Kapitel 62: Der große Eisenbahnraub

Mittwoch, 13. Februar 2013
„Der Gottesfinger von St. Nikolai“: Blick vom Kehrwieder auf das Fleet Beim Neuen Krahn 1885 © Museum für Hamburgische Geschichte

 

 

Noch vieles wurde besprochen, bis der Veermaster alles wusste, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte.

  „Und du?“ fragte ihn Onkel Johnny, als eben der Kaffee kam. „Wie lange wirst du bleiben?“

  „Eigentlich wollten wir am Sonntag wieder abdampfen“, sagte Ridder. „Aber unter diesen Umständen trau’ ich mich nicht. Ich kann dich ja jetzt nicht allein lassen mit dem bösen Jack.“

  „Wir kommen hier schon zurecht.“

  „Ja, klar - aber wie!“

  Nach dem Whisky wurden Mienen, Hemden und Gespräche rasch immer lockerer, es ging um alte Geschichten, und zwar um Riesenwale im Eismeer (Harry, den rauchenden Knastertopf zwischen den Zähnen), die Ersteigung des Nikolai-Kirchturms an der Außenwand (natürlich Kuddl Block), Poker-Bluffs der kühnsten Sorte (ebenso natürlich Walter), vor allem aber um den legendären Eisenbahnraub von anno 1857.

  Die Pottwale der Polarsee versenken mit Rammstößen die Ruderboote der Harpuniere, und als das auch Harry einmal passierte, sprang er dem Tier auf den Rücken und hielt ihm mit beiden Händen das Blasloch zu, okee, so dass der Leviathan keine Luft zum Tauchen holen konnte und brav bis zur nächsten Eisscholle schwamm, auf die sich unser Held dann trockenen Fußes retten konnte.

  „Rrrrrrruhe!“ rief „Coco“ erbost, als alle über die Story lachten.

  Den Gottesfinger von St. Nikolai, immerhin vierthöchster Kirchturm der Welt, erklomm der Gecko in einer feuchtfröhlichen Nacht als Sieger einer Wette mit Walter, immerhin einhundertfünfundvierzig Meter direttissima, noch heute befällt mich ein Gruseln, wenn ich vor dieser frommen Felswand stehe und mir vorstelle, dass jemand dort hinaufturnt.

  Walters gewagtester Poker-Bluff brachte in der gerade erst eröffneten „S-pielbank“ von Monte Carlo die Backen einiger Prinzen zum Beben, worauf die Direktion weise beschloss, sich wieder auf Trente et quarante und Chemin de fer zu beschränken.

  Die Erzählung des Bäckers wurde eingeleitet mit Harrys Frage an mich: „Weißt du eigentlich, warum uns die Österreicher damals in der großen Handelskrise einen ganzen Zug voll Silber schickten?“

  „Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß.

  Gemütlich goss sich Harry ein neues Glas Genever hinter den Walrossschnauzer. “Weil“, sagte er dann, „Gold hatten wir selber genug, okee?“

  „Sehr witzig“, sagte Nell. „Nu lasst doch mal die ollen Kamellen!“

  „Ich würd’s gern hören“, sagte ich.

  Der Bäcker ließ sich erst eine ganze Weile beknien, auch von denen, die seine Geschichte besser als ich kannten, und bequemte sich erst, als der Gecko ein paarmal rief: „Ich gev eenen ut!“ Er sei damals noch ein ganz junger Spund gewesen, erzählte der Alte dann, keine achtzehn, aber schon ganz gut auf Tour, Ladenkassen und so. „Sie suchten ein paar fixe Burschen für die Knackerarbeit, Fenster, Türschlösser, ihr wisst schon, und weil ich damals schon ein paar Sachen gemacht hatte...“

  Die anderen hoben die Gläser und sangen: „Mit siebzehn Jahren fing er am Schlüsselloch an./ Er war noch nie im Kittchen, doch er war schon ein Mann./ Ein Mann wie ein Baum und stark wie ein Stier./ Seine erste Liebe war ‚ne gepanzerte Tür.“

  „Ich würde die Geschichte wirklich gern hören“, sagte ich in das Gegröle und Gelächter.

  „Rrrrrrruhe!“ plärrte der imaginäre „Coco“ nicht nur in Harrys Ohr.

  „Es war die großen Weltwirtschaftskrise nach dem Krimkrieg“, erzählte der Bäcker weiter, der Schnaps hatte ihm die Zunge gelöst, außerdem genoss er es, nach der harten Fron sehr ehelicher Jahre mal wieder mit Freunden zu bechern. „Unsere lieben Pfeffersäcke hatten sich kräftig verspekuliert, denn als die Russen in Sewastopol den Hosenboden vollgekriegt hatten, gab der Zar viel schneller auf als erwartet. Prompt gingen nicht weniger als hundertfuffzig Hamburger Handelshäuser koppheister. Die größte Pleite aller Zeiten. Sämtliche Wechsel platzten. Die Läden standen leer, weil die Fabriken schlossen und Hunderttausende Arbeiter nichts mehr verdienten. Bald hatte keiner mehr Bares, und Hamburg war bankrott. Der Senat ging betteln, aber niemand wollte was borgen, am wenigsten die Preußen. Nicht so aber unsere lieben Österreicher. Die Nationalbank in Wien schickte sofort einen ganzen Expresszug mit Silbergeld los. Und zwar nur, um den Preußen eins auszuwischen. Zehn Millionen Mark in Silberbarren. Der Stadt ging’s damals schlecht, uns aber auch. Die Frage war: Wer hat die älteren Rechte, der korrupte Senat mit seinen miesen Machenschaften, oder wir?“

  „Wir!“ dröhnten die anderen drei. „Es lebe die ehrliche Freibeuterei!“

  Nell zog die Nase kraus. „Jetzt kommt sicher  gleich das Störtebekerlied.“

  „Wir waren vierzig Leute“, berichtete der Bäcker weiter. „Darunter die härtesten Hurensöhne der Stadt. Nitro-Peter, die Geißel der Kontore, zwanzig Jahre Zuchthaus, viermal ausgebrochen, er arbeitete als erster mit Sprengstoff. Damals gab es noch kein Dynamit, also nahm er Nitroglyzerin. Ihr wisst, was das bedeutet. Zuletzt blies er sich selber in den Himmel, das war drei Jahre später, in Milano, er hatte es schon immer gern warm. Charly die Krähe war der letzte Postkutschenräuber von Holstein; die Dänen hatten zehntausend Kronen auf ihn ausgesetzt, tot oder lebendig. Otter-Manfred, der Schrecken der Binnenschiffer, plünderte fünfzehn Jahre lang die Kähne auf den Kanälen nach Brandenburg, bevor sie ihn schnappten, schaffte es aber sogar aus Bautzen zu uns zurück. Unser Anführer war der Marquis, ein echter Graf mit Stammbaum bis gleich hinter Sintflut, aber Spielschulden, teure Weiber, Schlösser verpfändet, das alte Lied. Ich kann’s ruhig erzählen, die sind alle lange tot. Für die Tresore hatten sie einen ganz besonders ausgepufften Hugenotten aus Berlin, den „Basquille“. Erster Assistent war Rudolf die Reißzange, mein Lehrmeister; ihm schenkte der Richter später aus dem großen Topf der Jahre fünfunddreißig Kellen ein, und das war das Ende. Der Tippgeber war ein Direktor der Nationalbank. Als er aufflog, schoss er sich eine Kugel ins Hirn. Sogar eine Frau war dabei, eine Russin, die hieß Attala und feilte Nachschlüssel. In ihrem Fach war sie spitze, aber sonst eine richtige Landplage; wir nannten sie Attila die Henne.“

  Er goss sein Glas wieder voll. „Der Zug fuhr mit dreißig Soldaten über Hannover nach Harburg und kam abends auf der Großen Elbinsel an. Der alte Hannoversche Bahnhof am Oberhafen war noch gar nicht fertig, der Sandtorhafen auch nicht, überall wurde fleißig gebuddelt. Eine einzige Kraterlandschaft, gewaltige Sandberge, dazwischen riesige Kuhlen, überall Baggerschuten, und jede Menge Gleise. In dem Wirrwarr merkte der Lokführer gar nicht, dass eine Weiche falsch gestellt war. Plötzlich stand der Zug im tiefsten Loch, und als sie zurückfahren wollten, jagte Nitro-Peter die Schienen in die Luft. Die Soldaten sprangen ab und ballerten durch die Gegend, wussten aber gar nicht recht, was eigentlich los war. Echte Landratten, sie sicherten den Zug, aber nicht den Deich, Als der nun ebenfalls hochging und die Senke voll Wasser lief, bekamen sie nasse Füße. Erst kletterten sie auf die Waggons, dann mussten sie schwimmen. Als sie patschnass am Ufer standen, kamen wir mit unserer alten Barkasse angetuckert. Ein paar von uns trugen Polizeiuniformen. Wir taten so, als ob wir helfen wollten, und hielten über dem abgesoffenen Zug an. Wir Schlosser tauchten runter, fummelten die Türen auf, machten die Stahlseile an den Geldkisten fest, und unsere starken Jungs winschten sie hoch. Als den Österreichern ein Licht aufging, knallten sie los wie die Feuerwerker, aber damals trafen Gewehre nur bis hundert Meter, es gab ja noch nicht mal Metallpatronen, und wir waren ein ziemlich kleines Ziel.“ Er grinste. „Mit allem hatten diese Gamsbärte gerechnet, aber nicht mit einem Piratenüberfall.“

  Sprachs und goss sich einen Tüchtigen hinter die nicht vorhandene Binde. „Leider hat’s dann aber doch nicht geklappt.“

  „Und wieso nicht?“ fragte ich.

  Der arme Michel seufzte tief. „Als wir abfuhren, flog unser Dampfkessel in die Luft, und wir mussten rudern. In der Billwerder Bucht holte uns die Marine ein. Zehn von uns gingen drauf, die anderen wurden alle geschnappt. Zusammen bekamen sie fast tausend Jahre, ich sah praktisch keinen von ihnen wieder.“

  „Und du?“ fragte ich gespannt.

  „Ich war ein ziemlich guter Schwimmer, irgendwie schaffte ich es in die Norderelbe, es wurde dunkel, und die Ebbe zog mich bis zum Baumwall. Hab’ einfach Glück gehabt. Weil ich als einer der letzten eingestiegen war, kannten mich die anderen gar nicht richtig und konnten mich nicht verpfeifen. Den Marquis haben sie übrigens auch nicht gekriegt, der schwamm wie eine Flunder bis zum Amerikakai und versteckte sich auf einem Auswandererschiff. Angeblich züchtet er jetzt in Kentucky Pferde.“

  „Amerika, du hast es besser“, zitierte Volten-Walter den alten Geheimrat und fügte aus eigenem poetischen Schaffen hinzu: „Siehst du erst die Freiheit winken, brauchst du weder Borst noch Zinken.“

  „Vielleicht gehe ich auch mal nach Übersee“, sagte ich.

  „Du doch nicht!“ spottete Harry. „Wer als Kind Elbwasser schluckt, klebt an Hamburg wie der Kuckuck an der Kommode, okee?“

  Der Gecko nickte weise.

  „Der große Eisenbahnraub“, sagte Ridder. „Das waren Zeiten. Wie alt waren wir da wohl?“

  „Höchstens zwölf“, schätzte Johnny.

  „Ja, nicht? Sonst hätten wir bestimmt mitgemacht. Weißt du noch, wie wir auf der ‚Baltimore’ dem Zahlmeister die Kasse klauten? Windstärke zehn, und wir in dieser Nussschale rüber nach Steinwerder!“

  Und so ging es weiter, volle Fahrt in die Maiennacht hinein, die Freunde schlangen wie die Nattern und schluckten ihre Seelentröster wie Störche die Frösche, nich lang schnacken, Kopp in’n Nacken, alles nach der goldenen Regel des ollen Bullenkopp aus Paul Schureks „nettem Alljahrsabend“, die da lautet: „Ein Herz und eine Seele, ein Magen und eine Kehle“. Sie schwatzen wie die Stare, zechten wie Belsazar, tranken wie die Kamele und rauchten wie die Kalköfen. Die Elbe schmatzte leise im Schlaf, der Mond glusterte, und kein Fesen Wind störte das Fest. Wir Frauen tranken nur Wasser und Kaffee und konnten deshalb mal wieder aus der ersten Reihe beobachten, wie selbst die stärksten Männer unter Alkohol kontinuierlich abbauen, bis sie ihr Gegröle für Musik, ihr Geschwätz für Philosophie und ihre Gefühlsduselei für Liebe halten. Der Gecko allerdings hielt den Swiegstill wie selten, er war ein bisschen melanklöterig und summte nur mal so ab und zu „Sagt, wo sind die Veilchen hin, die so freudig glänzten? / Jüngling  ach! Der Lenz entflieht, die Veilchen sind verblüht.“

  Der Bäcker hielt zu Ridders großem Vergnügen die Stewards auf Trab, beschimpfte sie als lahm wie Leimsieder, nannte sie Leichenwagenbremser, sagte zum einem „Was’s los, haste offene Beine?“ und zum anderen „Wo kein Glatteis ist, kannste rennen!“ Ich erinnere mich dunkel an eine heftige Quackelei über die alte Frage „Wein oder Bier“, man sagt ja gern, dass die Hamburger von allen Philosophen am meisten den Epikur lieben, und zwar vor allem deshalb, weil sie sonst gar keinen anderen Geistesriesen kennen. Walter vertrat energisch die Auffassung, Bier erzeuge „bloß so eine dumpfe Besoffenheit“, Wein hingegen bläue mit Esprit. „Wat for’n Sprit?“ merkte der Gecko auf. „Nicht Sprit, du Mehlsack“, belehrte ihn Harry, „Esprit, das ist Französisch und heißt Geist!“ Der Gecko war mal wieder schwer von Kapee und fragte prompt: „Himbeergeist?“ Darauf wollte Harry wissen, wie viel Schuhcreme die Hanaken eigentlich bräuchten, um sich morgens nach dem Waschen das Gesicht wieder schwarz zu machen, und Walter lästerte in seiner typischen salbungsvollen Art: „Unsere arabischen Freunde, die in der Wüste nahe bei deinen Vorfahren wohnen, o kurzbeiniger Gefährte, kennen ein S-prichwort, welches besagt, wenn jemand etwas nicht vers-tehe, solle er es nicht gleich dumm nennen, denn es könne ja auch seiner Tante Schwestersohn die Schuld am Nichtvers-tehen tragen.“

  Den Bäcker zog es wieder zum Thema und er wand ein, Bier nähre, außerdem könne man davon erheblich mehr zu sich nehmen. „O teurer Freund, welch seltsame Begründung“, widersprach Walter. „Kömmt es dich auch beim schönen Geschlechte keineswegs auf die Menge an, sondern es sind vielmehr Schönheit, Charme und Eleganz, welche die Sinne des Mannes betören.“ Beim Gecko war inzwischen nach tiefem Nachdenken die Sache mit der Schuhcreme angekommen. Pfui, sagte er, so etwas Beharrliches an Mistigkeit kenne sonst nur die Nordsee im November, er sei doch nicht ihr Kielschwein, und warum Harry mit seiner Pfeife künstlichen Gestank am Munde erzeuge, wo er doch am entgegengesetzten Ende von Natur aus genügend kräftig röche. Wohl, sagte der Bäcker und verteidigte seinen bierologischen Standpunkt mit dem Argument, der Gerstensaft sei patriotischer, da es im Lande erzeugt werde, während man für den Wein teuer Geld an Oberdeutsche oder gar an die „verflixten Franzmänner“ zahlen müsse: „Außerdem färbt so was ab, wer trinkt wie die Franzen, frisst bald auch Frösche.“ Pfui Deibel, entsetzte sich der Gecko. „Allreit, in Steinwerder machen sie aus Wermut Wein“, wusste Harry beizusteuern. Außerdem mache Bier dick, Wein aber schlank. „Na und?“ lachte der Bäcker, ein rechter deutscher Mann dürfe ruhig etwas stärker sein, das sei jedenfalls schöner als ein solcher dünner Hering und Hungerhaken wie Walter, der vor Schwäche wohl kaum noch seine Karten halten könne.

  „Indes tut schon die Heilige Schrift dem traubenbürtigen Trank an zahlreichen S-tellen Erwähnung, ihr hirnloses Heidengesindel“, rief Walter schon ziemlich benusselt, denn er hatte seit Beginn der kleinen Geselligkeit ununterbrochen Beweise seiner Zuneigung für die „edelsten Tropfen des Burgunderlands“ aus Ridders stählernem Weinkeller erbracht und sagte gar nicht mehr „Bier“, sondern nur noch „Ackerseiche“, obwohl wir doch devant les dames waren. „Wie lautet, ihr edlen Gefährten, das elfte Gebot?“ fragte er in die Runde, aber die anderen kannten die Antwort lange und riefen „Es wird weitergesoffen!“

  Harry, der auch schon einen tüchtigen Krüsel hatte, pries prompt den „zuckerrohrgezeugten Rum“ von den glücklichen Inseln unter dem Winde. Pedd di man nich opn Slips, sagte der Gecko und brach eine Lanze für den heimischen „Landwien“ vulgo Korn, und zwar wegen der Perzentigkeit, und wollte außerdem endlich mal wissen, warum man, wenn einer einbräche, von einem „Einbrecher“ spreche, wohingegen, wenn zweie einstiegen, niemals die Rede von „Zweibrechern“ sei.

  Schließlich kamen sie, wie bei solchen Besäufnissen üblich, aufs Heiraten zu sprechen, was Harry, Walter und der Gecko standhaft ablehnten, der Bäcker aber wacker verteidigte, mit dem Argument, die anderen würden es schon noch merken, wenn sie erst einmal älter würden, dann sei nichts schlimmer als das Alleinsein. Damit hatte er sicher recht, aber die anderen wollten das keineswegs zugeben, und Harry spottete, dass sich so mancher Klönbartel einsam fühle, allreit, aber was Einsamkeit wirklich bedeute, merke man erst, wenn man allein im Ozean schwimme, okee. Der Bäcker, der auch schon einen auf der Pfanne hatte, erwiderte, er habe eine andere Art von Einsamkeit gemeint, worauf Harry lästerte: „Reitireitireitireit, wenn der Teufel alt wird, wünscht er sich ins Kloster!“ Für diese Kalenderlyrik wäre ihm um ein Haar eine Buddel an den Döz geflogen. So vertrugen sich aber gleich wieder, wobei sie gemeinsam befanden, sie seien eigentlich ja alle noch lange nicht so alt, wie sie vielleicht gar nicht werden würden. 

  Unser Michel hatte sich in der Tat reichlich handfest verehelicht, seine Minna liebte seine Muskulatur, sein Vorgänger war klein und schmächtig, wenn auch mit Meisterbief, und nach dem Verbleichen des Teuren kam ihr unser Riese gerade recht. „Sie ruppt mir den Kopp von der Stange“, sagte der Bäcker jedes Mal, wenn er sich auf den Heimweg machte.

  Walter, der natürlich mit einer Wirtin liiert war, beklagte sein Schicksal an diesem Abend mit einem Satz, der sich mir einprägte: „Meine Frau ist ein bisschen gefühlskalt, aber sie kann es nicht so zeigen.“

  „Und du?“ fragte Onkel Johnny den Veermaster.

  „Was denn?“

  „Hast auch was für Herz gefunden?“

  „Ach so. Ne, Johnny, seit Emma mir damals ’n Korb gab…“ Und schön war das behaarte Patschhändchen wieder unterwegs.

  Das hatte ich auch nicht gewusst. Muttern und der Veermaster! Holl di stief!

  „Ach Ridder, das ist doch schon so lange her“, sagte meine Mutter und zog die Hand noch ein bisschen langsamer fort. Ich war fast ein bisschen sauer, schließlich war Papa kaum unter der Erde, aber in Hamburg geht das Leben immer ziemlich schnell weiter.

  Die anderen erzählten inzwischen Witze der Güteklasse Kalau Einfach, zum Beispiel „Kommt ein Liliputaner zum Bürgermeister und sagt: Ich hätte da eine Kleinigkeit mit Ihnen zu besprechen“, oder „Was heißt Spinat auf Chinesisch? Ku-ka-ké!“ Später wurde auch gesungen, die Wacht am Rhein, aber nicht das Original, sondern die Verbalhornung „Wacht am Rheinwein“, und natürlich das Störtebekerlied, von wegen „Den lewen Gott tom Fründe und aller Welt Fiand“, ansonsten aber Gassenhauer aus den Tanzbuden am Hamburger Berg, meist aus der Liederwerkstatt von Abt und Kücken, den fürchterlichen Zwei. Harry stärkte den wankenden Melodien mit seiner Mundharmonika den Rücken, und der Gecko blies den Kamm dazu. Zwischendrin seufzte der Bäcker einmal: „Ich glaube, ich werde alt, in letzter Zeit habe ich gar keine Dummheiten mehr gemacht.“ Worauf die anderen natürlich schärfstens protestierten, der Bäcker mache im Gegenteil überhaupt nur noch Blödsinn, und das Allerblödeste sei die Hochzeit gewesen. „Meine Frau hat es nicht leicht mit mir“, sagte der Bäcker daraufhin, „aber das gleicht sich aus, ich habe es ja auch nicht leicht mit mir.“ Dem Gecko war das zu hoch, er gestand: „Ik versteh nur noch Alkohol!“ Harry bestätigte ihm: „Du bist zwar besoffen, aber noch nicht taub.“

  Walter fing nach einigem Wechsel von Schluck und Schlaf endlich das Schnarchen an, sozusagen der Schlaf des Bezechten, schreckte aber auf, als Harry ihm „zur Kräftigung der Konzentration“ Eiswürfel in den Hemdkragen stopfte. Der heilige Duft der Freundschaft wehte durch ihre Seelen, und in ihren Herzen war Friede, wie lange nicht mehr – aber nicht mehr lange! Mich machten die Lieder nur traurig, denn ich musste immer an meinen Danny denken. Ich überlegte die ganze Zeit, wie es denn überhaupt mit uns weitergehen könnte, und da keiner auf mich achtete, denn sie waren alle mit einander oder mit sich selbst beschäftigt, schlüpfte ich vom Stuhl und schaute mir am Heck die Großstadtlichter an. Später setzte ich mich steuerbords in ein Rettungsboot, und um die Sterne zu gucken, machte ich mich lang, und schwupps – war ich eingeschlafen, und als ich aufwachte, hörte ich ganz in der Nähe, und genau wie ein paar Tage zuvor auf meinem Balkon, die leisen Stimmen der beiden, die als einzige auf der Welt vielleicht sogar noch mehr Liebeskummer hatten als ich. Der Mond, das alte Schicksalsauge, schwamm geisterhaft hinter den Wolken.

  „Ich liebe dich, Nelly, und werde dich immer lieben, auch wenn Himmel und Hölle gegen uns sind“, hörte ich Onkel Johnny flüstern. „Du musst wieder mein sein, mag werden, was will!“

  „Du bist der einzige Mensch, den ich je geliebt habe, Johnny, das weißt du“, antwortete Nell. „Aber seit du wieder da bist, weiß ich mir nicht mehr, wer ich bin, und auch nicht, wohin uns das Schicksal bringen will. Aber eins weiß ich ganz genau: dass ich nur dann jemals glücklich sein kann, wenn mein Weg irgendwann wieder zu dir führt, noch einmal zu dir, wie damals. Ich weiß nicht, ob das jemals geschehen kann. Aber ohne die Hoffnung, dass eines Tages alles vorbei und vergessen ist, was uns jetzt trennt, und dass wir dann wieder zusammen sein können, diesmal für immer, so lange wir leben, und auch im Tod - ohne diese Hoffnung gibt es für mich nichts anderes mehr als die Pflicht, für meinen Sohn da zu sein. Diese Pflicht, Johnny, will ich erfüllen, komme, was mag. Stelle dich niemals zwischen Danny und mich, denn das könnte ich nicht ertragen. O Johnny, wie hat unser Glück uns belogen, und wir haben ihm vertraut, und geglaubt, wir könnten auf ewig zusammen bleiben! Lass uns das Schicksal, das uns trennt, gemeinsam ertragen! Und da wir ohne einander nicht glücklich sein können, so wollen wenigstens gemeinsam unglücklich sein, denn das ist immer noch besser, als wenn wir uns trennen.“

  „Aber Liebe will Antwort, Nelly, Liebe will Erfüllung! Die Liebe erkennt niemals an, was sie hindert. Die Liebe kämpft, Nelly, sie verzagt nicht, und sie gibt auch nicht niemals geschlagen. Niemals. Die Liebe macht immer weiter, auch dort noch, wo der Stolz, der Zorn oder der Wille aufgeben. Die Liebe macht weiter, bis das Meer austrocknet und die Wüste schwimmt, das Eis brennt und die Lava gefriert. Hörst du? Die Liebe ist das Licht im Licht und die Freude der Freude, ist Sehnsucht und Ziel, Wein und Trunk, Versprechen und Erfüllung. Die Liebe sucht, findet, enthält, nimmt und schenkt alles, was wir je sein wollen, alles, was wir fühlen, spüren, hoffen und leben, vor den Menschen, vor Gott, dem Schicksal und vor uns selbst.“

  „Ich liebe dich, Johnny“, flüsterte Nell, „du bist für mich geschaffen, und ich bin’s für dich. Aber wie können wir uns lieben und dabei doch die Menschen bleiben, die wir sind, und die wir auch sein wollen? Wie sollen wir anständig bleiben und doch unser Glück suchen wollen? Gibt es ein Glück in der Sünde, in der Lüge, im Verrat? Gibt es einen Segen im Frevel? Nein, Johnny, ich kann so nicht leben. Ich kann nicht mit dir leben, und ich kann nicht ohne dich leben. Ich kann es nicht. Lieber allein in Unglück und Einsamkeit als mit dir, den ich liebe, zusammen in gemeinsamer Schuld. Wir können zusammen nicht leben, vielleicht dürfen wir eines Tages wenigstens gemeinsam sterben. Aber keines von beiden, Johnny, hörst du! keines von beiden darf geschehen, so lange mein Sohn mich braucht.“

  „Ans Sterben sollen die Toten denken!“ kam die Antwort.

  „Soll ich es denn wollen, kann ich es denn wollen, Johnny? Mein Herz sagt Ja, doch meine Seele sagt Nein. Ich will dich, und ich will auch mich, und weder auf dich noch auf mich kann ich verzichten. Verstehst du das nicht? Ich bin nicht nur die Frau, die du liebst, und die dich liebt, ich bin auch die Frau, die Mutter, die ihren Sohn liebt und von ihm geliebt wird! Wie kann ich das jemals vergessen? Das darfst du niemals von mir verlangen! Der Teil von mir, der mir gehört, der gehört dir für immer, und kein anderer Mann kann ihn dir jemals nehmen. Aber der Teil von mir, der meinem Sohn gehört, denn darf ich für niemanden aufgeben.“

  „Ich verlange überhaupt nichts von dir, Nelly. Du hast mir gesagt, wie es in dir aussieht, und du hast es mir so gesagt, dass ich es für alle Zeiten weiß. Aber verlange du auch nichts von mir! Verlange nicht von mir, dass ich auf dich verzichte. Verlange nicht von mir, dass ich dich jemals aufgebe, oder auch nur daran denke, es zu tun. Sei wie du willst, denke wie du willst, tu was du für richtig hältst – mich wirst du niemals davon abbringen, dich zu lieben und mich nach dir zu sehnen. Das wird sich niemals ändern, so ich mich selbst niemals ändern werde, nicht in dieser Welt noch in irgendeiner anderen.“

  Sie kehrten zu den anderen zurück. Heute denke ich, dass sie schon so verzweifelt waren, dass sie gar nicht mehr wussten, was sie redeten. Aber sie hatten noch viel  mehr zu ertragen, ehe es zu Ende war.

 

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