz hat Nell mit mir darüber gesprochen, kurz vor jener schrecklichen Nacht, in der ich so fühlen lernte wie sie, und was aus ihrer Erzählung damals Eingang in meine Seele fand, will ich hier wiedergeben. Ach Johnny! hatte Nell gesagt, während der Wind die Vorhänge wie Segel blähte, ich dachte immer, unsere Liebe ist so stark, ihr kann nichts auf der Welt etwas anhaben, aber die Engel haben uns nicht beschützt. Jetzt ist unser Leben vorbei, und unsere Liebe hat keinen Schatz als diesen einen, unseren einzigen Sommer. Weißt du noch, wie hinter Oevelgönne die Möwen ihr Kürrjäh keiften, wir dachten, sie sagen uns Guten Tag, aber es waren Warnschreie: „Passt auf, passt auf!“ Wir fühlten uns zu sicher. Am Morgen sang der Regenpfeifer, von dem es heißt, wo er sich hören lässt, hilft der liebe Gott nicht. Und plötzlich – kein Abschied, keine Nachricht, keine Hoffnung! Und ich war noch keine achtzehn! In den ersten Monaten hätte ich mich am liebsten totgehungert, es hat auch nicht viel daran gefehlt, aber dann dachte ich: Schau nicht zurück, sonst bricht dir das Herz, bleib am Leben, sonst findet er, wenn er eines Tages zurückkommt, nur dein Grab, so wie in diesem traurigen Lied, O Danny Boy, in sunshine or in shadow. Aber dann! Aber dann! Jack! Jack! Ja, es war Schicksal – aber wie leicht ist das gesagt, und wie schwer ertragen! Ich schlief allein am Strand, weil du dort wenigstens in meine Träume kamst. Du konntest bei mir nie etwas falsch machen, aber verlassen durftest du mich nicht! Und dann kam Jack, und er war anders als er heute ist, er war damals fast so wie du. Ich wollte mich umbringen, einfach in die Elbe hinausschwimmen, von unserem Strand, einfach hinausschwimmen, bis die Strömung so stark wird, dass man nicht mehr umkehren kann, nicht einmal dann, wenn man plötzlich doch wieder leben will, und dann untergehen, und ich hätte es getan, wenn Jack mich nicht davon abgebracht hätte, mit seiner Geduld, und seiner Aufmerksamkeit, und mit der Liebe, mit der immer von dir erzählte. Oh, wie konnte er mich so täuschen!“

  Johnny machte das Fenster zu und sagte mit einem fürchterlichen Gesichtsausdruck: „Erzähl’s mir, Nelly. Erzähl mir alles.“

  Und sie hat es ihm erzählt. Hat ihm erzählt, wie Jack sie jeden Tag besucht, mit ihr getrauert hatte. Wie er geschworen hatte, sie nicht im Stich zu lassen. Wie er immer wieder von seiner Verzweiflung über Johnnys Tod sprach, und sogar selber  drohte, sich umzubringen, bis Nell ihn ihrerseits bat, er solle doch vernünftig sein, Johnny habe sich doch geopfert, damit er am Leben bleibe und nicht, damit er sterbe. Sie erzählte ihm auch, wie Jack sich bemühte, ohne dass sie es merkte, so wie Johnny zu sein, so zu reden wie er, und auch so zu handeln. „Und das hat er dann ja auch geschafft“, sagte Nell bitter. „Er hat die Louis davongejagt, und da war er für die Leute vom Brook ein Held, und für mich auch. Du warst tot, Johnny, und als zwei Jahre vorbei war – ich habe ihn nie geliebt, Johnny, o nein, das darfst du nicht von mir denken. Aber ich habe dich in ihm geliebt, ich habe an ihm das geliebt, was dir ähnlich war, und gedacht, ich könnte so leben. Ich konnte es aber nicht.“

  Sie weinte wieder, und Johnny ließ sie weinen, was hätte er auch tun können? Er musste ja erst einmal alles wissen, und dann, hat er wohl gedacht, jedenfalls schätze ich ihn so ein – dann war immer noch Zeit, Jack ein Messer in die Eingeweide zu rammen. Aber gerade das war es, was Nell am meisten fürchtete.

  „Ich habe ihn geheiratet, Johnny. Und am Anfang war es auch keine schlechte Ehe. Er hat sich immer sehr um mich bemüht, auch als er schon alles bekommen hatte, was er wollte. Er hat es mir an nichts fehlen lassen, auch nicht an Liebe. Aber nach ein paar Jahren hat er sich verändert, und jetzt weiß ich auch, woran das liegt. Es ist das Gewissen. Es ist wie beim Wundbrand, die Schuld fault immer weiter, bis das Herz schwarz und ganz böse ist. Das, was er dir damals abgeguckt hat, schwand immer mehr, und am Ende redete und handelte er nur noch so, wie er es jetzt tut. Er ist ein Verbrecher geworden, Johnny. Ein richtiger Verbrecher, der über Leichen geht. Der nur noch an sich denkt, nicht mehr an den Brook, oder an die armen Leute hier, oh nein, die sind ihm egal. Er ist noch nicht so schlimm wie Lando, das gebe ich zu, aber viel besser ist er auch nicht.“

  „Warum bist du dann immer noch bei ihm?“

  Nell fuhr sich müde über die Stirn. „Mein Herz hat ihm nie gehört, Johnny, das musst du mir glauben. Aber alles andere … ich konnte es ihm ja nicht verweigern, und er hat es genommen.“ Sie richtete sich ein wenig auf und sah Johnny fest in die Augen. „Schon lange bin ich nur noch auf dem Papier seine Frau“, sagte sie dann. „Ich lebe hier im Hotel, Jack drüben in seinem Turm. Wir sehen uns nur im Club, und am Wochenende in seiner Villa. Er hat andere, aber er macht es diskret. Er lässt mich in Ruhe.“

  „Dann ist dein Herz frei.“

  „Es gehört mir nicht mehr, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, Johnny. Aber ich kann nicht! Ich kann nicht!“

  Sie setzte sich auf und fuhr ihm mit der Hand durchs Haar. „Du weißt noch nicht alles“, sagte sie. „Ich habe einen Sohn. Und Jack ist sein Vater.“

  „Nein!“ stöhnte Johnny.

  „Jack ist sein Vater“, wiederholte sie. „Wie könnte ich zulassen, dass du meinem Sohn den Vater nimmst? Er vergöttert ihn. Und Jack hat große Pläne mit ihm. Mindestens Senator, vielleicht sogar Bürgermeister. Manchmal denke ich, Jack geht nur in die Politik, um den Jungen nach oben zu bringen. Ganz nach oben. Er hat uns ein Haus gekauft, an der Alster, bei den Reichen, und ich meine die wirklich Reichen. Dort spielen wir jedes Wochenende die glücklichen Eltern, damit der arme Junge nichts merkt. Unter der Woche wohnt er im Johanneum. Nein, Johnny. Es ist unser Schicksal.“

  Aber da schüttelte Johnny ganz energisch den Kopf. „Für mich ist erst der Tod Schicksal.“

  „Dann wirst du sterben, Johnny“, sagte Nell verzweifelt. „Jack bringt dich um.“

  Er nahm sie in die Arme, und sie presste sich an ihn, während der Schmerz wieder ihren Körper erfasste.

  Und nun möchte ich die beiden für eine Weile allein lassen.


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